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Freitag, 12. März 2010

Wenn etwas gut ausgeht, könnte man auch einfach froh darüber sein - Schweinegrippe

Ich hatte hier vergangenes Jahr abseits vom Thema über die Schweinegrippe geschrieben. Ich fand es wichtig, sich dagegen impfen zu lassen. Auch wenn sich viele Stimmen fanden, wir sollten doch erst mal abwarten und bloß keine Panik machen. Wie zu erwarten, meldeten sich die gleichen Impfgegner, die etwa auch Widerstand gegen die Masernimpfungen leisten und dafür verantwortlich sind, daß diese Krankheit noch nicht, wie die Pocken, ausgerottet ist. Inzwischen mußten sogar Wissenschaftler eine Arbeit zurückziehen, in der der Mythos in die Welt gesetzt wurde, der Masernimpfstoff könnte Autismus fördern. Daran war nichts wahr, aber Impfgegner verbreiten den Mythos weiter. Bei der Impfkampagne gegen die Schweinegrippe wurde eine Hysterie geschürt um die angeblichen Gefahren des Impfstoffs, es wurde verbreitet, er sei ungenügend ausgetestet. Die Impfkampagne führte aber zu genau dem Ergebnis, das zu erwarten war - es gab nicht mehr Impfschäden, als zu erwarten waren, und diese waren weitaus harmloser als die möglichen Gefahren der Grippe. Viele Menschen denken, daß eine Grippe, an der von Größenordnung 10 Millionen Menschen, die daran in Deutschland erkranken, einige 1000 sterben, harmlos sei. Ich weiß nicht, wie man auf diese Idee kommen kann. Irgendwo setzt da logisches Denken aus. Auch ein paar tausend Tote sind ein paar tausend Tote zu viel. Daher ist JEDE Impfkampagne sinnvoll.

Die WHO und alle damit befaßten Institute haben IMMER, JEDERZEIT darauf hingewiesen, daß der Ausgang der Schweinegrippepandemie nicht vorhersagbar ist. Es kann harmlos ausgehen und sogar schwächer als eine saisonale Grippe sein oder auch viel schlimmer und in der Größenordnung der spanischen Grippe 1917-1920 gelangen. Nachdem man die Pandemie eine Weile beobachtet hatte, was klar, daß einerseits überproportional viele junge Menschen einen schweren Krankheitsverlauf zeigten, andererseits die Krankheitsverläufe nicht die Virulenz und Mortalität der spanischen Grippe zeigten. Trotzdem war die Impfkampagne dagegen sinnvoll - zum einen, weil jeder, der nicht stirbt, den Aufwand wert ist und zum zweiten, weil das Virus um so mehr Gelegenheit hat, zu mutieren und dabei gefährlicher zu werden, je mehr Menschen die Grippe durchmachen. Und drittens schließlich schützt die Durchimpfung der Bevölkerung auch die Menschen, die aus irgendeinem Grund gleichzeitig zu den Risikogruppen gehören, aber nicht geimpft werden können, wie bestimmte Allergiker, die gleichzeitig Asthmatiker sind und Säuglinge.

Nachdem die erste Pandemiesaison nun abgelaufen ist und wir nicht mehr Todesfälle gesehen hatten als in einer normalen Grippesaison, tauchen nun immer mehr Menschen auf, die, ich kann es nur unhöflich sagen, argumentieren wie unverständige Kinder. Zum Beispiel meldet sich heute der Spiegel mit einem Artikel, in dem der WHO Panikmache vorgeworfen wird. Vor dem von mir oben gegebenen Hintergrund muß man doch fragen: haben diese Spiegel-Schreiberlinge eigentlich noch alle beieinander? Hier wird mal wieder aus Geldgier ein bestimmtes Sentiment des Bildungsproletariats bedient: wenn vor einer Gefahr gewarnt wird und man hat Glück, daß nichts passiert wird, dann wird "Panikmache" gerufen. Dann reagiert man gleich seinen Minderwertigkeitskomplex ab, weil hier Experten gewarnt hatten und man sich denen nun überlegen fühlen kann und man kann auch noch über die Steuergelder schimpfen, die dabei verbraten wurden. Aber es hat alles nichts mit dem zu tun, was ich oben geschrieben hatte: niemand konnte garantieren, daß die Schweinegrippepandemie harmlos verläuft und jede Impfkampagne gegen eine solche Infektion ist sinnvoll.

