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Samstag, 28. November 2015

Was beim Klimagipfel in Paris auf dem Spiel steht

Am 30. 11. 2015 beginnt in Paris schon wieder eine Konferenz von Staaten zu Maßnahmen gegen den Klimawandel. In den Medien wird schon im Vorfeld breit über das Thema berichtet, erst recht parallel zur Klimakonferenz in Paris. Als Beobachter fragt man sich natürlich, warum es schon wieder eine solche Konferenz gibt, was man überhaupt davon erwarten kann und ob es überhaupt eine Rolle spielt, wenn eigentlich im Ergebnis solcher Treffen der Staaten vor allem unverbindliche Absichtserklärungen herauskommen.

Bei den Klimakonferenzen muss man unterscheiden zwischen Fachkonferenzen, in denen Wissenschaftler das Thema diskutieren und zu Berichten und Empfehlungen kommen, Klimakonferenzen zur Vorbereitung von Entscheidungen im Rahmen der verschiedenen bestehenden Verträge oder Rahmenkonventionen und die eigentlichen Klimagipfel im Rahmen der Unterzeichner der Klimarahmenkonvention (United Nations Framework Convention on Climate Change, UNFCCC) oder des Kyotoprotokolls. Letzteres ist das, was jetzt in Paris stattfindet. Es geht darum, einen Nachfolgevertrag zum Kyotoprotokoll zu beschließen, der ab 2020 in Kraft treten soll und auch Staaten zu verbindlichen Emissionsbegrenzungen für Treibhausgase verpflichten soll, die bisher keine Begrenzungen akzeptiert hatten. Einerseits hatten jene Staaten das Kyotoprotokoll nicht ratifiziert, wie die USA, oder sie waren als Schwellenländer oder zu entwickelnde Staaten von Emissionsbegrenzungen ausgenommen.

Die globale Temperatur steigt - Leugnen zwecklos. Die Staaten wollen einen Anstieg um mehr als 2 Grad gegenüber 1880 verhindern. Aber dazu muss man starke Einschnitte beschließen. Daten und Abbildung von NASA-GISS.

Donnerstag, 10. Oktober 2013

Wir verlassen den Garten

Der Garten ist die Erde mit den Bedingungen, an die die heute lebenden Arten und ihre Ökosysteme gewohnt sind. Es wird im Laufe der Zeit wärmer oder kälter, feuchter oder trockener und die Lebewesen in ihren jeweiligen Lebensräumen müssen diese Veränderungen aushalten. Sie haben eine gewisse Toleranz zu Änderungen ihrer Umwelt entwickelt. Mit dem Klimawandel sind wir dabei, diesen Garten zu verlassen, in dem die Veränderungen ein überschaubares Maß hatten. Wir können nicht erwarten, dass die Arten im Garten, dass die Ökosysteme, die hier entstanden sind, den Schritt aus dem Garten heraus überstehen. Doch wie wissen wir, wann wir den Garten verlassen? Es gibt dazu eine neue Arbeit, die gerade in verschiedenen Blogs diskutiert wird - zum Beispiel bei skeptical science oder bei Rabett Run. Ich möchte auch einen Blick hinein werfen.

Sonntag, 4. November 2012

Hurrican Sandy bringt den Klimawandel in die Politik zurück

In den USA schien es so, als wäre der Klimawandel als politisches Thema abgemeldet. Seltsamerweise konnte die neuerliche Rekordschmelze des arktischen Meereeises, bei der Eisausdehnung, Eisfläche und Eisvolumen minimale Werte im September 2012 aufwiesen genausowenig die Realität des Klimawandels mit seinen Auswirkungen in das politische Bewußtsein bringen wie die gewaltige Dürre im Süden der USA, die an die Ausmasse der Dürre in den 30er Jahren erinnerte. Doch der Hurrican Sandy ändert alles und macht einen großen Bogen vom arktischen Meereseis und dem Klimawandel über den Meeresspiegelanstieg und Klimawandelfolgen bis zum Präsidentschaftswahlkampf möglich.

Donnerstag, 13. September 2012

Hot Town, Summer in the City

Die globale Erwärmung läßt sich immer schwerer leugnen. Dazu zeigen die weltweiten Temperaturkurven zu eindeutig nach oben. Einen neuen Rekord zeigt auch das Abschmelzen des arktischen Meereises, das endgültig bestätigt, daß wir 2007 miterlebt hatten, daß die Arktis in ein neues klimatisches Regime eingetreten ist. Damit wird nun immer mehr zum Thema, welche Auswirkungen die globale Erwärmung hat. Eines der vieldiskutierten Themen dieses Jahr war, wie man in den Städten mit immer öfter kommenden Hitzewellen umgeht. Aber vorher will ich eine Geschichte erzählen, von einem Professor, der Sandkörner auf Papier klebte...

Samstag, 22. Januar 2011

Ein Problem anderer Leute - warum gegen den Klimawandel nichts getan wird

Der Klimawandel wird meistens wahrgenommen als ein Problem anderer Leute. Wir erfahren zwar aus den Medien, daß wir mit unserem Lebensstil das Klima dauerhaft verändern und dies gravierende Folgen hat, aber die Folgen werden erst in der Generation der Kinder und Enkel real. Schaut man in die Projektionen für Treibhausgasanteile und globale Temperatur, sieht man überall, daß wir erst ganz am Anfang der Entwicklung stehen, obwohl der globale Temperaturanstieg schon seit über 30 Jahren von natürlichen Faktoren nicht mehr verdeckt werden kann. Wir würden wohl handeln, wenn wir eine dramatische Entwicklung sähen und innerhalb von wenigen Jahren erkennbar Ernten einbrächen, Lebensräume verschwänden und das Wetter unerträglich würde. Aber hier ist kein Feuer ausgebrochen, bei dem man sofort flüchten würde, sondern hier sind eher die Wasserleitungen bleibelastet und man merkt erst nach Jahren, daß man immer schwerer krank wird, wenn es schon zu spät ist.


Donnerstag, 26. August 2010

ENSO, Hochwasser und Klimawandel

Wird die Tiefenzirkulation des pazifischen Ozeans vor der äquatorialen Küste Südamerikas unterbunden, bildet sich eine erwärmte Schicht Oberflächenwassers in einem Band weit nach Westen. Dies kann dadurch geschehen, dass die starken Passatwinde, die normalerweise aus dem Osten kommen, Wasser von der Küste wegtreiben und kaltes Tiefenwasser aufsteigen lassen, sich zeitweise abschwächen und warmes Oberflächenwasser des Zentralpazifik bis zur südamerikanischen Küste vordringen lassen. Die dadurch erwärmte Luft sorgt dafür, daß die globale Temperatur bis zu 0,2 Grad wärmer ist als in Zeiten stärkerer Durchmischung im Pazifik. Diese zeitweilige zusätzliche Erwärmung von Oberflächenwasser und Luft zieht in den folgenden Monaten in viele andere Regionen , und trägt möglicherweise zu Hitzewellen an anderen Orten bei. Diese Konstellation heißt El Niño, weil sie üblicherweise im Winter auftritt, zur Zeit des Christkindes (el Niño=das Kind bzw. in dem Zusammenhang das Christkind im Spanischen). Das Gegenstück zum El Niño ist La Niña, wenn die Passatwinde besonders stark sind und kaltes Tiefenwasser vor Südamerika verstärkt aufsteigt und für kaltes Oberflächenwasser im äquatorialen Pazifik sorgt, gepaart mit starken Niederschlägen in Südostasien, aber auch Kältewellen in Südamerika (wie in den letzten Wochen). Zusammen sind dies die Phasen des ENSO-Zyklus, wobei dies in Wahrheit kein Zyklus ist, sondern eine chaotische Abfolge der Phasen, die jeweils stärker oder schwächer ausgeprägt sein können. Außerdem hängen an den ENSO-Phasen Wetterauswirkungen vielfältiger Art. Unter anderem bringt man die katastrophalen Niederschläge in Pakistan und derzeit in Indonesien und zerstörerische Hochwasser mit La Niña in Verbindung. Außerdem wird der ENSO-Zyklus anscheinend von der globalen Erwärmung beeinflußt. Und das nicht zum Guten. Es gibt einen neuen Bericht der NASA und der National Oceanic and Atmospheric Agency NOAA in den USA, der Anlaß zur Sorge gibt. Was steht da drin?
Abweichungen von der normalen Meeresoberflächentemperatur (links) und Höhe (rechts) 2009-2010 (Spitzenwerte) beim zentralpazifischen El Niño. Messung durch polarumlaufende Satelliten von NOAA bzw. Jason-1-Station von NASA. Maximalwerte im zentralen äquatorialen Pazifik. Quelle: NASA/JPL-NOAA


Mittwoch, 18. August 2010

Wann wissen wir, ob der Klimawandel mehr Menschen tötet?

Die Frage im Titel hat eine einfache Antwort: 2100, vielleicht auch schon einige Jahre vorher, wissen wir es. Wir können nämlich nur dann sicher sagen, wie viel Menschen der Klimawandel tötet, wenn er erfolgt ist. Und auch dann mit der Einschränkung, daß wir irgendwie feststellen müssen, wie der Vergleichszustand ohne Klimawandel aussieht. Das ist nicht immer einfach. Als 1917 die kommunistische Diktatur sich in Rußland an die Macht putschte und das Land mit Bürgerkrieg und die unbotmäßige Ukraine schließlich mit einer Hungersnot überzog, was nehmen wir als Verursacher der Millionen Hungertoten in der Ukraine: die politischen Verhältnisse, den Krieg, die Zwangskollektivierung und Beschlagnahmen in der Ukraine? Oder rechnen wir die Toten als Ergebnis einer Dürre, eines klimatischen oder meteorologischen Einflusses? Wenn Sie letzteres für plausibler halten, heißen Sie Indur Goklany und publizieren Sie im Interesse diverser Think Tanks Artikel, die "beweisen", daß der Klimawandel zu einer abnehmenden Zahl von Toten führt und die Toten durch den Klimawandel ohnehin gegenüber denen durch andere Ursachen vernachlässigt werden können. Gehen wir mal in die Einzelheiten.
Nach Meinung von Goklany beweist das, daß Klima und Wetter früher tödlicher waren. Nach meiner Meinung zeigt das, daß eine Ansammlung von Einzelereignissen keine belastbare Statistik gibt (Zahl der Toten pro Jahr und Todesfallraten pro Millionen Menschen für jeweils ein Jahrzehnt aufgrund von Ereignissen, die irgendwie mit Wetter und Klima zu tun haben könnten).

