Mittwoch, 8. Juni 2016

Ein Journalist gegen alle

Mir war beim Spiegel wiederholt der Journalist Axel Bojanowski aufgefallen, der Aussagen von Leugnern des Klimawandels breiten Raum gegeben hatte. Aus der Gesamtheit seiner Beiträge wurde klar, dass der Mann wohl eine Agenda hat - beim Klimawandel ist alles unklar und umstritten und es ist noch zu früh, zu Entscheidungen zu kommen. Zweifel dieser Art zu setzen ist das eigentliche Ziel der professionellen Leugner des Klimawandels. Es geht dabei darum, dass keine Entscheidungen getroffen werden, die betroffene Unternehmen oder auch energieverschwendende Bürger belasten. Den intelligenteren Leugnern ist natürlich klar, dass der menschengemachte Klimawandel wissenschaftlich schon lange gesichert ist, aber so lange der Eindruck erweckt wird, dass da noch eine Debatte läuft, kann man Entscheidungen aufschieben, damit spätere Generationen bezahlen müssen. Im Rahmen seiner Kampagne hat Bojanowski verschiedenen Leugnern und Betroffenheitstrollen Raum gegeben. Vielleicht steckt dahinter auch das Konzept, dass man mehr Zeilen mit dem Betonen von Grabenkämpfen als der Präsentation seriöser Forschung verkaufen kann. Daher finden Außenseiter mit steilen Thesen gute Aufnahme bei Bojanowski. Etwa der in die völlige Irrelevanz abgetauchte Wetteransager Jörg Kachelmann. Der hatte versucht, Publizität durch das Austeilen von unfundierten Vorwürfen zu gewinnen. Die Gewitter seit der letzten Maiwoche waren der Anlass für eine Kachelmannshow unter dem Motto: "Alle warnen schlecht außer mir." Nun ist es aber schwierig, dem DWD fehlende Warnungen nachzuweisen, da der DWD nun einmal nachweislich immer wieder vor Gewittern und Starkregen gewarnt hatte - in den letzten 3 Wochen über 3000 Mal, was schon fast rekordverdächtig wirkt. Also wurde diesmal den öffentlich-rechtlichen Sendern vorgeworfen, sie hätten bei Gewittern nicht ihre Sendungen unterbrochen, um auf gerade losbrechende Gewitter im Landkreis xy hinzuweisen. Das klingt hirnlos, weil es hirnlos ist - gewarnt wird allgemein und für das einzelne Gewitter dann an die zuständigen Behörden, die dann Feuerwehren und Katastrophenschutz nach Bedarf verständigen. Für die Warnung des einzelnen Bürgern gibt es zum Beispiel die Warnwetterapp des DWD, die inzwischen Millionen Fans hat.



Axel Bojanowski ist nun aber eine willige Echokammer für Kachelmann - am 30. Mai wird getitelt "Unwetter: Starkregen bringt ARD und ZDF in Erklärungsnot", um genau diese Thesen von Kachelmann unreflektiert zu verbreiten. Der Artikel wurde dann auch gleich für eine zweite Botschaft genutzt: das ZDF hätte im Heute Journal verbreitet, dass der Klimawandel für die Unwetter der letzten Tage verantwortlich sei. Dabei wäre unterschlagen worden, dass der DWD dazu etwas ganz anderes sagen würde, dass nämlich kein Trend zu mehr Starkregen erkennbar wäre. Da werden aber Äpfel mit Birnen verglichen. Prof. Stefan Rahmstorf erläutert nämlich in dem Beitrag im ZDF stark verkürzt die Ergebnisse des IPCC. Danach sieht man global in vielen Regionen in der Tat eine Zunahme der Niederschläge und auch der Gewitter. Betrachtet man hingegen nur Deutschland, wie es der DWD tut, dann muss man feststellen, dass die Schwankungen zum Beispiel der Anzahl der Tage pro Jahr mit Starkniederschlag über 30 mm so stark sind, dass der Trend dagegen noch klein erscheint. Wenn aber noch einige Jahre hinzu kommen, könnte der Trend signifikant werden. Das heißt dann aber nicht, dass dann erst der Effekt eintritt, sondern dass er die ganze Zeit schon da war. Aber erst dann kann man ihn gegen das Rauschen der jährlichen Witterungsschwanken erkennen.

Man muss also sagen, dass das ZDF nichts unterschlagen hat, denn es können durchaus beide Aussagen korrekt sein: der Trend zu mehr Starkniederschlagsereignissen ist noch nicht signifikant, jedenfalls nicht in Deutschland, aber es gibt eine realistische Erwartung, dass der Trend bereits da sein müsste und dass wir in wenigen Jahren im Rückblick sagen können, dass zu den Starkniederschlägen 2016 wohl auch schon der Klimawandel beigetragen hatte. Zusätzlich sollte man bedenken, dass der Link auf eine Pressemitteilung des DWD die durchaus relevanten Daten der letzten 2 Jahre nicht enthalten kann, da die Mitteilung von März 2014 stammt und nur Daten bis 2013 enthält.

