Dienstag, 22. November 2016

10 Jahre kalte Sonne - Vahrenholt

Vor 10 Jahren begann der Blog Wattsupwiththat mit seiner Arbeit, eine Verschwörungstheorie über die Klimaforschung zu verbreiten. Die Erzählung war damals, dass Kohlendioxid gar nicht der entscheidende Treiber der globalen Erwärmung wäre, sondern die Variation der Sonnenstrahlung über Klimaänderungen entscheiden würde. Im Laufe eines Jahres wurde die Erzählung ausgeweitet: die globalen Temperaturzeitreihen seien falsch, weil die Wetterstationen zu schlecht seien und künstliche Wärmesignale zeigten und die globale Erwärmung hätte 1998 bereits ihren Höhepunkt erreicht und würde wieder zurückgehen. Klimawandelleugner gab es schon vorher, aber schnell entwickelte sich der Blog des früheren Wetterpräsentators Watts zu dem größten Leugnerblog. Die dort verbreitete Verschwörungstheorie über angeblich kriminelle Klimaforscher, die der Öffentlichkeit die globale Erwärmung vortäuschten, wurde schließlich in Deutschland vom Autorengespann Vahrenholt und Lüning aufgegriffen. Sie machten daraus das Buch „Die kalte Sonne“. Ein Rückblick zeigt, wie weit sich dieses Leugnertheater von der Realität entfernt hat...


Ich hatte dazu bereits einen Beitrag geschrieben, in dem ich Buch und Blog "Kalte Sonne" in den wesentlichen Punkten kritisierte, und einen weiteren Beitrag, der auf die vielfältige Kritik anderer Stellen verweist. Man musste das Buch gar nicht lesen, um zu wissen, was darin steht, denn Inhaltsangabe, Werbung, Leseproben und Auswahl der Co-Autoren machten deutlich, welche Leugnerthemen in diesem Buch wiederaufgewärmt wurden. Inzwischen hatte ich, angeregt von aktuellen Vergleichen zwischen Realität und einer Prognose von Vahrenholt und Lüning, das Buch ausgeliehen, und mich der Aneinanderreihung bekannter Leugnerlügen ausgesetzt. Das Buch ist nun bald 5 Jahre alt. Wie würde man das Buch heute einstufen? Die erste Erkenntnis war, dass meine Einschätzung des Buches von 2012 auf den Punkt war. Der erste Eindruck ist der eines Plagiats. Das ist unter Leugnern nichts Schlimmes – es ist vielmehr eine der Strategien, die Leugnerthemen durch gegenseitiges Abschreiben als etwas darzustellen, das von einer „schweigenden“ Mehrheit geteilt wird, leider unterdrückt von einigen kriminellen, linksgrün indoktrinierten Klimaforschern. Jede Wiederholung bedeutet für Leugner eine Bestätigung ihrer Thesen. Für intelligente Menschen ist das natürlich eine Zumutung und der wesentliche Grund, warum ich ungern über die vielen Varianten bekannter Leugnerthesen schreibe, die gerade auf diesem oder jenem Leugnerblog verhandelt werden. Der zweite Eindruck war der, dass die Grunderzählung des Buches schon längst wiederlegt ist. Und das sollte ich hier näher erläutern.

Im Kapitel 1 des Buches wird dargestellt, warum Vahrenholt und Lüning eigentlich den Eindruck gewannen, dass die allgemein akzeptierte Darstellung des Klimawandels in Wahrheit eine Verschwörung einiger irregeleiteter Klimaforscher sei. In der Abbildung Nummer 2 des Buches findet man die Daten von 4 globalen Temperaturzeitreihen dargestellt, allerdings nur für die Jahre 2001 – 2011. 
 