Donnerstag, 12. August 2010

Eiertanz um Wetterextreme

Im Rahmen des Klimawandels wird auch eine Häufung von Wetterextremen vorhergesagt. Das ist schlecht formuliert - wenn die Temperaturen steigen, muß es zwangsläufig einen relativen Anstieg der Häufigkeit von Temperatur- und Niederschlagsrekorden geben. Und da wir derzeit die wärmsten 12 Monate in der wärmsten Dekade im wärmsten 50-Jahreszeitraum seit Beginn der Wetteraufzeichnungen haben und möglicherweise auch der letzten 1000 Jahre und wahrscheinlich auch der letzten 2000 Jahre, kann es uns nicht verwundern, wenn wir mit Jahrhunderthitzewellen in einigen Erdregionen und Jahrzehnt- oder gar Jahrhundertüberflutungen in anderen oder den gleichen Erdregionen konfrontiert werden. Vor dem Hintergrund ist es geradezu verblüffend, wie ich schon früher erklärt hatte, wie Journalisten für Zeitungen und Fernsehnachrichten sich anstrengen, im Zusammenhang mit der Hitzewelle in Pakistan, Indien und Arabien im Frühjahr, im Sommer in Rußland und Umgebung und den Überschwemmungen in Pakistan und der historischen Häufung von Hitzerekorden in 17 Staaten und Territorien der Erde den Klimawandel nicht zu erwähnen. Ganz selten geschieht es dann doch einmal. Und dann steht anscheinend Joachim Müller-Jung, Wissenschaftsjournalist bei der FAZ bereit, das anzugreifen. Er irrt sich, und warum, das erzählt uns zugleich etwas über eine aktuelle Diskussion des Einflusses der Sonne auf das Wettergeschehen.

Sonntag, 8. August 2010

Am Rand der Verteilung

Die Normalverteilung ist recht oft eine gute erste Annäherung, um die zufällige Verteilung einer Eigenschaft um einen Mittelwert zu beschreiben aus Gründen, die zu langatmig wären, um das hier zu beschreiben. Eine kurze Erinnerung ist, daß zum einen die Summe mehrerer Verteilungen sich einer Normalverteilung annähert, zum anderen, daß wir, wenn wir nur eine begrenzte Zahl an Werten haben, auch nur grob genähert sehen können, welche Verteilung wir vor uns haben. Selbstverständlich gibt es auch Eigenschaften, zum Beispiel die Lebensdauer einer wiederholt hin und her gebogenen Büroklammer, bei denen wir mit einer Normalverteilung überhaupt nicht hinkämen. Im letzten Blogbeitrag habe ich geschrieben, daß die extremen Wetterereignisse dieses Jahres uns zwei Lehren bieten. Zum einen sind sie in ihrer Häufung ein Beleg für die globale Erwärmung - ohne die globale Erwärmung würden wir zwar auch Wetterextreme erwarten, aber nicht so viele in dieser Kombination. Zum anderen zeigen uns die extremen Wetterereignisse, was wir als den Normalfall zu erwarten haben, nachdem die globale Erwärmung vorangeschritten ist. Es bleibt immer noch die Frage, wann wir denn bei einem Wetterextrem sagen können, daß es durch die globale Erwärmung verursacht wurde? Diese Frage ist so trickreich, weil im Grunde die Wahrscheinlichkeit für ein beliebiges Wetterextrem nie gleich Null ist.
Vergleich der Temperaturanomalien August 2003 (links) und Juli 2010 (rechts) nach Daten von NOAA/ESRL via WeatherUnderground.

Mittwoch, 4. August 2010

Was das Wetter über den Klimawandel sagt

Wetter ist nicht Klima. Die Wetterparameter (Temperatur, Feuchte, Wind) zeigen eine erhebliche Variabilität um ihre Mittelwerte. Das gleiche gilt für Witterungen und jahreszeitliche Gänge in einzelnen Jahren. Weder ein einzelner heißer Sommer noch ein einzelner relativ kalter Winter beweisen eine Klimaänderung oder einen Trendwechsel. Das kann man allerdings mißverstehen. Es gibt nicht nur das eine Extrem, daß weniger kundige oder an einem bestimmten Klimatrend interessierte Menschen ein Einzelereignis als Zeugnis für ihre Meinung anführen, wie etwa ein Teil der Leugner, die mit einem recht kalten und schneereichen Winter in Teilen Europas eine globale Abkühlung beweisen wollten. Das andere Extrem ist das Mißverständnis, das einzelne extreme Wetterlagen keine Aussagen zum Klimawandel zuließen. Das ist ein Irrtum, denn eine Häufung extremer Wetterereignisse ist durchaus signifikant. Und zwar taugen sie für zwei Aussagen. Zum einen zu Aussagen bezüglich eines bestehenden Kliamwandels. Zum anderen dazu, was wir von diesem Klimawandel zu erwarten haben.

Verhältnis von hohen zu niedrigen Rekordtemperaturen an 1800 Wetterstationen in den USA ohne Alaska und Hawaii (©UCAR, graphic by Mike Shibao.)

Donnerstag, 3. Juni 2010

Wenn die Hitze tötet

In Indien herrscht zur Zeit eine Hitzewelle von ungewöhnlichem Ausmaß. Eine unbekannte Zahl von Menschen sind ihr bereits zum Opfer gefallen. Die Zeit vor den Monsunregen im April und Mai ist die heißeste Zeit in Indien. Die Hitze ist vor allem deshalb unerträglich, weil im Gegensatz zur Wüste auch die Luftfeuchtigkeit hoch ist. Vor 7 Jahren meldeten Zeitungen, alleine in der Provinz Andhra Pradesh seien bis zum 2. Juni 900 Menschen an Hitzschlag gestorben. Die Zahlen für den gesamten Subkontinent sind natürlich mehrfach höher. Aber die Zahl der Menschen, die direkt und indirekt durch die große Hitze umgekommen war, ist wohl kaum zu ermitteln. In den vergangenen zwei Monaten herrschte erneut eine Hitzewelle, die über das übliche Maß hinausging. Am 2./3. Juni war die Minimumtemperatur in Dehli 34,7 Grad Celsius, ein 40-Jahres-Rekord. Es wird berichtet, daß schon über 1000 Menschen an Hitzschlag gestorben seien, vor allem alte Menschen und Kinder, während die Temperaturen tagsüber bis auf 50 Grad Celsius steigen. Die Monate März und April waren die heißesten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen in Indien und auch der Mai wies Temperaturen bis zu 7 Grad über dem saisonalen Mittel auf.

Die hohe Zahl an Toten ist nicht etwa einzigartig - es gab auch andere Jahre, in denen Hitzschlag und durch die Hitze verdorbenes Essen zu zahlreichen Toten vor der Monsunzeit führten. Das Problem tritt immer dann auf, wenn die Hitze so groß ist, daß die Körperwärme nicht mehr abgeführt werden kann und die Körpertemperatur längere Zeit über 40 Grad steigt. Hitze kann abgeführt werden, wenn verdunstender Schweiß die Haut auf etwa 35 Grad kühlen kann. Ist die Luftfeuchtigkeit zu hoch und gleichzeitig die Lufttemperatur hoch, ist dies nicht mehr möglich - die Haut bleibt wärmer als 35 Grad und kann die Körperwärme nicht mehr abführen. Die entscheidende Temperatur ist also nicht die Lufttemperatur, sondern die Verdunstungstemperatur auf der Haut. Bei gleicher Lufttemperatur steigt diese mit zunehmender Luftfeuchtigkeit deutlich an. Daher ist die gefühlte Temperatur bzw. der Wärmeindex abhängig von relativer Luftfeuchtigkeit und Lufttemperatur. In Indien lag und liegt die gefühlte Temperatur in weiten Landesteilen in dieser Trockenzeit im Tagesmaximum weit über 60 Grad Celsius.

Das Beispiel verdeutlicht, daß schon heute in den Tropen, wenn die relative Luftfeuchtigkeit nicht zu niedrig ist, die Lufttemperatur den Grenzbereich erreicht, bei dem menschliches Leben im Freien möglich ist. Sollte die Temperatur in diesen Regionen nur um wenige Grad ansteigen, wäre menschliches Leben dort kaum noch möglich. Auch für viele Tiere und sogar Pflanzen wäre ein Leben dort nicht mehr möglich. Die Frage ist daher, ob die globale Erwärmung den Bereich erreichen könnte, in dem Teile der Tropen zu Todeszonen würden? Im allgemeinen erfolgt die globale Erwärmung ungleichmäßig. Die Tropen erwärmen sich deutlich langsamer als die gemäßigten und die polaren Zonen. Die Treibhausgase unterdrücken vor allem die Auskühlung der Regionen, in denen die Strahlungsbilanz durch die Sonne negativ ist, etwa in der Nacht oder im Winter. In den polaren und gemäßigten Zonen wirkt zudem eine positive Rückkopplung durch eine verringerte Schnee- und Eisbedeckung bei einer Erwärmung. Eine globale Erwärmung von 3 Grad kann in den polaren Zonen zu einer mehr als doppelt so hohen mittleren Temperatursteigerung führen. In den Tropen andererseits steigt die mittlere Temperatur nur um 2 Grad oder weniger. Rekordhitze, wie jetzt in Indien, würde bei einer globalen Erwärmung um 3 Grad wahrscheinlicher, aber nicht unbedingt zum Regelfall. Noch höhere Temperaturen würden durch eine negative Rückkopplung aufgrund der verstärkten Abstrahlung proportional zur vierten Potenz der Temperatur und durch verstärkten Wärmetransport in die gemäßigten Zonen weitgehend unterdrückt.