Unbeirrt wärmt Bojanowski am 2. Juni das gleiche Thema erneut auf, unter dem Titel "Katastrophenschäden: Die Unwetterwarnung in Deutschland funktioniert nicht richtig", wieder mit Verweis auf Kachelmanns Vorwürfe, nun zusätzlich unter Verwendung von Aussagen des Meteorologen Clemens Simmer von der Universität Bonn, der auch meint, das Warnmanagement müsste verbessert werden. Auch hier das gleiche Problem - das Fernsehprogramm von ARD und ZDF ist sicher kein Medium, um im Stundentakt vor bevorstehenden Gewittern in einzelnen Landkreisen zu warnen. Dass es gerade über einem anfängt, zu donnern, sieht man ohnehin, welcher Bach dann aber wie stark anschwillt, und welche Folgen das hat, weiß die örtliche Feuerwehr eher als der öffentliche Rundfunk, wenn es überhaupt jemand voraussagen kann, und dort gehören daher die Kürzestfristvorhersagen hin. Auch hier musste Bojanowski wieder den programmatischen Satz unterbringen "Den Klimawandel für die Katastrophen verantwortlich zu machen, wie es vielfach getan wird, erscheint zweifelhaft." Dass wir den Zusammenhang statistisch noch nicht nachweisen können, bedeutet eben nicht, dass er gar nicht da wäre. Ganz im Gegenteil ist es sogar wahrscheinlich, dass der Klimawandel sich bereits auswirkt, aber erst in einigen Jahren wird auch der statistische Nachweis gelingen.

Damit aber das Publikum auch richtig mitbekommt, dass die Starkniederschläge in Deutschland nur auffälliges Wetter sind, aber man auch überhaupt nicht den Klimawandel dafür verantwortlich machen darf, wiederholt Bojanowski den Artikel in einer dritten Variation unter dem Titel "Starkregen in Deutschland: Das Unwetter und der Klima-Bluff". "Erklärungsnot", "funktioniert nicht", jetzt gar "Klima-Bluff" - hier wird auch mit dem Erzeugen negativer Gefühle gearbeitet, und dabei geht es immer gegen öffentlich-rechtliche Medien, Behörden, seriöse Klimaforscher. Vielsagend ist, dass der Artikel zunächst unter einem anderen Titel lief "Unwetter: Die bizarre Sehnsucht nach Klimawandel". Die Titel machen die Stoßrichtung deutlich - es geht gegen jegliche Unterstellung, dass der Klimawandel mehr sein könnte, als nur eine theoretische Debatte über etwas, das noch nicht eingeschätzt werden kann und noch keine Konsequenzen hat. Erneut wird der ZDF-Beitrag zitiert und erneut die DWD-Pressemitteilung von 2014 dagegen gesetzt. Zusätzlich wird vorwurfsvoll auf eifrige Kommentatoren gedeutet, die einen Trend zu mehr Unwettern über die letzten 15 Jahre als Argument heranziehen. Nun ist ein Trend über 15 Jahre, schon gar bei den sehr stark schwankenden Starkniederschlägen, sicher nicht signifikant. Aber man kann auch nicht behaupten, es gäbe keinen Trend, nur weil er noch nicht signifikant ist. Wir haben ja andere Hinweise, eben durch den zunehmenden Energiegehalt der Atmosphäre, dass diese mehr Feuchtigkeit aufnehmen kann und daher auch mehr Unwetter zu erwarten sind. Dahinter steckt kein Klima-Bluff, sondern schlicht Physik. Bizarr ist dabei, dass Bojanowski solche korrekten Aussagen durchaus in seinen Texten auch anbringt, aber so eingerahmt, dass bei den am Leugnen interessierten Lesern etwas ganz anderes ankommt, wie man schnell beim Durchlesen der Leserkommentare merkt: Da kommt die gewünschte Botschaft an: Klimawandel als Bluff, die Zunahme von Starkregenereignissen durch den Klimawandel reine Spekulation, daher sicher kein Handlungszwang. Dafür wird unterstellt, dass Medien, Behörden oder Deutscher Wetterdienst falsch warnen und schlecht informieren.

1 Kommentar:

cloudid.de hat gesagt…

Und nicht zu vergessen, wie A.B. heldenhaft und exklusiv für den Spiegel eiunen Klimaskandal aufdeckte - den er erstmal frei erfunden hatte: http://scienceblogs.de/primaklima/2014/11/21/das-jaccuse-des-axel-bojanowski-oder-hat-der-ipcc-aussagen-zum-artenschwund-unterschlagen/?utm_source=rss&utm_medium=rss&utm_campaign=das-jaccuse-des-axel-bojanowski-oder-hat-der-ipcc-aussagen-zum-artenschwund-unterschlagen