Jedes Gleichnis hinkt, aber ich bringe es trotzdem: wenn man Russisch Roulett spielt, sitzt eine Kugel in der Revolvertrommel. Die Chance, daß es gut ausgeht, wenn man abdrückt, ist 1:6. Wenn jemand also abdrückt und er dabei keine Kugel in den Kopf bekommt, würden dann die Beobachter sagen, daß Russisch Roulett zu spielen eine harmlose Sache ist und daß davor zu warnen Panikmache sei? Wenn also vor einigen Pandemien gewarnt wurde und diese dann glimpflich ausgehen, heißt das nun, daß Organisationen, die gewarnt hatten, kompromittiert sind, daß sie ihre Glaubwürdigkeit verspielt hätten? Genau das wird in dem Spiegel-Artikel behauptet. Hier werden die Leser für dumm verkauft, weil man damit Auflage machen kann. Das ist aber unverantwortlich, denn wenn die Menschen anfingen, sich auszusuchen, ob sie Warnungen des Robert-Koch-Instituts oder der WHO ernst nehmen, könnten wir diese Einrichtungen gleich schließen. Und wenn diese anfingen zu überlegen, ob sie lieber nicht warnen, weil sie ihre Glaubwürdigkeit nur behalten, wenn die Katastrophe 100% sicher kommt, vor der sie warnen, werden sie keine neutrale Bewertung von Krankheiten vornehmen können.

Und obwohl die Impfkampagne schon sinnvoll war, weil ein gefährlicher Pandemieverlauf möglich war, möchte ich noch einen drauf setzen. Die nachfolgende Graphik zeigt die Zahl der Todesfälle von Kindern und Jugendlichen in US-Städten von 2006 bis heute. In grün sind die normalen Todesfälle durc hsaisonale Grippe eingezeichnet. In violett die Todesfälle aufgrund der Schweinegrippe. Die Schweinegrippe hat für eine deutlich erhöhte Sterblichkeit von Kindern und Jugendlichen gesorgt. DESWEGEN hatten wir die Impfkampagne. Dieser Spiegelschreiberling soll doch mal den Eltern, die ein an der Grippe verstorbenes Kind zu beklagen haben, ins Gesicht sagen, daß das alles Panikmache war. Die Impfkampagne hat weltweit tausenden von Kindern das Leben gerettet und wenn mal wieder vor einer neuen Grippevariante gewarnt wird, hoffe ich, daß jeder, der das hier gesehen hat, diese Fakten mal auf sich wirken läßt und versteht, daß die Pandemievorsorge nicht erst dadurch sinnvoll wird, daß sich in den Straßen auf Ansage die Leichen stapeln. Sondern weil schon 266 tote Kinder und Jugendliche in den US-Städten zu viel sind, deshalb machen wir das alles. Und weil manche dieser Kinder aus irgendeinem Grund selbst nicht geimpft werden können, sind wir es, die mit verantwortlichem Handeln Herdenimmunität herstellen. Daran haben die Spiegel-Journalisten nicht gedacht. Falls sie überhaupt an etwas neben ihrer Bezahlung denken...

Quelle: CDC

Sonntag, 11. Oktober 2009

Darf man als Wissenschaftler religiös sein?

Der Grund dafür, daß man diese Frage überhaupt stellen kann ist die große Spezialisierung in den (Natur-)wissenschaften. Man kann glücklich auf einem speziellen Gebiet arbeiten, ohne je mit Grundsatz- und Sinnfragen konfrontiert zu werden. Erst, wenn man anfängt, zu philosophieren, in welchem größeren Zusammenhang zum Beispiel die eigenen Studien zu irgendwelchen Gensequenzierungen oder Untersuchung von Zerfallsreihen nach Teilchenkollisionen stehen, und was zum Beispiel politische Folgen des eigenen erweiterten Wissens sein könnten, verliert das schmale Feld, das man überschaut, seine Unschuld. In der Regel wird jedoch der Wissenschaftler, der über den Rand seines kleinen Bereichs der Expertise schaut, sofort zum Laien. Um auch bei großen Fragen noch als Experte mithalten zu können, bedarf es schon großer Belesenheit und auch weit gespannter Erfahrung. Für den durchschnittlichen Wissenschaftler ist es schlicht irrelevant, was die Religion sagt. Es ist für ihn eine rein private Entscheidung und daher nur geprägt von der eigenen Erziehung und dem Umgang, den man hat, der einen mehr oder weniger religiös machen kann. Die Folge ist, daß man unter Wissenschaftlern auch viele findet, die religiös sind. Es sind hier weniger als in der Gesamtbevölkerung, und insbesondere Naturwissenschaftler neigen weniger der Religion zu, aber gleichwohl ist der Anteil nicht zu vernachlässigen. Das heißt denn auch, daß die Suche nach Zeugen für eine religiöse Interpretation in den Naturwissenschaften immer möglich ist. Es gibt auch kreationistische Biologen oder Physiker, was dann auch von religiösen Fanatikern und ihren Lobby-Organisationen wie zum Beispiel dem Discovery-Institut ausgenutzt wird.

