Sonntag, 17. Februar 2013

Leugnen der Wissenschaft - wer, wie, warum?

Ich schreibe oft abkürzend von Leugnern. Wenn man salopp ist, nennt  man sie irreführend Klimaleugner oder Klimawandelleugner, was zur dümmlichen Antwort einlädt, dass man doch nicht das Klima oder seinen Wandel leugnet. Geleugnet wird vielmehr der akzeptierte Stand der Wissenschaft zum Klimawandel. Es sind also Leugner der Wissenschaft. Und zumindest in den USA findet man vergesellschaftet mit dem Leugnen des Standes der Wissenschaft zum Klimawandel häufig die Leugnung anderer wissenschaftlich gut begründeter Annahmen. Beispiele sind die Leugnung der Evolutionstheorie, die Leugnung des Zusammenhangs zwischen Aids und dem HI Virus, zwischen Passivrauchen und verschiedenen Erkrankungen oder der Wirksamkeit von Impfungen. Hingegen findet man einen engen Zusammenhang zwischen der Wissenschaftsleugnung und Marktinteressen bzw. der Ablehnung staatlicher Eingriffe. Und in dem Zusammenhang fallen einem zwei Dinge ein. Zum einen eine wissenschafliche Studie, deren Resultate - geleugnet werden. Was aktuell zu einer weiteren Studie führte. Zum anderen der Jahrestag der Aufdeckung der wissenschaftsfeindlichen Ausrichtung des Heartland Institute und der finanziellen Hintergründe der bezahlten Wissenschaftsleugnung durch Peter Gleick. Was findet man da?

Im Januar 2012 wurde Dr. Peter Gleick nach seiner Auskunft ein Memorandum zugespielt, das bestätigte, dass die Lobby-Einrichtung Heartland Institute aktiv Wissenschaftsleugnung betreibt, um Interessen ihrer Geldgeber zur Unterdrückung staatlicher Kontrolle im Umweltbereich oder anderer konservativer politischer Ziele durchzusetzen. Neben wichtigen Geldgebern und Namen von bekannten Leugnern wurde dabei auch ein Programm angesprochen, Wissenschaftsleugnung an amerikanischen Schulen über das Curriculum einzuführen. Mit Hilfe dieser Informationen, erklärte der Wissenschaftler, konnte er sich als Direktoriumsmitglied des Heartland Institute ausgeben und sich einen Satz Dokumente zuschicken lassen, die die Angaben des Memorandums bestätigten. Diese Dokumente wurden über den DeSmog Blog der Öffentlichkeit zugänglich gemacht und bestätigten lange gehegte Vermutungen über die wissenschaftsfeindliche Agenda der Lobby-Organisation und die finanzielle Verstrickung von Leugnern wie Anthony Watts, Peter Singer, Joe D'Aleo oder Patrick Michaels. Dieses Ereignis war ein heftiger Schlag für das Heartland Institute, das sich noch zusätzlich mit einer Werbekampagne ins Abseits stellte. In der Kampagne wurde auf Postern behauptet, dass der als Unabomber bekannte Terrorist Kaczynski an den Klimawandel glaubt, um so einen Vergleich mit allen Menschen herzustellen, die den Klimawandel als Tatsache akzeptieren. Diese absurden Unterstellungen konnten auch viele Anhänger der Wissenschaftsleugnung nicht mehr mittragen - von dem Rückzug vieler Geldgeber hat sich das Heartland Institute bisher nicht erholte. Stattdessen versucht man Schadensbegrenzung: Klagedrohungen gegen Blogger, die leicht widerlegbare Unterstellung, das Memorandum sei gefälscht, Klagedrohung gegen Peter Gleick. Der Blog planet3.org hat nun nachgefragt, was ein Jahr nach der Aufdeckung der Strategie des Heartland Institute geblieben ist. Peter Gleick arbeitet weiter als Umweltaktivist, das Heartland Institute sucht mit Verweis auf den Jahrestag verzweifelt neue Geldgeber und das Ereignis dient weiter als warnendes Beispiel, dass die Wissenschaftsleugnung ein Millionengeschäft ist, das über willige Leugnerblogs als Verstärker weit in die Gesellschaft hinein wirkt.

Diese Botschaft wird noch deutlicher mit einem Schaubild in einem anderen Beitrag von Michael Tobis bei planet3.org. Das Schaubild ist aus dem Guardian und begleitet einen Artikel über die Finanzierung von Wissenschaftsleugnern. Demnach ist das Heartland Institute nur  ein, wenn auch prominenter, kleiner Mitspieler. Die Förderung von Gruppierungen zur Leugnung des Klimawandels wird anhand von den drei vielleicht größten Geldgebern betrachtet und umfasst hier gut 35 Millionen Dollar. Interessant ist dabei aber, dass diese Mittel früher von Exxon und Koch Industries dominiert wurden. Doch seit 2007 ist Donors Trust bzw. Donors Capital Fund, eine Einrichtung zur anonymisierten Zusammenfassung von Spendengeldern für diesen Zweck, der vorherrschende Geldgeber. Viele kleine Geldgeber mit konservativen und libertären Ansichten werfen ihr Geld zusammen und erreichen damit hohe Summen. Da Koch Industries sogenannte Graswurzelbewegungen wie die konservative Tea Party gefördert hatte, wurde das Umfeld und die kritische Masse geschaffen, damit Donors Trust erfolgreich arbeiten konnte. Es ist vielleicht kein Zufall, dass zuerst 2006 der Spendenanteil von Koch Industries stark anstieg und dann 2007 Donors Trust einen erheblichen Anstieg der Spendensumme zeigte. Inzwischen könnten sich die Geldgeber der Öl- und Kohleindustrie ganz aus den Spenden zurückziehen - das Geschäft mit der Wissenschaftsleugnung läuft mit den kleinen Geldgebern über Donors Trust ganz von selbst.