Ausschnitt aus dem Buch Vahrenholt, Lüning, "Die kalte Sonne" auf Seite 15, Verlag Hofmann und Campe, 1. Auflage 2012.
Wir wissen, dass in diesen Jahren durch innerdekadische Variabilität der globalen Temperatur der ansteigende Trend im Rauschen unterging. Anders gesagt: wir wissen, dass man eine ausreichende Zahl von Jahren braucht, damit man einen statistisch bedeutsamen Trend in den Daten erkennen kann. 25 bis 30 Jahre sollten es schon sein, bei gerade mal 11 Jahren ist der berechnete Trend zufällig und zeigt vor allem das Rauschen. Das hat Vahrenholt und Lüning nicht gestört, denn sie fanden in den herausgepickten Daten das, was sie sehen wollten: kein Trend, teilweise sogar ein abfallender Trend. Ihre Schlussfolgerung: die globale Erwärmung findet gar nicht statt, zumindest nicht in dem Ausmaß, das zu erwarten wäre, wenn die Treibhausgase wirklich den Effekt hätten, den die Klimaforschung behauptet. Ich hatte schon gezeigt, dass eine so postulierte Pause nur Variabilität innerhalb eines intakten Trends ist (wobei ich jetzt nur HadCrut4 ausgewählt habe, das gegenüber HadCrut3 korrigiert ist und nur die Jahresmittelwerte zeige), und wenige zusätzliche Jahre den Trend erheblich verändern.
 
Temperaturanstieg bei der HadCrut4-Zeitreihe 1994 - 2015 und ein Ausschnitt daraus mit angeblicher "Pause" - alternativ könnte man statt 2008 die Pause auch bis 2011 legen und statt 1998 erst 2001 anfangen lassen, wie das Vahrenholt und Lüning gemacht hatten - die Täuschung funktioniert gleich. In blau und rot die jeweiligen Regressionsgleichungen. Je länger die Zeitreihe ist, desto stärker ist der ansteigende Trend.

Zusammen mit den pseudowissenschaftlichen Erörterungen darüber, wie stark die Variabilität der Sonnenaktivität Klimaänderungen bestimmen würde und wie wichtig diverse periodische Zyklen der Wärmeverteilung der Ozeane wären, ergab sich damit die Leugnerthese, dass das Klima vor allem durch Sonnenaktivität, pazifische dekadische Oszillation und andere Variationen der Meerestemperaturen bestimmt würde mit einem kleinen Beitrag durch Treibhausgase.
Nimmt man allerdings Temperaturdaten bis 2015 (oder demnächst auch 2016) dazu, verschwindet die Temperaturstagnation. Plötzlich erhält man deutlich positive Temperaturtrends. Auch ab 2001. Erst recht, wenn man noch vorher ein paar Jahre dazu nimmt. Die Temperaturpause war nur statistisches Rauschen, sie war nie real. Wären Vahrenholt und Lüning faktenorientiert, müssten sie inzwischen an die Presse gehen und mitteilen, dass sie sich geirrt haben. Die Temperaturentwicklung der Erde folgt tatsächlich den Modellprojektionen, die in den IPCC-Berichten zitiert werden. Eine Temperaturpause, wie behauptet, gab es nicht. Eine besonders wichtige Prämisse des Buches „Die kalte Sonne“ ist weggefallen. 

Diese Pressemitteilung des Gespanns Vahrenholt und Lüning wird es nie geben. Denn es handelt sich bei diesen Personen ja um Leugner des wissenschaftlichen Sachstands zur Klimaforschung. Dieses Leugnen geschieht auf der Basis, dass diese Personen eine politische Meinung haben: die Klimapolitik sei falsch. Woher diese Meinung kommt, will ich hier nicht lange diskutieren, denn dafür gibt es mehrere Möglichkeiten. Aber es führt dazu, dass Fakten nicht wichtig sind. Störende Fakten werden daher ignoriert. Das ist einfach, denn auch hier bieten die bekannten Leugnerblogs, wie Wattsupwiththat genug Material. Zum Beispiel angeblich gefälschte Temperaturzeitreihen, so dass in Wahrheit immer noch 1998 das wärmste Jahr sei. Oder ein Verrücken der ursprünglichen Anforderungen: aus der einstmaligen Abkühlung seit 1998 wurde erst eine Temperaturstagnation, dann ein geschwächter Anstieg, inzwischen wird sogar geschrieben, dass die Pause jetzt natürlich zu Ende sei, aber sie sei damit nicht verschwunden, sondern man könne sie nach wie vor festlegen als etwas, das von 1998 bis 2008 oder 2001 bis 2011 bestanden hatte und beweise, dass die Klimaforschung die Klimavariabilität massiv unterschätzt hätte. Auch ein Anpassen von genutzten solaren Daten und ein kreatives Zusammenstellen verschiedenster scheinperiodischer Zyklen der Meerestemperaturen kann genutzt werden, um beliebige Temperaturkurven nachzuerzählen. Leugner haben aus ihrer Perspektive immer Recht, egal wie die Fakten aussehen. Und sie gewinnen daher auch jede Diskussion mit Menschen, die sich erdreisten, ihnen mit Fakten kommen zu wollen.