Beim näheren Nachdenken dürfen Wissenschaftler aber grundsätzlich nicht religiös sein. Grundlage der Wissenschaft ist die Reproduzierbarkeit der Ergebnisse. Wenn Ergebnisse nicht reproduzierbar sind, wenn es keine Naturgesetze gibt, ist der Ansatz der Wissenschaften ungültig. Es gibt dann keine objektiv feststellbare, untersuchbare Natur, es gibt dann keine gültigen Theorien, die Vorhersagen ermöglichen. Wissenschaftler müssen per definition antireligiös sein. Religion bedeutet, daß übernatürliche Mächte vorhanden sind, die den Rahmen der Naturgesetze verlassen können. In ihnen können Schöpferwesen die Welt erschaffen, ohne Fragen nach Erhaltungssätzen zu beantworten, können übernatürliche Wesen Wissen über Menschen haben, ohne auf eine der vier Grundkräfte angewiesen zu sein und können menschliche Schicksale beeinflussen, ohne daß ihre Wirkung beobachtet werden könnte. Es geht dabei gar nicht um die Frage, ob man die Existenz oder Nichtexistenz eines Gottes beweisen kann. Denn selbstverständlich ist es möglich, diese Frage so zu definieren, daß man ein übernatürliches Wessen gerade an den Rand möglicher Erkenntnis stellt. Es ist immer möglich, einen Gott so zu definieren, daß man gerade noch die Frage seiner Nichtexistenz nicht mit den gerade vorhandenen Mitteln entscheiden kann. Das Problem liegt hier aber schon in der Fragestellung. Niemand ist verpflichtet, zu beweisen, daß etwas willkürlich definiertes nicht existiert. Es existiert einfach dadurch nicht, daß die Notwendigkeit fehlt, die Existenz zu erwägen. Zuerst müßte die naturwissenschaftliche Theorie versagen und eine Lösung dadurch plausibel sein, daß man ein übernatürliches Wesen einführt. Dann erst wird die Behandlung einer religiösen Frage für die Wissenschaft legitim. Genau dann aber verliert die wissenschaftliche Methode überhaupt seinen Sinn, weil ja nun die Realität nicht mehr zwangsläufig eine objektive Grundlage hat, sondern abhängig davon wird, daß man den rechten Glauben hat und das übernatürliche Wesen sich zeigt.

Die Feststellung, daß Wissenschaftler antireligiös sein müssen, weil etwas anderes unlogisch wäre, ist zwar einerseits zwingend, andererseits wird aber die religiöse Sozialisierung vieler Wissenschaftler sie dazu treiben, die Schlußfolgerung abzulehnen. Der wichtigste Grund ist, daß sie die Schlußfolgerung eben nicht als so zwingend empfinden wie sie ist. Für sie ist zunächst mal eine Art Solipsismus akzeptabel, die in der Frage gipfelt, ob ein Baum in einem Wald mit dem gleichen Krachen umkippen würde, wenn gerade kein Mensch anwesend wäre, um Zeuge des Ereignisses zu sein. Letztlich also die Behauptung, wir könnten nicht entscheiden, ob die Natur in Wahrheit nur ein Theaterstück zum Ergötzen des Menschen sei und ganz anders sein könnte, wenn die Zuschauer fehlten. Das läßt sich durchaus mit ein bißchen Pseudowissenschaft aufmotzen, wenn man z.B. darauf verweist, daß ja die Quantenmechanik den Einfluß des Beobachters mit berücksichtigt. Dabei wird dann vergessen, daß hier auch die Rolle des Beobachters eine naturgesetzliche ist. Nicht ein Wunder führt dazu, daß die Heisenbergsche Unschärferelation gilt, sondern die Quantelung der Wirkung erfordert, daß man komplementäre Größen wie Ort und Impuls oder Energie und Zeit nicht gleichzeitig beliebig genau bestimmen kann. Und wie die Beobachtung selbst eine Größe beeinflußt, ist kein Mysterium, sondern wird logisch plausibel, wenn man sich vorstellt, wie das Photon; das die Information über ein Elektron vermitteln soll, gleichzeitig durch seine Wechselwirkung mit dem Teilchen dieses verändert. Quantenmechanik ist zwar oft kontraintuitiv, aber trotzdem naturgesetzlich.

