Freitag, 12. März 2010

Wenn etwas gut ausgeht, könnte man auch einfach froh darüber sein - Schweinegrippe

Ich hatte hier vergangenes Jahr abseits vom Thema über die Schweinegrippe geschrieben. Ich fand es wichtig, sich dagegen impfen zu lassen. Auch wenn sich viele Stimmen fanden, wir sollten doch erst mal abwarten und bloß keine Panik machen. Wie zu erwarten, meldeten sich die gleichen Impfgegner, die etwa auch Widerstand gegen die Masernimpfungen leisten und dafür verantwortlich sind, daß diese Krankheit noch nicht, wie die Pocken, ausgerottet ist. Inzwischen mußten sogar Wissenschaftler eine Arbeit zurückziehen, in der der Mythos in die Welt gesetzt wurde, der Masernimpfstoff könnte Autismus fördern. Daran war nichts wahr, aber Impfgegner verbreiten den Mythos weiter. Bei der Impfkampagne gegen die Schweinegrippe wurde eine Hysterie geschürt um die angeblichen Gefahren des Impfstoffs, es wurde verbreitet, er sei ungenügend ausgetestet. Die Impfkampagne führte aber zu genau dem Ergebnis, das zu erwarten war - es gab nicht mehr Impfschäden, als zu erwarten waren, und diese waren weitaus harmloser als die möglichen Gefahren der Grippe. Viele Menschen denken, daß eine Grippe, an der von Größenordnung 10 Millionen Menschen, die daran in Deutschland erkranken, einige 1000 sterben, harmlos sei. Ich weiß nicht, wie man auf diese Idee kommen kann. Irgendwo setzt da logisches Denken aus. Auch ein paar tausend Tote sind ein paar tausend Tote zu viel. Daher ist JEDE Impfkampagne sinnvoll.

Die WHO und alle damit befaßten Institute haben IMMER, JEDERZEIT darauf hingewiesen, daß der Ausgang der Schweinegrippepandemie nicht vorhersagbar ist. Es kann harmlos ausgehen und sogar schwächer als eine saisonale Grippe sein oder auch viel schlimmer und in der Größenordnung der spanischen Grippe 1917-1920 gelangen. Nachdem man die Pandemie eine Weile beobachtet hatte, was klar, daß einerseits überproportional viele junge Menschen einen schweren Krankheitsverlauf zeigten, andererseits die Krankheitsverläufe nicht die Virulenz und Mortalität der spanischen Grippe zeigten. Trotzdem war die Impfkampagne dagegen sinnvoll - zum einen, weil jeder, der nicht stirbt, den Aufwand wert ist und zum zweiten, weil das Virus um so mehr Gelegenheit hat, zu mutieren und dabei gefährlicher zu werden, je mehr Menschen die Grippe durchmachen. Und drittens schließlich schützt die Durchimpfung der Bevölkerung auch die Menschen, die aus irgendeinem Grund gleichzeitig zu den Risikogruppen gehören, aber nicht geimpft werden können, wie bestimmte Allergiker, die gleichzeitig Asthmatiker sind und Säuglinge.

Nachdem die erste Pandemiesaison nun abgelaufen ist und wir nicht mehr Todesfälle gesehen hatten als in einer normalen Grippesaison, tauchen nun immer mehr Menschen auf, die, ich kann es nur unhöflich sagen, argumentieren wie unverständige Kinder. Zum Beispiel meldet sich heute der Spiegel mit einem Artikel, in dem der WHO Panikmache vorgeworfen wird. Vor dem von mir oben gegebenen Hintergrund muß man doch fragen: haben diese Spiegel-Schreiberlinge eigentlich noch alle beieinander? Hier wird mal wieder aus Geldgier ein bestimmtes Sentiment des Bildungsproletariats bedient: wenn vor einer Gefahr gewarnt wird und man hat Glück, daß nichts passiert wird, dann wird "Panikmache" gerufen. Dann reagiert man gleich seinen Minderwertigkeitskomplex ab, weil hier Experten gewarnt hatten und man sich denen nun überlegen fühlen kann und man kann auch noch über die Steuergelder schimpfen, die dabei verbraten wurden. Aber es hat alles nichts mit dem zu tun, was ich oben geschrieben hatte: niemand konnte garantieren, daß die Schweinegrippepandemie harmlos verläuft und jede Impfkampagne gegen eine solche Infektion ist sinnvoll.

