Donnerstag, 1. April 2010

Ökonomenstreit

In einem neuen Beitrag bei Spiegel Online wird mal wieder vorgeführt, wie man aus einem Maulwurfshügel einen Berg baut. Es soll nämlich schon wieder das Bild gemalt werden, daß es lauter Skandale um die IPCC-Berichte gibt. Und da suchen Journalisten nach Möglichkeiten, eine bestehende Serie zu verlängern. Der Boden wird bereitet, indem zunächst an frühere Angriffe gegen das IPCC erinnert wird, ohne dabei zu erwähnen, daß viele dieser Anschuldigungen sich als haltlos und fabriziert herausstellten. Dann wird herausgestellt, daß sich diesmal der Angriff auf den Bericht der dritten Arbeitsgruppe zu Maßnahmen gegen den Klimawandel richtet, der bisher nicht im Fokus der Leugnervorwürfe stand. Die dritte Arbeitsgruppe fragt unter anderem nach den Kosten des Klimawandels und den Kosten für Maßnahmen dagegen und setzt sie ins Verhältnis.

An der Stelle muß ich um Verzeihung bitten, daß ich zu diesen Fragen nicht den rechten Zugang habe. Ich bin kein Ökonom und habe bedauerlicherweise Vorurteile gegen die Arbeit der Wirtschaftswissenschaftler. Die Projektionen der Klimamodelle haben gewisse Unsicherheiten. Wenn man darauf noch ökonomische Modelle mit ihren eigenen Unsicherheiten setzt, kann das Ergebnis nicht besonders überzeugend sein. Und mein Vertrauen in die Arbeit von Wirtschaftswissenschaftlern ist dadurch getrübt, daß hier anscheinend verschiedene Schulen, Paradigmen und sogar politische Lager eine Rolle spielen. Wirtschaftswissenschaften versuchen das komplexe Handeln von Menschen in Gesetzmäßigkeiten zu fassen, und da sind meines Erachtens mehr Freiheitsgrade als bestimmende Parameter vorhanden. Hier gilt noch mehr, daß Voraussagen schwierig sind, insbesondere solche, die die Zukunft betreffen. Das Problem mit den Abschätzungen zu zukünftigen Kosten des Klimawandels oder der Maßnahmen dagegen ist, daß diese Kosten, die bereits fehlerhaft geschätzt werden und ihrerseits auf Klimaprojektionen mit Unsicherheiten basieren, über Jahrzehnte aus der Zukunft auf die Gegenwart abgezinst werden, was die Fehler weiter vergrößert, denn man kann für verschiedene Zinssätze argumentieren. Und was einen eigentlich interesiert, ist die Differenz zwischen Kosten der Klimawandelfolgen und der Schutzmaßnahmen, also zweier sehr unsicherer Zahlen. Man sieht aus meiner Beschreibung, daß ich diesen Arbeiten der Ökonomen nichts abgewinnen kann. Vermutlich habe ich keine Ahnung davon.

Vielleicht halte ich den Nutzen dieser ganzen Überlegungen auch deshalb für fraglich, weil ich nicht genau weiß, wie man den Zusammenbruch der Ozeane als Ökosystem bewerten will. Oder wie man auf die Gegenwart abzinst, wenn die Nahrungsproduktion in Teilen Asiens zusammenbricht. Ich habe den Verdacht, daß man für manches unendliche Kosten ansetzen müßte, weil es Ereignisse sind, die wir um keinen Preis akzeptieren wollten. Die verschiedenen möglichen Realisierungen von Klimawandelkosten ergeben eine Verteilung, die zwei Flügel hat. Auf dem einen Flügel liegen, salopp gesagt, die optimistischen Szenarien und auf dem anderen Flügel die Apokalypsen. Ich habe den Verdacht, daß viele Wirtschaftswissenschaftler bezüglich der naturwissenschaftlichen Fragen ignorant sind und noch als reines Kostenproblem behandeln, was in Wahrheit ein existentielles Problem ist. Oder wieviel kosten einige tausend oder einige Millionen Menschenleben? Wie setzt man das ins Verhältnis zu einer bestimmten Menge prognostizierten Wirtschaftswachstums? Und was ist diese Prognose nach dem nächsten Finanzmarktcrash wert?

