Mittwoch, 17. Februar 2010

2010 – es wird noch wärmer, wann merken es die Medien?

2010 hat das Potential, neue globale Wärmerekorde zu liefern. Die Voraussetzungen sind jedenfalls vielversprechend. Das letzte Jahrzehnt war das wärmste seit Beginn der Temperaturaufzeichungen und um 0,17 (HadCruT) bzw. 0,18 (GissTemp) Grad wärmer als das Jahrzehnt davor (Zeiträume 2000-2009 und 1990-1999). Auch das Nationale Klimadatenzentrum der USA NCDC meldet das abgelaufene Jahrzehnt 0,18 Grad wärmer als das vorherige Jahrzehnt und für 2009 eine Anomalie von 0,56 Grad. Nach HadCruT stand 2009 auf Platz 5 aller Jahre seit 1850, nach GissTemp auf Platz 2. Das abgelaufene Jahr ist im Rahmen des Fehlers der Auswertung gleichauf mit dem zweitwärmsten Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Auf der Südhalbkugel war 2009 laut GISS bereits das wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen. Alle bekannten Temperaturrekonstruktionen weisen das abgelaufene Jahrzehnt als das wärmste Jahrzehnt der letzten 2000 Jahre auf, wobei man aufgrund der hohen Fehlermarge in früheren Jahrhunderten sagen muß, daß dies wahrscheinlich gilt. Sicher ist aber, daß wir auf dem Weg zu Temperaturen sind, die den Bereich der letzten 2000 Jahre und sogar der letzten 3 Millionen Jahre dauerhaft verlassen, sollten die globalen Temperaturen im Laufe dieses Jahrhunderts um mehr als 2 Grad ansteigen.

Aufgrund des laufenden moderaten El Nino werden noch die nächsten Monate mit Sicherheit rekordverdächtig und das könnte das laufende Jahr entscheidend prägen. Beide Satellitentemperaturreihen UAH und RSS, melden den wärmsten Januar seit Beginn der Zeitreihe. Aufgrund der laufenden globalen Erwärmung reicht schon ein moderater El Nino aus, um das Rekordjahr 1998 in den Schatten zu stellen. Der Februar ist bislang ebenfalls rekordverdächtig. Die Zusammenfassung dazu kann man bei Joe Romm nachlesen.

Wie es unter diesen Umständen möglich ist, daß laut Umfragen gerade jetzt eine wachsende Zahl von Menschen an der globalen Erwärmung zweifelt, läßt sich einfach beantworten. Die Medien versagen komplett. Sie sind zwar in der Lage, jede Lüge und Unterstellung aus Lobbykreisen sofort zu berichten, um die Serie angeblicher Skandale in der Klimaforschung zu bedienen. Sie sind aber nicht in der Lage, den Lesern und Zuschauern seriös und richtig gewichtet mitzuteilen, was derzeit der Stand der Klimaforschung ist und in welchem Zustand sich das globale Klima befindet. Journalisten mauern und behaupten, es sei Aufgabe der Wissenschaftler, ihnen die Wissenschaft so zu erklären, daß sie sie richtig berichten können. So ein Weiterschieben der Verantwortung sieht man zum Beispiel bei diesem Spiegel-Artikel. Dazu will ich gleich noch etwas Hintergrund geben. Der Schreiberling hat genau diese 10 Minuten nicht investiert, um sich diesen Hintergrund zu erarbeiten, und schiebt deshalb die Verantwortung für die Falschberichterstattung der Daily Mail auf Professor Phil Jones. Er meint, Jones, dessen Job es ist, daß die Climate Research Unit ihre wissenschaftliche Arbeit gut macht, hätte bessere Öffentlichkeitsarbeit betreiben müssen. „Jones kümmert sich zu wenig um die Frage, wie Kritiker seine Aussagen missinterpretieren könnten.“ meint Christoph Seidler, der Autor des Spiegelartikels. Liebe Journalisten, ihr werdet dafür bezahlt, zu recherchieren und Informationen verständlich zu berichten. Und investigativer Journalismus heißt, Lobbygruppen auf die Finger zu schauen, wenn sie die Wahrheit verdrehen wollen, nicht unbesehen jeden Müll genau dieser Lobbygruppen als eingebildete Skandale zu verkaufen. Und schließlich: neutrale Berichterstattung kann auch heißen, gezielt nur über die Meinung der Experten zu berichten und dem Kreis der Spinner, Verschwörungstheoretiker und Lobbyisten, die Außenseitertheorien vertreten, eben keine Zeilen zu widmen. Es ist keine neutrale Berichterstattung, seriösen Klimaforschern und Lobbyvertretern die gleiche Zeilenzahl in Artikeln zu geben und Spinnertheorien ohne Wertung neben wissenschaftliche Erkenntnisse zu setzen. Was ich tagtäglich als Journalismus sehe, ist schlampig, oberflächlich, fehlerhaft, faul. Und die Verantwortung dafür tragen die Wissenschaftsredaktionen der Medien, die anscheinend inkompetent besetzt sind.

Beim BBC-Interview hatte Jones korrekte Antworten gegeben, die durch einen kompetenten Journalisten auch richtig interpretiert werden könnten. (Es gibt auch ein qualitativ beseres Interview bei Nature.) Die Daily Mail hingegen hat einfach aus dem Hinweis, daß 15 Jahre ein zu kurzer Zeitraum sind, um einen signifikanten Trend zu berechnen, die Schlagzeile gemacht, daß Jones eine 180 Grad-Wendung gemacht hätte und für die letzten 15 Jahre keine globale Erwärmung sähe. Das ist das Gegenteil seiner Aussage und somit eine Lüge und im Widerspruch zu den Fakten, die ich in der Einleitung des Beitrags nenne. Wie konnte es dazu kommen?

Das Interview von Jones war ein teilweise gesprochenes und schriftlich ausgearbeitetes Interview, bei dem die Fragen vom BBC-Reporter Roger Harrabin gestellt wurden. Den ernennt Seidler kurzerhand zum Umweltexperten, was aber nur heißt, daß der Mann regelmäßig die Berichterstattung zu dem Thema macht. Harrabins Fragen stammen aber gar nicht alle von ihm, sondern teilweise von Leugnern des Standes der Wissenschaft bzw. Lobbyisten gegen CO2-Minderungen (hier irreführend Klimaskeptiker genannt – diese Menschheit treibt nicht Skepsis). Diesen Hinweis am Anfang hat Seidler irgendwie überlesen, dabei erklärt der Hinweis, warum einige der Fragen bereits Wertungen enthalten und Jones keine faire Chance geben, sie offen zu beantworten. Es gibt ja keinen Grund, danach zu fragen, ob ausgerechnet in den letzten 15 Jahren eine globale Erwärmung festzustellen ist, wenn wir das für jeden statistisch signifikanten, längeren Zeitraum feststellen können.

So richtig unrund wird das Interview, wenn der Interviewer scheinbar die vorherigen Antworten vergißt. Nachdem Jones erklärt hatte, daß natürliche Einflüsse in den letzten Jahrzehnten, wenn überhaupt und soweit bekannt, eher einen abkühlenden Trend verursacht haben könnten, kommt die gleiche Frage erneut:

H – Wenn Sie damit übereinstimmen, daß es ähnliche Temperaturanstiege wie heute seit 1850 gab und die mittelalterliche Erwärmung zu erwägen ist, was überzeugt sie, daß die aktuelle Erwärmung wesentlich vom Menschen gemacht ist?

I – Wäre es vernünftig, sich die gleichen wissenschaftlichen Belege mit der Haltung anzuschauen, daß die aktuelle Erwärmung nicht vom Menschen verursacht ist?

Beide Male verweist Jones auf Frage D.

Eine typische geladene Frage ist auch die Frage N.
N - Wenn Wissenschaftler sagen, “die Debatte über den Klimawandel ist vorüber”, was genau meinen sie damit und was nicht?
Jones hätte zurückfragen können, welcher Wissenschaftler denn das gesagt haben soll. Debatten sind in der Wissenschaft nie vorüber, sondern nur in der Politik, weil dort irgendwann gehandelt werden muß, auf der Basis dann vorliegender Informationen, egal wie unvollständig sie dann sind. Die Frage transportiert nach Meinung des Blogs gather.com eine Unterstellung im Sinne von „Haben Sie aufgehört, ihre Frau zu schlagen?“ Jede Antwort dient der anderen Seite. Entweder kann sie sagen, daß auch Jones behauptet, daß die Klimaforschung noch gar keine gesicherten Ergebnisse habe, denn die Debatte sei noch offen, oder unterstellen, daß auch Jones so tue, als gäbe es Dogmen in der Wissenschaft, die nicht mehr debattiert werden dürfen. Joe Romm regt sich in seinem Blog genau darüber ebenfalls auf und meint, Jones hätte nicht so defensiv antworten dürfen. Hier bin ich anderer Meinung. Ein Journalist wird dafür bezahlt, daß er die Öffentlichkeit mit seriösen Informationen versorgt und dazu gehört, daß er sinnvolle Fragen in Interviews stellt und die Antworten gegebenenfalls mit dem erforderlichen Kontext versieht. Vor allem aber ist Jones nicht verantwortlich dafür, daß in der Daily Mail dann seine Worte umgedreht wurden. Denn dafür ist es völlig egal, was er sagt, irgendwas findet man immer, wenn man es sucht.

Der Spiegel berichtet nicht über die Tatsache, daß mehrere britische Zeitungen beim Thema Klimawandel Lügen verbreiten, was ein Skandal erster Güte ist. Und auch in diesem Fall erhält der Leser nicht die vollständigen Informationen vom Spiegel. Wann zieht eigentlich der Spiegel mal Konsequenzen aus seiner fortgesetzt fehlerhaften Berichterstattung, die darauf angelegt ist, daß die Leser ein verzerrtes Bild der Realität erhalten? Dauerndes Mauern, daß Journalisten keine Fehler machen, sondern allenfalls die, von denen sie ihre Informationen erhalten, ist keine Entschuldigung mehr. In einer besseren Realität könnte man den Chefredakteur Rüdiger Ditz fragen, welche persönlichen Konsequenzen er zieht. Aber was schreibe ich da…?

P.S.: Das gleiche gilt leider auch für jede andere Zeitung, die ich lesen konnte, mit einem besonders hohen Müllfaktor in der Welt. Versuchen Sie mal, bei diesem Welt-Artikel zu erkennen, worum es überhaupt geht. Es ist nicht zu glauben, aber auch dieser Artikel bezieht sich auf das BBC-Interview. Das Geschreibsel ist Müll, völlig frei von Quellenangaben und Realitätsbezug und der Schreiberling Ulli Kulke hat hier bezahlte Lügen abgeliefert. Er sollte gefeuert werden und der Chefredakteur der Welt, Thomas Schmid, der seinen Sauhaufen nicht unter Kontrolle hat, gleich mit.

Und noch ein Postscriptum nach einem Blick auf andere Blogs (18.2.2010):
Auch Stefan Rahmstorf war von Kulkes Leistung bei der Welt nicht angetan. Den Spiegel-Artikel fand er vergleichsweise okay - man muß schlechte Leistungen relativ zu Katastrophen sehen, um sie noch loben zu können. Und so gibt es für jeden Hoffnung. Selbst der Weltartikel kann noch unterboten werden durch ein Gratisblättchen. Und ein österreichischer Professor namens Oberhummer gibt mit einem Blogeintrag ein weiteres erschütterndes Beispiel dafür, was man aus dem Jones-Interview machen kann.

Dienstag, 16. Februar 2010

Rajendra Pachauri - Sündenbock als Job

Rajendra Pachauri ist der Vorsitzende des IPCC. Er vertritt das IPCC nach außen und leitet die Tätigkeit der kaum 10 dort angestellten Menschen, die als Sekretariat die Arbeit wissenschaftlicher Arbeitsgruppen unterstützen. Pachauri erhält dafür genau so viel Geld wie die Autoren und Reviewer des IPCC: nix, gegebenenfalls Auslagen erstattet.

Als Frontmann des IPCC ist er das geeignete Ziel, ihn anzupinkeln, wenn man mit den wissenschaftlichen Ergebnissen des IPCC nicht einverstanden ist. Schafft man es irgendwie, so lange Dreck gegen ihn zu schleudern, bis etwas haften bleibt, ruiniert man mit Pachauris Ruf irgendwie auch den des IPCC. Lobbygruppen haben deshalb ein Interesse daran, Pachauris Ruf zu beschädigen, und mit unsauberen Methoden funktioniert es auch. Wie es mit Sabotage läuft, habe ich erläutert. Und die Kampagne erreicht auch die Medien, die dabei mitmachen, ob sie wollen oder nicht, weil das Gesetz der Serie dazu nötigt, nach dem ersten "Skandal" die folgenden zu suchen. Selbst, wenn man dabei die Skandale fabrizieren muß, was in der britischen Presse ein besonderes Problem zu sein scheint, wie Tim Lambert in Deltoid zeigt. Und hier. Und hier. Und hier. Und hier...und noch ein Beispiel von RealClimate...

