Sonntag, 11. März 2018

Märchen von der Kalten Sonne zur Klimasensitivität

"Die kalte Sonne" ist der Titel eines Buches von Fritz Vahrenholt und Sebastian Lüning, die dort die seit langem bekannten ollen Kamellen der Leugner des wissenschaftlichen Stands zum Klimawandel aufwärmen. Zugleich ist das der Titel einer Webseite, auf der ein endloser Strom von Leugnermeldungen weitergereicht wird, den man meistens von ähnlich gestrickten Seiten wie Wattsupwiththat, notrickszone, GWPF oder EIKE abschreibt. Zum Repertoire gehört auch die Behauptung, es gäbe einen Trend zu sinkenden Werten der Klimasensitivität, was aber die Realität nicht hergibt. Die Klimasensitivität ist das Verhältnis zwischen einem Klimaantrieb und der dadurch geänderten Temperatur. Insofern ist es eine Zahl, die angibt, wie stark sich durch den Anstieg der Treibhauskonzentrationen in überschaubarer Zeit die Temperatur auf der Erde ändern wird. Es gibt verschiedene Methoden, diese Zahl zu bestimmen und eine Methode führt aus inzwischen bekannten Gründen zu eher niedrigen Zahlen der Klimasensitivität. Der Trick ist also, nur solche Bestimmungen zu berücksichtigen und alle anderen wegzulassen und schon hat man den Trend zu einer niedrigen Klimasensitivität. Die Dreistigkeit bei dieser Schummelei hat jetzt einen neuen Höhepunkt erreicht. Schauen wir uns das mal an.



Verbreitet wird das aktuelle Machwerk unter dem Titel "CO2-Klimasensitivität im Sinkflug: Neues aus der Fachliteratur". Man beachte den Fehler im Titel. Eine Klimasensitivität ändert sich nicht, wenn man den Klimaantrieb austauscht - es gibt keine spezielle CO2-Klimasensitivität. Sie wäre für Methan oder solare Strahlung gleich. Eine Ausnahme gibt es nur dann, wenn der Klimaantrieb regional sehr uneinheitlich verteilt ist wie bei Aerosolen, die relativ kurzlebig in  der Atmosphäre sind. Der Nebensatz "Neues aus der Fachliteratur" enthält außerdem ein uneingelöstes Versprechen.

In dem Blogbeitrag werden 6 verschiedene Werte für die Gleichgewichtsklimasensitivität angegeben, die angeblich aus aktuellen Fachbeiträgen 2017 und 2018 stammen. Sie würden belegen, dass diese Werte immer niedriger liegen würden.  Ich nehme mal diese Liste heraus:

ECS: Equilibrium climate sensitivity

bis zu 6°C Proistosescu & Huybers 2017
Pressemitteilung hier; ein wirklich heftiges Alarmpaper, das es wohl darauf anlegt, im 6. IPCC-Bericht zitiert zu werden und den Mittelwert aller Studien nach oben zu ziehen. Nic Lewis hat das Ganze detailliert auf Climate Audit auseinandergenommen.

3,7°C  Brown & Caldeira 2017
Auch dies wohl eher ein Ausreißer nach oben. Das gibt kräftig Fördergelder.

2,8°C Cox et al. 2018; Eingrenzung auf 2.2-3.4°C
Pressemitteilung hier. Die deutsche Presse berichtete eifrig über diese Studie: FAZ, Tagesspiegel, Spektrum

1,79°C Mauritsen & Pincus 2017
Siehe auch Beitrag im Kalte-Sonne-Blog.

1,4°C Orssengo 2018
1,3°C Spencer 2018
Szenario, dass nur 70% der Erwärmung der letzten 150 Jahre anthropogenen Ursprungs sind. Die mögliche Klimawirkung der Sonne ist in den meisten Berechnungen der Klimasensitivität gar nicht enthalten.