Doch sollte die globale Temperatur um mehr als 11 Grad ansteigen, würde es in weiten Gebieten der Erde heiß genug werden, um sie für Menschen im Freien zu Todeszonen zu machen. Schon bei einem Anstieg der globalen Temperatur um 7 Grad würden in den Tropen Zonen entstehen, in denen die Verdunstungstemperatur über 35 Grad steigt und menschliches Leben im Freien nicht mehr möglich ist. Dies sind die Ergebnisse von Steven Sherwood und Matthew Huber in An adaptability limit to climate change due to heat stress, PNAS, 3. Mai 2010, die zum Beispiel hier bei Skeptical Science erläutert werden. Diese Ergebnisse verdeutlichen, daß wir es mit einer ganzen Serie von Grenzwerten zu tun haben, die die menschliche Besiedlung der Erde in Frage stellen. Bei 2 bis 3 Grad erfolgt die irreversible Schmelze von Eisschilden in Grönland und der Westantarktis, die im Laufe von vielleicht unter 3 Jahrhunderten zu einem mittleren Anstieg der Meeresspiegel von über 10 Metern führen können und dadurch zum Verlust sämtlicher bisher intensiv genutzter Küsten- und Tieflandregionen. Danach droht der Verlust vieler Ökogebiete wie etwa der tropischen Regenwälder und der Korallenriffe. Darüber oder darunter setzt der Verlust der Permafrostböden und die Ausgasung gewaltiger Mengen bisher im Boden gebundenen Kohlenstoffs ein, was den Anstieg von Treibhausgaskonzentrationen auf ein Vielfaches des heutigen Wertes irreversibel machen würde, also unabhängig von Emissionsminderungsmaßnahmen. Bei 7 Grad fangen wir an, Teile der Tropen als Siedlungsflächen zu verlieren. Bei 11 Grad wird der größte Teil der Erde lebensfeindlich.

Wenn wir über das 2 Grad-Ziel reden, haben wir im Hinterkopf, daß wir bei einem Scheitern mit größerer Dringlichkeit das 3 Grad-Ziel erreichen müssen und mit noch größerer Dringlichkeit unter einem globalen Temperaturanstieg von 4 Grad bleiben müssen. Denn durch das Einsetzen zusätzlicher positiver Rückkopplung würde über 4 Grad Temperatursteigerung nicht etwa die 5-Grad-Grenze in den Blick kommen, sondern es würde sich die Frage stellen, ob wir danach überhaupt noch die Kontrolle über die Erde gewinnen können, um nicht die 7-Grad-Grenze zu erreichen. Ich erinnere daran, daß wir bei jedem Ziel zur Emissionsbegrenzung aufgrund der Unsicherheit der Modellergebnisse immer über einen Temperaturbereich reden, bei dem es eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür gibt, daß wir am oberen Rand der Temperaturverteilung landen. Ohne Emissionsminderungsmaßnahmen sind Temperatursteigerungen um mehr als 7 Grad zu 10% wahrscheinlich - das ist viel! In den IPCC-Berichten gibt es keine Szenarien ohne Emissionsminderungsmaßnahmen, doch selbst hier liegen im A1F1-Szenario im oberen Bereich noch globale Temperatursteigerungen je nach Modell bis 6 Grad bis 2100 und mehr danach.

Zu der Wahrscheinlichkeitsverteilung von globalen Temperaturen abhängig von unseren Emissionen kommt ein zweites Risiko hinzu - die Trägheit unseres Klimasystems. Wenn die Treibhausgaskonzentrationen nicht mehr ansteigen, dauert es einige Zeit, bis die neue Gleichgewichtstemperatur erreicht wird. Innerhalb von 30 Jahren können derzeit ca. 0,5 bis 1 Grad globale Erwärmung hinzukommen, wenn wir augenblicklich die Treibhausgaskonzentrationen einfrieren können. Wenn wir erst abwarten, bis die globale Temperatur um 2 Grad gestiegen ist, würde ein dramatisches Handeln dann immer noch einen weiteren globalen Temperaturanstieg von mehr als einem Grad nicht mehr verhindern können. Wie viel mehr, hängt an langsamen Rückkopplungen wie die Kohlenstoffbilanz der Permafrostböden, die wir noch nicht ausreichend verstehen. Es ist bedauerlich, daß diese Zusammenhänge für die meisten Menschen und viele Entscheidungsträger zu komplex sind, um ein Gefühl für Dringlichkeit des Problems zu wecken.

Mittwoch, 21. April 2010

Klimawandel läßt die Erde beben und Vulkane speien

Treibhausgasemissionen bewirken eine globale Erwärmung. Kohlendioxidemissionen außerdem einen Anstieg der Acidität der Meere. In der Folge verändern sich Lebensräume, sterben Arten aus, werden biologische Nahrungskreisläufe unterbrochen, kommt es zu vermehrten Extremwetterereignissen, Dürren, Überschwemmungen, möglicherweise zum Verlust des Meeres als Nahrungsquelle, zu schwerwiegenden Störungen der Nahrungsmittelversorgung zum Beispiel in Asien, zu fehlender Wasserversorgung in Teilen Asiens und Australiens, zu einem Anstieg des Meeresspiegels und dadurch zur Versalzung oder Überschwemmung vieler landwirtschaftlicher Nutzflächen und von Wohngebieten im Küstenraum. Das ist nur eine Auswahl von Wirkungen, die früher oder später sicher eintreffen oder zumindest wahrscheinlicher werden, wenn die Emissionen der Treibhausgase nicht rechtzeitig eingeschränkt und schließlich beendet werden. Der Klimawandel kann außerdem vermehrt zu Vulkanausbrüchen, Erdbeben und Tsunamis führen. Und genau hier ist der Punkt, an dem auch wohlwollende Leser zunächst mit Ablehnung reagieren. Wie soll eine globale Erwärmung um ein, zwei Grad in ein paar Jahrzehnten Erdbeben auslösen?

Hilfreich ist hier ein Blick in die aktuelle Ausgabe der Philosophical Transaction of the Royal Society A. Im September 2009 fand das dritte Johnston–Lavis Colloquium am University College London statt, in dem die geologischen Auswirkungen des Klimawandels ein Schwerpunktthema war. Die dort vorgetragenen Beiträge sind nun zu 12 Publikationen in der Fachzeitschrift geworden und zeigen unter anderem auch, woher der Zusammenhang zwischen Erdbeben, Vulkanen und Klimawandel kommt. Eigentlich setzen Vulkane das Kohlendioxid wieder frei, das im Laufe von Millionen Jahren der Luft entzogen wird, indem bei der Verwitterung von Gesteinen Kohlendioxid als Carbonat gebunden wird oder indem Meereslebewesen mit ihren Kalkschalen zum Meeresgrund absinken. Insofern können Vulkane, Verwitterung und Plattentektonik auf einer Zeitskala von Jahrmillionen Klimawandel bewirken - in beide Richtungen.

Eine globale Erwärmung kann auch dafür sorgen, daß Gletscher abtauen. So ein Gletscher ist aber eine schwere Last für das darunterliegende Gestein, ganz so, als würde da ein Berg ruhen. Und so, wie das Verschwinden eines Berges die Erdschichten darunter in Bewegung bringt, führt auch das Verschwinden eines Gletschers dazu, daß die Erde darunter in Bewegung gerät. Eine mögliche Folge ist, daß Vulkane, deren Eisdecke abtaut, aktiv werden. Freysteinn Sigmundsson, Virginie Pinel, Björn Lund, Fabien Albino, Carolina Pagli, Halldór Geirsson und Erik Sturkell untersuchen in Climate effects on volcanism: influence on magmatic systems of loading and unloading from ice mass variations, with examples from Iceland in Philosophical Transactions of the Royal Society A: Mathematical, Physical and Engineering Sciences, 368, 2519-2534, doi:10.1098/rsta.2010.0042 den Effekt des Endes der letzten Eiszeit auf den Vulkanismus in Island und fanden bei Modellrechnungen heraus, daß das Abschmelzen von Gletschern den Vulkanismus gefördert hatte. Im gleichen Heft werden Studien vorgestellt, die einen Anstieg des Vulkanismus aufgrund des Klimawandels für wahrscheinlich erachten.

In anderen Beiträgen wird die Rolle untersucht, die Meeresspiegeländerungen, Abtauen von Eis oder das Auftauen von Gashydraten im Meer auf die Stabilität von Erdschichten haben können. Sowohl an Land in den Bergen (etwa in den Alpen) wie im Meer kann das Abtauen von Eis oder das Auftauen von Gashydraten zu Erdrutschen führen, die im Meer Tsunamis bewirken können. Aber auch die relative Änderung der Dicke der Meeresschicht in Folge eines El Nino kann die Belastung der darunterliegenden Erdschichten verändern. Für den ostpazifischen Rücken konnte ein Zusammenhang zwischen Erdbeben und El Nino-Ereignissen nachgewiesen werden.

Die Abhängigkeiten des Systems Erde vom Klimawandel gehen immer noch weiter, als viele für möglich halten.