Jedes Gleichnis hinkt, aber ich bringe es trotzdem: wenn man Russisch Roulett spielt, sitzt eine Kugel in der Revolvertrommel. Die Chance, daß es gut ausgeht, wenn man abdrückt, ist 1:6. Wenn jemand also abdrückt und er dabei keine Kugel in den Kopf bekommt, würden dann die Beobachter sagen, daß Russisch Roulett zu spielen eine harmlose Sache ist und daß davor zu warnen Panikmache sei? Wenn also vor einigen Pandemien gewarnt wurde und diese dann glimpflich ausgehen, heißt das nun, daß Organisationen, die gewarnt hatten, kompromittiert sind, daß sie ihre Glaubwürdigkeit verspielt hätten? Genau das wird in dem Spiegel-Artikel behauptet. Hier werden die Leser für dumm verkauft, weil man damit Auflage machen kann. Das ist aber unverantwortlich, denn wenn die Menschen anfingen, sich auszusuchen, ob sie Warnungen des Robert-Koch-Instituts oder der WHO ernst nehmen, könnten wir diese Einrichtungen gleich schließen. Und wenn diese anfingen zu überlegen, ob sie lieber nicht warnen, weil sie ihre Glaubwürdigkeit nur behalten, wenn die Katastrophe 100% sicher kommt, vor der sie warnen, werden sie keine neutrale Bewertung von Krankheiten vornehmen können.

Und obwohl die Impfkampagne schon sinnvoll war, weil ein gefährlicher Pandemieverlauf möglich war, möchte ich noch einen drauf setzen. Die nachfolgende Graphik zeigt die Zahl der Todesfälle von Kindern und Jugendlichen in US-Städten von 2006 bis heute. In grün sind die normalen Todesfälle durc hsaisonale Grippe eingezeichnet. In violett die Todesfälle aufgrund der Schweinegrippe. Die Schweinegrippe hat für eine deutlich erhöhte Sterblichkeit von Kindern und Jugendlichen gesorgt. DESWEGEN hatten wir die Impfkampagne. Dieser Spiegelschreiberling soll doch mal den Eltern, die ein an der Grippe verstorbenes Kind zu beklagen haben, ins Gesicht sagen, daß das alles Panikmache war. Die Impfkampagne hat weltweit tausenden von Kindern das Leben gerettet und wenn mal wieder vor einer neuen Grippevariante gewarnt wird, hoffe ich, daß jeder, der das hier gesehen hat, diese Fakten mal auf sich wirken läßt und versteht, daß die Pandemievorsorge nicht erst dadurch sinnvoll wird, daß sich in den Straßen auf Ansage die Leichen stapeln. Sondern weil schon 266 tote Kinder und Jugendliche in den US-Städten zu viel sind, deshalb machen wir das alles. Und weil manche dieser Kinder aus irgendeinem Grund selbst nicht geimpft werden können, sind wir es, die mit verantwortlichem Handeln Herdenimmunität herstellen. Daran haben die Spiegel-Journalisten nicht gedacht. Falls sie überhaupt an etwas neben ihrer Bezahlung denken...

Quelle: CDC

Kommentare:

Ebel hat gesagt…

Es gibt noch ähnliche Warnungen: Tsunami, Erdbeben, Vulkanausbrüche. Da hat sich oft gezeigt, daß (was weiß ich vielleicht 80%) sich hinterher als Fehlalarme herausstellen und bei 20% berechtigt sind und 5% schlimmer als die Warnung sind. Aber das weiß man erst hinterher. Und die schlauen Leute, die hinterher alles besser wissen gehören dann zu den Opfern der nicht geglaubten 20%.

Auch wird nicht jeder, der im Freien ist, vom Blitz getroffen usw.

Zum Spiegel: In unserem Ort ist eine Kita gebaut, die 10 Jahre lang nicht statisch stabil war, wenn die extremen Klimabelastungen kommen, die nach Norm erwartet werden können ("Was willst Du den, die Kita steht schon einige Jahre"). Um die Mängelbeseitigung zu erreichen, wollte ich auch den Spiegel einschalten (nach Bad Reichenhall). Antwort des Redakteurs: Wir merken uns die Meldung, aber erst, wenn die Kita eingestürzt ist, berichten wir darüber einschließlich Ihrer jetzigen Warnung.

MfG

Stryke hat gesagt…

@Artikel

Meine Rede, ich versuche dass auch immer allen zu erklären. Man könnte es noch um einen Punkt ergänzen: Angenommen die Schweinegrippe wäre tatsächlich eine Katastrophe im Roland-Emmerich-Stil geworden und KEINE Impfstoffe wären bestellt worden. Der Skandal wäre riesig, das Geschrei groß - wahrscheinlich von genau den gleichen Leuten, die sich auch jetzt beschweren.

Angesichts des Wissenstandes im April 2009 war das Vorgehen der Regierung absolut richtig und verantwortungsbewusst.

Die Spiegel-schreibt-nur-dass-womit-sie-Geld-verdienen-Polemik hätte ich mir aber lieber gekniffen, die unterschreibe ich so nicht.

for4zim hat gesagt…

Ja, ich schreibe gegen den Spiegel recht polemisch an. Ich möchte den Journalisten allerdings ungern Dummheit oder Inkompetenz unterstellen. Mir scheint es plausibler, daß da mal die Ethik hinter dem Interesse an guten Schlagzeilen zurücksteht. Daß man es besser machen könnte, zeigt meines Erachtens die FAZ hier.
Das war die Schweinegrippe
Und hier ist noch ein relevanter Beitrag. Kreuzzug gegen die Schulmedizin