Sonntag, 9. Mai 2010

Nachweis des Treibhauseffekts

Zu den absurdesten Unternehmungen der Pseudowissenschaft mit Bezug zum Klima gehört die angebliche Widerlegung oder Falsifikation des Treibhauseffektes. Es ist absurd, weil der Treibhauseffekt direkt abgeleitet werden kann aus elementaren Gleichungen, die den Energietransfer durch Strahlung von der Sonne zur Erde und von der Erde in den Weltall beschreiben und die Modifikation des Strahlungshaushalts, wenn ein Gas eingebracht wird, das im infraroten Bereich Strahlung absorbiert. Die quantitative Herleitung erfolgt durch Strahlungsflußrechnungen, die zwar aufwendig sind, aber nicht theoretisch anspruchsvoll. Wer meint, er könnte das widerlegen, den kann ich nicht ernst nehmen.

Gerlich und Tscheuschner gingen aber seit Jahren mit der Behauptung hausieren, sie hätten den Treibhauseffekt "falsifiziert". Dazu hatten sie einen enorm aufgeblähten Artikel erstellt, der voll von faktischen Fehlern war, aber auch viel Rhetorik enthielt, die die Sache eher verschleiern statt erhellen sollte. Als sich tatsächlich ein sachfremdes, zweitklassiges Journal fand, das die Publikation des Unfugs auch noch zuließ, war ich schockiert, und schrieb erst mal einen Blogbeitrag, in dem ich meinen Unmut darüber Raum gab, daß so etwas durch ein Peer Review kam. Ich erkläre mir inzwischen den Vorfall so, daß es einen Redakteur beim International Journal of Modern Physics B (IJMPB) gibt, der politisch im selben Boot sitzt, wie Gerlich und Tscheuschner und dafür sorgte, daß sich genehme Reviewer fanden, wobei es sich bei einem wohl um einen gewissen Kramm handeln muß, der selbst im Leugner-Camp aktiv ist.

Den meisten Wissenschaftlern, die sich mit dem Treibhauseffekt befassen, war es wohl zu dumm, sich mit dem Unsinn zu befassen oder die haben einfach nicht bemerkt, daß da in einem Journal zur Physik kondensierter Materie (also eben nicht Gas, schon gar nicht Atmosphären- oder Klimawissenschaften) irgendwelche Physiker etwas zum zentralen Punkt der Klimaforschung seit über 100 Jahren geschrieben hatten, was die Forschung eben des ganzen Jahrhunderts als Irrtum hinstellen wollte. Hätten Gerlich und Tscheuschner recht, wäre das nobelpreisverdächtig. Aber sie haben nicht recht, und da die Fachleute es nicht der Mühe wert hielten, den Unsinn auch nur zur Kenntnis zu nehmen, hatte Joshua B. Halpern die Arbeit auf sich genommen, eine Antwort zu erstellen. Verschiedene andere fleißige Leute leisteten mehr oder minder große Beiträge, und so konnte nun ein Kommentar publiziert werden, der auf die verschiedenen Fehler von Gerlich und Tscheuschner hinweist (J. Halpern, C. Colose, C. Ho-Stuart, J. Shore, A. Smith und J. Zimmermann, COMMENT ON "FALSIFICATION OF THE ATMOSPHERIC CO2 GREENHOUSE EFFECTS WITHIN THE FRAME OF PHYSICS", Journal of Modern Physics B, 24, 1309-1332, 2010, DOI No: 10.1142/S021797921005555X). Wer das Journal nicht gerade im Bestand seiner Bibliothek hat, kann die Versionen des Artikels vor der Publikation hier einsehen - die letzte Version G&T2.11.pdf entspricht praktisch dem publizierten Artikel. Oder Download bei Stoat.

Eli Rabett hat hier den, naja, autoritativen Kommentar zur Publikation. Gleichwohl haben sich Chris Ho-Stuart und William Connolley über Stoat schon vorher dazu gemeldet. Der Weg zur Publikation war allerdings steinig, weil die Erwiderung zunächst beim gleichen Redakteur ankam, der schon Gerlich&Tscheuschner so nett unter die Arme griff und daher auch bei den Reviewern landete, die deren seltsamen Ansichten vom Treibhauseffekt teilten. Erst Protest beim Redakteur, Hinweis auf die Voreingenommenheit eines Reviewers und die Inhaltsleere des zweiten Reviews führte dazu, daß ein unvoreingenommener Redakteur die Arbeit übernahm, zwei andere Reviewer fand, die dann auch gegen den Kommentar zur Gerlichs und Tscheuschners Artikel inhaltlich keine Einwände mehr hatten. Irritierend ist dennoch, daß das Journal eine Erwiderung von Gerlich und Tscheuschner passieren ließ, in denen die beiden lustig ihre Fehler wiederholten, ohne die Kritik an ihrem Beitrag aufzunehmen. Dafür brauchten die Herren auch noch 27 (siebenundzwanzig !) Seiten. Schon die Zusammenfassung der Erwiderung läßt einen schaudern. Sie meinen, sie hätten den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nicht bloß auf eine Richtung des Strahlungstransfers zwischen Erde und Umwelt angewandt. Doch, haben sie. Einfach das Gegenteil zu behaupten ändert die Realität nicht. Sie behaupten, in dem Kommentar wäre der Treibhauseffekt nicht definiert worden. Er wurde und es wurde dabei entsprechende Literatur zitiert. Sie behaupten gar, es gäbe einen nicht-meßbaren, also nicht existierenden Einfluß des CO2 auf das Klima der Erde. Das ist nun so richtig - irreal. Zum Thema Messungen des Treibhauseffektes von CO2 findet man zum Beispiel hier eine schöne Darstellung von Georg Hoffmann. Ich verweise auch auf John Mitchell, auf Philipona et al. oder auf Raval&Ramanathan für Beispiele zur Messung des Treibhauseffektes. Ob im Labor, vom Boden oder von Satelliten aus - man kann den Treibhauseffekt messen, man kann den Anteil von CO2 zuordnen und das zu leugnen ist absurd, insbesondere für Leute, die meinen, sie könnten zu dem Thema etwas publizieren.

Aktualisierung: Chris Colose, ein weiterer Autor, hat ebenfalls einen Beitrag zum Thema. In allen Fällen lohnt sich der Blick in die Kommentare für weiteren Hintergrund. Die Diskussion der Erwiderung von Gerlich und Tscheuschner auf den Kommentar ist wenig schmeichelhaft, und das haben sich die Autoren redlich verdient.

1 Kommentar:

Georg hat gesagt…

Ich hab gerade mal reingeguckt. Seitenweise Kommentieren die beiden Komiker meinen Blogg-Beitrag. Sagenhaft. Was hat das nur mit eurem Beitrag zu tun? Wer laesst so was durchgehen? Es waere wirklich nett den Namen des Editors zu kennen.

In jedem Fall hat sich eure Muehe gelohnt. Die Darstellung ist klar und pointiert. Gratulation.

Grusz Georg