Sonntag, 21. März 2010

Gesetz des Dschungels regiert bei Amazonas-Streit

Einer der Folgen des Klimawandels ist eine Änderung des Niederschlagsmusters über der Erde. Diskutiert wird unter anderem die Möglichkeit, daß die Niederschlagsmenge über dem Regenwald am Amazonas nachläßt. Wir wissen, daß im Zuge von El-Nino-Ereignissen Dürreperioden am Amazonas auftreten. Möglicherweise bedeutet eine globale Erwärmung, daß wir verstärkt mit solchen Ereignissen rechnen müssen und daß dadurch Teile des Regenwaldes absterben und durch Savanne ersetzt werden. Das Schaubild zeigt die mittleren Ergebnisse der Modelle zu Temperatur- und Niederschlagsänderungen in Südamerika. Bemerkenswert ist vor allem der Rückgang der Niederschläge im Amazonasgebiet im Quartal Juni bis August.
Im Bericht der zweiten Arbeitsgruppe des IPCC zu den Folgen des Klimawandels werden diese Auswirkungen ebenfalls diskutiert. Dort steht: "Up to 40% of the Amazonian forests could react drastically to even a slight reduction in precipitation; this means that the tropical vegetation, hydrology and climate system in South America could change very rapidly to another steady state, not necessarily producing gradual changes between the current and the future situation (Rowell and Moore, 2000). - Bis zu 40% des Amazonasregenwaldes könnten drastisch auf sogar geringfügige Verringerungen der Niederschläge reagieren, indem tropische Vegetation, Wasserkreislauf und Klimasystem in Südamerika rasch in einen anderen stationären Zustand wechseln könnten, ohne dabei unbedingt Zwischenschritte zwischen der aktuellen und der künftigen Situation einzunehmen (Rowell und Moore, 2000)." Das Zitat bezieht sich auf einen Bericht des World Wildlife Fund WWF, auf dem auf Seite 15 allerdings dafür ein entsprechender Nature-Artikel zitiert wird (D. C. Nepstad, A. Veríssimo, A. A l e n c a r, C. Nobre, E. Lima, P. Lefebvre, P.S c h l e s i n g e r, C. Potter, P. Mountinho, E. Mendoza, M. Cochrane, V. Brooks, Large -scale Impoverishment of Amazonian Forests by Logging and Fire, Nature, 1999, Vol 398, 8 April, pp505).

Ein Blogger namens North hatte die Lüge verbreitet, der Eintrag im IPCC-Bericht sei nicht durch die Fachliteratur gestützt. Das ging insbesondere nach Verbreitung durch den britischen Reporter Jonathan Leake als "Amazongate" durch die Leugnerblogs, in denen diese Lüge nie korrigiert wurde. Für Tim Lambert im Blog Deltoid war dies Anlaß, einer ganzen Serie von Lügen von Leake und seinem Kollegen Rose nachzugehen.

Gerade, als man glaubte, daß man so langsam diese Lügen zu den Akten legen könnte, passierte aber etwas, was nicht ohne Präzedenz ist. Eine Wissenschaftler (Samanta) hatte mit Kollegen Satellitenaufnahmen der Veränderungen des Amazonasregenwaldes nach einer Dürre von 2005 ausgewertet und im wesentlichen die gleichen Ergebnisse erhalten wie Kollegen (Scott Saleska und Kollegen 2007) zuvor. Das wäre ziemlich langweilig. Aber man kann seine Pressestelle eine Meldung herausgeben lassen, die das Ganze interessanter macht. Erstens behauptet man, man habe ein anderes Ergebnis erhalten als die Kollegen - eine Version, der Saleska bei Real Climate widerspricht, und dann kann man noch behaupten, daß dieses Ergebnis im Widerspruch zum IPCC-Bericht sei, auch wenn dies gar nicht der Fall ist. Dieses Verhalten von Samanta ist klar unethisch. Es bedeutet natürlich, daß der Öffentlichkeit suggeriert wird, daß schon wieder ein Fehler im IPCC-Bericht aufgedeckt worden sei, wenn im Gegenteil der Bericht bestätigt wurde. Man fällt damit Kollegen in den Rücken. Und da im Fachartikel etwas anderes steht, kann sich Samanta auch noch damit aus der Affäre ziehen, daß ja fachlich alles korrekt sei, nur die Pressemitteilung sei leider "ein bißchen mißverständlich formuliert".

Mir ist diese Taktik schon bei Hans von Storch aufgefallen. Er macht einen normalen Artikel dazu, daß man aus einer zu kurzen Vergleichszeitreihe keine Langzeitkorrelationen zwischen globaler Temperatur und Meeresspiegelanstieg ableiten kann und meiert dann in einer Presseerklärung auf gröbste Weise Rahmstorf ab, als ob dieser etwas ganz anderes herausgefunden hätte und er nun widerlegt wäre. Rahmstorf betrachtet jedoch nur eine relativ kurzzeitige Antwort des Klimasystems (bis 2100). Er diskutiert 2009 erneut das einfache Modell. Auch hier steht in der Presseerklärung von Hans von Storch eine Widerlegung einer anderen Arbeit, die man im Fachartikel nicht wiederfindet. Kreativ war auch Bob Carter in einer Presseerklärung zu einem Artikel mit McLean und Kollegen. Der Artikel zeigte im Grunde nur, daß auf kurzer Zeitskala Temperatur und ENSO-Zyklen korrelieren. Die Presseerklärung behauptet, man habe gefunden, daß die globale Erwärmung nicht von Menschen verursacht werde. Das steht aber nicht im Artikel.


Diese Taktik, mittelmäßige Arbeiten durch überzogene Presseerklärungen aufzuhübschen und dabei auch noch Politik zu machen, gar Leugnerrhetorik in der Presseerklärung zu transportieren, die man nicht durch die Fachbegutachtung bekäme, ist unethisch und sollte, wie Eli Rabett meint, Auswirkungen auf die Annahme von Drittmittelanträgen solcher Wissenschaftler haben. Weiteres dazu auch hier und in den Links des Beitrags - die Geschichte dürfte noch viele unappetitliche Weiterungen erhalten.

Sonntag, 21. Februar 2010

Buchbesprechung: große Ozeane, kleine Lebewesen

Wenn man das globale Klima verstehen will, kommt man an den Ozeanen nicht vorbei. Sie bedecken fast ¾ der Erde. Ein großer Teil der globalen Erwärmung besteht in dem Anstieg der Oberflächentemperaturen der Ozeane. Das ist auch ein Grund dafür, warum Behauptungen unseriös sind, der globale Temperaturanstieg sei nur ein Artefakt schlecht gewählter Temperaturmeßstationen . Über 90% des Klimaantriebs aus dem zusätzlichen Treibhauseffekt schlägt sich in einer Erwärmung des Meeres wieder und ist über die Ausdehnung des erwärmten Wassers in Form des Meeresspiegelanstiegs sichtbar.


Zugleich beeinflussen die Ozeane unser Leben massiv. Ein wichtiger Teil unserer Nahrung kommt aus den Meeren. Wären die Meere anders als sie jetzt sind, hätte das auch auf die Welternährung einen gravierenden Einfluß.


Daher fand ich in meiner Winterlektüre auch ein Buch von Stefan Rahmstorf und Katherine Richardson mit dem Titel „Wie bedroht sind die Ozeane?“ (Fischer Taschenbuch Verlag, 2. Auflage 2007, Frankfurt a.M., 9,95 Euro) sehr interessant. Das Buch ist schon länger auf dem Markt, also vermutlich werden viele, die das Thema interessiert, es schon gelesen haben. Wer das nicht getan hat, und ein Buch sucht, in dem er flott in die Thematik des globalen Wandels in den Ozeanen eingeführt wird, hat hier einen Tipp von mir. Ich will aber keine Inhaltsangabe machen, sondern einen subjektiven Eindruck wiedergeben. Das Buch beschreibt unter anderem die Geographie der Meere, die Meeresströmungen und die Kopplung mit dem Klima. Es beschreibt auch die großen Stoffkreisläufe für Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel, Silizium und Phosphor, in die die Ozeane eingebunden sind. Was ich aber besonders inspirierend fand, war die Beschreibung der Biologie der Weltmeere.

An Land fallen uns vor allem große Tiere und Pflanzen auf. Vermutlich haben wir dadurch ein verfälschtes Bild der Wichtigkeit der jeweiligen Arten für unser Überleben. Aber zumindest wenn es um die Biomasse geht, haben die Arten mit großen Exemplaren auch einen großen Anteil. Ein großer Teil der Biomasse an Land sind Bäume und große Landsäugetiere. Auf der natürlichen Erde sind auch große Teile der Landfläche bewachsen und von Tieren dicht besiedelt. In den Meeren sieht das völlig anders aus. Das typische Meereslebewesen, und das gilt sogar noch stärker für die Meerespflanzen, ist sehr klein. Wale, Robben, große Fische sind die Ausnahme. Sie umfassen nur einen kleinen Bruchteil der Biomasse der Meere. 95% der Photosynthese im Meer erfolgt durch Pflanzen, die mikroskopisch klein sind. Einzellige Algen haben einen dominanten Einfluß auf die Photosynthese in den Ozeanen und damit auf den Anfang der Nahrungskette, zugleich aber auch den Kohlenstoffkreislauf der ganzen Erde. Das hat aber dramatische Folgen auf die Produktivität der Ozeane für den Menschen.