Nun meldet der Spiegel, daß ein namhafter Ökonom gravierende Fehler im Bericht der 3. Arbeitsgruppe ausgemacht hätte. Was der Spiegel den Lesern als Zusatzinformation vorenthält ist, daß der Kritiker Richard Tol (Bild) zwar ein Ökonom mit einer großen Zahl einschlägiger Publikationen ist, aber auch er bekannt dafür ist, immer recht gleichförmige Ergebnisse zu erzielen. Wenn es nach ihm geht, sind die Kosten des Klimawandels eher gering, die Hälfte der schädlichen Folgen des Klimawandels bereits geschehen oder unvermeidlich und die Kosten von Maßnahmen gegen den Klimawandel eher hoch. Daher empfiehlt er, es mit Maßnahmen gegen den Klimawandel doch gemächlich angehen zu lassen. Ich glaube, das Muster ist klar. Tol leugnet den Klimawandel nicht. Aber er dreht alles so, daß man trotzdem nichts schwerwiegendes zu tun braucht. Er ist damit im übrigen nicht allein. Es gibt verschiedene Schulen unter den Wirtschaftswissenschaftlern.

Richard Tol hatte in der Klimazwiebel ein Pamphlet mit Vorwürfen an das IPCC eingestellt. Und das ist im Grunde, abgesehen von vielen Auslassungen, wie etwa einer nachvollziehbaren Quellenangabe, vom Spiegeljournalisten übernommen worden. Die Leistung des Reporters war es noch, den kritisierten Edenhofer zu fragen, was er dazu meint, und sich noch einen Gesinnungsgenossen Tols nennen zu lassen, der dessen Kritik teilt. Aber hat Tol etwas gravierendes in der Hand? Tol wirft unter anderem dem IPCC vor, daß bei der Abschätzung des Nutzens von Umweltschutzmaßnahmen graue Literatur in den Bericht der 3. Arbeitsgruppe eingegangen wäre, obwohl man dazu einen fachbegutachteten Übersichtsartikel hätte zitieren können, der 2005, also zeitig zur Erstellung des Berichts, vorlag. Klingt böse, zumal Tol auch vorbringt, daß die Arbeitsgruppe schon bei der Erstellung des Berichts von Experten kritisiert wurde. Tol meint, das wäre Absicht. Die IPCC-Arbeitsgruppe unter Leitung von Ottmar Edenhofer hätte Schätzungen bevorzugt, die den Nutzen von Umweltschutzmaßnahmen bei der Beschäftigung hoch ansetzen (siehe Kapitel 11.8.2 im Bericht der 3. Arbeitsgruppe), aber eine fachbegutachtete Metastudie nicht berücksichtigt, die den Nutzen deutlich niedriger ansetzt. Im Spiegelbericht wird behauptet, die fachbegutachtete Studie wäre genannt, aber vom IPCC nicht berücksichtigt worden. Schaut man sich aber den Kommentarbereich zum Bericht an, wo die Entwurfsversionen und Korrekturwünsche dokumentiert sind, stellt man fest, daß auf zahlreiche Änderungswünsche von Tol eingegangen worden ist, wie auch auf Wünsche von Montgomery, der ähnlich stark eher wirtschaftsfreundliche Intentionen hat. Was man dort aber nicht findet, ist die Arbeit von Patuelli, Nijkamp and Pels (2005, Ecological Economics, 55 (4), 564-583), die Tol vermißte. Das IPCC konnte hier seinem Vorschlag nicht folgen, weil er nicht gemacht wurde. Nun handelt es sich dabei zwar um eine Metastudie, die sicher eine sinnvolle Ergänzung zum Thema ergeben hätte, aber letztlich ist auch diese Arbeit nur eine Einzelmeinung, die man nicht übergewichten sollte. Und es gibt tatsächlich keinen Grund, eine Arbeit nur deshalb geringzuschätzen, weil sie unter grauer Literatur firmiert, wenn es hier um Berichte anerkannter Behörden geht oder um den renommierten Stern-Report (in einem anderen Bereich). Tol meint, die IPCC-Arbeitsgruppe hätte einseitig bestimmte Arbeiten favorisiert. Tol macht aber, bestenfalls, nichts anderes. Was mir eher noch auffällt, daß sich jemand namens Tol darüber aufgeregt, daß mindestens 8 Publikationen aus 2005 (teilweise noch nicht erschienen) nicht berücksichtigt worden waren, geschrieben von - Tol. Darunter auch eine Metastudie, die zufälligerweise zum Ergebnis kommt, daß sich bei geschickter Auswahl der zugrunde liegenden Studien die Kosten für den Klimawandel je Tonne CO2 gegenüber der Berücksichtigung aller Studien halbieren. Ein guter Teil der eher optimistischen Studien bezüglich der Kosten von CO2 stammt von - Tol, teilweise zusammen mit anderen Autoren. Und hier muß man der IPCC-Gruppe zugutehalten, daß sie auch hier deutlich im Sinne Tols nachgebessert hatten. Ich werde den Verdacht nicht los, daß Tol vor 100% Übereinstimmung mit ihm mit dem IPCC nicht zufrieden gewesen wäre.