Irgendwann beeindruckt das sogar Wissenschaftler, die eigentlich keinen Anlaß haben, sich vor den Karren von Lobbyinteressen spannen zu lassen, die auf Dauer auch den fähigsten und ehrenwertesten IPCC-Vorsitzenden angreifen würden, so lange im IPCC-Bericht steht, daß unbegrenzte CO2-Emissionen auf Dauer ein Problem sind. Mehr brauche ich nicht zu schreiben, weil Georg Hoffmann dazu einen so gelungenen Beitrag verfaßt hat, daß es für mich sinnlos wäre, noch eine Zeile dazu zu schreiben. Wer es noch nicht gelesen haben sollte, alles weitere dort.

Bei RealClimate hat man inzwischen die Fehlerstatistik des IPCC zusammengefaßt. Es bleibt dabei: zwei Fehler beim IPCC, WG 2, mit dem Abschmelzen der meisten Himalayagletscher bis 2035 - das IPCC hat den Fehler anerkannt - und dem Anteil der Niederlande, das unter der Meeresoberfläche liegt, wobei die Verantwortung für die Zumeldung einer falschen Zahl bei - den Niederlanden liegt. Die restlichen sogenannten Fehler waren keine, sondern eher Ausdruck der Inkompetenz oder Böswilligkeit der befaßten Journalisten - siehe oben.

Ich wiederhole daher, was ich schon in einem anderen Beitrag geschrieben hatte - es ist erstaunlich, daß über angebliche Skandale, die sich auf wenige Zeilen von drei zusammen weit über 2000 Seiten starken Berichten beziehen, mehr in den Medien erscheint als über die korrekten Kernaussagen der IPCC-Berichte. Die Medien versagen hier völlig bei der neutralen Berichterstattung und desinformieren die Öffentlichkeit, die immer mehr eine völlig andere Ansicht entwickelt als die Fachwelt. Und die Zeitungen in Deutschland sind noch Qualitätsmedien im Vergleich zu vielen Massenmedien in den USA, Kanada, Australien und Großbritannien.

Und da schließt sich der Kreis wieder. Eli Rabett wundert sich in seinem Blogbeitrag, warum man in den Medien fast nichts über ein aktuelles Interview von Pachauri erfährt, in dem er einiges vom Kopf auf die Füße stellt. Aber entlastende Äußerungen zu Pachauri passen nicht in die Serie, die derzeit heißt - IPCC und Klimaforschung allgemein unter Feuer.

Sonntag, 14. Februar 2010

Sabotage

In einigen Beiträgen habe ich diskutiert, daß Fehler in den IPCC-Berichten aufgetreten sind, wie es nun einmal in Berichten dieser Größe zu erwarten ist. Weitaus mehr sind allerdings die „Fehler“, die in den Medien diskutiert werden, eher Ausdruck von Gesetzmäßigkeiten der Medien und von einer konzertierten Aktion politischer und wirtschaftlicher Interessengruppen, ihre Lobbyarbeit zu machen. Ihr Ziel ist es, Regulierungsmöglichkeiten des (amerikanischen) Staates und internationaler Organisationen zu beschränken, Energiepreise niedrig zu halten, so lange es geht und den Einfluß des Menschen auf die Umwelt zu bestreiten, damit möglichst lange keine Klimaschutzmaßnahmen in Kraft treten.

Letztlich ist das Bestreben solcher Gruppe die Verhinderung politischer Maßnahmen und die Sabotage der dafür erforderlichen wissenschaftlichen Arbeit. Nicht unwichtig ist in dem Zusammenhang, daß wir solche Abläufe bereits von der Diskussion um die Gefahren des Rauchens kennen. Vor allem in den USA spielen Lobbygruppen, sogenannte Thinktanks, eine große Rolle, um die öffentliche Wahrnehmung entsprechend den Interessen politischer oder wirtschaftlicher Gruppen zu formen. Ein Beispiel dafür ist die Kampagne gegen die wissenschaftliche Darstellung der Gefahren des Rauchens. Die gewählte Strategie der Tabakindustrie war zum einen, die Kontroverse zu fördern. In der Öffentlichkeit wurde der Eindruck erweckt, es gäbe noch eine wissenschaftliche Diskussion über die Gefahren des Rauchens, als die Wissenschaft hier zu den Grundsatzfragen schon längst einen Konsens erzielt hatte. Diese Strategie wurde von den entsprechenden Instituten, wie George C. Marshall Institute, Heartland Institute usw. auf das Thema des menschengemachten Klimawandels übertragen. In Deutschland gibt es so etwas in dem Ausmaß nicht, obgleich zum Beispiel EIKE, ein Altherrenverein, der vortäuscht ein seriöses europäisches Institut zur Klimaforschung zu sein, in bescheidenerem Maßstab solche Strategien umsetzt. Ich vermute unter anderem, daß Mitarbeiter von EIKE dafür Sorge tragen, daß die Diskussionsforen der Zeitung, z.B. von Welt und FAZ, von Menschen dominiert werden, deren Freizeit anscheinend damit ausgefüllt ist, zu jedem Artikel zum Thema wissenschaftsfeindliche Beiträge zu bringen und die Bewertungen von Artikeln in ihrem Sinne zu manipulieren.

Ich finde daher auch nur im englischen Wikipedia den Begriff „artificial controversy“ „künstliche Kontroverse“, bei man weitere Informationen zu diesem Thema finden kann.

Eine weitere im Rahmen des Abwehrkampfes der Tabakindustrie entwickelten Strategien ist die, nicht die Sache, sondern die Personen anzugreifen. Die Gegner der Tabakindustrie sind die Wissenschaftler, die den Erkenntnisstand zu den Gefahren des Rauchens entwickelten. Billiger als aufwendige Gegenstudien ist es, die Wissenschaftler anzugreifen. Zum einen können die Entscheidungsträger den wissenschaftlichen Gehalt von Studien gar nicht beurteilen. Sie sind darauf angewiesen, den Wissenschaftlern zu vertrauen. Wird das Ansehen der Wissenschaftler durch erfundene Anschuldigungen beschädigt, worüber auch Klimaforscher klagen, kann man sehr effizient die Wirkung wissenschaftlicher Ergebnisse mindern. Zum anderen kann man Wissenschaftler von ihrer Arbeit abhalten, wenn man sich damit beschäftigt, Anschuldigungen abzuwehren und einen immer größeren Aufwand zu treiben, die eigene Arbeit abzusichern. Zumal Wissenschafler typischerweise gar nicht darauf vorbereitet sind, Öffentlichkeitsarbeit und insbesondere Imagekampagnen zu betreiben. Im Gegenssatz zur Industrie haben sie dafür gar keine Mittel. Milliarden für klinische Forschung kann man also gegenhebeln mit wenigen Millionen, um ein paar Pseudoinstitute Stimmung gegen Wissenschaftler machen zu lassen. Am Ende läuft es darauf hinaus, daß das günstigste simple Sabotage an der Wissenschaft ist.

Also reden wir mal über Sabotage gegen die Klimaforschung.

Einen Namen möchte ich dabei hervorheben. Es ist Steve McIntyre. McIntyre ist ein Statistiker, der 30 Jahre lang als Angestellter im Bergbaubereich gearbeitet hatte und nun im Ruhestand ist. Ich denke aber, daß er aus dieser Zeit eine für den (Kohle-)bergbau freundliche Haltung mitbringt und für ihn der Kohleabbau und somit CO2-Emissionen nicht schädlich sein können, da sie nicht schädlich sein dürfen. Er bezeichnet sich selbst, ohne spezielle Vorkenntnisse dafür, als Auditor wissenschaftlicher Arbeit in Verkennung der Bedeutung des Wortes. McIntyre hört keineswegs denen zu, die er angeblich auditiert. Was er macht, ist die Kritik von Arbeiten, soweit sich dadurch politisch wirksam das IPCC angreifen läßt. Er ist weder neutral, immerhin gehört er unter anderem zu den Mitarbeitern des George C. Marshall-Institutes, das zu den Lobbyorganistionen gehört, die unter anderem öffentlich Stimmung gegen die Wissenschaft machen sollen, noch hält er Grundsätze des Audits und des Auditors gemäß ISO 19011:2005 ein. Er ist kein Wissenschaftler und seine einzige Publikation in einer seriösen wissenschaftlichen Zeitschrift ist, abgesehen von Kommentaren oder Antworten auf Kommentaren, zusammen mit dem Ökonomen McKitrick eine Kritik an der Temperaturrekonstruktion von Mann et al 1998. Er hat in dieser Kritik Detailfehler in der Arbeit finden können. Daraus leiten er, seine Anhänger um seinen Blog ClimateAudit und die Leugner, die sich auf ihn beziehen, ab, daß die Arbeit von Mann et al. damit widerlegt sei. Das ist falsch. Warum?

An der Stelle muß ich einen Einschub machen:

Bei wissenschaftlichen Arbeiten im Bereich der Geowissenschaften handelt es sich normalerweise um komplexe Bearbeitungen großer Datenquellen oft unterschiedlicher Quellen. Jeder, der in so einem Bereich gearbeitet hat, weiß, daß es praktisch unvermeidbar ist, daß sich immer wieder einzelne Fehler einschleichen. Gravierende Fehler können einem bei der Arbeit auffallen, und werden in der Regel beseitigt, bevor man in eine Publikation geht, aber Fehler, die sich auf das Ergebnis nicht auswirken, kann man unter Umständen übersehen. Entscheidend für die publizierte Arbeit ist, daß ihre Ergebnisse reproduzierbar sind und man auf ihr aufbauen kann. Stellt man Abweichungen im Detail fest, ist eine Korrektur erforderlich, aber niemand käme auf die Idee, zu behaupten, die ganze Arbeit sei dadurch wertlos.

Es geht sogar noch weiter. Wissenschaft ist keine Juristerei. Im Rechtswesen kann ein Urteil wegen eines Formfehlers ungültig werden. Wenn zum Beispiel Beweismittel nicht verwertet werden dürfen, kann das darauf ruhende Urteil angefochten werden, selbst wenn jeder weiß, daß der Verurteilte unwiderlegbar schuldig ist. Andererseits kann ein auf schwachem Beweismaterial beruhendes Urteil trotzdem voll gültig sein, weil es formal korrekt erteilt wurde. In den Naturwissenschaften ist es genau andersrum. Wissenschaftler würdigen das Beweismaterial und den Erfolg der Feststellungen. Stellt sich heraus, daß eine Feststellung auf teilweise falschen Daten beruht, die Feststellung selbst ist aber aufgrund seiner Vorhersagekraft erfolgreich eingeführt, wird sie nicht wieder aufgegeben. Ein Beispiel dafür sind die Mendelschen Regeln. Sie sind gültig und können inzwischen auf der Basis unserer Kenntnisse über die Genetik bestätigt werden. Aber die von Mendel angegebenen Daten, mit denen diese Gesetze einst bewiesen wurden, sind nach Hinweisen des Statistikers Ronald Fisher zu genau, um glaubwürdig zu sein. Hätte Mendel heutzutage publiziert, würden Nachprüfungen möglicherweise ergeben, daß die Daten geglättet wurden, um besser zu den Ergebnissen zu passen. Es gäbe einen Skandal. Aber an den Mendelschen Regeln würde das nichts ändern.

Das Beispiel zeigt, wo das erste Problem bei der Arbeit von McIntyre liegt. Fehler im Detail zu finden ist keine wissenschaftlich wertvolle Arbeit. Zwar sollten auch Fehler im Detail korrigiert werden, aber weitaus wichtiger ist, ob Feststellungen im Kern richtig sind. Man kann jetzt sehr lange dazu schreiben, ob Mann et al. Arbeit von 1998 richtig oder falsch ist. Es sind aber seitdem viele andere Temperaturrekonstruktionen veröffentlicht worden, aus denen diese Arbeit nicht heraussticht. Siehe Bild 6.10 in Contribution of Working Group I to the Fourth Assessment Report of the Intergovernmental Panel on Climate Change, 2007, Solomon, S., D. Qin, M. Manning, Z. Chen, M. Marquis, K.B. Averyt, M. Tignor and H.L. Miller (eds.), Cambridge University Press, Cambridge, United Kingdom and New York, NY, USA. Keine Temperaturrekonstruktion sticht heraus.



Wenn Mann et al. 1998 falsch sein sollte, müßten ALLE Arbeiten falsch. Wahrscheinlicher ist, daß McIntyre zusammen mit McKitrick auf unwichtigen Details herumreitet. Daran könnte sich nur etwas ändern, wenn irgendeine revolutionäre Entdeckung gemacht wird, die die Grundlagen für ALLE Temperaturrekonstruktionen ändern. McIntyre unternimmt nichts, was in diese Richtung führen könnte. Da seine Arbeit also nur dazu führen kann, daß nach Fehlern im Detail gesucht wird, die an den Kernfeststellungen nichts ändern, ist seine Arbeit alleine auf Obstruktion ausgerichtet, auf das Schüren von Zweifeln an dem Stand der Wissenschaft, ohne selbst etwas konstruktiv dagegen zu setzen. McIntyre, so muß ich vor diesem Hintergrund schließen, hat das Ziel, den Eindruck zu erzeugen, die Temperaturrekonstruktion von Mann et al sei falsch, obwohl er weiß, daß sie im Grundsatz korrekt ist. Dahinter steckt nach meiner Meinung, daß McIntyre hier Lobbyarbeit macht.