Die Größen der Meerespflanzen verändern sich über viele Größenordnungen. Die kleineren Pflanzen können von Fischen nicht direkt verzehrt werden. Sie müssen selbst erst von größerem Plankton verzehrt werden und gelangen sogar erst über mehrere Stufen in den Größenbereich, der für Fische Futter bedeuten würde. Da auf jeder Stufe der Nahrungskette ein großer Teil der Energie verloren geht, weil er in Wärme, Fortbewegungsenergie, Antrieb des Stoffwechsels usw. umgesetzt werden muß und nur ein kleiner Teil dem Aufbau von Biomasse dient, sind große Teile der Ozeane für Fische Wüste. Nur in kleinen Bereichen der Ozeane ist ein nennenswerter Teil der Biomasse in Makroplankton gebunden, mit dem sich Fische gut ernähren können. Und nur hier entsteht dann die Nahrung im Ozean für uns Menschen, die unsere Fischerboote ernten können. Wenn wir in die Ozeane so eingreifen, daß sich die Verhältnisse ändern, in denen die Größenklassen vorliegen, beeinflussen wir ganz empfindlich unser Nahrungsangebot.

Warum aber sind kleine Lebewesen in den Ozeanen so bevorzugt? Das liegt auch daran, daß die Ozeane arm an Nährstoffen wie Stickstoff, Phosphor und Eisen sind. Kleine Lebewesen mit mehr Oberfläche relativ zu ihrem Volumen können die geringen Nährstoffkonzentrationen der Weltmeere besser ausnutzen. Gleiches gilt für die Lichtausbeute, denn nur einige Dutzend Meter unter der Wasseroberfläche wird es in den Ozeanen schnell sehr dunkel. In klaren, nährstoffarmen Meeren ist Photosynthese vielleicht in den oberen 100 Metern möglich, in nährstoffreichen Meeren kann auch schon nach weniger als 20 Metern Schluß damit sein. Die vertikale Durchmischung der Meeres ist dabei der entscheidende Vorgang, um für das Leben in den Meeren die Nährstoffe von unten und das Licht von oben zusammenzubringen. Mehrere Meter nach oben oder nach unten bedeuten aus Sicht der Meereslebewesen so verschiedene Lebensräume, wie an Land Wald, Steppe und Wüste. Veränderungen von pH-Wert, Sauerstoffgehalt und Temperatur können diese Lebensräume völlig verändern. Diese Veränderungen können zu Streß für die Lebensformen im Wasser führen, durch den kleine Lebensformen begünstigt werden. Das Nahrungsangebot für Fische bricht zusammen, selbst wenn die Biomasse insgesamt gar nicht besonders abnimmt. Genau deshalb ist eine globale Erwärmung, der dadurch bewirkte Klimawandel und die allgemeinen globalen Veränderungen so bedrohlich für unsere Versorgung mit Fisch aus den Ozeanen.

Wen solche Zusammenhänge interessieren, sollte das Buch lesen, um mehr darüber herauszufinden.

Dienstag, 21. Juli 2009

Angriff der Monsterquallen...


Man schaue sich dieses Bild der Nomura-Qualle an. Sie wird bis fast 2 Meter groß (Durchmesser) und gut 200 Kilogramm schwer. Normalerweise lebt sie vor Chinas und Koreas Küsten. Doch in den letzten Jahren dehnte sich ihr Verbreitungsgebiet nach Japan aus. Zu tausenden taucht sie vor Japans Küsten auf, ca. alle 2 Jahre seit 2005. Auch dieses Jahr verstopft und zerstört sie Fischernetze, vergiftet den Fang und frißt die Fische weg.
Obgleich die Qualle selten Menschen angreift, kann sie einen Menschen mit ihrem Gift töten, und dies soll in Einzelfällen auch schon geschehen sein. Warum die Qualle neuerdings in Massen in japanische Gewässer vordringt, ist nicht klar. Aber zu den möglichen Gründen gehören Überfischung und eine zunehmende Erwärmung des Wassers.
Ähnlich sieht es mit Meldungen von der Küste Kaliforniens aus, wo ein massenhaftes Auftreten von Riesenkalmaren (Humboldt-Tintenfische) gemeldet wird. Mit 45 Kg Lebendgewicht und fast 2 Metern Länge ist auch dieser Tintenfisch ein beeindruckendes Weichtier, das Taucher ängstigt und die Fische vor der Küste dezimiert. Auch hier zählen Überfischung und wärmere Gewässer, die das Vordringen nach Norden erleichtern, zu den plausibelsten Gründen für die Invasion dieser Meeresmonster, obgleich in manchen Nachrichten auch behauptet wird, ein Seebeben hätte die Tiere aufgescheucht.

Und wie es der Zufall will, kommt gerade ein Beitrag in den Proceedings of the National Academy of Sciences heraus, der eine weitere beunruhigende Wirkung der globalen Erwärmung schildert. Es schreiben Martin Daufresne, Lengfellner und Sommer, in Global warming benefits the small in aquatic ecosystems, PNAS 20. Juli 2009, doi: 10.1073/pnas.0902080106: im Rahmen einer Metastudie wurde festgestellt, daß eine Reihe untersuchter Spezies (Plankton, Bakterien und Fische) kleiner wird - im Rahmen der Entwicklung einzelner Exemplare und kollektiv. Dabei werden verschiedene Einflußfaktoren, wie Überfischung berücksichtigt und festgestellt, daß es darüber hinaus eine Verkleinerung gibt, die als plausible Reaktion auf eine zunehmende Erwärmung der Meere interpretiert wird (gemäß der Temperatur-Größen-Regel der Biologie). Diese Verkleinerung von Fischen reduziert unter anderem auch ihre Fähigkeit, Fischereierträge zu erbringen. Wir schädigen also nicht nur durch Überfischung, Versauerung und Überdüngung die Meere, zerstören Korallenriffe und belasten die Kontinentalschelfe als Kinderstuben der Fische und züchten die Freßfeinde wie Quallen und Tintenfische heran, sondern machen durch die globale Erwärmung die Fische an sich kleiner.
Wenn wir schon unsere Nahrungsgrundlagen im Meer sabotieren, dann machen wir es gründlich...


Freitag, 17. Juli 2009

Die Versauerung der Meere

In früheren Beiträgen (etwa hier) habe ich schon darauf hingewiesen, daß der Anstieg der CO2-Mischungsverhältnisse mehr Probleme mit sich bringt als nur die globale Erwärmung. Und die anderen Folgen sind wahrscheinlich sogar schlimmer. Derzeit wird fast die Hälfte des CO2, das wir in die Luft abgeben, durch den steigenden Partialdruck in der Atmosphäre in das Meerwasser gepreßt. Das ist so ähnlich wie die Herstellung von Sprudelwasser aus normalem Leitungswasser und einer CO2-Kartusche. Und da so oft davon geredet wird, daß steigende Temperaturen die Löslichkeit von CO2 in Wasser verringern und daher die Meere zu CO2-Quellen werden könnten: pro Jahr steigt der CO2-Partialdruck in der Atmosphäre um ca. 0,5 %. Die Ausgasung allein durch einen Temperaturanstieg von 0,02 Grad pro Jahr würde den Partialdruck von CO2 über dem Wasser um (sehr grob gerechnet) 0,05 % erhöhen. Der steigende Partialdruck des CO2 hat also einen mindestens zehnmal stärkeren Effekt als die steigende globale Temperatur. Dabei sind Effekte wie etwa durch eine Änderung der Salinität von Meerwasser oder dadurch, daß das gelöste CO2 nicht im chemischen Gleichgewicht ist und biologische Effekte nicht berücksichtigt. Während man sehr grob schätzen kann, welcher Effekt größer ist, ist es sehr schwierig, tatsächlich für die Ozeane zu berechnen, wie viel CO2 zu jeder Zeit in Lösung geht.

Das gelöste CO2 hat vor allem einen Effekt: ein Teil des gelösten CO2 bildet eine starke Säure, die Carbonsäure H2CO3, die zum größeren Teil in Hydrogencarbonat und Hydroniumionen zerfällt:

CO2 + H2O = H2CO3

H2CO3 + H2O <-> HCO3- + H3O+

Letzteres sorgt dafür, daß das an sich alkalische Meer (pH-Wert 8,2 vor Beginn der Industrialisierung) immer weniger alkalisch wird bzw. langsam saurer wird. Ein Anstieg des Mischungsverhältnisses von CO2 um 100 ppm hat innerhalb eines Jahrhunderts bereits den Säuregehalt um 30 % gesteigert bzw. den pH-Wert um 0,1 Punkte fallen lassen. Und genau das ist das Problem. Bestimmte Meereslebewesen haben nur eine geringe Toleranz für Änderungen des pH-Wertes. Kleine Schalentiere leiden unter Schäden an ihren Kalkschalen, wenn das Meer saurer wird. Steigt das CO2-Mischungsverhältnis in der Luft über 450 ppm, könnte der pH-Wert der Meere um mehr als 0,3 Punkte sinken – ein Abfall des pH-Wertes um 0,14-0,35 Punkte wird im aktuellen IPCC-Bericht für wahrscheinlich gehalten. In dem Fall würden viele Meeresorganismen mit Kalkschalen aussterben (darunter Seesterne, Seeigel, viele Muscheln und Kleinstkrebse). Damit fällt der Beginn der Nahrungskette in den Meeren weg. In der Folge würden auch viele Fische aussterben, entweder als Jäger der ausgestorbenen Schalentiere oder als Jäger jener ausgestorbenen Fischarten. Auch die Korallen, ohnehin durch steigende Meerwassertemperaturen belastet, würden durch eine wachsende Hydroniumionenkonzentration weiter geschädigt. Mit dem Absterben der Korallenriffe fiele aber eine wichtige Lebensumwelt von Meereslebewesen und eine ihrer Kinderstuben weg.

Profitieren würden nur wenige Arten, wie zum Beispiel Seegras und bestimmte Arten von Algen, außerdem Quallen. Die Versauerung der Meere würde zum größten Artensterben seit 65 Millionen Jahren auf der Erde führen.