In den letzten Jahren hat sich die Auseinandersetzung zwischen zwei Strömungen in den Naturwissenschaften zugespitzt. Während die einen als „neue Atheisten“ die Konfrontation mit den religiösen Kräften suchen, vielleicht, weil sie das Gefühl haben, daß die religiösen Kräfte wieder an gesellschaftlichem Einfluß gewinnen (man sieht es besonders dramatisch am Vordringen des Islam in den vergangenen vielleicht 20 Jahren, aber auch an der Talibanisierung der USA), gibt es auch eine Appeasement-Bewegung bei den Wissenschaftlern, die für die Einstellung wirbt, daß die Wissenschaften und die Religion einfach verschiedene, sich gegenseitig nicht ausschließende Betrachtungsweisen der menschlichen Existenz seien. Das eine wie das andere sei jeweils in seinem Gebiet gültig, ohne dem anderen in seinem eigenen Gebiet zu widersprechen. Das ist eine sehr bequeme Einstellung, um sich Streit zu sparen, sie ist aber weder logisch noch ist sie nachhaltig. In der Vergangenheit hat sich die Wissenschaft ihre Freiräume immer gegen religiösen Widerstand erkämpfen müssen. Immer wieder mußten Wissenschaftler die Deutungshoheit der Religion angreifen. Kopernikus und Galilei hätten nichts zu sagen gehabt, wären sie nicht bereit gewesen, Territorium für die Naturwissenschaften zu beanspruchen, das vorher der Religion vorbehalten war. Und weder die Big Bang-Theorie noch die Evolutionstheorie konnten in einem Vakuum entstehen, das von der Religion freigelassen wurde. Noch heute widersprechen Kreationisten, und man hat sogar den Eindruck, daß ihre Zahl und ihr Einfluß wieder zunehmen. Appeasement ist gefährlich, denn so nach und nach verliert die Wissenschaft damit wieder die einst eroberten Freiräume. Das fängt mit Versuchen an, Blasphemiegesetze wieder zu etablieren, wie z.B. in Irland. Die islamischen Staaten versuchen, die UNO dafür einzuspannen. In verschiedenen Staaten versuchen religiöse Gruppen, die Schulbücher zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Das Kalkül ist, daß die so an die Religion gewöhnten Kinder auch als Erwachsene stärker der Religion zuneigen würden. Am Ende wäre es egal, welche Ergebnisse die Wissenschaften haben – der religiöse Konsens in der Gesellschaft legt fest, was Wissenschaftler veröffentlichen und untersuchen dürfen.

Toleranz ist die Bereitschaft, Herausforderungen zu akzeptieren, weil man an die eigene Fehlbarkeit glaubt. Genau das ist von der religiösen Seite allenfalls als Lippenbekenntnis zu erwarten. Der einzige Schutz vor der Religion ist, sie machtlos zu halten, und am wenigsten Macht hat die Religion, wenn keiner mehr an sie glaubt. Die Alternative ist alles andere als harmlos. Dort findet man z.B. Kinder, die sterben müssen, weil ihre Eltern die sogenannte Schulmedizin ablehnen und z.B. Impfungen verweigern oder schwere Krankheiten wegbeten wollen. Da findet man Allianzen zwischen Religiösen, Konservativen, der Tabaklobby und Klimaschutzgegnern, die feststellen, daß man zusammenarbeiten kann, wenn man Gründe hat, antiwissenschaftlich eingestellt zu sein. Im politischen Bereich kennt man den Begriff „Wehret den Anfängen.“ Hat eine radikale Bewegung erst mal einen gewissen Einfluß gewonnen, hat sie Möglichkeiten, sich selbst zu verstärken, da sie nicht fair zu spielen braucht. Für die Wissenschaften gilt ähnliches. Ist erst mal hinreichend weit akzeptiert, daß Grundregeln der Wissenschaften umgangen werden dürfen, fällt die Grundlage für den Wissenschaftsbetrieb weg. So weit darf es nicht kommen. Daher glaube ich, daß Wissenschaftler nicht bloß antireligiös sein sollten, weil etwas anderes unlogisch wäre, sie müssen es auch sein, weil sie sonst riskieren, daß auf Dauer die Arbeitsmöglichkeiten für Wissenschaftler wegfallen.

Sonntag, 30. August 2009

Probleme mit Firefox gelöst

Ich gebe zu, daß ich mein Blog nach dem Prinzip der Black-Box benutze. Ich gebe Texte ein, aber ich habe keine Zeit und keine Lust, auch noch die knappe Freizeit darauf zu verwenden, mich in Feinheiten des Net-Publishing einzuarbeiten. Doch das kann auch in die Hose gehen. Da ich Mozilla als Net-Browser nur ausnahmsweisebenutze, merke ich auch normalerweise gar nicht, wenn nach Änderungen mein Blog in Firefox nicht lesbar ist. Und so mußte nach Murphys Gesetz genau das passieren. Zum Glück hat mich ein Feund auf das Problem aufmerksam gemacht. Also: der Blog ist jetzt ein bißchen schmaler und dafür wieder in Firefox lesbar (jedenfalls Version 3.5 - keine Garantien für ältere Versionen). Tut mir leid, wenn ich damit einigen Lesern die Freude am Blog verdorben hatte.