Am Ende fragt man sich, warum nun eigentlich der Aufstand? Tol findet, daß Tol nicht genügend zitiert wurde und kritisiert, daß die Arbeitsgruppe zu anderen Ergebnissen gekommen ist als Tol. Daher sei sie voreingenommen, würde CO2-Kosten zu hoch und CO2-Nutzen zu niedrig ansetzen. Meint Tol. Große Meldung im Spiegel. Und schon wieder sei das IPCC in der Kritik. Allerdings nur alter Wein in neuen Schläuchen. Es dürfen schon Wetten abgeschlossen werden, wann von Storch oder Pielke jr oder Tol oder Kombinationen von diesen weitere Kommentare dazu abgeben, wie einseitig und politisch unterwandert das IPCC doch sei. Was uns Pielke, von Storch und Tol ganz neutral erzählen werden. Honest Broker halt.

Kommentare:

Richard Tol hat gesagt…

The IPCC is supposed to give a balanced account of the literature. It did not do that. Instead, it emphasized those studies that show that the costs of emission reduction are rather low; and it ignored or misquoted those studies that show the opposite.

The Patuelli paper is a good example. It surveyed all the literature (over 60 peer-reviewed papers), using academic search tools that were also available to the IPCC. It finds a rather mixed picture about the impact of climate policy on employment -- some positives, some negatives, some undecided.

The IPCC cites only 6 papers (a factor 10 difference), 5 of which are not peer-reviewed. The peer-reviewed paper is misquoted: The paper reaches a different conclusion than the IPCC claims it does.

Based on this, the IPCC comes to a conclusion that is at odds with the literature.

Ebel hat gesagt…

Herr Hoffmann Ihre Ökonomeneinschätzung teilen die Ökonomen selbst (FTD Ökonomenumfrage):
http://www.ftd.de/politik/deutschland/:oekonomen-umfrage/72438.html

Gute mathematische Fähigkeiten werden nicht gebraucht:

http://www.ftd.de/politik/deutschland/:bilderserie-oekonomen-umfrage-teil-3/72655.html

Direkte Einschätzung eines Ökonomen:
http://www.uni-flensburg.de/allgpaed/grundtvigprojekt/leithaeuser.pdf:

"Komplexität und Unübersichtlichkeit, die die Wirtschaftswissenschaft wie
kaum eine andere wissenschaftliche Disziplin auszeichnen, sollten dennoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass nicht eben mal alles mögliche behauptet
werden kann. Leider liefert die wirtschaftspolitische Diskussion im Sommer
2005 im einer Vorwahlzeit reihenweise Beispiele für eine ideologielastige
Wirtschaftswissenschaft ab."

"Eine wissenschaftliche Disziplin, die wie die Wirtschaftswissenschaft noch nicht ausgereift ist, zeichnet sich oft dadurch aus, dass nicht ein Mangel sondern ein Überfluss an Theorien herrscht."

Ein Beispiel ist der Witz "Okunsches Gesetz":
http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Okunsches_Gesetz/Archiv#Vorschlag_einer_Erweiterung

oder

http://de.wikipedia.org/wiki/%C3%96konophysik:

"Kritik an der Herangehensweise der Ökonophysiker bezieht sich auf die weitgehenden Ignoranz ..."

Wenn so viele arbeitslos sind, sind "Berechnungen über Kosten" ein Witz.

MfG

Ebel hat gesagt…

In jeder Wissenschaftsdisziplin bedeutet ein peer-reviewed paper nicht automatisch hohe Qualität (z.B. Gerlich & Tscheuschner) und ein nicht peer-reviewed paper automatisch schlechte Qualität.

Im Bereich der Wirtschaftswissenschaften ist dieser Sachverhalt besonders ausgeprägt. Die großen ökonomischen Fachzeitschriften sind fest in neoliberaler Hand - und das sind die Wirtschaftstheorien, die ursächlich zu den Rahmenbedingungen geführt haben, die eine Finanzblase schaffen. Jede Blase, die immer weiter aufgeblasen wird, platzt früher oder später. Bei der geplatzten Blase sind mehr Gelder verbrannt worden, als Klimavorsorge oder Klimaanpassung erfordern. In der Zwischenzeit wird schon wieder die nächste Blase aufgeblasen.