Man könnte zwei Dinge einwenden. Zum einen gab es Zeiten etwa in der Kreidezeit, als die Ozeane saurer waren als heute und trotzdem ähnliche Arten lebten, deren Aussterben man inzwischen befürchten muß, wie Korallen und Kleinstkrebse. Allerdings hatten sich die säureresistenteren Arten über Jahrmillionen entwickeln können. Vielleicht tun sie das in Zukunft auch wieder. Vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls werden wir in den nächsten Jahrtausenden sicher nicht beobachten können, daß sich durch die Evolution schnell wieder die gleichen säuretoleranten Arten der Kreidezeit entwickeln – so etwas braucht einfach mehr Zeit. Man könnte auch darauf verweisen, daß der pH-Wert der Ozeane von Ort zu Ort sehr verschieden sein kann. Wie könne da eine pH-Wert-Änderung kritisch sein, die man auch beobachten würde, reiste man aus dem Atlantik ins Mittelmeer vor Italien. Dazu ist zu sagen, daß in jedem Meeresgebiet die Arten vorkommen, die sich an die Verhältnisse dort angepaßt haben. Wenn sich jedoch alle Meere gleichzeitig verändern, werden in allen Meeren die dort angepaßten Arten ausgerottet. Manche werden wandern können und in die Meeresgebiete wandern, die ihren alten Siedlungsgebieten ähnlich werden. Aber für die meisten Arten wird es keine alkalischeren Gebiete mehr geben, in die sie sich zurückziehen könnten.

Im Fall der globalen Erwärmung wird über Geoengineering geredet, um die Erde künstlich zu kühlen. Ungeachtet der geringen Wahrscheinlichkeit, daß diese Methoden umgesetzt werden können, gibt es keine denkbare Möglichkeit, die pH-Wert-Änderung der Meere künstlich abzupuffern. Die einzige Möglichkeit, das Überleben der Meere zu sichern und damit eine wichtigen Nahrungsmittelquelle der Menschheit zu retten ist es, mit der Emission von CO2 aufzuhören.

Mittwoch, 24. Juni 2009

Klimawandel als Ausrottungskonzept – Lovelocks neues Buch

Die Berichte zum Klimawandel, wie etwa vom IPCC, liefern eine Gesamtschau der Ansichten der verschiedenen Wissenschaftler, die sich gegenseitig zu einem gewissen Grad zu einem Mittelwert hin orientieren. Am deutlichsten sieht man es bei den Klimamodellen, deren Ergebnisse als eine mittlere globale Temperatursteigerung mit einem Unsicherheitsbereich dargestellt werden. Einzelne Modelle können dabei durchaus am Rande des Unsicherheitsbereichs liegen.

Meinungen der Wissenschaftler darüber, wie unsere Erkenntnisse zum Klimawandel zu bewerten sind, können noch weitaus stärker streuen. Es ist ja schwer faßbar, was eigentlich eine globale Temperaturerhöhung von 2-3 Grad wirklich für die Lebensverhältnisse der Menschen bedeutet. Dies ist so schwierig, weil es Kippunkte geben kann, an denen sich Systemzustände ändern – wie etwa das Verschwinden des Amazonasregenwaldes, wenn eine bestimmte Grenztemperatur überschritten wird oder eine Veränderung der Monsunregenfälle in Indien und dadurch ein Wegfall der Nahrungsgrundlagen für einige 100 Millionen Menschen. Wir wissen weder genau, in welches Temperaturregime uns die gegenwärtigen Emissionen von Treibhausgasen bringen werden, noch genau, bei welcher Temperatur der nächste Schalter gedrückt wird, der einen weiteren Systemzustand ohne Wiederkehr einschaltet, etwa das Auftauen des Permafrostbodens in der Arktis mit einer gewaltigen Freisetzung von Methan oder das endgültige Abschmelzen des Eisschildes der Westantarktis.

Eine Extremmeinung dazu vertritt James Lovelock. Prof. Lovelock, inzwischen 90 Jahre alt, ist eine Stimme, die man nicht überhören möchte, weil er grundlegende Beiträge zur Atmosphärenforschung geleistet hat, etwa Sensoren für Satelliten entwickelt hat, mit denen noch heute etwa der Abbau der Ozonschicht oder das Anwachsen bestimmter Treibhausgase gemessen werden kann. Besonders bekannt geworden ist er aber mit seiner Gaia-Theorie (zusammen mit Lynn Margulis). Danach ist die Erde insgesamt mit dem Leben darauf ein selbstregulierendes System, nicht unähnlich einem Organismus. Durch Rückkopplungsgrößen bewirkt das Leben auf der Erde, daß die Verhältnisse auf dem Planeten, wie etwa die Zusammensetzung der Atmosphäre und die globale Temperatur, das Leben auf der Erde begünstigen. Dies war vor über 40 Jahren durchaus revolutionär, heute ist es Allgemeingut und durch viele Beispiele experimentell nachgewiesen.

James Lovelock hatte dazu beigetragen, daß erkannt wurde, daß FCKW auf globalem Maßstab einen wachsenden Anteil an der Atmosphäre hatten. Weil er aber nur ihre toxische Wirkung betrachtete, gab er irrtümlich Ende der 60er Entwarnung, daß diese Substanzen nicht gefährlich seien. Doch Rowland und Molina, die Lovelocks Arbeit kannten, fanden heraus, daß FCKW die Ozonschicht gefährdeten, und in den 80er Jahren konnte dann das Ozonloch über der Antarktis beobachtet werden, das durch die FCKW verursacht wurde, auch wenn anscheinend der genaue Mechanismus, über den Chlor aus den FCKW in der Stratosphäre freigesetzt wird und den Ozonabbau bewirkt, trotz 20 Jahren intensiver Forschung noch Unsicherheiten enthält und neue Erkenntnisse immer noch erwartet werden können. Lovelock ist also niemand, der aus Prinzip in jedem menschlichen Eingriff Gefahren sieht. Doch in Hinblick auf die globale Erwärmung gehört er zu den entschiedensten Warnern. Grundlage dafür sind seine Modellrechnungen mit einem vereinfachten Modell der Kopplung von Biosphäre und Erdklima.

Vereinfachte Modelle, die etwa die ganze Erde in wenige Kästen einteilen und nur grundlegende Kopplungen betrachten haben Vor- und Nachteile. Die Nachteile liegen auf der Hand: man muß die getroffenen Vereinfachungen sehr genau rechtfertigen, um zu zeigen, daß die betrachteten Modelleigenschaften noch als relevant für die reale Erde gelten dürfen. Weiterhin muß man in der Situation sein, daß beitragende Größen zu einem Parameter, den man untersucht, sich in der Größe stark unterscheiden, so daß man die vom Modell nicht berücksichtigten Größen auch wirklich vernachlässigen kann. Und tatsächlich neigen vereinfachte Modelle dazu, in ihrem Verhalten weniger stabil zu sein. Warum das so ist, ist schwer in wenige Sätze zu fassen. Betrachte ich eine Badewanne mit genau einem Zu- und Abfluß, dann wird jede Veränderung an nur einer dieser Größen direkt den Wasserstand der Wanne beeinflussen. Betrachte ich aber eine Wanne mit vielen ähnlich starken Zu- und Abflüssen, dann braucht eine Veränderung an einem der Zu- oder Abflüsse nicht unbedingt zu deutlichen Änderungen beim Wasserstand zu führen. Mache ich bei der einfachen Wanne den einzigen Abfluß zu, wird sie sicher überlaufen. Mache ich bei der komplizierten Wanne einen Abfluß zu, kann sich mit den übrigen Abflüssen immer noch ein neuer Gleichgewichtszustand einstellen, bei dem die Wanne nicht überläuft.

Die Vorteile vereinfachter Modelle ist, daß man sie gut verstehen kann und daher auch in der Lage ist, ihre Aussagen in Bezug auf die reale Welt zu bringen.

Lovelock hat 1994 Ergebnisse eines vereinfachten globalen Modells veröffentlicht, die einen Zusammenhang herstellen zwischen der globalen Temperatur und der von Pflanzen bedeckten Fläche der Erde. Lovelock stellte fest, daß die Algen im Meer erheblich empfindlicher auf eine Änderung der globalen Temperatur reagieren als Landpflanzen. (Meine Vermutung dazu ist, daß dies daran liegt, daß ja die Meerestemperatur wesentlich geringeren jahreszeitlichen oder langfristigen Änderungen unterliegt – die hohe Wärmekapazität des Wassers übersetzt hohe Wärmeflüsse in geringe Temperaturänderungen. Und daran sind Algen angepasst.) Überschreitet die globale Temperatur einen bestimmten Schwellenwert, sterben Algen großflächig ab. Damit entfällt aber auch ihr Beitrag zur Begrenzung der CO2-Mischungsverhältnisse in der Atmosphäre. In der Folge springt die Temperatur in kurzer Zeit weiter in die Höhe. Nach Lovelock würde das Überschreiten einer Schwelle des globalen CO2-Mischungsverhältnisses von 400 ppm nach einem kurzen Übergangszeitraum über die Rückkopplungswirkung der Algen also das CO2-Mischungsverhältnis schnell auf 700 ppm steigen lassen. Die globale Temperatur würde in vergleichsweise kurzer Zeit darauf um 5 bis 9 Grad steigen – je nach geographischer Breite. Bei einer höheren Temperatur droht dann die nächste Rückkopplungsstufe – das Absterben großer Teile der Landpflanzen mit einem weiteren Schub bei CO2 und globaler Temperatur.