Dienstag, 19. Mai 2009

Wie sehr wird die Schweinegrippe verharmlost?

Ich weiß, auf einem Klimablog sollte ich nicht über die A/H1N1-Pandemie schreiben, und sehr wenig Ahnung von dem Thema habe ich auch. Aber nachdem bereits Hans Mathias Kepplinger in einem Spiegel-Interview neben anderem Unfug auch verbreitet hatte, die WHO würde bezüglich der Schweinegrippe übertreiben, weil sie davon profitiert, sollte man sich durchlesen, was Gesundheitsexperten in den USA dazu in ihrem Blog schreiben (ich empfehle auch die nachfolgende Diskussion).

Eigentlich ist es eindeutig, was eine Pandemie ist: eine global verbreitete Epidemie. Eine Epidemie ist eine über das normale Maß erhöhte Anzahl an Infektionen. Da inzwischen Infektionen zwischen Menschen in verschiedenen Weltregionen der WHO gemeldet werden, gibt es eigentlich auch keine Wahl mehr, die Pandemiestufe 6 auszurufen. Doch WHO-Mitglieder wehren sich dagegen (die Washington Post nennt in einem Artikel unter anderem China, das Vereinigte Königreich und Japan) und nötigen die WHO-Experten dazu, die Hochstufung der Pandemie zu verzögern.

Mit welchem Argument? Man solle den Ermessensspielraum, der ohnehin schon besteht, noch erweitern. Bisher hängt es ja schon davon ab, wie gut man überhaupt Infektionen durch Labortests erfaßt, wann man zugeben muß, daß in einem Land Übertragungen erfolgen und nicht nur Fälle von außen eingeflogen werden. Da kaum ein Zehntel, vielleicht auch weniger der Infektionen überhaupt von Labortests erfaßt werden, ist die Dunkelziffer bei der Influenza recht groß. Üblicherweise führen nur schwere Krankheitsverläufe zur Erfassung über Labortests. Die Erweiterung des Ermessensspielraum soll nun darin bestehen, daß man auch die Gefährlichkeit der Krankheit berücksichtige. Weil also das Virus sich noch nicht richtig an den Menschen angepaßt habe, und erst ein paar Dutzend Todesfälle bestätigt seien, solle man davon ausgehen, daß das Virus eher harmlos sei und daher eine Pandemieeinstufung nicht rechtfertige.

Der Einwand dagegen ist, daß damit auch viele Grippe-Pandemien der Vergangenheit eigentlich nicht mehr gezählt werden dürften. Hongkong- und Asiengrippe fielen aus der Zählung. Die ganze Statistik, wie häufig Grippepandemien zu erwarten seien, müßte drastisch reduziert werden. Na, wenn das keine Verharmlosung ist. Auf dem verlinkten Blogbeitrag lautet die sarkastische Zusammenfassung: "We shouldn't call a pandemic a pandemic, because people might misunderstand that this means it's a pandemic. And then they would do things like panic, like UK officials are doing now when the prospect is broached we are having a pandemic." - "Wir sollten eine Pandemie nicht Pandemie nennen, weil Leute das mißverstehen könnten, daß es eine Pandemie bedeute. Und dann könnten sie Dinge tun wie in Panik zu verfallen, wie es Verantwortungsträger Großbritanniens gerade tun, wenn sich die Aussicht verbreitet, daß wir eine Pandemie haben."

Man muß es klar sagen: zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, wie agressiv das Virus ist. Aber wir sollten für alles vorbereitet sein, und das sind wir sicher nicht, wenn offizielle Stellen die Möglichkeit einer Pandemie wie 1957 oder gar 1918 herunterspielen. Seien wir lieber froh, wenn wir einmal zu viel gewarnt haben als einmal zu wenig. Die derzeit noch geringe Zahl an Toten sagt zu einem so frühen Zeitpunkt der Pandemie eben noch nichts darüber aus, wie sich das Virus weiter entwickeln wird.

Freitag, 1. Mai 2009

Schweinegrippe: Keine Krise jetzt, aber wir haben Zeit

Ich habe erneut durch offizielle Darstellungen und Wissenschaftsblogs quergelesen, um aus der Fülle widersprüchlicher Informationen für mich zu einem konsistenten Bild zu kommen. Das erste, was jeder zu erfahren versucht, ist eine Einschätzung, ob nun dieses Ereignis, die Ausbreitung einer neuen Variante der Influenza, für die eigene Familie eine Gefahr droht. Dabei drohen zwei Wertungsfehler.