Hinweise darauf gibt zum einen die Darstellung der Wegman-Anhörung, in der sich zeigt, daß diese Anhörung eine politische Schauveranstaltung war, in der Michael Mann vorgeführt werden sollte. Beraten wurden die angeblich unparteiischen Untersucher von MacIntyre, der seinerseits mit dem republikanischen Lager gut vernetzt war.

Zum anderen zeigt sich McIntyres Bestreben, Sabotage zu verüben, um mißliebige Wissenschaftler zu behindern oder gar auszuschalten und Zweifel an etablierten Forschungsergebnissen zu produzieren, in seinen Versuchen, mit Anfragen zu Daten Angriffe auszuüben. Fragen nach Daten bei verschiedenen Institutionen sind für McIntyres Agenda immer ein Gewinn. Werden die Daten geliefert, können sie nach Fehlern durchforstet werden. In komplexen Datenmengen findet man fast immer Fehler. Es ist egal, ob diese Fehler signifikant sind. Entscheidend ist das Signal an die Öffentlichkeit, daß wesentliche Daten fehlerhaft seien, auf denen Aussagen zum Klimawandel beruhten. Werden die Daten nicht geliefert, kann McIntyre hingegen die Geheimhaltung wichtiger Daten reklamieren und die Unterstellung nähren, die Klimaforschung hätte Datenmanipulationen zu verbergen. Immer neue Anfragen und Forderungen stören zudem die Wissenschaftler bei ihrer Arbeit.

In einem Beispiel erzeugte McIntyre über seine Schar gläubiger Leugner um seinen Blog ClimateAudit über 40 Anfragen nach dem Informationsfreiheitsgesetz (FOI-Anfragen). Jede FOI-Anfrage muß nach gesetzlichen Regeln bearbeitet werden, auch wenn die Abfrage vermutlich missbräuchlich betrieben wird. Wenn die Anfrage nur gesichtet und dann die Ablehnung begründet wird, ist dies auch noch der harmloseste Fall. Gut 105 FOI-Anfragen in 5 Jahren waren alleine bei der Climate Research Unit zu bearbeiten. Die meisten Anfragen betrafen Daten, die im übrigen aus anderen Quellen hätten beschafft werden können. Klimadaten werden zum Beispiel vom Deutschen Wetterdienst verkauft. Würde McIntyre sie über FOI-Anfragen kostenlos von Forschungseinrichtungen beziehen, könnte der Deutsche Wetterdienst wie alle anderen nationalen Wetterdienste solche Daten nicht mehr kostenlos für Forschungszwecke zur Verfügung stellen. Es gehört nicht viel Intelligenz dazu, zu verstehen, daß McIntyre gar nicht in der Position ist, von allen Einrichtungen beliebig Daten einzufordern, die alleine zu Forschungszwecken zur Verfügung gestellt werden. McIntyre betreibt keine Forschung, er betreibt Lobbyarbeit, und sollte selbstverständlich die Arbeit, die er erzeugt und die Daten, die er abruft, bezahlen. Das macht er nicht.

Es bleibt der Schluß, daß die Anfragen von SteveMcIntyre einfach Mißbrauch waren. In einem Fall war einer der Versender einer FOI-Anfrage noch nicht mal in der Lage, in den Mustertext die Staaten einzusetzen, zu denen er angeblich Informationen wollte. Ein klarer Fall von Sabotage. Kein Wunder, daß man sich bei der Climate Research Unit von McIntyre angegriffen fühlte, und daß Phil Jones darüber nachdachte, Emails löschen zu lassen, die Ziel solcher Anfragen sein könnten. Anschuldigungen im Zusammenhang damit zielten auch auf Michael Mann an der Pennsylvania State University. Eine Untersuchung fand ihn allerdings unschuldig in Bezug auf alle Anschuldigungen (mit einer Ergänzung, die ich unten anbringe). Dazu gehört: keine Email ist tatsächlich gelöscht worden, wie Jones es in der Hitze der Emaildiskussion zunächst wünschte. In der öffentlichen Diskussion wurde aber so getan, als wären Daten versteckt und vernichtet worden, und McIntyre hatte über seinen Blog in aller Boshaftigkeit diesen Eindruck verstärkt. Auch dies ist ein übliches Muster. Hinter diesem Link wird geschildert, wie McIntyre den Eindruck zu erwecken versuchte, Keith Briffa hätte Daten zurückgehalten, bis dann herauskam, daß McIntyre diese Daten schon längst hatte - und Briffa hatte ihm auch gesagt, wie er an sie herankommen könnte. Hier weitere Beispiele dazu, wie McIntyre zu den gehackten Emails Unterstellungen produzierte.


Alle diese Anfragen, Anschuldigungen und provozierten Verteidigungen und Untersuchungen dienen gleichzeitig dazu, der Öffentlichkeit zu suggerieren, die Wissenschaft sei zerstritten und wichtige Wissenschaftler seien unseriös, und eben diese Wissenschaftler von ihrer eigentlichen Arbeit abzuhalten bis dahin, daß Phil Jones sogar dazu getrieben war, über Selbstmord nachzudenken. Wegen Morddrohungen steht er unter Polizeischutz - keine gute Umgebung für wissenschaftliche Arbeit.

Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, welchen Zusammenhang es zwischen dem CRU-Hack gibt und interessierten Lobby-Gruppen, in die McIntyre eingebunden ist. Dies ist alles Spekulation, daher schreibe ich zu diesem Punkt nichts weiter, so lange es keine Ergebnisse der polizeilichen Untersuchungen gibt. Sicher ist bisher nur, daß der CRU-Hack für die genannten Lobbyinstitutionen nützlich war und intensiv ausgenutzt wird, um Stimmung gegen Wissenschaftler zu machen.

Donnerstag, 11. Februar 2010

Gesetz der Serie

Derzeit kommen so viele Nachrichten zu „Skandalen“ in der Klimaforschung, daß ich diesen Beitrag einfach nicht fertig schreiben kann – er ist gleich wieder überholt. Und genau das ist das Thema diesmal.

Die Medien haben ihre eigenen Gesetze. Sie haben das Gesetz der Serie. Danach ist eine einzelnes Ereignis weniger interessant als eine Serie von Ereignissen. Serien machen profane Ereignisse spannend, weil man nun fragt, wann das nächste Ereignis dieser Serie kommt. Journalisten versuchen solche Serien herzustellen, manchmal gewaltsam. Die gegenwärtigen Meldungen zu IPCC und Climate Research Unit geben Beispiele dafür.

In den Medien gibt es auch das Gesetz der Personalisierung von Ereignissen. Menschen sind vor allem an Klatsch interessiert. Daher versuchen Journalisten, alle Ereignisse immer dem Handeln, den Motiven und den Beziehungen von Personen zuzuordnen. Damit muß automatisch an jedem Fehler auch immer eine konkrete Person schuld sein. Sind viele Personen im Kollektiv an etwas beteiligt, versuchen Journalisten eine Person als verantwortlich herauszufiltern, und zwar möglichst die bekannteste Person aus einer Gruppe. Mehrere wenig bekannte Mitarbeiter einer Arbeitsgruppe machen in einem IPCC-Bericht Fehler, aber die Diskussion um die Verantwortung dafür konzentriert sich in den Medien auf Pachauri, der für diese Fehler gar nichts kann.

Ein weiteres Gesetz ist das der Suche nach den Feinden und moralischen Bewertung. Wenn verschiedene Personen diskutieren und am Ende alle etwas dazugelernt haben, ist das für das Publikum langweilig und bringt dem Journalisten keinen guten Artikel. Der Journalist braucht Gegner, die sich bekämpfen und arbeitet daher in seinen Artikel Polarisierungen heraus. Da muß es dann Gute und Böse geben, damit sich der Leser mit dem Kampf identifizieren kann. Wer der Gute und wer der Böse ist, ist eine pragmatische Entscheidung und kann sich schnell ändern. So braucht es einen nicht zu wundern, wenn Journalisten beim britischen Guardian, der politisch eher links steht und beim Thema Klimawandel eher gründe Positionen unterstützt, ziemlich brutal über die Climate Research Unit und ihren Direktor Professor Jones herzieht, wenn die Erzählung für das Publikum es erfordert. Ob die moralische Entrüstung über Fehler bei CRU angemessen ist, werde ich noch erläutern.

Und schließlich gibt es das Gesetz der Aktualität. Nichts ist so alt wie die Nachricht von gestern. Daher läuft in den Medien alles unter Zeitdruck ab. Und das heißt, daß Journalisten erwarten, daß eine Anschuldigung innerhalb von Stunden widerlegt wird, sonst behandeln sie die Anschuldigung als anhängig und wirksam. Kein Journalist wartet mit einer Meldung nur aufgrund des Hinweises, daß man erst mal alle relevanten Informationen sammeln sollte, bevor man die Meldung bringt. Wenn erst wesentlich später eine Reaktion kommt, selbst wenn sie dann fundiert ist, ist sie bereits veraltet und nicht mehr oder nur eingeschränkt berichtenswert. Der Skandal ist in der Welt und bleibt. Daher verstehen Journalisten unter einem guten Umgang mit Fehlern, daß man direkt nach dem Bekanntwerden entweder druckreif dementieren kann oder zumindest einen Schuldigen benennen und Konsequenzen verkünden kann, sonst gilt das Krisenmanagement als unangemessen. Auch hierfür liefert CRU ein Beispiel.

Nehmen wir als das Gesetz der Serie. Da war zuerst der Diebstahl von Emails der Climate Research Unit, die den Professor an der University of East Anglia Dr. Philip Jones ins Rampenlicht schob, womit zugleich die Ereignisse personalisiert werden konnten. Die Meldung, daß die Emails gehackt wurden und auf einer Webseite bereitstünden, hat verdächtig schnell nach dem Hack ein als Leugner bekannter Mitarbeiter bei der University of East Anglia, Paul Dennis, an Watts, McIntyre und andere Betreiber bekannter Leugnerblogs gesendet. Über die Blogs wurde dafür gesorgt, daß die gehackten Emails weite Verbreitung fanden und sorgfältig skandalisiert wurden. Die britische Zeitung The Guardian hat eine ganze Artikelserie dazu. Aber der wesentliche Teil ist hinter diesem Link.


Die gehackten Emails selber sind natürlich ergiebiges Futter für Skandale aus einem schlichten Grund: Emails sind ein Zwischending zwischen Brief und Gesprochenem. Man formuliert salopp, schickt manchmal ab, ohne Korrektur zu lesen und ohnehin schreibt man, wenn man sich unter vier Augen weiß so manches, das man bereits in der Gruppe unterlassen würde. Vor allen Dingen kotzt man sich in Emails auch mal aus, um dann danach, schon abreagiert, so manche angedrohte Tat doch zu unterlassen. Wenn dann solche Emails plötzlich in die Öffentlichkeit gezerrt werden, stehen die Schreiber mit runtergelassenen Hosen da. Niemand sieht in der Pose elegant aus. Und das trifft eine weitere Neigung der Medien: die Neigung zu skandalisieren. In diesem Fall, behandele Äußerungen in Emails so, als stünden sie irgendwo in Stein gemeißelt und durchforste sie auf den Verdacht auf Fehlverhalten. Das ist möglich, indem verfängliche Stellen aus dem Zusammenhang geschnitten und böswillig interpretiert werden. Etwa die elegante Methode, Paläotemperaturdaten und die globalen Messungen zusammenzufügen, wurde als Trick bezeichnet. Böswillige Interpretation macht daraus einen Trick, eine angebliche globale Abkühlung zu verbergen. In einer anderen Email ist Phil Jones so genervt von dem Mißbrauch von Anfragen auf Basis des Informationsfreiheitsgesetzes, daß er im Zorn schreibt, man solle alle Emails löschen, die dies betreffe. Untersuchungen haben gezeigt, daß keine Emails gelöscht wurden. Trotzdem wurde Jones unterstellt, er hätte illegal Informationen vernichten wollen. Rein rechtlich gesehen war das Vorhaben illegal, die Tat allerdings verjährt. Doch es bestehen Zweifel, ob der Ausbruch im Zorn ernst gemeint war, denn wie gesagt, wurde er nicht umgesetzt. Ein weiterer Vorwurf war, daß die Emails gezeigt hätten, daß Jones, Mann und andere Arbeiten unliebsamer Konkurrenten aus dem IPCC-Bericht der Arbeitsgruppe 1 heraushalten wollten, selbst wenn dabei umdefiniert werden müßte, was fachbegutachtete Literatur ist. Auch dies war eine Formulierung, die nachweislich so nicht umgesetzt wurde. Die dabei erwähnte Arbeit von McKitrick und Michaels 2004 zu Korrelationen zwischen Temperaturanstieg und ökonomischen Zentren wurde im IPCC-Bericht durchaus zitiert, wovon man sich hier leicht überzeugen kann. Bei über 1000 Emails läßt sich so eine Serie angeblicher Skandale produzieren, sehr zum Vergnügen der Presse, die das Gesetz der Serie liebt und zugleich personalisieren und skandalisieren kann. Umso besser, wenn es dabei nach Streit unter Wissenschaftlern aussieht. Und hier gehen wir von den CRU-Emails zum IPCC hinüber.