Während also die Biosphäre bei bestimmten Temperaturänderungen in der Lage ist, das ganze System in einen stabilen Zustand zu lenken, kann ein plötzlicher, zu starker Eingriff von außen, wie das von Menschen verursachte CO2 in der Luft, das System Erde in einen neuen Zustand bringen, der globale nicht etwa ca. 3, sondern fast 10 Grad Temperaturveränderung bedeutet und von einem Massenstreben von Pflanzen, und natürlich in der Folge, von Tieren begleitet ist. Zu den betroffenen Arten gehört auch der Mensch. Nach Lovelock wäre in diesem Szenario ein Massensterben von Menschen unvermeidlich. Große Teile der Erde würden für den Ackerbau ungeeignet und würden Menschen daher aus vielen Weltregionen vertreiben. Hohe Breiten, etwa in Nordeuropa, oder Inseln mit stark gemäßigtem ozeanischem Klima, würden zu den Rettungsbooten der überlebenden Menschen – nach Lovelock vielleicht 1 Milliarde von den 7 – 8 Milliarden zu Beginn dieser Entwicklung.

In einem neuen Buch ("The Vanishing Face of Gaia"), das hier von Tim Flannery besprochen wird, beschreibt Lovelock diese Zukunftsvision, und auch mögliche Lösungen, um vielleicht doch diesen Zukunftspfad zu verhindern. Um deutlich zu machen, für wie nah Lovelock diese Zukunftsvision hält, sei darauf hingewiesen, daß man zum CO2-Mischungsverhältnis noch entsprechend gewichtet die Mengenanteile anderer Treibhausgase hinzurechnen muß. Umgerechnet auf CO2 haben wir ca. 430 ppm Treibhausgase in der Atmosphäre und liegen damit bereits nach Lovelock in dem Bereich, wo die Erde auf absehbare Zeit in einen starken Temperaturanstieg hineinlaufen muß, der von einem geringfügigen Temperatur- oder CO2-Anstieg in Gang gesetzt werden kann. Der eigentliche Anstoß wäre dann ein Rückgang der dämpfenden Wirkung der Aerosole, die derzeit die Erde noch kühlen, wenn zunehmend die Luftverschmutzung auch in den Schwellenländern bekämpft wird und ein starker El Nino, der die Wassertemperatur in den tropischen Breiten vielerorts über den kritischen Punkt heben würde, an dem die Algenproduktivität dramatisch absinkt. Zusätzlich nervös macht Flannery dabei, daß Lovelock darauf hinweist, daß es in der Logik dieses Prozesses liegt, daß er von einigen eher weniger warmen Jahren eingeleitet wird - vor dem El Nino, der das System in den nächsten Zustand liegt, kann ja ein La Nina liegen, der das System zunächst noch bei leicht sinkenden Temperaturen in einem labilen Gleichgewicht hält.

Insofern beschreibt Lovelock ein Szenario, dessen ersten Akt wir bereits sehen. Wir sehen die scheinbare Stagnation in der Erwärmung, wir sehen, daß verschiedene in den letzten Jahren gemessene Parameter des Klimawandels, wie etwa der Meeresspiegelanstieg, der aufsummierte Rückgang der Gletschermasse, die Meereisbedeckung der Arktis oder der Anstieg der Treibhausgase, gegenüber den IPCC-Projektionen dem schlimmsten Szenario entsprechen und wir erwarten für dieses oder nächstes Jahr das Einsetzen eines El Nino, oben drauf auf eine globale Temperatur, die vom vorigen Jahrzehnt zum aktuellen gut 0,2 Grad stieg.

Müssen wir uns also darauf einstellen, daß in wenigen Jahren bereits der unaufhaltsame Anstieg der globalen Temperatur einsetzt, der in wenigen Jahrzehnten bis zu 7 Milliarden Menschen auslöscht? Ich möchte für meine Nachkommen nicht die absolute Katastrophe sehen, und klammere mich daher an folgendes:

  • Das Absterben von Pflanzen wird geographisch weitaus stärker verteilt sein und von Lovelocks Modell zwangsläufig viel zu abrupt und mit zu wenigen Stufen dargestellt werden. Dadurch wird es sich zeitlich viel stärker verteilen, so daß es auch nicht auf einen einzelnen starken El Nino global reagieren wird.
  • Die dämpfende Wirkung der Aerosole auf die globale Temperatur ist noch nicht gut verstanden. Wie stark und wie schnell die globale Erwärmung mit dem Fortschreiten von Luftreinhaltemaßnahmen in Ländern wie China oder Indien sich beschleunigt, ist einfach nicht seriös abschätzbar.
  • Während die Evolution der Pflanzen viel zu langsam läuft, um innerhalb der nächsten Jahrhunderte bereits zu angepassten Formen für höhere Temperaturen und neue Klimaregime zu führen, können Züchtungen durchaus innerhalb weniger Jahrzehnte zu Anpassungen im Ackerbau führen, die vielleicht viele Menschenleben retten können.

Obwohl die komplexen Klimamodelle sich in den letzten 5 Jahren eher in Richtung auf Lovelocks Ergebnisse bewegt haben als weg davon, hoffe ich nach wie vor, daß Lovelocks Modell und seine Interpretation ein Extrem markieren, das so nicht realisiert wird.

Dummerweise aber kann man Lovelocks Vision von einer Erde mit einem Massensterben nicht als unmöglich abtun. Weil so etwas in der Erdgeschichte schon geschehen ist. Das gilt etwa für das Massensterben am Ende des Perm und am Ende der Kreidezeit. Neu ist diesmal nur, daß der Auslöser des Massensterbens der Mensch ist und daß er zugleich dabei mit betroffen sein kann. Am anderen Pol der extremen Meinungen findet man übrigens Richard Lindzen. Er hat den Nachteil, daß seine Iris-Hpothese einer Erde, deren Bewölkung die Temperatur auf geringe Veränderungen reguliert, bereits experimentell und theoretisch widerlegt ist. Lovelocks Hypothese hingegen ist noch offen – und das sollte jeden besorgt machen.

Mittwoch, 20. Mai 2009

Glücksrad

Die Risiken des Klimawandels sind für viele Menschen schwer zu verstehen, weil es sich dabei um eine Umsetzung einer Verteilung von Möglichkeiten handelt. Unser Wissen über die zukünftige Entwicklung der Emissionen wie auch über die Stärke verschiedener Rückkopplungen von Atmosphäre, Biosphäre und Ozeanen ist begrenzt. Es gibt daher verschiedene mehr oder weniger wahrscheinliche Entwicklungspfade in die Zukunft. Eine Möglichkeit, diese Verteilung begreifbar zu machen, ist das Bild des Glücksrades. Wenn man es dreht, wird der Zeiger nach einer Weile in einem der Felder stehen bleiben. Heißen die Felder „2-3 Grad“ oder „4-5 Grad“ Anstieg der globalen Temperatur bis 2100, werden diese Felder unterschiedlich groß, je nachdem, wie wahrscheinlich eine Kombination von Faktoren ist, die in diesen Temperaturbereich führen. Das Bild führt auch vor Augen, daß wir mit unserer Zukunft spielen. Wie viel Risiko möchte man für die Lebensbedingungen seiner Kinder und Enkel eingehen? Ist es das wert, zu investieren, um dieses Risiko zu verringern?

Glücksradbild in der Pressemitteilung des MIT zu Sokolov et al 2009.

Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) weist in einer aktuellen Pressemeldung auf neue Ergebnisse mit dem MIT Integrated Global Systems Model (MIT-IGSM) hin. In 400 verschiedenen Simulationen mit jeweils veränderten Parametern wurde dabei untersucht, welche zukünftigen Entwicklungen wahrscheinlicher sind als andere. Zugleich wurde untersucht, welche Auswirkungen Maßnahmen haben, die die Treibhausgasemissionen drastisch einschränken. Ein Artikel ist dazu im Mai im Journal of Climate erschienen (Sokolov et al. 2009, Probabilistic forecast for 21st century climate based on uncertainties in emissions (without policy) and climate parameters).

Das MIT-IGSM ist ein Modell, das Land, Atmosphäre, Ozeane und Biosphäre ebenso modelliert, wie die Auswirkungen der Ökonomie auf die Emissionen. Nicht enthalten ist zum Beispiel die Möglichkeit, daß tauender Permafrostboden zu einer starken Methanquelle werden könnte. Einer der Autoren der Studie, Ronald Prinn, nannte dies als einen von mehreren Faktoren, die es als möglich erscheinen lassen, daß das Modell die zukünftige Erwärmung immer noch unterschätzt. Allenfalls könnten neuere Abschätzungen auf eine stärkere Erwärmung der Ozeane hindeuten. Das würde bedeuten, daß man den Wärmeaustausch mit den Ozeanen stärker einschätzen würde und sich dadurch die Luft oberhalb der Ozeane nicht ganz so stark erwärmen würde. Das könnte den Medianwert des Temperaturanstiegs noch um 1,1 Grad senken.

Die Ergebnisse sind beunruhigend. Im Mittel (Median der 400 Simulationen) ist die erwartete globale Erwärmung bis 2100 5,2 Grad, wenn keine Maßnahmen gegen eine globale Erwärmung getroffen werden. Nimmt man wieder das Bild des Glücksrades, das in der Studie verwendet wird, landet man mit 90% Wahrscheinlichkeit irgendwo in einem großen Feld von 3,5 bis 7,4 Grad. Die Wahrscheinlichkeit ist aber nicht klein dafür, bei mehr als 6 Grad Erwärmung zu landen, und jedenfalls ist das wahrscheinlicher, als in das Feld von 3-4 Grad zu gelangen. Und selbst das wäre eine Erwärmung, bei der viele Wissenschaftler damit rechnen, daß Kippunkte der Erde getroffen werden, wie etwa ein Abschmelzen des grönländischen Eisschildes oder eine Entwaldung des Amazonasgebietes. Es ist eine Form des Glücksrades, bei der man nur verliert, und nur noch offen ist, wie katastrophal.