So weit, so schräg. Der erste Eindruck ist, dass der Median dieser Aufzählung wohl bei 2,3 liegt, deutlich im IPCC-Bereich von 1,5 bis 4,5. Und nur zwei Arbeiten fallen aus diesem Bereich nach unten heraus und das nur knapp. Aber wenn man sich genauer anschaut, was hier aufgezählt wird, ändert sich das Bild. 

Der niedrigste Wert kommt von Spencer 2018. Das ist aber gar keine fachbegutachtete Publikation, sondern ein Blogbeitrag. Noch schlimmer, er basiert auf dem Satz, "Angenommen, ein Teil der Erwärmung wäre natürlichen Ursprungs und ich lasse jetzt einen Teil des Klimaantriebs wegfallen (was wissenschaftlich Schwachsinn ist, weil ja die Klimasensitivität der Quotient aus Temperaturanstieg und Klimaantrieb ist), welche völlig falsche Zahl erhalte ich damit."Der Wert ist so niedrig, weil Spencer genau das herausbekommen will. Wir müssen das aus der Liste, die ja "Neues aus der Fachliteratur" enthalten soll, ohne Bedauern streichen.

Der zweitniedrigste Wert ist auch aus einem Blogbeitrag, diesmal im berüchtigten Leugnerblog Wattsupwiththat. Kein Fachbeitrag, sondern ein unsinniges Laienmachwerk. Auch das müssen wir streichen.

Der drittniedrigste Wert stammt zwar aus einer fachbegutachteten Publikation, aber ist keine Bestimmung einer Klimasensitivität. Mauritsen und Pincus wollen vielmehr bestimmen, was der Wert der Temperaturerhöhung ist, der bereits in der Erde durch die bis jetzt erfolgte Erhöhung der Treibhausgaskonzentrationen steckt, aber durch die Trägheit der Ozeane und durch die Abkühlung durch Aerosole noch verdeckt ist. Diesen Wert schätzen die Autoren auf 1,3 bzw. 1,5 Grad. Bezogen auf einen Klimaantrieb, der um einen Faktor 1,85 größer sein würde, würden wir das CO2-Äquivalent auf das Doppelte des vorindustriellen Wertes steigern und damit aus der bereits enthaltenen, aber noch nicht realisierten Temperaturerhöhung auf eine Klimasensitivität von 2,4 schließen. Die ca. 1,8 Grad, die Vahrenholt/Lüning daraus ziehen, beruhen auf Missverständnissen und Rechenfehlern, stammen aber nicht aus dieser Publikation.

Bleiben tatsächlich drei fachbegutachtete Arbeiten, in denen tatsächlich eine Klimasensitivität bestimmt wird. Und alle liegen ordentlich in der Verteilung aus dem 5. IPCC-Bericht drin. Na, so eine Überraschung.

Aber auch die Arbeit, die angeblich so alarmistisch sei, mit einer Sensitivität bis 6° Celsius, gibt ja in Wirklichkeit einen besten Wert bei etwa 3,5 Grad an. Ausgerechnet hier gibt man also nicht das Resultat, sondern die obere Grenze der zugehörigen Unsicherheitsspanne an. In Wahrheit ging es in dieser Arbeit darum, zu belegen, dass die Methode der Bestimmung der Gleichgewichtssensitivität aus historischen Temperaturbeobachtungen einen Fehler in Richtung dazu hat, nur sehr schnelle Rückkopplungen zu betrachten. Korrigiert man das mit Hilfe einer Bayesianischen Wahrscheinlichkeitsbetrachtung, führt die Berücksichtigung langsamerer Rückkopplungen zu einem höheren Wert der Gleichgewichtssensitivität. Das ist einer der Gründe dafür, dass gerade die Ableitung von Gleichgewichtssensitivitäten aus historischen Temperaturbeobachtungen systematsich niedrigere Klimasensitivitäten ergibt als andere Methoden.