Journalisten wollen, daß ihre Werke Leser finden. Leser wiederum wollen nicht einfach Informationen haben, sie wollen spannende Informationen haben, im Zweifelsfall lieber spannendes als informatives. Spannend sind Kontroversen, nicht der Konsens. Wenn es irgend geht, sollte der Journalist die Kontroverse berichten. Deshalb bekommen Spinnertheorien, Leugner und Betroffenheitstrolle in den Medien ungefähr so viel Raum wie die gesamte seriöse Wissenschaft – und das ist schon ein gutes Verhältnis. Nur ein Beispiel: die Berichterstattung über die empfundenen IPCC-Pannen nimmt um über eine Größenordnung mehr Raum ein als die Tatsache, daß die abgelaufene Dekade die höchste mittlere Temperatur seit Beginn der globalen Messungen zeigte und zwar in etwa der Größe, wie von den Modellen erwartet. Die Behauptung, es gäbe in diesem Jahrzehnt eine globale Abkühlung oder Pause in der globalen Erwärmung, ist gründlich von den Messungen widerlegt. Aber eben, weil es nur ein Bestätigung dessen ist, was wir schon wissen, ist die Meldung langweilig und nicht berichtenswert. Daß die IPCC-Berichte nicht 100% fehlerfrei sind, ist hingegen für die Medien eine Überraschung. Da wird jetzt jedes Detail berichtet, egal wie unrepräsentativ und unbedeutend es ist. Ich bin mir sogar ziemlich sicher, daß jetzt bereits mehr über die Fehler oder eingebildeten Fehler der IPCC-Berichte geschrieben wurde als 2007 über den Inhalt der Berichte bei ihrer Veröffentlichung. Für die Öffentlichkeit heißt das, daß sie eine ausführlichere Berichterstattung über einige fehlerhafte oder nicht ganz einwandfreie Absätze des Werkes erhält (weniger als 1% davon) als über den tatsächlichen Inhalt in den übrigen über 2000 Seiten und insbesondere über die Kerninhalte, die den tatsächlichen Konsens der Wissenschaft wiedergeben.

Nachdem mit den fehlerhaften Angaben zum Abschmelzen der Himalaya-Gletscher das Eis gebrochen war, folgte ein echter oder angeblicher Fehler dem anderen. In fast allen Fällen hielt der Fehler nicht, was die Skandalankündigung versprach. In Amzonasgate ging es darum, daß Angaben zum Anteil des durch die Erwärmung gefährdeten Regenwaldes falsch seien und von der Literatur nicht gedeckt würden, wie James Delingpole in der britischen Zeitung auf Toilettenpapierstatus Daily Telegraph behauptete. Es stellte sich heraus, daß die Angaben auf einen Artikel in Nature zurückgingen und korrekt waren, nur hätte man besser auch Nature zitiert, statt einem WWF-Bericht, der wiederum den Nature-Artikel zitierte (Soares-Filho, B. S., D. C. Nepstad, L. M. Curran, G. C. Cerqueira, R. A.Garcia, C. A. Ramos, E. Voll, A. McDonald, P. Lefebvre, and P.Schlesinger (2006), Modelling conservation in the Amazon basin, Nature, 440(7083), 520-523.). Allerdings war dabei ein Problem, daß der Artikel nicht mehr innerhalb des Redaktionsschlusses des IPCC-Berichts publiziert wurde.

Dann stellte sich heraus, daß an einer Stelle des IPCC-Berichts eine falsche Prozentangabe zum Anteil der Niederlande gegeben wurde, die unter dem Meeresspiegel lägen. Der Fehler ist vor allem peinlich, da so etwas in einem beliebigen Geographiebuch über die Niederlande nachgeschlagen werden könnte, ist aber alles andere als ein Skandal

Im IPCC-Bericht erläutert die Arbeitsgruppe 2, daß ein Drittel der Bevölkerung Afrikas in dürregefährdeten Regionen lebten. Sie beziehen sich auf Seite 11 eines Berichts des World Water Forum, aus dem aber nicht klar wird, welche Region damit eigentlich gemeint wird. Auch hier wieder gibt es keinen echten Skandal, wenn man sich im Original anschaut, daß es hier um einen einzigen Satz geht, bei dem über ein unsauberes Zitat von einer Region auf den Kontinent generalisiert wurde.

Angereichert wird die Liste der Fehler bzw. „Fehler“ im IPCC-Bericht durch Enthüllungen über Pachauri. Da ist die TERI-Geschichte, bei der Pielke jr. Unterstellungen gesät hatte, die er nicht belegen kann. TERI ist eine Non-profit-Organisation, von der Pachauri ein fixes Gehalt bezieht. Der Vorsitz beim IPCC selbst ist ein unbezahltes Ehrenamt. Einflußnahme von Pachauri auf den Inhalt des Asienkapitels der Arbeitsgruppe 2 ist eine absurde Behauptung und durch nichts belegt, daher auch eine reine Unterstellung, daß hier TERI unterstützt werden sollte.

Es geht aber noch absurder. Das britische Toilettenpapier Daily Telegraph schreibt hier, daß Pachauri einen Roman geschrieben hätte und nutzt das, um die Seriosität Pachauris anzuzweifeln. Da die Skandalserie erst mal aufgebaut ist, kann sogar ein solches Nichts einer Meldung plaziert werden, um dabei zu skandalisieren und zu personalisieren. Man greift Pachauri an, um damit das IPCC zu erledigen, womit wiederum die Aussagen des IPCC erledigt werden sollen. Die globale Erwärmung verschwindet damit zwar nicht, aber Umfragen zeigen, daß der Zweifel an den Aussagen des IPCC bei der Bevölkerung wächst. Und nur darum geht es. Daß einige Wissenschaftler nun auch Pachauris Abgang fordern, paßt gut in die Serie und wird in den Medien gerne aufgegriffen. Vielleicht sind diese Wissenschaftler aber naiv, denn im Grunde hält keiner der Vorwürfe gegen Pachauri der näheren Untersuchung stand. Daß Pachauri Industriekontakte hat und kein Klimawissenschaftler ist, war bei seiner Berufung bekannt und damals sogar der Grund seiner Berufung. Seine Abberufung wäre reine Symbolpolitik. Verbesserungen bei der Erstellung der IPCC-Berichte sind eher eine Frage der Organisation des Zeitplans für die Veröffentlichung und der Einführung einer Fachbegutachtung der Arbeitsgruppen 2 und 3 durch die Arbeitsgruppe 1, Das kann mit oder ohne Pachauri eingeführt werden.


Am Ende führt das Gesetz der Serie dazu, daß selbst Journalisten, die bisher eher ausgewogen oder IPCC-freundlich berichteten, plötzlich auf den rollenden Zug aufspringen. Da wäre Monbiot, der sich mit dem „Skandal“ der verlorengegangenen chinesischen Stationsorte befaßt und Revkin, der einen Kommentar zum IPCC-Bericht im Entwurfsstadium fälschlich auf die Endfassung bezieht und noch einen draufsetzt.

Der britische Guardian hatte anhand der CRU-Emails Hinweise gefunden, daß Jones bei einem 1990 zusammen mit Wang veröffentlichten Artikel zum Wärmeinseleffekt in chinesischen Temperaturdaten Probleme hatte, die Stationsmetadaten wiederzufinden. Diese waren verloren gegangen. Damit war aber die Arbeit von 1990 erst mal nicht reproduzierbar, was nicht sein darf. Zudem kam der Verdacht auf, Wang hätte schlampig gearbeitet und daher wäre nicht auszuschließen, daß durch Verlegungen von Stationen deren Zeitreihen inhomogen seien. Dann könnte man daraus keine Aussagen ableiten, wie stark sich der Wärmeinseleffekt bei ihnen ausgewirkt hat. 1990 ist aber lange her. Wie ich schon schrieb, gibt es inzwischen eine Reihe anderer Arbeiten zum Thema. Noch wichtiger aber ist, daß man die alten Zeitreihen mit aktuellen Zeitreihen für die damals gewählten Stationen vergleichen kann, indem man halt die chinesischen Daten neu auswertet. So kann man schauen, ob die damals hergestellten Temperaturzeitreihen korrekt waren. Wahrheitsfindung nach Journalistenart sieht hingegen folgendermaßen aus. Der Guardian schreibt einen Artikel, in dem verbreitet wird, daß es hier einen neuen Skandal gäbe: der Leiter der Climate Research Unit Phil Jones hätte Fehler in den alten Daten vertuschen wollen. Wie gesagt, waren die Stationsmetadaten verloren gegangen und mußten neu beschafft werden. Für die Journalisten ist das eine über 20 Jahre gehende Vertuschung, daher wird natürlich Jones Kopf gefordert, Verzeihung, sein Rücktritt. Die zeitliche Dynamik findet sich dann im Blog des Guardian-Journalisten Monbiot. Weil die University of East Anglia bis zum nächsten Morgen nach dem Artikel noch keine Stellungnahme liefern konnte, sollte nach seiner Meinung auch gleich noch die PR-Sekretärin abtreten. Tatsächlich lieferte die Universität aber an diesem Tag eine Stellungnahme ab, in der man nachlesen konnte:
1. Die in einer Anfrage geforderten Daten und Stationsmetadaten waren zwischenzeitlich beschafft und veröffentlicht worden.
2. In einer Publikation von 2007 konnte man die Zeitreihen reproduzieren (siehe Graphik hinter dem Link).
3. Weitere Publikationen seit 1990 von verschiedenen Autoren brachten vergleichbare Ergebnisse, die als Bestätigung der Arbeit von Jones und Wang 1990 dienen können.
An sich ein Freispruch erster Klasse. Aber nicht für Monbiot, der nun einmal in Jones den Bösen dieser Geschichte identifiziert hat und ihn nicht mehr laufen lassen kann. An der Diskussion zum Blogartikel fällt einem jedenfalls auf, daß sämtliche Argumente an dem Mann abperlen, den ich sonst als eher gutwillig und kompetent kennengelernt hatte.

Der andere Fall bezieht sich auf Andrew Revkin, einen früheren Journalisten der New York Times, der relativ zu vielen seiner Kollegen einen anständigen Wissenschaftsjournalismus zustande brachte. Doch im Sog der ganzen sogenannten Skandale ist auch er schließlich auf den Zug aufgesprungen (oder eher darunter). Er hat ein Machwerk aus dem Blog eines gewissen Bishop Hill zum Anlaß genommen, einen völlig absurden Angriff auf den Bericht der 1. Arbeitsgruppe beim IPCC zu starten. Jener Blogger hatte eine Kritik eines Wissenschaftlers zu einem Rohentwurf der Zusammenfassung des 9. Kapitels so gepostet und kommentiert, als hätte sich der Wissenschaftler Dr. Lacis auf den fertigen Bericht bezogen. Der Bericht wurde aber danach überarbeitet. Lacis hat selbst erklärt, daß er mit dem Bericht inzwischen einverstanden ist. Eine klassische Nichtmeldung also. Aber da wir schon die Serie haben, muß da doch ein Skandal zu holen sein? Den fabriziert Revkin zunächst mal, indem er fleißig Leugnerblogs zitiert, statt seriöse Quellen, obwohl eigentlich jeder weiß, was er z.B. von Watts Up With That als Quelle zu halten hat. Und weil Lacis, wie gesagt, einfach den Skandal wegwischte, indem er darauf hinwies, daß der überabeitete Artikel nun seiner Meinung nach ok sei, suchte Revkin halt nach seinem eigenen Skandal. Und fand dann heraus, daß, wenn man zwei Sätze einfach aus dem Zusammenhang reißt und mal ganz schnell vergißt, daß rund herum lauter Hinweise darauf stehen, daß man immer gewisse Restunsicherheiten berücksichtigen müsse, man in diese Sätze hineinlesen könnte, daß hier behauptet würde, die anthropogene Erwärmung sei in Temperaturmessungen sicher nachgewiesen worden. Also, einfach etwas aus dem Zusammenhang reißen und schon hat man dem IPCC wieder einen Skandal nachgewiesen. Und die nachfolgende Diskussion zeigt dann die völlige Beratungsresistenz des Journalisten, sobald er sich in eine Ansicht verbissen hat.

Das Gesetz der Serie sorgt dafür, daß inzwischen viele Menschen davon überzeugt wurden, das IPCC sei eine völlig desolate Institution, bei der Köpfe rollen müßten und alles geändert werden müßte. Und natürlich finden sich inzwischen auch Wissenschaftler, die Änderungen fordern. Von der ganzen Medienkampagne bleibt wohl keiner unberührt. Irgendwie geht aber dabei unter, daß die IPCC-Berichte zu 99,9% unbeanstandet geblieben sind und sich die meisten Anschuldigungen als heiße Luft erwiesen haben. Das Thema Hurrican-Gate überlasse ich dann mal folgenden Quellen (hier bei Klimakrise und hier bei Rabett Run) und verweise außerdem für wichtige Hintergründe hierhin (inklusive der weiteren Links dort), denn ich habe keine Lust noch mehr dazu zu schreiben...