Selbst wenn man massive Maßnahmen gegen eine globale Erwärmung einleitet, sieht das Glücksrad nicht wirklich gut aus. 2,3 Grad wäre die mittlere Temperatur, aber in mehr als 10% der Fälle würde der Temperaturanstieg immer noch über 3 Grad betragen. Im Dezember wollen die Staaten in Kopenhagen eine Übereinkunft erzielen, die die globale Erwärmung bis 2100 auf 2 Grad begrenzen soll, ein Niveau, von dem man glaubt, daß man sich an dieses mit vertretbarem Aufwand anpassen könnte. Die Modellrechnungen am MIT sind eine Warnung, daß wir ohne drastische Maßnahmen in ein Glücksspiel eintreten, das uns keine Gewinnchancen läßt.

Die Arbeit wurde auch kürzlich von Joe Romm auf ClimateProgress kommentiert.

Donnerstag, 16. April 2009

Ist der Klimawandel nicht nachrangig zum Hauptproblem der Überbevölkerung?

Immer mal wieder brennt es mir auf den Nägeln, etwas zu einer Frage zu schreiben, mit der ich in Diskussionen des öfteren konfrontiert wurde. Warum machen wir uns so große Sorgen um den Klimawandel, wenn doch das eigentliche Problem eine überbevölkerte Welt ist. Kümmern wir uns zuerst um Geburtenkontrolle, bremsen wir das Bevölkerungswachstum, und wir lösen auf einen Schlag auch die ganzen anderen Umweltprobleme. Wie so oft ist das, was der gesunde Menschenverstand sagt, zwar nicht so ganz falsch, aber irreführend, wenn Probleme eine gewisse Komplexität erreichen. Die Frage ist nämlich, über welche Bevölkerung wir hier reden.

Die Hälfte des Energieverbrauchs der Erde, der Emissionen von Kohlendioxid und des Verbrauchs vieler anderer Ressourcen bringen EU und USA zusammen zustande, die aber kaum 11% der Erdbevölkerung umfassen. Würde die Erdbevölkerung also um diese 11% erneut steigen auf ca. 7,7 Milliarden, wären der Ressourcenverbrauch und die Umweltbelastung um 50% gestiegen und die wahrscheinliche Folge wäre der Zusammenbruch der Erde als Lebensraum für Menschen. Andererseits verbrauchen die ärmsten 50% der Erdbevölkerung weniger als 10% der Ressourcen. Würde bei diesen armen Menschen sich die Bevölkerung verdoppeln, wäre die Erdbevölkerung über die 10 Milliarden-Grenze gewachsen, aber der Verbrauch an Ressourcen wäre um kaum 10% gestiegen. Diese 10% aber könnte man bereits allein dadurch erwirtschaften, daß die verschwenderischsten der reichen Länder (z.B. die USA), ihre Verbrauchsmuster an die ressourcenschonenderen Länder (z.B. Skandinavien, Schweiz) anpassen würden.

Im Sinne solcher Abschätzungen ist ein Blogbeitrag von Fred Pearce im Blog Environment 360. Ein Blog, den anzuschauen übrigens immer mal wieder lohnt. Er macht eine ähnliche Überlegung und verweist auf Stephen Pacala, Director des Princeton Environment Institute. Der hat berechnet, daß die reichsten 7% der Erdbevölkerung gerade 50% der CO2-Emissionen der Welt verursachen, hingegen die ärmsten 50% der Erdbevölkerung gerade 7% der CO2-Emissionen. Diese Rechnung mag, je nachdem, wie man sie durchführt und was man betrachtet, zu etwas anderen Ergebnissen kommen, aber im Prinzip läuft es darauf hinaus, daß unser Ressourcenverbrauch in der Vergangenheit weniger vom Bevölkerungswachstum, sondern zunehmend vom wachsenden Verbrauch einer kleinen Minderheit auf der Erde getrieben wurde. Der Bevölkerungswachstum findet bei den Menschen statt, die nur einen vernachlässigbaren Anteil am Ressourcenverbrauch haben.

Erhellend ist auch der Verweis auf die ökologische Fußspur des Menschen in verschiedenen Ländern. Der Verbrauch eines Amerikaners (USA) übersetzt sich zu einem Flächenbedarf auf der Erde von 9,5 Hektar, eines Deutschen von 4,2 Hektar. Indien und Afrika liegen bei unter 1 Hektar. Demnach wäre es für die Welt als Ressourcenproblem gleich, ob es weitere 100 Millionen Amerikaner gibt oder 200 Millionen Europäer oder ein bis zwei Milliarden Inder oder Afrikaner. Ist also das Bevölkerungswachstum das überschätzte Problem?

Es ist gefährlich, gleich in das andere Extrem zu fallen und zu behaupten, daß das Problem allein darin bestünde, daß Europäer, Japaner und Amerikaner den Gürtel enger zu schnallen hätten. In den vergangenen 20 Jahren haben wir gesehen, wie die chinesische Ökonomie auf Wachstumskurs gegangen ist und es in dieser Zeit geschafft hat, zu einem globalen Umweltproblem zu werden. Ein wichtiger Teil des Wachstums der CO2-Emissionen nach 2000 kam aus China. Aerosole aus der chinesischen Industrie beeinflussen die Luftqualität über den gesamten Nordpazifik hinweg und tragen vermutlich zu einem bedeutenden Teil dazu bei, die Arktis so zu verdunkeln (indem der Niederschlag die Albedo von Eis und Schnee verringert), daß dies einen Teil der regionalen Erwärmung über den Beitrag der globalen Erwärmung hinaus erklärt. Die Gefahr liegt nicht so sehr in der absoluten Zahl der vorhandenen Menschen, sondern in dem Wohlstandsniveau, das diese Menschen anstreben.

Insofern haben wir in den reichen Ländern auch das Mittel, das eigentliche Überbevölkerungsproblem zu lösen. Es liegt an dem Lebensstil, den wir als erstrebenswert für die Armen der Erde vorführen. Je mehr wir uns an Zielen der Nachhaltigkeit orientieren und ressourcenschonende Technologien entwickeln und nachhaltige Lebensweisen einführen, desto mehr wird dies auch zum Vorbild für die sich entwickelnde Welt. Der Effekt für die Umwelt wird damit weitaus größer als der Effekt verstärkter Familienplanung in Afrika. Gleichwohl spricht aber nichts dagegen, für Familienplanung außerdem zu sorgen – es gehört immerhin zu den billigsten Maßnahmen überhaupt, die wir verfolgen können. Die Lösung des Problems des Klimawandels liegt aber in erster Linie in den USA, Europa und Japan – direkt als Hauptverbraucher, indirekt als Investor und Konsument in den Schwellenländern und indirekt als Vorbild für Schwellen- und Entwicklungsländer.

Mittwoch, 15. April 2009

Wird die Klimapolitik scheitern?

Es gibt ein übergeordnetes Ziel der Klimapolitik. Demnach soll der globale Temperaturanstieg gegenüber 1900 auf etwa 2 Grad begrenzt bleiben. Die Hoffnung besteht, daß dann die Auswirkungen des Klimawandels beherrschbar sind – Anpassungsmaßnahmen wären gleichwohl erforderlich. Dieser Temperaturanstieg ist aber nur erreichbar, wenn das Mischungsverhältnis von CO2 unter 450 ppm begrenzt wird – nach Meinung von James Hansen langfristig sogar auf 350 ppm. Derzeit stehen wir über 385 ppm mit einem Anstieg von gut 2 ppm pro Jahr.

Die Frage ist, ob die damit befassten Wissenschaftler eigentlich glauben, daß dieses Klimaziel erreicht wird. Es setzt immerhin voraus, daß noch vor 2050 die Emissionen von Treibhausgasen massiv gesenkt werden – je nach Rechnung um mehr als 70%, in den entwickelten Ländern um mindestens 80%. Das setzt sehr starken politischen Willen voraus und in naher Zukunft global einsetzende, drastische Maßnahmen zur Emissionsreduzierung.

Wie der Guardian in UK berichtet, ist die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler aber überzeugt, daß die Klimaziele nicht erreicht werden und der Temperaturanstieg bis 2100 eher bei 3 bis 4 Grad liegen wird. In diesem Falle aber sind schwerwiegende Veränderungen bis hin zu katastrophalen Dürren, einem Umkippen von Teilen der Meere und einer einsetzenden Instabilität großer Eisschilde (Grönland und Westantarktis) sehr wahrscheinlich.

Am Rande der Klimakonferenz in Kopenhagen wurden 261 Experten (200 davon Wissenschaftler in der Klimaforschung) befragt. 186 Experten nahmen Stellung zur Frage, welche globale Erwärmung bis 2100 sie für wahrscheinlich hielten. Nur 7% hielten die Erreichung des 2-Grad-Zieles für wahrscheinlich, 46% den Bereich von 3-4 Grad, 26% von 2-3 Grad, 13% 4-5 Grad, einige wenige auch mehr als 5 Grad. 60% meinten aber, technisch wäre es möglich, die globale Erwärmung auf maximal 2 Grad zu begrenzen.

Warum aber sind viele Wissenschaftler so zurückhaltend dabei, deutlich auszusprechen, wie düster sie die Zukunft bereits einschätzen? Weil sie glauben, daß es demotivierend wäre, zuzugeben, daß die politischen Klimaziele unerreichbar sind. Wenn aber die Menschheit aufgibt, das 2-Grad-Ziel anzustreben, wird sie den 3-4 Grad Bereich auch verfehlen und möglicherweise in den Bereich von 5-6 Grad gelangen. Wenn das Ziel von 2 Grad dabei hilft, das tatsächliche Eintreten von 5-6 Grad zu vermeiden, wäre der öffentliche Optimismus bereits lohnend. Die Gefahr dabei ist, daß Wissenschaftler je nach Temperament mehr oder weniger stark die anstehenden Risiken betonen und dadurch in der Öffentlichkeit uneinig über die möglichen Klimafolgen erscheinen.