Tatsächlich gibt es derzeitig mit Knutti et al., Beyond Equilibrium Climate Sensitivity, Nature Geoscience 10, 727 (2017) einen aktuellen Überischtsartikel, der praktisch alle Arbeiten zur Klimasensitivität auflistet. Eine Gesamtschau der Ergebnisse findet man hier. Und diese Gesamtschau zeigt keinen Trend bei der Klimasensitivität, bestätigt aber, dass publizierte Werte im Bereich 1,5 bis 4,5 liegt. Die Arbeit zeigt im Übrigen auch, dass verschiedene Definitionen der Klimasensitivität auch zu verschiedenen Resultaten führen müssen, weil die verschiedenen Rückkopplungen mit unterschiedlicher Zeitskala zur Klimasensitivität beitragen. Es erfordert einige Expertise, die vielen verschiedenen Sensitivitätsergebnisse richtig einzuordnen.

Ich hatte oben einen Blogbeitrag verlinkt, zu dem sich auch einer der Autoren bei dem Leugnerblog "Kalte Sonne", Sebastian Lüning meldete. Er behauptete unter anderem:

Wenn Sie die neuen Arbeiten mal angeschaut hätten, dann wüssten Sie, dass der neue Mittelwert eher bei 2°C liegt, nicht mehr bei 3°C. Ich empfehle Ihnen, die neue Literatur zu studieren. Dabei ist noch nicht einmal die bislang unterschätzte Klimawirkung der Sonne enthalten, deshalb denke ich, dass der Mittelwert weiter Richtung 1,5°C sinken wird.

Nun war die Entwicklung in Wahrheit eine andere: die niedrigen Werte der Klimasensitivität aus Beobachtungen sind inzwischen verstanden. Die unterschiedliche Gewichtigung langsamer und schneller Rückkopplungen ist dabei nur ein Punkt. Außerdem tragen ungleiche Gewichtungen des Einflusses homogen verteilter Klimaantriebe (durch Treibhausgase) und inhomogen verteilter Klimaantriebe (z.B. Sulfataerosol - das stärker nahe den Quellen in Europa, Ostasien und Nordamerika wirkt) dazu bei, dass auf Beobachtungen basierende Ableitungen der Klimasensitivität zu niedrigeren Werten führen.Generell führt die Nichtberücksichtigung der Kühlung durch Aerosole zu niedrig geschätzten Klimasensitivitäten aus beobachtungsbasierten Studien. Wie sich zeigt, ist man bei "Die Kalte Sonne" zwar in der Lage, Lügen dazu zu verbeiten, wie der Austausch mit Lüning verlaufen ist, aber nicht in der Lage, einzusehen, dass man sich bezüglich des Trends der Klimasensitivität heftig vertan hat. Das ist, was man bei einem unseriösen Blog erwarten kann.
Spencer 2018 ist auch ein Blogbeitrag, und der basiert auf dem Satz, "Angenommen, ein Teil der Erwärmung wäre natürlichen Ursprungs und ich lasse jetzt einen Teil des Klimaantriebs wegfallen (was wissenschaftlich Schwachsinn ist, weil ja die Klimasensitivität der Quotient aus Temperaturanstieg und Klimaantrieb ist), welche völlig falsche Zahl erhalte ich damit."

Neues aus der postfaktischen Parallelwelt | wallstreet-online.de - Vollständige Diskussion unter:
https://www.wallstreet-online.de/diskussion/1242861-neustebeitraege/postfaktischen-parallelwelt
Spencer 2018 ist auch ein Blogbeitrag, und der basiert auf dem Satz, "Angenommen, ein Teil der Erwärmung wäre natürlichen Ursprungs und ich lasse jetzt einen Teil des Klimaantriebs wegfallen (was wissenschaftlich Schwachsinn ist, weil ja die Klimasensitivität der Quotient aus Temperaturanstieg und Klimaantrieb ist), welche völlig falsche Zahl erhalte ich damit."

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