Donnerstag, 12. August 2010

Eiertanz um Wetterextreme

Im Rahmen des Klimawandels wird auch eine Häufung von Wetterextremen vorhergesagt. Das ist schlecht formuliert - wenn die Temperaturen steigen, muß es zwangsläufig einen relativen Anstieg der Häufigkeit von Temperatur- und Niederschlagsrekorden geben. Und da wir derzeit die wärmsten 12 Monate in der wärmsten Dekade im wärmsten 50-Jahreszeitraum seit Beginn der Wetteraufzeichnungen haben und möglicherweise auch der letzten 1000 Jahre und wahrscheinlich auch der letzten 2000 Jahre, kann es uns nicht verwundern, wenn wir mit Jahrhunderthitzewellen in einigen Erdregionen und Jahrzehnt- oder gar Jahrhundertüberflutungen in anderen oder den gleichen Erdregionen konfrontiert werden. Vor dem Hintergrund ist es geradezu verblüffend, wie ich schon früher erklärt hatte, wie Journalisten für Zeitungen und Fernsehnachrichten sich anstrengen, im Zusammenhang mit der Hitzewelle in Pakistan, Indien und Arabien im Frühjahr, im Sommer in Rußland und Umgebung und den Überschwemmungen in Pakistan und der historischen Häufung von Hitzerekorden in 17 Staaten und Territorien der Erde den Klimawandel nicht zu erwähnen. Ganz selten geschieht es dann doch einmal. Und dann steht anscheinend Joachim Müller-Jung, Wissenschaftsjournalist bei der FAZ bereit, das anzugreifen. Er irrt sich, und warum, das erzählt uns zugleich etwas über eine aktuelle Diskussion des Einflusses der Sonne auf das Wettergeschehen.



Wenn ein Raucher an Lungenkrebs stirbt, können wir nicht beweisen, daß gerade dieser Raucher den Lungenkrebs wegen seinem Rauchen bekommen hat. Und das ist wahr für jeden einzelnen Raucher, der Lungenkrebs bekommt. Trotzdem wissen wir, daß Rauchen zu einer deutlich erhöhten Wahrscheinlichkeit führt, an Lungenkrebs (und vielen anderen Krankheiten) zu erkranken. Wenn wir für jeden einzelnen rauchenden Lungenkrebskranken oder -toten feststellen, daß wir keinen Nachweis bei ihm haben, daß sein Rauchen Ursache der Krankheit war, stünden wir vor der grotesken Situation, daß wir von den einzelnen Personen her einen Zusammenhang abgelehnt hätten, von dem wir für die Gruppe den Nachweis geführt hatten. Wenn wir also eine Häufung von Wetterextremen haben, ist es geradezu natürlich, darauf hinzuweisen, daß dies wahrscheinlich eine Folge der globalen Erwärmung ist. Nur dann, wenn wir eine alternative Erklärung haben mit ähnlicher oder größerer Wahrscheinlichkeit, können wir diese Verbindung zwischen Extremwetter und Klimawandel verwerfen.

Joachim Müller-Jung, eigentlich ein Wissenschaftsjournalist guten Willens und eher das Gegenteil des Teams unsäglich inkompetenter "Wissenschafts"journalisten beim Spiegel, den ich trotzdem schon einmal in einer anderen Sache verrissen hatte, hat sich nun in etwas verschnappt, bei dem er meinte, eine Alternativerklärung für die aktuellen Wetterextreme anführen zu können. Sinnigerweise ist dieser Beitrag im Feuilleton untergebracht worden statt im Wissenschaftsteil. Kluge Entscheidung, denn wissenschaftlich gesehen ist das sehr dünn, was Müller-Jung uns da vorsetzt. (Nachtrag: Leider ist es zwar zunächst im Feuilleton erschienen, doch On-line ist es in den Wissenschaftsteil geschoben worden. Schade. Und mal wieder hat EIKE eifrig klicken lassen - alle gut bewerteten Beiträge von Lesern verbreiten ignorante Leugnerglaubenssätze. Das zu lesen sollte man sich nicht antun.)