Und dann wollen diejenigen, die die Grundlagen für die Verbrennung großer Kosten legen, empfehlen, wie man zu handeln habe???

Bei der Auswahl von Papern, mit denen ein Bericht ergänzt wird, kann also weder alle Literatur zitiert werden, noch kann das Verhältnis verschiedener Richtungen in Papern Grundlage des Verhältnisses der Literaturauswahl sein, sondern die Bearbeiter müssen über die Relevanz entscheiden. Und über die Relevanz entscheidet bei einer größeren Gruppe nicht ein Einzelner.

Wie sich die Gruppe zusammensetzt, ist auch nicht ganz einfach. Es kann zwar manchmal sein, daß der Gruppe nicht unbedingt der fähigste Fachmann angehört (z.B. Archäologie Schliemann), aber in der Regel sind doch richtige Leute zahlreich dabei.

MfG

for4zim hat gesagt…

Prof. Tol, I am not qualified to judge the relative values of papers in economy. Therefore, I looked whether there is a formalistic ground for a severe critic of the report of WG 3. My impression was, that a severe critic was not warranted.
A) In order to find a bias in the judgement of the WG 3 much more would be needed but a few supposed misjudgements in special topics.
B) That the Patuelli et al. paper was not cited, could be easily explained by it being overlooked at the time of the writing of the report, since I don't find it mentioned in the proofs.
C) I think, that the IPCC made strong attempts to include views of you or Prof. Montgomery, which further strengthens my believe, that there was no general bias.
D) Since you are strongly on one side in this discussion I think, that you are not well suited to judge, whether there is a bias in the report of WG 3.
E) I generally don't trust the economic works, because I think that the economic future is too uncertain that meaningful predicitons can be made for a century. This of course is a personal prejudice, because I am not qualified to make judgements about economic sciences.

Richard Tol hat gesagt…

The unbalanced assessment of the AR3 Ch11 made it into the Summary for Policy Makers and the Synthesis Report. It is therefore relevant.

You argue that you are not qualified to judge these matters, so why do you?

for4zim hat gesagt…

Prof. Tol, I didn't write, that I am not qualified to judge the matter. I wrote that I am not qualified to judge about economic sciences. I am qualified to make judgements about my arguments A, B, C, D. In my view you didn't provide convincing evidence that the report of WG 3 is biased. To me it rather looks like experts having differing opinions about a special topic, which is something different than a working group having a bias. I also didn't maintain that the assessment of WG 3, chapter 11 is not relevant. This is not my argument.

Richard Tol hat gesagt…

You do not need to be an economist to follow the logic.

The literature is divided between studies that argue that emission reduction is relatively cheap and studies that argue that emission reduction is relatively expensive.

IPCC AR4 WG3 Ch11 only surveys the studies that are relatively cheap. This is reflected in the Summary for Policy Makers and the Synthesis Report.

Is this too hard to follow for a non-economist? Is the behaviour of the IPCC defensible?

for4zim hat gesagt…

Obviously the authors of the chapter 11 were aware of the differing opinions. I can't judge, if the authors were wrong to stress the studies which show lower costs for CO2-abatement. But making this decision and having a different opinion than yours is no evidence for a bias. It even may be, that time will tell that the IPCC had a bad estimate and yours was much closer to the mark. Even this in itself wouldn't mean that the authors were biased. To be biased would mean, that they cherry pick or deliberately chose just the evidence they like. I don't see that. What I see is that most of your comments for both drafts were noted or accepted. Seldomly there were rejections and reasons were given. That they relied to some degree on grey litature, is not neccessarily a problem here because I understand that a lot of important literature is grey literature in this field.

Ebel hat gesagt…

Die peer-reviewer des Mainstreams lehnen in der Regel kritische Paper ab - auch aus diesem Grund ist sogar bei relativ neutraler Berichtung viel graue Literatur notwendig.

Siehe mein Zitat von Leithäuser.

MfG

Richard Tol hat gesagt…

Signs of biases:
-changing the sign of an estimate by Nordhaus
-citing one result from a paper but not the opposite result from the same paper
-citing but not using the work of Smulders
-citing five non-peer-reviewed papers that support one conclusion but omitting fifty peer-reviewed papers that together show that we just don't know

as to my own work, I have hardly contributed to this part of the literature -- the IPCC does not reflect my opinion because I do not have any