Der eine Wertungsfehler ist die Hysterie. Je intensiver man sich mit einer Sache beschäftigt, desto wichtiger erscheint sie einem. Man nimmt im Laufe der Zeit nur noch die Schweinegrippe in Bezug auf alles andere wahr, und nicht etwa eine Krankheit als eine von vielen in einer Welt, die aus vielem anderem besteht, das mit Krankheiten gar nichts zu tun hat. Zum 1 Mai gibt es 331 im Labor bestätigte Fälle von Schweinegrippe mit insgesamt 10 bestätigten Todesfällen – in Bezug auf die übliche Sterblichkeit bei Grippe für hospitalisierte Fälle ist das nicht auffällig. Wenn man der Hysterie entgegentritt, kann aber einen anderen Fehler machen. Der ist die Leitfertigkeit.

Daß eine Infektion im Moment wenig Fälle verursacht heißt nicht, daß das dauerhaft so bleiben muß. Wie gefährlich diese Influenza ist, weiß man erst, nachdem sie sich ausgewirkt hat, also nach dem Ereignis. Das ist ein Punkt, in dem es Parallelen zum Thema der Klimaveränderung gibt. Daß nach einer Änderung der globalen Temperatur um ca. 0,8 Grad in einem Jahrhundert einem die Klimafolgen nicht dramatisch erscheinen, sagt nichts darüber aus, ob nach weiteren 1,2 Grad Temperaturänderung einem die Folgen immer noch undramatisch vorkommen werden. Erst recht ist damit nichts zu dem gesamten Ereignisraum unterschiedlich starker Vermeidungsmaßnahmen und uns noch nicht ganz bekannter Ereignismöglichkeiten der Erde gesagt und darüber, wie dramatisch uns Temperaturänderungen erscheinen mögen, die irgendwo von 2 bis 6 Grad bis 2100 reichen könnten. Genau das ist der derzeitige Informationsstand bei der Schweinegrippe. Daß ihr bisher nur eine überschaubare Zahl an Erkrankungen und Todesfällen zugeordnet werden können, gibt uns keinen Anhaltspunkt dafür, ob wir diese Influenza bis 2010 immer noch als harmlos ansehen werden, wenn inzwischen möglicherweise in mehreren Wellen größere Teile der Weltbevölkerung infiziert waren und das Virus zudem Gelegenheit hatte, weiter zu mutieren und seine Virulenz zu optimieren (die Infektionsrate) und auch seine Mortalität womöglich zu erhöhen (die Zahl der Menschen, die in Folge der Infektion versterben).

Um es klar zu machen – auf erhöhte Virulenz hin wird selektiert – es werden die Viren am besten verbreitet, die die höchste Virulenz haben (bei Vernachlässigung anderer Faktoren). Erhöhte Mortalität hingegen kann einfach dadurch entstehen, daß die Virenpopulation dramatisch anwächst, wenn große Bevölkerungsteile infiziert sind, und dann dadurch eine größere Bandbreite an mutierten Viren möglich ist. Einige Mutationen werden dabei zur Folge haben, daß der Virus von der körpereigenen Immunabwehr schwerer erkannt wird und daß lebenswichtige Organe stärker betroffen sein können, etwa daß die Lungen stärker befallen werden oder das Herz stärker befallen wird, und dann eine Lungenentzündung oder eine Entzündung des Herzens zum Tode führen. Wir wissen also jetzt noch gar nicht, wie virulent und wie tödlich das Virus im Laufe des Jahres sein werden.

Die 6 Pandemiestufen der Weltgesundheitsorganisation WHO mögen sehr willkürlich erscheinen. Ein paar Infektionen von Menschen durch Tiere und schon geht es rauf bis zur Stufe 3. Ein paar bestätigte Infektionen zwischen Menschen und es geht auf Stufe 4. Infektionen zwischen Menschen in zwei verschiedenen Staaten einer WHO-Region, und schon ist man auf Stufe 5. Stufe 6 erreicht man, wenn die Krankheit sich in verschiedenen WHO-Regionen unabhängig voneinander ausbreiten kann. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das der Fall sein wird. Die ganze Zeit ist damit nichts darüber gesagt, ob die Krankheit je mehr als ein paar 1000 und selbst ein paar 10000 Menschen betreffen wird und mehr als ein paar Dutzend Tote dabei herauskommen – das im Vergleich zu z.B. ca. 8000 Grippetoten in einem normalen Jahr in Deutschland. Aber das wichtige hier ist das Potential, daß die Infektion bis zu diesem Punkt gewonnen hat: eine neue Infektion hat bewiesen, daß sie übernational von Mensch zu Mensch übertragen werden kann und nicht auf eine Region begrenzt ist. Die Voraussetzungen für eine Pandemie, einen global verbreiteten Befall von Menschen ist gegeben. Was das in Erkrankungs- und Todesfällen übersetzt bedeutet, ist damit noch nicht gesagt. Aber für das, was möglich ist, geht dann in die Wertung ein, daß das Virus Eigenschaften hat, auf die unser Immunsystem eben noch nicht vorbereitet ist. Gene verschiedener Virenstämme von Schweine-, Vogel- und Menschengrippe wurden hier ausgetauscht, in Schweinen ausgebrütet und auf den Menschen übertragen. Und vermutlich werden die meisten Menschen im Gegensatz zu alten Influenzastämmen hier durch keine Grundimmunisierung geschützt werden.