Sonntag, 31. Januar 2010

Betroffenheitstrolle

Überarbeitet am 4.2.2010 und weitere Korrektur am 27.2.2010:

Im englischen Internetjargon gibt es den Begriff des „concern troll“. Der Troll ist jemand, der Diskussionen stört, indem er andere provoziert. Ziel ist es, durch übertriebene, falsche, aggressive oder unsinnige Beiträge emotionale Reaktionen zu provozieren, die Diskussion vom Thema abzubringen oder Zweifel an eigentlich akzeptierten Vorstellungen zu erzeugen. Der „concern troll“, den ich mal als Betroffenheitstroll übersetze, ist eine besondere Variante. Er tut so, als akzeptierte er den Konsens in einer Gruppe, stellt diesen aber indirekt in Frage, indem er vorgibt, Probleme bei der eigenen Haltung zu finden und Grund zur Besorgnis zu haben, dass die eigene Haltung falsch ist. In Wahrheit teilt der Betroffenheitstroll durchaus nicht den Konsens, aber das versucht er zu verbergen.

Den Betroffenheitstroll findet man auch in der Klimadiskussion, wenn sich Menschen zu Wort melden, die sagen, daß sie selbst an die globale Erwärmung glauben und auch glauben, daß menschliche Treibhausgasemissionen daran schuld wären, aber bestimmte Dinge nicht verstehen. Und dann kommen so nach und nach die klassischen Einwände der Leugnerszene. Da man im Internet schwer die Motive von anderen feststellen kann, sondern sie aus der Art der Beiträge indirekt erschließen muß, kann es unter Umständen schwierig sein, einen echten Skeptiker, der nur einige Fragen loswerden will, vom „concern troll“ zu unterscheiden. Einen echten Skeptiker kann man mit Antworten befriedigen, einen „concern troll“ niemals. Für den gelegentlichen Leser mag es daher auch irritierend sein, wenn ein erfahrener Leser den „concern troll“ schon nach einem Beitrag erkennt und als solchen angreift, wenn er nach Meinung des unerfahrenen Lesers nur sehr berechtigte Zweifel vorgebracht hat, die man doch höflich beantworten könnte. Die höflichen Antworten stehlen natürlich letztlich Zeit, die produktiver verbracht werden könnte und auch das ist eines der Ziele des Betroffenheitstrolls.

Den „concern troll“ gibt es in Varianten auch in der öffentlichen Diskussion. Es kann ein Wissenschaftler sein, der vordergründig den wissenschaftlichen Erkenntnisprozess vorantreiben will, indem er vorhandene Ergebnisse hinterfragt. Wenn aber die ganze Arbeit nur aus Hinterfragen besteht und niemals gesicherte Ergebnisse produziert werden, sondern immer nur Baustellen bleiben, ist hier wohl ein „concern troll“ an der Arbeit, der gar nicht will, daß man zu Ergebnissen kommt. Ein Beispiel dafür ist McIntyre und sein Blog Climate Audit, in dem er als selbst ernannter „Auditor“ Fehler in der Klimaforschung aufdecken will. Selbstredend findet er Fehler praktisch nur beim IPCC und bei der Forschung, die die globale Erwärmung aufgrund von Treibhausgasen feststellt. Und selbstredend ist das, was er als Fehler feststellt, letztlich in der Regel widerlegbar oder es sind Details ohne Effekt auf die eigentlichen Ergebnisse. Seine Feststellungen zusammen mit McKitrick über Fehler bei Temperaturrekonstruktionen durch Mann et al. 1998 haben z.B. an den eigentlichen Resultaten, der sogenannten Hockeyschlägerform der globalen Temperaturkurve der letzten 1000 oder 2000 Jahre nichts geändertdies ist von der Forschung seitdem immer wieder bestätigt worden. Auch ein Fehler in Temperaturaufzeichnungen der USA, wie sie von NOAA und GISS verwendet wurden, waren für die globale Temperaturkurve völlig bedeutungslos und änderten auch nicht die relative Reihenfolge der Jahre in den USA bei der mittleren Jahrestemperatur. Für das Nichts an erreichten Ergebnissen haben McIntyre und sein Blog allerdings den Betroffenen erhebliches an Zeit durch nervende Informationsanfragen gekostet. Kein Wunder, daß einige angefragte Stellen, wie die Climate Research Unit, diese Informationsanfragen als Versuch der Sabotage wahrnahmen und sich überlegten, wie sie McIntyre und andere seines Schlages, die Informationsnachfragen offensichtlich nur verwendeten, um Munition für weitere Angriffe zu finden, abwehren könnten.

Als solche Überlegungen durch die gestohlenen Emails verbreitet wurden, war das für andere Betroffenheitstrolle Gelegenheit, die Politisierung der Wissenschaftler zu beklagen, als wäre die nicht etwa von den Angriffen auf die Wissenschaft erzeugt worden, sondern von den angegriffenen Wissenschaftlern. Unter denen, die sich da meldeten war, welche Überraschung, auch der „honest broker“ von Storch. In den USA gibt es andere, die den Begriff des „honest brokers“ für sich in Anspruch nehmen und damit trollen. Da ist es Roger Pielke junior, ein Soziologe und Umweltökonom, der in der Regel den Standpunkt vertritt, daß es zwar eine globale Erwärmung gibt, daß man aber nicht genau wisse, wie stark sie ausfallen könne. Da die Bekämpfung der globalen Erwärmung Geld kosten würde, sollte man Kosten für Schäden durch die globale Erwärmung und ihre Bekämpfung gegeneinander abwägen. Natürlich, wenn Pielke jr. sich mit dem Thema beschäftigt, kommen die Kosten der Erwärmung niedrig und die Kosten für die Bekämpfung hoch heraus und am billigsten wird es nach Meinung von Pielke jr., wenn man wartet, bis neue Technologien entwickelt wurden, die die Reduktion der Treibhausgasemissionen billiger machen würde. Bis dahin tut man besser gar nichts. Eine Haltung, die von 1979 (JASON-Report) bis 2007 (4. IPCC-Bericht) volkswirtschaftliche Schäden von vermutlich über 100 Milliarden Euro verursacht hat, denn um mindestens so viel könnte die Bekämpfung des Klimawandels billiger sein, hätte man schon um 1980 begonnen, die Emission von Treibhausgasen zu begrenzen. Pielke jr. ist nach Meinung von Umweltaktivisten wie Joe Romm eine Sonderform des Klimaleugners, ein sogenannter Verzögerer, der nicht den Klimawandel leugnet, aber Argumente dafür sammelt, jede Maßnahme dagegen zu verzögern – auch dies eine Taktik, um Gewinne z.B. bei Unternehmen der Energiebranche zu maximieren und Steuererhöhungen zu verhindern.

Roger Pielke jr. sollte man nicht mit seinem Vater Roger Pielke senior verwechseln. Pielke sr. ist Meteorologe, der in einigen Bereichen der Klimaforschung tätig ist. Und auch er ist ein „honest broker“, der vorgibt, zwischen Leugnern, die er Skeptiker nennen würde und den Wissenschaftlern, die er als eine Gruppe von ihnen bezeichnen würde, und dabei den Begriff „Alarmisten“ höflich umschreiben würde, vermitteln zu wollen. Neutral ist diese Vermittlung nicht. Er fragt, ganz Betroffenheitstroll, dann nach, ob wir den Messungen der Temperatur am Boden trauen können, oder sie nicht durch den Wärmeinseleffekt verfälscht seien. Als graue Eminenz steht er hinter dem Projekt surfacestations.org, dessen offizieller Frontmann der Wetternachrichtensprecher Watts ist, der auch den Leugnerblog Wattsupwiththat betreibt. Hier betont man als Problem neben dem eigentlichen Wärmeinseleffekt der sich ausbreitenden Städte vor allem sogenannte "micro site issues", kleinskalige Störungen der Messungen, weil zum Beispiel eine Klimaanlage am Meßort die Messungen stören könnte. Nach Meinung der Leute bei surfacestations.org ist anscheinend zu erwarten, daß solche Störungen den Stationen ausschließlich einen Erwärmungstrend aufzwingen könnten. Man muß halt sehr feste daran glauben... Allen ernstes versucht man hier, durch Fotographien von Wetterstationen in den USA (2% der globalen Beobachtungsfläche) zu beweisen, daß diese Stationen von so schlechter Qualität seien, daß keine belastbaren Aussagen zum globalen Temperaturanstieg möglich seien. Diese Unterstellung ist offensichtlich lächerlich. Selbst wenn die Messungen in den USA kontaminiert wären, wäre das für die globale Temperaturentwicklung nahezu bedeutungslos. Hier dominiert der Temperaturanstieg über den Meeren, wo ein Wärmeinseleffekt sicher keine Rolle spielt. Das zeigt auch der Vergleich mit den Satellitenmessungen, die ebenfalls vom Wärmeinseleffekt nicht betroffen sind. Das zeigte auch eine Studie von NOAA, die die Temperaturentwicklung guter und schlechter Messstationen laut Watts verglich und keine signifikanten Unterschiede fand. Auch eine erneute Analyse von Menne et al. 2010 zeigte, daß die Klassifizierung von Watts, die von Pielke sr. im Hintergrund gedeckt wurde, nahezu bedeutungslos für die Temperaturentwicklung ist.

Also: Betroffenheitstrolle geben vor, zu einer Gruppe zu gehören, betrachten diese Gruppe oder die in ihr gehaltenen Überzeugungen vorgeblich kritisch und betroffen, und versuchen so, Zweifel in dieser Gruppe zu erzeugen oder ihre eigene Agenda zu betreiben, wie zum Beispiel, Ansehen als kritischer und unabhängiger Kommentator zu gewinnen. Das kann dann auch helfen, zum Beispiel eigene Bücher zu vermarkten (wenn man unbedingt Motive suchen will).

Ein Beispiel für Betroffenheitstrollen geben zwei der vorgenannten Personen und eine dritte, nämlich von Storch, Pielke jr. und Roger Tol. In einem Artikel, der bei Spiegel Online heißt „Rettet den Weltklimarat“, zumindest für Pielke jr. wohl kaum etwas, was der Mann retten will, eher behindern, geht es im Grunde darum, daß in den über 2000 Seiten der drei Berichte der IPCC-Arbeitsgruppen bei Detailfragen in zwei Absätzen Fehler oder Fehlinterpretationen in die Berichte gelangt sein könnten. Fehler in so einem Bericht seien unvermeidbar, versichert von Storch hastig, um danach so zu argumentieren, als seien sie vermeidbar. Oder warum muß nach von Storchs Meinung deswegen der IPCC-Vorsitzende zurücktreten? Die Betroffenheitstrolle sehen mehrere Probleme. Zunächst mal sei dem IPCC anzulasten, daß jemand dem Climate Research Unit Emails geklaut und dann veröffentlicht hat. Eine aberwitzige Argumentationskette. Wenn überhaupt, zeigt der indiskrete Blick in diese Emails erstens, daß tatsächlich vom CRU keine Daten verfälscht wurden, was ihnen von Leugnern immer gerne unterstellt wurde. Zweitens kann auf Basis der Emails keine einzige wissenschaftliche Feststellung zum Klimawandel revidiert werden. Sonst wäre das nämlich inzwischen geschehen. Drittens geht aus den Emails hervor, daß man von Betroffenheitstrollen der Sorte McIntyre genervt war, und deshalb bestimmte Emails gerne gelöscht sähe. Der Zirkus nach der Veröffentlichung der gestohlenen Emails gibt den CRU-Wissenschaftlern sogar recht. Trotzdem sind sie formaljuristisch dazu verpflichtet, auch auf offensichtliche Sabotagenachfragen eines McIntyre entsprechende Informationen herauszurücken. Allerdings ergab eine Untersuchung des Vorfalls im Vereinigten Königreich kein Fehlverhalten der CRU-Wissenschaftler (im Gegensatz zu verbreiteten Unterstellungen). Vor allem bei dem Punkt sieht von Storch einen Skandal, der nach meiner Meinung allerdings im krassen Mißverhältnis zu seinem Betroffenheitstheater und seinen geforderten Maßnahmen steht. Wie auch immer, egal was man da dem CRU vorwerfen möchte, was hat das IPCC damit zu tun? Eine Frage, die die Logikschalteinheiten nicht nur bei von Storch, sondern auch bei vielen Journalisten überfordert. Viertens haben in den gestohlenen Emails zwar auch mehrere Wissenschaftler darüber geredet, wie man bestimmte Artikel aus den IPCC-Berichten heraushalten könne. Was dabei von den Kritikern aber nicht thematisisert wird, ist, daß es sich dabei um Artikel handelt, bei denen einzelne Wissenschaftler versuchen, Politik zu machen, indem sie fehlerhafte oder verfälschende Darstellungen in Fachzeitschriften hineingebracht haben, etwas, was die Fachbegutachtung oft verhindern kann, aber eben nicht immer. Ganz konkret ging es dabei unter anderem um Studien, in denen die globale Erwärmung mit Wärmeinseleffekten aufgrund fragwürdiger Korrelationen erklärt werden sollte (McKitrick und Michaels 2004), ein klares Beispiel dafür, wie Leugner über Pseudowissenschaft Politik machen wollen, denn zwar findet man die stärkste Erwärmung da, wo, wie diese Wissenschaftler feststellen, die sozioökonomischen Zentren sind,, aber die sozioökonomischen Zentren liegen nun einmal auf der Nordhalbkugel über Land, wo nach der Theorie auch die globale Erwärmung am stärksten ausgeprägt sein soll. Eine typische Scheinkorrelation, die durch schlechte Arbeit der Fachbegutachter in eine Fachzeitschrift rutschte. So etwas sollte bei einem Übersichtsartikel aussortiert werden. Darüber wurde in den Emails geredet. Und das ist für von Storch skandalös, der als „honest broker“ sicherstellen möchte, daß auch schlechte Artikel im IPCC-Bericht diskutiert werden, oder was ist es, was er da will?