Im ZDF, so bemerkt er, wäre durch einen Experten der Münchener Rück (welchen? - ich habe die ZDF-Sendung nicht gesehen, für meinen Blogbeitrag ist es auch nicht wichtig, aber im FAZ-Artikel wäre das schon wichtig gewesen.) der Zusammenhang zwischen Klimawandel und Extremwetter hergestellt worden. Dabei unterläßt Müller-Jung es nicht, gleich mal eine Verschwörungstheorie zu plazieren: die Münchener Rück hätte ein Interesse an der Prognose schlimmer Auswirkungen des Klimawandels, um Klimaschutzpolicen verkaufen zu können. Das verrät Unkenntnis des Rückversicherungsgeschäftes. Kunden der Münchener Rück sind andere Versicherungen. Und alle Versicherungen sind daran inetressiert, möglichst korrekt einschätzen zu können, wie sich Risiken entwickeln, um Preise der Policen so niedrig wie möglich zu kalkulieren (sie wollen diese ja verkaufen), aber doch nicht zu niedrig, sonst gehen sie langfristig pleite. Und da sitzen die Großhändler (Rückversicherer) und Einzelhändler (Versicherer) in einem Boot und sind doch auch wieder als Käufer und Verkäufer Gegner. Würden Rückversicherer versuchen, die möglichen Risiken des Klimawandels absichtlich falsch einzuschätzen, würden sie ihr eigenes Geschäft schädigen, denn die Versicherer verfügen über die gleichen Informationen und würden auf eine überteuerte Rückversicherung verzichten wollen. Vielleicht würden sie dann selbst in das Rückversicherungsgeschäft einsteigen. Wenn irgendwelche Ignoranten in der Leserbriefspalte die Verschwörungstheorie von Rückversicherungen, die Forschungsergebnisse manipulieren wollen, von sich geben, würde ich sagen, ja, das intellektuelle Präkariat mal wieder. Aber Müller-Jung? Mußte das sein? Schauen Sie doch mal beim Deutschen Wetterdienst vorbei!

Was setzt nun Müller-Jung gegen die Klimawandelverknüpfung? Zunächst mal den an sich richtigen Hinweis des Berliner FU-Meterologen Ulrich Cubasch, daß ein regionales Ereignis wie die Hitzewelle in Rußland von den Klimamodellen nicht aufgelöst wird. Das stimmt insoweit, als wir für solche regionalen, kurzzeitigen Ereignisse auch mit Ausschnittsmodellen arbeiten müssen. Und diese Arbeit ist gerade erst in den letzten Jahren begonnen worden. Das spricht aber nicht gegen einen Zusammenhang zwischen einer Häufung von Hitzewellen und Überschwemmungen als Folge des Klimawandels, sondern dieser Zusammenhang ist aus verschiedenen Gründen sehr plausibel. Zum einen, weil auf einer wärmer werdenden Erde auch wärmere Sommer in einzelnen Regionen zwangsläufig erfolgen müssen und weil der Anstieg des Feuchtegehalts auf der Erde im Zuge einer globalen Erwärmung sowohl von Modellen vorhergesagt wie auch durch Satelliten gemessen wurde. Zum anderen wissen wir auch von Regionalmodellen (für Mitteleuropa), daß ein Anstieg der Temperaturen Starkniederschlagsereignisse wahrscheinlicher werden läßt.

Zum anderen führt Müller-Jung einen Artikel des New Scientist an, den er leider nicht verlinkt hatte - ich tue es. In dem Artikel wird behauptet, die geringe Sonnenaktivität könnte Ursache für ein zeitweises Einfrieren bzw. Abschwächen der Strahlströme in der oberen Troposphäre sein, die wiederum die großen Wettersysteme auf der Erde steuern. Treiben Ausbuchtungen der Strahlströme nicht mehr das Entstehen von neuen Tiefdrucksystemen an, die um die Erde wandern, können sich Hochdruckgebiete in bestimmten Regionen festsetzen. Ein stationäres Hoch würde in einer Rückkopplung auch die Fähigkeit der Strahlströme schwächen, neue Störungen heranzuführen. Das würde dann erklären, warum die Hitzewelle in Rußland so lange andauert und dabei so intensiv wird und wieso es in Pakistan so viel geregnet hat. Prof. Mike Lockwood gibt den Hintergrund in zwei Artikeln, von denen einer gerade im Druck ist und der andere von mir hier verlinkt wird.