Die Ausbreitung der Schweinegrippe jetzt bringt auch ein Dilemma mit sich. Die Impfstoffhersteller müssen sich bald entscheiden, ob sie wie gewohnt einen Impfstoff für die normalen Saisonimpfungen im Herbst während der nächsten Monate vorbereiten, oder ob sie einen Impfstoff herstellen, der gezielt die Pandemie mit dem neuen Schweinegripenvirus unterdrücken soll. Die Entscheidung wird man auf der Basis vermutlich unzureichender Daten treffen müssen. Aber man muß sie bald machen. Und davon könnte abhängen, wie viele Menschenleben die nächste Impfkampagne rettet – oder eben nicht.

Dienstag, 28. April 2009

Schweinegrippe - Sorgen eines Vaters

Seit ein paar Tagen verbreiten sich Nachrichten über einen neuen Influenzastamm wie – wie …eine Grippe. Nachdem die WHO für den A/H1N1-Stamm der Influenza aus Mexiko die Stufe 4 erklärt hat, die letzte Stufe vor Erklärung einer Pandemie, einer global ausgreifenden Epidemie der Grippe, beschäftigt inzwischen wohl die meisten Menschen, wie ernst die Lage ist und was man tun soll. Natürlich mache ich mir auch Sorgen für meinen Sohn, der mit seinen 4 Jahren anscheinend alle 3 Wochen eine neue Infektion aus dem Kindergarten anschleppt, von denen er etwa die Hälfte an meine Frau oder mich weitergibt.

Wenn man sich darüber informieren möchte, wie denn die Lage eigentlich ist und was man beachten sollte, gibt es eine Reihe von Schwierigkeiten.

Die Datenlage:
In Mexiko gab es zunächst geringe Bereitschaft, die Erkrankungen an die große Glocke zu hängen. Dadurch gibt es Zweifel an den mexikanischen Daten. Wenn sich Mexikaner in Blogs äußern, dann häufig mit dem Unterton, daß die Behörden die Epidemie unter den Tisch zu kehren versuchen und es in Wahrheit viel dramatischer sei, als offiziell zugegeben werden. Man kann aber vermuten, daß gerade das Misstrauen in die Behörden dazu führt, daß sich bei umgreifenden Infekten eine Hysterie entwickelt, die die tatsächliche Epidemie übertreibt. Immerhin ist es, gerade für den Laien, schwierig zu beurteilen, ob eine Atemwegserkrankung nun eine Grippe ist, und gar gerade dieser spezielle A/H1H1-Stamm, der für einige Tote gesorgt hat, oder eine andere Infektion. Sicherheit gibt erst ein Test im Labor, der einige Tage Zeit beansprucht. Die am besten greifbaren Daten sind die Zahl der Toten in Krankenhäusern, am besten zusätzlich bestätigt durch eine Laboranalyse auf den Virus, den die Leichen tragen.

Historische Vergleiche:
Was Menschen sehr besorgt macht, sind die Parallelen zur Spanischen Grippe, die je nach Schätzung zwischen 25 und 50 Millionen Menschen in drei Infektionswellen 1918 und 1919 tötete, dabei vorwiegend, und untypisch für Grippe, Menschen zwischen 20 und 40, statt wie sonst Kleinkinder und alte Menschen. Die ersten Zahlen aus Mexiko deuteten ebenfalls auf vorwiegend Menschen mittleren Alters, die nach einer Influenza starben. Und auch der Virusstamm ist der gleiche, wobei der aktuelle Virus genetisches Material von Schweine-, Vogel- und Humangrippe enthält. Die Spanische Grippe war vermutlich in Nordamerika entstanden und von Soldaten durch den 1. Weltkrieg nach Europa gebracht worden. Erst im neutralen Spanien, das im Gegensatz zu anderen Staaten während des 1. Weltkriegs eine freie Berichterstattung über steigende Erkrankungsfälle zuließ, wurde diese Form der Influenza bekannt, was dann den Namen für diese Grippepandemie prägte. Vergleiche sind jedoch auf den zweiten Blick viel schwieriger. In Wahrheit kann keiner sagen, wie viele Menschen tatsächlich von der Spanischen Grippe infiziert wurden, und wie viele Todesfälle es damals gab, denn damals gab es keine genetischen Tests auf den Virustyp. Zudem waren damals viele Menschen durch den Krieg geschwächt und schlecht genährt, Truppenkonzentrationen und -transporte an vielen Stellen machen die globale Verbreitung des Virus einfach und natürlich gab es damals keine effizienten Maßnahmen, z.B. Grippemedikamente wie Tamiflu oder Impfungen gegen Pneumokokken.