Der nächste Vorwurf der drei Leute, die vorgeblich das IPCC durch Säuberung retten wollen, betrifft angebliche Interessenkonflikte. IPCC-Vorsitzender Pachauri habe persönlich davon profitiert, daß im IPCC-Bericht der zweiten Arbeitsgruppe zu sozialen, ökologischen und ökonomischen Folgen des Klimawandels gestanden habe, daß die Himalaya-Gletscher bis zum Jahr 2035 zum größten Teil abgeschmolzen sein könnten, falls der Klimawandel dramatisch voranschreite, denn eine Gesellschaft, in der Pachauri involviert sei, TERI (Energy and Resources Institute), habe auf Basis des falschen Absatzes im IPCC-Bericht einen Forschungsauftrag erhalten. Daran ist nur wahr, daß Pachauri Vorsitzender des Institutes ist und dieses Institut einen großen Forschungsauftrag zu den Folgen eines Abschmelzens der Himalaya-Gletscher erhalten hat. Roger Pielke jr. reine Vermutung ist aber, daß TERI nicht mit dem Forschungsauftrag bedacht worden wäre, wenn es den besagten Absatz im IPCC-Bericht nicht gegeben hätte. Tatsächlich ist es so, daß wir definitiv wissen, daß die Gletscher im Himalaya, wie weltweit, in der Mehrzahl (bis auf einige Ausnahmen), deutlich zurückgehen und daß dies langfristig Folgen für den lokalen Wasserhaushalt hat. Auch wenn die Himalayagletscher bis 2035 nur zu einem Teil zurückgehen, bis 2100 sind Folgen für die Wasserversorgung in Teilen Asiens denkbar und eine Erforschung dieser Folgen ist ein relevantes Thema für Indien. Pielke jr.'s Unterstellung basiert aber auf einer Annahme, die noch viel schwankenderen Grund bietet: Pachauri wird nämlich keine Gelegenheit gehabt haben, den Wissenschaftlern, die am Kapitel 10 des Berichts der zweiten Arbeitsgruppe des IPCC geschrieben hatten, die Weisung zu geben, sie sollten die Risiken bei den Himalaya-Gletschern übertreiben. Pielke jr. macht sich auch keine Mühe, diese üble Nachrede plausibel zu machen. Das überläßt er der Phantasie des überraschten Publikums, dem die Hintergründe nicht so ganz klar sind. Es ist in dem Zusammenhang wohl auch sinnlos, wenn Pachauri darauf hinweist, daß er persönlich keinerlei Einnahmen aus TERI erhält und daher auch im Sinne der IPCC-Regeln kein Interessenkonflikt vorliegt.

Überhaupt Skandal über Skandal, die alle die Glaubwürdigkeit der tausenden Klimaforscher, des IPCC und seiner tausenden Seiten an Berichten erschüttern – wenn man den „honest brokers“ glauben wollte. Angeblich gäbe es keine Mechanismen, mit Fehlern im IPCC-Bericht umzugehen, als fänden die Korrekturrunden, die Fachbegutachtungen im IPCC-Bericht nicht statt. Allenfalls könnte man für die Zukunft fordern, daß die Wissenschaftler, die den Teil 1 des IPCC-Berichts bearbeiten, den Autoren beim Teil 2 stärker auf die Finger schauen, was den Fehler bei den Himalaya-Gletschern nachweislich verhindert hätte. Genau diese Reform ist aber auch schon ohne das Dreigestirn der „honest brokers“ auf dem Radar des IPCC.

Unterdessen läuft etwas ab, was typisch ist für die Medien: das Gesetz der Serie. Wenn schon mal ein Fehler in den IPCC-Berichten auftaucht, dann wird die Leser noch mehr eine Serie von Fehlern interessieren. Deshalb berichten schlechte Journalisten (der Regelfall) immer gerne von den Himalaya-Gletschern als der zweiten Panne der Klimaforschung (hier nur IPCC zu schreiben ist wohl zu langweilig, besser: Pauschalisieren) nach den gestohlenen Emails der Climate Research Unit, obwohl beides nichts miteinander zu tun hat. Seltsam, wenn beklaut zu werden als ein Skandal des Beklauten bezeichnet wird, und seltsam, wenn Journalisten CRU, IPCC und Klimaforschung nicht auseinanderhalten können – so wenig Trennschärfe ist bei Lieschen Müller und Johann Bierbauch zu entshculdigen, aber nicht bei den Medien. Und so wird nun auf Teufel komm raus versucht, die Serie fortzusetzen. Nach Email-gate und Himalayagate (im Sinne von Watergate, was etwa dem Vergleich von 3. Reich und einer Steuererhöhung entspricht) kam dann noch Hurricangate und Amazonasgate. Was steckt dahinter? Das will ich in einem weiteren Beitrag auseinandernehmen.

Montag, 25. Januar 2010

Methan, der eingebildete Joker unter den Treibhausgasen

Methan ist anscheinend ein Joker unter den Treibhausgasen, denn zumindest wird er so gehandelt. Methan ist als Treibhausgas über 80mal effizienter als Kohlendioxid, und steht unter den von Menschen emittierten Treibhausgasen an zweiter Stelle der Klimawirksamkeit. Andererseits wird Methan aber auch innerhalb einiger Jahre in der Atmosphäre chemisch abgebaut. Es reagiert mit dem OH-Radikal und bildet beim Abbau vor allem Formaldehyd HCHO, welches wiederum schließlich zu einem großen Teil über CO zu CO2 oxidiert wird. Da Methan um Größenordnungen niedrigere Mischungsverhältnisse in der Atmosphäre aufweist als CO2, spielt es als CO2-Lieferant keine Rolle. Bezogen auf ein Jahrhundert hat es aber etwa die 20 bis 25fache Treibhauswirkung je Molekül im Vergleich zu CO2, wenn man den chemischen Verlust mit berücksichtigt. Derzeit ist die Treibhauswirkung von Methan insgesamt etwa 30% der Wirkung von CO2.

Methan hat sowohl natürliche Quellen als auch solche aus Viehzucht, dem Reisanbau und der Förderung von Gas, Kohle und Öl. Auch geänderte Landnutzung und das Auftauen von Permafrostböden stellen Methanquellen dar. Methan ist letztendlich auch ein brauchbarer Popanz, in den sich die eine oder andere politische Agenda packen läßt.

Da wäre erst mal die Kohle- und Öllobby. Da Methan je Molekül so vielfach klimawirksamer ist als CO2, liegt es nahe, notwendige Emissionseinschränkungen aufzuschieben, indem man darauf hinweist, daß man doch einfacher mit Methan Erfolge beim Klimaschutz erzielen könnte als mit teuren Konzessionen bei Kohle und Öl. Diese billige Ausrede zieht aber aus mehreren Gründen nicht. Die Förderung von Kohle und Öl sind selbst von Methanemissionen begleitet. Noch wichtiger ist aber, daß CO2 als klimaschädliches Gas aufgrund seiner sehr langen effektiven atmosphärischen Lebensdauer über Jahrhunderte das Klima schädigt, während Methan innerhalb von Jahren chemisch abgebaut wird. Eben so sehr fällt ins Gewicht, daß CO2 zudem in den Ozeanen über den Abfall des pH-Wertes zur Schädigung der gesamten Meeresökologie beiträgt. Die Rechnung, daß man mit der Einsparung von einem Molekül Methan einen Effekt erzielt hätte, der der Reduktion der CO2-Emissionen um 25 Moleküle entspräche, geht daher nicht auf – beide Moleküle sind eben nicht äquivalent in der Wirkung.

Genau dieses müssen sich auch Veganer und so genannte Tierfreunde entgegenhalten lassen, die den Klimaschutz als Vehikel missbrauchen wollen, um Fleischverzicht in der Nahrung zu predigen. Es ist zwar sinnvoll, Methanemissionen zu reduzieren, aber es löst nur ein Teilproblem.

Die Gleichung, weniger Kuhmilch und Rindfleisch, und wir lösen das Methanproblem, ist in der Tat zu einfach. Jede Form von Landwirtschaft kann einen Beitrag zum Klimaproblem leisten. Da sind nicht nur die Reisfelder, da ist auch die Düngung von Äckern, die zu Emissionen von Lachgas N2O führen, das seinerseits ein potentes Treibhausgas ist. Und natürlich bedeutet die Bewirtschaftung der Felder und der Transport der Nahrungsmittel, daß auch hier CO2 emittiert wird. Man kann Methan einsparen, indem man seinen Konsum an Rind-, Schweine- und Hammel-/Lammfleisch reduziert, und gleichzeitig tut man möglicherweise mit einen solchen Ernährung auch etwas für seine Gesundheit, aber der Beitrag zum Klimaschutz insgesamt ist im Bereich von einigen Prozent, wenn auch individuell der Beitrag relativ höher sein kann, wie ich schon einmal andiskutiert hatte. Der regelmäßige Flugreisende wird vielleicht noch mehr für den Klimaschutz leisten, wenn er eine jährliche Fernflugreise in 3 von 4 Jahren ausfallen läßt.

Letztendlich haben wir gar nicht den Luxus, zu entscheiden, ob wir dem Klimaschutz über die Einsparung von CO2 oder von Methan dienen wollen. Die klimawirksamen Emissionen müssen langfristig insgesamt auf Null zurückgehen. Wir werden Methan und CO2-Emissionen vermindern müssen.

Methan ist auch der Stoff für Ängste. Wir wissen nicht genau, wie Methan als Rückkopplungsgröße den Klimawandel antreiben kann, aber möglicherweise gibt es einen Punkt, ab dem das Auftauen von Permafrostböden durch Methanemissionen zu einem wichtigen Verstärker einer globalen Erwärmung wird. Ereignisse in der Vergangenheit, in denen die Erde stärkere positive Rückkopplungen bei einem Klimawandel zeigten als wir aufgrund der heutigen Modelle nachvollziehen können, geben Anhalt für den Verdacht, daß Methan globale Erwärmungen massiv angetrieben haben könnte. Nicht nur auftauende Permafrostböden können Methan abgeben, auch sich erwärmende Meere stellen ein Risiko dar, wenn bei geeigneten Temperaturen und Druck sich am Meeresboden Clathrate von gefrorenem Methan in Wasser bilden konnten. Rund um Spitzbergen konnte man aufgrund von Messungen feststellen, daß bereits merkliche Mengen Methan nach oben blubbern. Doch sollte man keine voreiligen Schlüsse ziehen. Methan wird im Meerwasser gut gelöst und kann dort auch durch enthaltenes Sauerstoff und gelöste Peroxidionen vergleichsweise schnell oxidiert werden. Wie in der Luft verhält sich auch im Wasser Methan als zwar nicht sehr reaktives, aber doch gut abbaubares Gas. Aus diesem Grund sehen Fachleute die Lage bei den Clathraten am Meeresboden noch recht gelassen. Hier, wie auch bei der Entwaldung in den Tropen ist ungeklärt, wie groß das Risiko nun eigentlich ist, daß Methan eine globale Erwärmung dramatisch verstärken könnte.

Methan zeigt eigentlich besonders gut, wie schnell Vereinfachungen sich beim Normalbürger ins Bewusstsein drängen, wenn Wissenschaftlern noch deutlich bewußt ist, daß die Details von entscheidender Bedeutung sind, die man zudem noch bei weitem nicht unter der Kontrolle hat. Das zeigt sich nicht zuletzt daran, daß unsere Kenntnisse über das globale Methanbudget noch zu grob sind, um erklären zu können, warum nun eigentlich die Methanmischungsverhältnisse in der Atmosphäre nach 1991 jahrelang stagnierten, um dann in den letzten zwei, drei Jahre möglicherweise ihren alten Anstieg wieder aufzunehmen. Möglicherweise hatte der Zusammenbruch des Ostblocks dazu geführt, daß industrielle Methanquellen oder Leckagen an Gasleitungen wegfielen. Vielleicht wurde Erdgas auch weltweit effizienter genutzt, da man Techniken verbessert hatte, es zu gewinnen. Vielleicht haben wir aber auch das globale Budget des OH-Radikals als wichtigste Senke von Methan noch nicht gut genug begriffen, obwohl ich diese Variante für extrem unwahrscheinlich halte und auch im IPCC-Bericht von einer konstanten Senke durch OH ausgegangen wird. Es gibt eine Reihe von Spekulationen, aber hier gilt noch das Wort, daß die Wissenschaft noch offen ist

Sonntag, 24. Januar 2010

Lassen wir mal Köpfe rollen?