Im verlinkten Artikel wird zunächst nur gezeigt, daß es wahrscheinlich ist, daß eine niedrige solare Aktivität bestimmt über die Zahl der Sonnenflecken dazu führt, daß es verstärkt besonders kalte Winter in Gorßbritannien gibt (Lockwood, Harrison, Woollings, Solanki, Are cold winters in Europe associated with low solar activity,  Environmental Research Letters 5, 024001 (2010)). Die Korrelation ist sehr signifkant, aber zugleich auch nicht hoch (um die 0,25), und daher die Streuung der mittleren Wintertemperatur um den Erwartungswert aufgrund der solaren Aktivität gewaltig. Und genau damit haben wir nun das gleiche Probleme Wetterextreme zu erklären wie schon beim Klimawandel - statistisch ist der Zusammenhang da, aber für den Einzelfall nicht beweisbar.

Dazu kommt noch etwas weiteres: schwache solare Aktivität kann zwar erklären, warum es zu ausgedehnten stationären Hochs kommen kann und dadurch zu ungewöhnlich kalten Wintern und heißen Sommern in manchen Regionen. Aber es ist ein Effet, der seinerseits auf dem Klimatrend aufliegt. Ist das Klima eher kühl, haben wir zwar bei einer schwachen solaren Aktivität die Chance auf einen Jahrhundertsommer, aber eben in einem kühlen Jahrhundert. Kombinieren wir aber diesen Effekt und die globale Erwärmung, erhalten wir einen Jahrhundertsommer für ein warmes Jahrhundert oder eben einen Jahrtausendsommer. Und das ist der Punkt über die Rekordhitze und -trockenheit in Rußland - die derzeit dort beobachteten Ereignisse ragen heraus aus den Aufzeichnungen Rußlands für die letzten ca. 1000 Jahre. Es ist möglich, daß hier mehrere Faktoren zusammenkommen, die jeder für sich zwar zu einer starken Hitzewelle, aber eben nicht zu einem außerordentlichen Ereignis geführt hätten. Also schwache solare Aktivität plus globale Erwärmung plus lausige Fortwirtschaft in Rußland plus Übernutzung der Wasserressourcen in Pakistan führen zu den beobachteten Katastrophen in diesen Ländern und eine bisher nicht aufgetretene Häufung von Hitzerekorden in den verschiedensten Ländern und Regionen der Erde 2010. Mitten im Maunder Minimum um 1700 hat man nämlich eben nicht gehäuft Hitzewellen und Überschwemmungen beobachtet wie dieses Jahr. Das ist der Unetrschied und deshalb, mit Verlaub, hat Müller-Jung eher einen Zusammenhang vernebelt als erhellt.

Kommentare:

Jens Christian Heuer hat gesagt…

Schöner Beitrag!Habe Ihren Blog heute entdeckt und werde ihn in meinem Blog Wetterwelten verlinken.
Auch ich habe wie Sie den Eindruck, daß zurzeit nahezu alle Medien in ihren Berichten über die Wetterextreme dieses Sommers alles vermeiden, was beim Zuschauer, Zuhörer oder Leser den Gedanken an einen Zusammenhang mit der globalen Erwärmung aufkommen lassen könnte. Das ist schon erstaunlich! An Zufall mag ich da nicht glauben!

Auf meinem Blog Wetterwelten habe ich wie Sie versucht, ein wenig dagegenzusteuern..

Beste Grüße
Jens Christian Heuer

for4zim hat gesagt…

Hallo, danke für das Lob.

Die Analyse der Wetterextreme des laufenden Jahres ist ja vielschichtig. Zum einen findet man den Zusammenhang zum laufenden globalen Temperaturrekord in mehreren Datenreihen, andererseits gibt es auch Überlegungen darüber, was jeweils bestimmte Wetterextreme primär verursacht hat, darunter Lockwoods Überlegungen, daß das solare Aktivitätsminimum Auswirkungen auf bestimmte Wetterlagen hat, Überlegungen, daß der ENSO-Zyklus mit einem La Nina den starken Monsun in Pakistan und Indien verursacht haben kann wie auch den kalten Winter in Südamerika. Das macht eine Bewertung der Ereignisse nicht einfacher, aber eine Leitlinie sollte wohl sein, daß letztlich erst die Kombination solcher Faktoren dazu führen kann, daß zum Beispiel neue Temperaturrekorde in 17 Ländern und Territorien zu vermelden sind oder die Trockenheit in Rußland als ein in 1000 Jahren einzigartiges Ereignis gilt. Sie gehen, wie ich sehe, wiederholt darauf ein. Sie haben da einen interessanten Blog. Weiter so...