Die Bewertung der Lage:
Die WHO ist besorgt, weil man schon länger auf die nächste große Grippepandemie wartet. Der beobachtete Stamm wird offensichtlich gut von Mensch zu Mensch verbreitet und verbreitet sich bereits von Nordamerika nach Europa (bestätigt sind u.a. Spanien und Großbritannien). In Mexiko hatte man am Wochenende ca. 120 Tote auf ca. 1600 Erkrankte gemeldet. Das wäre eine Mortalität von ca. 7,5% (und ich runde hier die Zahlen mit Bedacht, weil hier wirklich viele Unsicherheiten eingehen), was durchaus im Rahmen dessen wäre, was manche für die Spanische Grippe annehmen (hier gibt es allerdings sehr unterschiedliche Meinungen, denn die Datenlage ist einfach zu schwach). Man sollte dabei aber berücksichtigen, daß die Zahl der Erkrankten unzureichend erfasst sein dürfte – gezählt werden wohl nur die Menschen, die mit schweren Symptomen die Krankenhäuser aufsuchen. Weiterhin ist die Sterblichkeit in Mexiko aus mehreren Gründen hoch. Die meisten Menschen sterben nicht direkt an der Grippe, sondern an den Komplikationen, insbesondere einer Lungenentzündung im Gefolge der Grippe, und die hohe Sterblichkeit bestand in Städten, die relativ hoch lagen und damit dünnere Luft hatten – ein Risikofaktor für Menschen mit Atemwegserkrankungen. Dazu kommt die geringere Qualität der Gesundheitsversorgung in Mexiko. Bei den US-Fällen wurden keine vergleichbaren Sterblichkeitszahlen gemeldet, das stellt eine Entwarnung dar.

Wie also soll man darauf reagieren? Zum einen muß man einfach abwarten. Das ist frustrierend, aber es liegen noch zu wenige Daten darüber vor, wie virulent der neue Erreger wirklich ist. Wenn es Verdachtsfälle in Deutschland gibt, sollte man tun, was grundsätzlich zur Vorbeugung bei einer Influenza empfohlen wird: häufig und gründlich die Hände waschen. Die Impfung gegen Pneumokokken und Haemophilus Influenza ist hilfreich, denn begleitende Superinfektionen sind der eigentliche Risikofaktor bei einer Influenza. Grippeimpfungen hingegen werden für diese Grippewelle nichts bringen, weil es mindestens 4 Monate dauert, bis ein passender Impfstoff für die mexikanische Grippe in großer Menge produziert werden kann. Generell kann aber empfindlichen Menschen nur dazu geraten werden, bei den jährlichen Grippeimpfungen mitzumachen, weil dies dafür sorgt, daß große Kapazitäten für die Impfstoffproduktion aufrecht erhalten werden, die uns dann helfen, wenn es mal richtig kritisch wird und eine große Grippepandemie kommt. Sollten die typischen Grippesymptome auftreten (plötzliches hohes Fieber, trockener Husten oder Beklemmung, Schwäche und Muskelschmerzen), sollte eine Therapie schon in den ersten 2 Tagen einsetzen, damit eine Behandlung auch sinnvoll ist. Und da eine Pandemie sich in mehreren Wellen um die Welt bewegt, wird für mich das Thema auch nicht erledigt sein, wenn im Sommer keiner mehr über die mexikanische Grippe reden sollte. Wenn der neue Impfstoff da ist, wird das im Herbst die Gelegenheit sein, die Familie impfen zu lassen. Ansonsten aber halte ich diese Grippe für nicht gefährlicher als die saisonale Grippe, es sei denn, es kämen doch noch Meldungen, die auch für entwickelte Länder eine überdurchschnittliche Mortalität angeben.

Aktualisierung: Seit dem 29.4. gibt es nun auch in Deutschland einen bestätigten Fall nahe Regensburg.

Wo gibt es mehr Informationen? Eigentlich überall, das Problem ist nur, Quellen widersprechen sich teilweise, hinken der Entwicklung hinterher oder sind so technisch und speziell, daß man nicht wirklich von den Informationen profitiert. Hilfreich fand ich den Blog einer Professorin für Epidemiologie hier (auf Englisch).

Einen informativen deutschen Blog finde ich hier.

Eine Karte für deutsche Fälle (bisher gibt es keinen bestätigten Fall in Deutschland zum 28.4.) gibt es hier.

Ansonsten kann man bei der WHO vorbeischauen

und insbesondere beim Robert-Koch-Institut.