Ich habe hier bereits über den ersten echten Fehler geschrieben, den Glaziologen, selbst Mitautoren bei den IPCCC-Berichten gefunden hatten. Ich sollte besser sagen, schon länger kannten, nur sind sie bei den Autoren des Kapitels nicht durchgedrungen, die da ein falsches Zitat in die Welt gebracht hatten. In den Medien gab es viele Reaktionen, von vernünftig bis äußerst dämlich, und man weiß gar nicht, was man aus dem vielstimmigen Chor überhaupt sinnvoll zitieren kann.

Zum einen könnte man darauf hinweisen, daß es noch mehr Details zur Vorgeschichte gibt über das hinaus, was ich hier bereits erzählt hatte (siehe auch Kommentar 13 in dem verlinkten Blogbeitrag). Dem Anschein nach geisterte erst mal eine Falschinformation herum – die Gletscher im Himalaya würden zum großen Teil bis 2035 abschmelzen und ihre Fläche würde von 500.000 auf 100.000 Quadratkilometern zurückgehen. Letztere Information würde auf einen obskuren russischen Beitrag von 1996 hinweisen, nur daß hier von 2350 statt 2035 die Rede war. Also ein klassischer Zahlendreher, der sich verselbständigt hätte. 500.000 Quadratkilometer ist aber eine Fläche, die mehr als zehnmal so groß ist wie die Gletscherfläche im Himalaya. Die russische Quelle sprach von Gletschern weltweit und ist ohnehin jetzt hoffnungslos veraltet.

So oder so ist das egal. Das IPCC hat den Fehler anerkannt, wenn auch recht spät, wenn man bedenkt, daß der Glaziologe Kaser schon 2006 auf den Fehler hingewiesen hatte, und zieht diesen Absatz zurück. Hier spielt aber eine Rolle, daß das IPCC eine UNO-Veranstaltung ist. Und da gilt es auch, daß alle Länder zu beteiligen sind und der Bericht nicht vermeintlicher westlicher Vorherrschaft zum Opfer spielt. Der Teil zu Asien im Bericht der Arbeitsgruppe 2 war also indischen Kollegen überlassen, die es vorzogen, Kritik der Glaziologen zu überhören. Trotzdem kam aber der fehlerhafte Teil nicht in die Zusammenfassung für die Entscheidungsträger, was schon ein Hinweis darauf ist, daß er nicht als relevant galt.

Damit sind wir bei den Schlußfolgerungen. Ich habe schon darauf hingewiesen, daß zum Stichwort dämlich zum Beispiel gehört, aus einem falschen Absatz in einem von drei Berichten und innerhalb diesen in einem von über 20 Kapiteln zu schlußfolgern, daß der IPCC-Bericht falsch sei. Das ist einfach idiotisch. Und es ist zudem peinlich für die selbsternannten IPCC-Skeptiker und Auditoren, daß nach 3 Jahren permanenter Kritik am IPCC-Bericht nicht sie den einzigen halbwegs relevanten Fehler gefunden haben, sondern IPCC-Autoren selbst, und daß es für die Mitarbeiter beim IPCC selbstverständlich ist, den Fehler Fehler zu nennen und daraus Konsequenzen zu ziehen – etwas, daß man bei den Leugnern in der Regel nicht erwarten darf.

In der FAZ liest man was davon, es müßten Köpfe rollen. Auch von Storch läßt angeblich verlauten, daß Pachauri zurücktreten müßte. Und das ist wohl die Meinung bei vielen Leuten, die ohnehin kein gutes Haar am IPCC lassen. Was dabei vergessen wird ist, daß Pachauri kein Wissenschaftler ist, sondern der Vorsitzende des IPCC, ein Sprecher und Repräsentant der Organisation, seinerzeit von den USA auf diesen Stuhl gehieft, weil der Vorgänger zu energisch für den Klimaschutz eintrat und vielleicht auch zu kompetent war. Die Tatsache des menschengemachten Klimawandels ist aber so eindeutig, daß auch Pachauri nicht anders konnte, als eben diese Sache zu vertreten. Man könnte auch einen Besenstiel auf diesen Posten setzen, und der könnte auch nichts anderes vertreten als die Schlußfolgerungen der Wissenschaftler. Wegen eines falschen Absatzes, ein Fehler, der wie schon gesagt einfach zwangsläufig in einem 2000-Seiten Bericht zu erwarten war, soll also jemand, der diesen Fehler gar nicht gemacht hatte, zurücktreten? Pardon, aber wie wäre es, wenn von Storch von seinem Posten zurücktritt, nachdem er mal eine fehlerhafte Arbeit publiziert hatte, in der er behauptet hatte, die Temperaturrekonstruktion von Mann et al. von 1998 (der Hockeyschläger) sei nicht reproduzierbar, obwohl dies sehr wohl der Fall war? Er macht das nicht, weil es lächerlich wäre – fehlerhafte Arbeiten kommen vor, kein Wissenschaftler tritt deswegen von irgendwas zurück, sondern der Fehler wird korrigiert, wenn er festgestellt wird.

Schellnhuber fordert Reformen. Mag sein, daß hier etwas geht. Aber ich denke eher, daß man besser damit fährt, wenn man einfach anerkennt, daß so ein Bericht immer Fehler im Detail enthalten kann und daher immer auch die Bereitschaft bestehen muß, solche Berichte auch später noch zu korrigieren.

Zu den Skurilitäten zählt noch, wenn z.B. der Spiegel meint, der Gletscherfehler sei bereits die zweite Panne der Klimaforschung nach den geraubten CRU-Emails. Lieber überforderter Spiegelschreiberling: die Klimaforschung kratzt es nicht, wenn sie in einem IPCC-Bericht in einem Detail mal falsch wiedergegeben wird. Und daß von der Climate Research Unit Emails gestohlen wurden, ist weder für die Klimaforschung, noch für CRU, noch für das IPCC peinlich oder eine Panne, sondern es ist ein Diebstahl, der auf den Dieb zurückfällt wie auch auf die „Hehler“, das heißt auf die Leute, die diese gestohlenen Emails dann auf angebliche Skandale durchleuchtet haben und dabei nichts von Belang fanden, außer, daß die Leugner den Wissenschaftlern immerhin so auf die Nerven gegangen sind, daß diese sich überlegten, wie sie dafür sorgen könnten, daß fehlerhafte Artikel es gar nicht erst in die Diskussion für den Bericht der Arbeitsgruppe 1 des IPCC-Berichts schaffen.

Dienstag, 19. Januar 2010

Ein Fehler im IPCC-Report – Himalaya Gletscher

Der IPCC-Report ist eine umfassende Zusammenfassung der wissenschaftlichen Literatur zu den Ursachen, dem Ablauf, den möglichen Entwicklungen und den Folgen des Klimawandels und möglicher Vermeidungs- und Anpassungsstrategien. Ein so umfassender Bericht wird zwangsläufig auch Fehler enthalten. Die Frage ist, wie viele solcher Fehler gibt es und wie gravierend können sie sein? Ich würde vermuten, daß es sich mit der Zahl der Fehler im IPCC-Report so verhält wie mit der Zahl fehlerhafter Publikationen, die es durch einen Peer Review schaffen. Fehler passieren dann, wenn man an einer Stelle nicht mit der üblichen Sorgfalt gearbeitet hat. Bei einigen tausend Arbeiten, auf die der IPCC-Bericht beruht, und einer Fehlerquote von mindestens einem Prozent würde ich davon ausgehen, daß man mehr als ein Dutzend Fehler im IPCC-Bericht finden sollte, die über die Qualität eines Druckfehlers oder einer falsch bezeichneten Graphik hinausgehen. Gerade bei Details auf Spezialgebieten am Rande der Hauptstoßrichtung des Reports würde ich erwarten, daß man ein paar echte sachliche Fehler findet. Jetzt ist man fündig geworden…

Wie unter anderem der New Scientist berichtet (kostenfreie Registrierung erforderlich), haben Glaziologen Anstoß darauf genommen, daß unter den Feststellungen des IPCC-Berichts auch die Behauptung war, daß es sehr wahrscheinlich (>90 %) sei, daß bis 2035 Gletscher des Himalaya bei einer anhaltenden globalen Erwärmung abgeschmolzen sein können. Dieser Satz wurde z.B. vom indischen Glaziologen Vijay Raina als unglaubwürdig angegriffen wie auch die Behauptung, daß die Gletscher im Himalaya schneller abschmelzen würden als irgendwo anders auf der Welt. Der IPCC-Vorstand Rajendra Pachauri verteidigte aber die Feststellungen des IPCC-Berichts als Ergebnis fachbegutachteter Forschung. Das war voreilig.

Geht man in den IPCC-Bericht, findet man normalerweise wirklich Feststellungen, die durch fachbegutachtete Artikel abgesichert sind. Auch zu der Lage der Gletscher findet man eine große Zahl von Literaturangaben und vorsichtige Feststellungen. Als ich von dem Satz las, daß die Gletscher im Himalaya bis 2035 verschwinden könnten, hatte ich allerdings zunächst große Schwierigkeiten, ihn zu finden. Üblicherweise schaue ich zuerst in die Ergebnisse der Arbeitsgruppe 1 (WG 1) zum naturwissenschaftlichen Stand des Klimawandels. Im Kapitel 4 findet man auch den Stand zu Beobachtungen: Änderungen bei Schnee, Eis und gefrorenem Boden. Abschnitt 4.5 enthält Feststellungen zu Gletschern und 4.5.3 auch einen Satz zu Gletschern in Asien, die demnach mit unterschiedlichen Raten abschmelzen, wobei einige in Karakorum auch Zuwachs zeigen, belegt mit 5 verschiedenen Artikeln. Das war wohl nicht der Punkt, also suche ich weiter bei dem Bericht der Arbeitsgruppe 2 (WG 2) Auswirkungen, Anpassung und Verletzlichkeit und finde unter Kapitel 10 die Feststellungen zu Asien. Unter 10.2.4.2 finde ich einige Feststellungen zum Abschmelzen der Gletscher in Zentralasien und der Auswirkungen auf den lokalen Wasserhaushalt, die jedoch durch eine Reihe von Literaturzitaten gesichert sind und offensichtlich auch keine beanstandete Stelle enthalten.

Im Abschnitt 10.6.2 über Himalaya Gletscher hoffe ich endlich, die kritische Textstelle zu finden. Und da steht es, direkt vor einer Tabelle über Abschmelzraten ausgewählter Gletscher „Glaciers in the Himalaya are receding faster than in any other part of the world (see Table 10.9) and, if the present rate continues, the likelihood of them disappearing by the year 2035 and perhaps sooner is very high if the Earth keeps warming at the current rate.” „Gletscher im Himalaya gehen schneller zurück als irgendwo auf der Erde (siehe Tabelle) und, wenn die gegenwärtige Geschwindigkeit der globalen Erwärmung anhält, ist die Wahrscheinlichkeit bei der gegenwärtigen Abschmelzrate sehr groß, daß sie bis 2035 oder früher verschwinden.“ Das ist eine sehr weitgehende Behauptung und die einzige Referenz dafür ist ein Bericht des World Wildlife Fund WWF von 2005.

Unter der Tabelle kommen weitere Feststellungen zu Gletschern im Himalaya, die dann allerdings durch zwei weitere Literaturstellen abgedeckt sind. Aber zurück zum Zitat aus dem WWF-Bericht. Das ist nun gerade keine fachbegutachtete Literatur. Durfte man sich denn darauf berufen? Die Antwort lautet, ja, schon, aber… Der WWF-Bericht selbst ist gut recherchiert und faßt seinerseits fast 200 Literaturstellen zusammen, meistens aus der fachbegutachteten Literatur. Ein Überblick über Gletscher, Gletscherrückzug und die resultierenden Auswirkungen in Nepal, Indien und China ist eine gute Quelle für die Aussagen im IPCC-Bericht. So weit, so gut.