Das führt in eine Anekdote. Auf diesem Blog hatte ich bereits eine Diskussion mit Lüning zur Klimasensitivität unter einem Beitrag zur Klimasensitivität im 5. IPCC-Report. In aller Kürze: auf dem Blog „Die Kalte Sonne“ werden einige Arbeiten zu Klimasensitivitäten herausgepickt, die zufällig niedrige Werte zeigen, und alle anderen Arbeiten ignoriert, die hohe Klimasensitivitäten belegen. So versuchen Lüning und Vahrenholt die Verschwörungstheorie zu beweisen, dass die Experten im IPCC-Bericht zu hohe Klimasensitivitäten vertreten hätten und die Klimaforschung zunehmend niedrigere Sensitivitäten finde. In Wahrheit gibt es eine unüberschaubare Zahl von Publikationen zur Klimasensitivität, auch mit eher höheren Abschätzungen - dazu hatte ich mal einen Beitrag geschrieben. In der Diskussion mit Lüning wiederholte er nur die falschen Thesen und gab keine neuen Belege. Nach meiner zweiten Erwiderung meldete sich Lüning auch nicht mehr zurück. Später fing er eine weitere Diskussion auf wallstreet online an, bot aber auch dort keine neuen Belege. Ich wies ihn also darauf hin, dass die Diskussion ohne neue Belege sinnlos sei, abweichende Thesen von ihm in der Fachliteratur publiziert werden sollten und machte dann eine generelle Erwiderung, warum die Art und Weise, wie Lüning sich meldete, für mich eine Zeitverschwendung darstellt. Wenn man dann weiter runterscrollt, sieht man, dass ich noch weiter inhaltlich antwortete. Schaut man weiter, sieht man, dass ich auf alle Beiträge von Lüning auch antworte, auch auf die Unterstellung, ich würde mich vor einer Sachdiskussion drücken. Wer sich danach drückt, ist dann nämlich Lüning, der nicht wieder im Thread auftauchte und meine Nachfragen unbeantwortet ließ. Dafür machte er etwas besonders Feiges. Im Blog „Die kalte Sonne“ gab er nur einen Ausschnitt eines Beitrags wieder, um den Eidnruck zu erwecken, ich wäre auf ihn gar nicht eingegangen und behauptete über mich "Einer wissenschaftlichen Argumentation weicht er grundsätzlich aus." Das war eine platte Lüge. Das machte er ohne mein Wissen - nur durch Zufall entdeckte ich Monate später, dass in der "Kalten Sonne" über mich etwas geschrieben wurde. Außerdem ohne Möglichkeit zum Einspruch, denn Vahrenholt und Lüning sind zu feige, fremde Kommentare auf ihrem Blog zu erlauben. 

Was bleibt ist, dass Lüning und Vahrenholt ihre Irrtümer nicht korrigieren und nicht an die Presse treten und erklären, dass die globale Temperatur nicht mehr die von ihrer Theorie geforderte Stagnation zeige. Die Leugnung der Realität bei der „Kalten Sonne“ wird permanent, eine Lüge zieht nun die nächste nach sich. Zugleich wird das sektiererische Einigeln zunehmen, die Angriffe auf die Fakten und die Personen, die sie vorbringen, werden zunehmend militanter. Manche Kommentatoren reden vom “postfaktischen“ Zeitalter, in dem nicht mehr Fakten, sondern nur Meinungen zählen. Doch so neu ist diese Entwicklung gar nicht. Neu ist nur, dass die Verschwörungstheoretiker durch soziale Medien jetzt ein größeres Publikum erreichen. Wie früher geht es aber immer noch darum, ihnen etwas Positives entgegen zu setzen. Die Klimaforschung hat die globale Erwärmung vorausgesagt. Sie ist da, klar erkennbar in den Daten. Einen aktuellen Vergleich findet man zum Beispiel bei realclimate. Und dass die seriöse Klimaforschung die Überprüfung durch Beobachtungen besteht, unterscheidet sie von den absurden Lügen von Vahrenholt und Lüning.

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