Doch wieso funktioniert diese Form der Wissenschaftsleugnung überhaupt? Warum stößt die Geldgeber nicht ab, offensichtlich mit Geld Meinung kaufen zu wollen, obwohl klar sein muss, dass dabei die Fakten geleugnet werden? Während Unternehmen wie Exxon zwar zynisch, aber im Interesse der eigenen Profitabilität arbeiten, wenn sie Wissenschaftsleugnung finanzieren, um damit den Staat in der Umweltgesetzgebeung zu blockieren, ist schwieriger zu erkennen, was die vielen Blogger und Spender für Donors Trust antreibt. Ebenfalls im vergangenen Jahr brachte ein soziologischer Fachartikel etwas Licht in die Sache hinein. Stefan Lewandowsky, Klaus Oberauer und Gilles Gignac veröffentlichten in Psychological Science einen Artikel unter dem Titel "NASA faked the moon landing - Therefore (Climate) Science is a Hoax: An Anatomy of the Motivated Rejection of Science" über die Motive zur Wissenschaftsleugnung. Die Kernthese der Arbeit ist, dass man zwar feststellen kann, dass oft verschiedene Formen der Wissenschaftsleugnung und des Glaubens an Verschwörungstheorien, wie etwa der Glaube daran, dass die Mondlandung ein Schwindel sei oder Aids nicht durch Viren übertragen wird, mit dem Glauben daran, dass der menschengemachte Klimawandel ein Schwindel sei, vergesellschaftet ist, aber ganz besonders deutlich ist der Zusammenhang erkennbar, dass Menschen mit sehr marktlibertären Ansichten, die besonders stark staatliche Regulierung ablehnen, zugleich dazu neigen, wissenschaftsfeindliche Ansichten zu verteidigen. Genauer gesagt, gerade Leugner des menschengemachten Klimawandels neigen wenig dazu, andere Verschwörungstheorien zu vertreten, aber zeigen eine hohe Korrelation (Koeffizient 0,866 in der Studie) mit Ansichten zur unbedingten Freiheit des Marktes und der Fähigkeit des Marktes, alle Probleme zu lösen. Der unbedingte Wille, in einer Welt zu leben, in der staatliche Eingriffe nicht nötig, sondern sogar nur schädlich sind, führt dazu, Fakten so wahrzunehmen, dass es scheinbar auch keine Probleme gibt, die der Markt nicht lösen kann. Das Problem des Klimawandels wird aber als eines wahrgenommen, an dem der freie Markt scheitern würde, also wird hier selektiv nur der Zweifel an den Wissenschaftspositionen zur Kenntnis genommen. Lewandowsky et al. fanden auch, was am wirksamsten ist, um den Glauben an wissenschaftsfeindlichen Positionen zu erschüttern: wenn man vermitteln kann, dass sich Wissenschaftler einig über die Bewertung des Problems sind. Damit schließt sich der Kreis zu den Lobby-Unternehmen, die die Leugnung der Klimaforschung betreiben - sie folgen exakt der Strategie, vor allem angebliche Uneinigkeit zwischen den Wissenschaftlern und große Unsicherheit bei den Fakten zu behaupten.

Die Ergebnisse des Artikels halten den Leugnern einen Spiegel vor und was sie da sehen, ist unangenehm. Was ist die logische Reaktion? Leugnung auch dieser Fakten. Und als gute Wissenschaftler haben Lewandowsky, John Cook, Oberauer und Michael Marriott die Reaktionen in den Leugnerblogs auf den früheren Artikel ausgewertet und detailliert dargestellt, wie das Leugnen unangenehmer Fakten im einzelnen abläuft. Dazu gehört des Aufbauen von Mythen über angebliche Datenfälschung, das Wegerklären unangenehmer Fakten und Ablenkungsmanöver hin zu vermeindlichen Schwachpunkten des Überbringers der unerwünschten Botschaft. Man kann es vielleicht als kritisch sehen, wenn hier Forschung eigene neue Daten erzeugt, aber es ist unterhaltsam zu sehen, wie sich die Wissenschaftsleugner selbst bloßstellen. Im Blog Skeptical Science wird von Lewandowsky eine Einführung zu dem neuen Artikel gegeben. Man kann nur hoffen, dass die anhaltende globale Erwärmung mit Erscheinung wie dem rasanten Abtauen des arktischen Meereises und immer neuen Wetterextremen die Wissenschaftsleugnung zunehmend lächerlich macht. Zeit zum Abwarten gibt es aber leider nicht mehr.

1 Kommentar:

facepalm hat gesagt…

Ja, das dümmliche Witzchen, "Wer leugnet denn, dass es Klima gäbe? Ich doch nicht!" bringt mich auch dazu, das Wortungetüm "Leugner des menschenverursachten zusätzlichen Klimawandels" zu verwenden.

"Leugner des Standes der Wissenschaft" ist zwar genauso sperrig zum schreiben, trifft aber auch in Deutschland erschreckend oft zu.
Da stoße ich manchmal auf die Kombination "Klima, Evolution, Aids, Neue Medizin", auch auf "Klima, NWO, Weltregierung, vs. freier Markt, Freiheit um jeden Preis". Ironisch wird's bei "Klima vs. Allheilmittel Atomenergie/Fusion", dann auch gerne "kalte Fusion/freie Energie".

Insgesamt ist es schon erschreckend, wie einfach und wie oft zutreffend sich die Haltung eins typischen Klimawandel-Leugners zu anderen Themen vorhersagen lässt.