Die Aussagen im IPCC-Bericht dazu, wann es im Himalaya keine Gletscher mehr gibt, wird man im WWF-Bericht aber so nicht finden. Jedenfalls nicht im Textkörper. Nur in der Einleitung und Zusammenfassung findet man einen Abschnitt „Überblick über das Problem“ auf Seite 2, wo eine Motivation gegeben wird, sich mit dem Problem des Gletscherrückgangs im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung zu beschäftigen. Da beruft man sich auf einen Artikel im New Scientist vom 5. Juni 1999, in dem der Glaziologe Syed Hasnain zitiert wird, der behauptet, die meisten Gletscher der Himalaya Region werden aufgrund der globalen Erwärmung innerhalb der nächsten 40 Jahre (also bis 2039) verschwinden. Der WWF-Bericht hatte sich diese Aussage keineswegs zu Eigen gemacht, sondern sie als apokalyptische Vision angeführt. Es wäre auch ein Fehler gewesen, diese Aussage als gesicherte Feststellung zu nehmen, denn sie war nur eine Meinung Hasnains in einem Telefoninterview und keineswegs ein publiziertes wissenschaftliches Ergebnis. Diese Aussage hat Hasnain inzwischen zurückgezogen. Im IPCC-Bericht ist also aus grauer Literatur, immerhin aber einer respektablen Quelle, aus einem Aufmacher für den eigentlichen Bericht eine Aussage genommen worden, die selbst nur Hörensagen aus einer Zeitung darstellte und dann war diese Aussage auch noch falsch zitiert worden, denn Hasnain redete nur von einigen und nicht von allen Gletschern im Himalaya und noch nicht mal der Zeitrahmen bis 2035 stammte aus dieser Quelle. Eine Grundlage dafür, dieser Aussage eine bestimmte Wahrscheinlichkeit zuzuordnen, gab es auch nicht.

Was für Folgen hat das nun? Eigentlich keine. Diese Aussage im IPCC-Bericht der WG 2 war nicht die Basis für weitergehende Schlussfolgerungen und tauchte auch nicht in der Zusammenfassung für die politischen Entscheidungsträger auf. Fast alle anderen Aussagen zu Gletschern im allgemeinen und Gletschern in Asien im besonderen sind fundiert und können auf Fachliteratur zurückgeführt werden. Und doch hat es viele Folgen. Leugner des Klimawandels können aufgrund einer Aussage aus vielen hundert Seiten IPCC-Berichten sagen, daß das alles Mist sei – haben sie doch gleich gewußt. Pachauri als Vorstand des IPCC, der sich massiv gegen Angriffe auf diese Aussage eingesetzt hatte, hat eine peinliche Niederlage erlitten, die zudem vermeidbar gewesen wäre, wenn er für sich akzeptiert hätte, daß selbstverständlich auch der beste Bericht einzelne Fehler enthalten wird. Entscheidend ist immer, ob diese Fehler Grundaussagen betreffen. Im IPCC-Bericht 5, dessen Erstellung derzeit beginnt, wird man den Fehler korrigieren müssen, was Murari Lal, der leitende Autor für das Kapitel über Gletscher, auch in Aussicht stellt. Für Politiker ergibt sich eine Ausrede, den IPCC-Bericht insgesamt anzugreifen, obwohl keine der Grundaussagen zur globalen Erwärmung betroffen sind. Wie gesagt, ich mußte erst ziemlich suchen, um in dem riesigen Bericht diesen einen falschen Absatz zu finden. Die Lehre für die Autoren der Arbeitsgruppe 2 sollte aber sein, zurückhaltend mit grauer Literatur umzugehen und sorgfältiger weitgehende Aussagen zu überprüfen, ob sie belastbar sind. Leider muß man aber auch sagen, daß es unvermeidlich ist, daß im fünften IPCC-Bericht neue, eben andere Fehler auftreten werden, daß man im vierten IPCC-Bericht bestimmt noch weitere Aussagen finden, hinter denen sich Schlampigkeit oder Fehler verbergen und daß auch beim bestmöglichen Bericht es immer genug Vorwände geben wird, um anhand einer Aussage den ganzen Bericht aller drei Arbeitsgruppen abzulehnen.

Hier diskutiert James Hrynyshyn diesen Fall als wirklich peinlich für das IPCC.

In Leugnerblogs wird man selbstverständlich eine intensive Diskussion des Falls finden, wenn auch kaum mit der richtigen Gewichtung und brauchbaren Details. Symptomatisch die vergleichsweise seriöse Klimazwiebel mit der folgenden Wertung von Rainer Grundmann: „Such are the dangers of alarmism. There can be no doubt that as a result the IPCC and climate science will loose credibility. Is it a consolation that in this case we see some ready admission of mistake and not an endless circling of wagons?” „Das sind die Gefahren des Alarmismus. Es kann keinen Zweifel geben, daß als ein Ergebnis das IPCC und die Klimawissenschaft Glaubwürdigkeit verlieren werden. Ist es ein Trost, daß wir in diesem Fall ein teilweise bereitwilliges Zugeben des Fehlers sehen und nicht den endlosen Aufbau einer Wagenburg?“
Womit der Absatz gleich mal wieder festgelegt hätte, daß der IPCC-Bericht den Gefahren des Alarmismus unterliegt und daß ein fehlerhafter Satz in einem Abschnitt über ein Spezialthema in einem Bericht die Glaubwürdigkeit des ganzen IPCC und sogar der ganzen Klimaforschung beeinträchtigt. („honest broker“ von Storch meldet sich dann auch in der Diskussion und will aufgrund Lals Aussage in der Presse ihn auch noch aus dem IPCC kicken – na so was…) Auf Grundmanns Planeten ist das Zugeben eines Fehlers anscheinend bei Wissenschaftlern etwas ungewöhnliches und der Bau von Wagenburgen üblich. Auf meinem Planeten allerdings ist es üblich, daß man, wenn man Fehler feststellt, sie eben korrigiert und daß die Glaubwürdigkeit auch nicht daran hängt, ob Fehler passieren, sondern, ob man bereit ist, daraus zu lernen, und daß die einzigen, die ihre Fehler gar nicht aufgeben wollen und Wagenburgen bauen, keine Wissenschaftler sind, sondern jene, die seit den 80er Jahren konsequent leugnen, daß es eine globale Erwärmung aufgrund des Treibhauseffektes gibt, daß sie menschengemacht durch unsere Emission von Treibhausgasen ist, daß sie potentiell schädliche Auswirkungen haben kann und daß wir etwas dagegen unternehmen können.

Unter die Gürtellinie geht es dann, wenn Roger Pielke Jr. behauptet, daß Pachauri, der gar nicht Autor in der entsprechenden Arbeitsgruppe war, und Hasnai, der wenig dazu kann, wenn eine Zeitungsaussage von 1999 über einen falsch zitierten Bericht wieder im IPCC-Bericht auftaucht, aufgrund ihrer Mitarbeit im The Energy & Ressources Institut TERI ein monetäres Interesse an einer Falschaussage im IPCC-Bericht gehabt hätten, weil TERI einen Auftrag zu eben diesem Thema akquiriert hätte. Ein Zusammenhang, der an den Haaren herbeigezogen ist, den man aber Verschwörungstheoretikern auch nie wird ausreden können. Weder kann man annehmen, daß sich die Autoren in der entsprechenden Arbeitsgruppe hätten von Pachauri anweisen lassen, was da im IPCC-Bericht stehen soll, noch hätte man annehmen können, daß diese eine Aussage ausschlaggebend für die Auftragsvergabe an TERI war. In dem Sinne wird man sicher noch andere weitgehende Schlußfolgerungen finden, die nur zeigen, was man so alles an den Haaren herbeizerren kann.

Nachtrag: Inzwischen berichtet auch Spiegel Online und - man muß das dazu schreiben, korrekt. Die Leserdiskussion dazu ist, wie üblich, grottig.

Sonntag, 17. Januar 2010

Stehr und von Storch profilieren sich – Nachlese

In einem Beitrag hatte ich mich sehr darüber aufgeregt, daß von Storch zusammen mit einem Kulturwissenschaftler Klimaforscher völlig unfundiert als Antidemokraten beschimpfte, um sich mal wieder als seriöser Wissenschaftler zu profilieren im Gegensatz zu angeblich überpolitisierten Kollegen. Von Storch sieht sich also als der honest broker, der ehrliche Unterhändler, der zwischen Alarmisten und Verharmlosern ausgleichen will. Die Pose ist unglaubwürdig, aber im Blog die Klimazwiebel, der unter anderem von von Storch betrieben wird, wird es zum Motto erhoben. Das ist also ernst gemeint.

Die Wissenschaftlerbeschimpfung wurde auch bei Mathlog und der Klimakrise bemerkt. Mit der Analyse von Auswüchsen beim Blog die Klimazwiebel setzen Georg Hoffmann bei Primaklima und Nils Simon bei die Klimakrise noch eines oben drauf.

Nimmt man sich nur den von Hoffmann kommentierten Artikel der Klimazwiebel vor, dann ergreift einen kaltes Entsetzen. Hier wird nun von seriösen Klimaforschern als Stalinisten geredet. Ab Abiturniveau gehe ich davon aus, daß man weiß, daß man mit Stalinisten die extremistischen Anhänger eines gewissen Stalin meint, der Millionen Menschen durch Konzentrationslager (das GULAG-System), durch provozierte Hungersnöte (z.B. 20er Jahre in der Ukraine) und durch Kriege (Überfall auf das Baltikum, Polen und Finnland, Stalinisierung des Ostblocks nach Weltkriegsende) ermorden und umkommen ließ. Bei dem Ethnologen Werner Krauss darf man das nicht voraussetzen. Zwar nutzt er die Verbiegungen, die in der Leugnerdiskussion über die gehackten Emails der Climate Research Unit erfolgten dazu, seriösen Wissenschaftlern fälschlich zu unterstellen, sie würden lügen wollen um eigener Umweltziele willen (obwohl er in Verlegenheit wäre, sollte er eine einzige Lüge benennen, die durch die Emails zutage getreten wäre), aber in der weiteren Diskussion tut er so, als sei die Benennung dieser Wissenschaftler als den Stalinisten ähnlich etwas, was man tun könne, ohne den GULAG im Hinterkopf zu haben – na so was! Stalinismus ist für ihn die Perversion einer vielleicht guten Idee des Marxismus und bestimmte Klimaforscher würden halt die Daten verbiegen, um Politiker zu überzeugen, was eben schlecht sei, wenn auch die Absichten der Wissenschaftler eigentlich gut seien, wegen Umweltschutz und so. Sagen wir es mal so: Werner Krauss hat es wohl gut gemeint, als er da unbeleckt aller Kenntnis über die relevanten Daten und mit ungerechtfertigten Unterstellungen Wissenschaftler mit extremistischen Massenmördern verglichen hatte, aber er hatte es getan, bleibt dabei und von Storch, der in der Diskussion mitmischte, sah auch keinen Grund, sich davon zu distanzieren oder die Unterstellungen mal gerade zu rücken. Ein „honest brocker“, ein ehrlicher Unterhändler halt.

Im Winter ist es oft kalt

Jedes Jahr im Winter bekommen Leugner des Klimawandels Auftrieb. Denn des öfteren passiert im Winter etwas, was der Winter so an sich hat. Es wird kalt. Es gibt milde und strenge Winter und oft ist es im Winter gleichzeitig in irgendeiner Region eher mild (in der Arktis z.B.) und einer anderen Region eher streng (in den zusammenhängenden USA (ohne Alaska und Hawaii) und Teilen Europas). Zumindest für ein paar Wochen. Leugner picken sich heraus, was ihnen paßt und stricken daraus die Erzählung, die sie gerne hören möchten. Von der angeblichen globalen Abkühlung, die bisher aber niemand gesehen hat. Das passiert anscheinend regelmäßig jeden Winter und dieser ist keine Ausnahme.

Dagegen redet man vergeblich an (z.B. Hansen), denn es geht den Leugnern nicht um Fakten. Deshalb nenne ich sie ja Leugner, nicht etwa, weil mir ihre Ansichten nicht gefallen. Vielmehr wäre ich sehr froh, wenn es der Klimawandel kein Problem darstellen würde.

Woran sieht man aber, daß es keine globale Abkühlung gibt?

Dagegen stehen drei übliche Methoden, um auf die Märchenstunde mit der globalen Abkühlung zu kommen:

90% der globalen Erwärmung gehen in die Erwärmung der Ozeane, in den Rest teilen sich unter anderem die Erwärmung der Luft, der Anstieg der globalen Luftfeuchte und das Abschmelzen von Gletschereis und polarem Eis. Eine Änderung der Meeresströmungen, durch die, wie beim El Nino, verstärkt wärmere Meeresströmungen an die Oberfläche führen, können daher leicht die globale Temperatur schwanken lassen, obwohl die globale Erwärmung durch den Anstieg der Treibhausgase recht konstant voranschreitet.

Das im einzelnen über Messungen und eine Analyse der globalen Daten für jede einzelne Schwankung der globalen Temperaturen nachzuvollziehen, ist aber schwierig. Der Wissenschaftler Kevin Trenberth von NCAR hatte daher in einer Email von einer Travestie gesprochen, daß man solche globalen Temperaturschwankungen wie etwa die Abkühlung 2008 nicht genügend über die vorhanden Daten und das Wärmebudget der Erde erklären könne. Diese Email gehört zu den gehackten Emails der Climate Research Unit und diese Aussage von Trenberth wurde von Leugnern so interpretiert, als wäre hier von Schwierigkeiten die Rede, eine globale Abkühlung wegzuerklären. Bei skepticalscience kann man sich den Zusammenhang erklären lassen.

Auch wenn wir in Deutschland dieses Jahr schon recht viel Schnee gesehen haben, die globale Erwärmung schreitet ungebremst voran.