Mittwoch, 24. Juni 2009

Klimawandel als Ausrottungskonzept – Lovelocks neues Buch

Die Berichte zum Klimawandel, wie etwa vom IPCC, liefern eine Gesamtschau der Ansichten der verschiedenen Wissenschaftler, die sich gegenseitig zu einem gewissen Grad zu einem Mittelwert hin orientieren. Am deutlichsten sieht man es bei den Klimamodellen, deren Ergebnisse als eine mittlere globale Temperatursteigerung mit einem Unsicherheitsbereich dargestellt werden. Einzelne Modelle können dabei durchaus am Rande des Unsicherheitsbereichs liegen.

Meinungen der Wissenschaftler darüber, wie unsere Erkenntnisse zum Klimawandel zu bewerten sind, können noch weitaus stärker streuen. Es ist ja schwer faßbar, was eigentlich eine globale Temperaturerhöhung von 2-3 Grad wirklich für die Lebensverhältnisse der Menschen bedeutet. Dies ist so schwierig, weil es Kippunkte geben kann, an denen sich Systemzustände ändern – wie etwa das Verschwinden des Amazonasregenwaldes, wenn eine bestimmte Grenztemperatur überschritten wird oder eine Veränderung der Monsunregenfälle in Indien und dadurch ein Wegfall der Nahrungsgrundlagen für einige 100 Millionen Menschen. Wir wissen weder genau, in welches Temperaturregime uns die gegenwärtigen Emissionen von Treibhausgasen bringen werden, noch genau, bei welcher Temperatur der nächste Schalter gedrückt wird, der einen weiteren Systemzustand ohne Wiederkehr einschaltet, etwa das Auftauen des Permafrostbodens in der Arktis mit einer gewaltigen Freisetzung von Methan oder das endgültige Abschmelzen des Eisschildes der Westantarktis.

Eine Extremmeinung dazu vertritt James Lovelock. Prof. Lovelock, inzwischen 90 Jahre alt, ist eine Stimme, die man nicht überhören möchte, weil er grundlegende Beiträge zur Atmosphärenforschung geleistet hat, etwa Sensoren für Satelliten entwickelt hat, mit denen noch heute etwa der Abbau der Ozonschicht oder das Anwachsen bestimmter Treibhausgase gemessen werden kann. Besonders bekannt geworden ist er aber mit seiner Gaia-Theorie (zusammen mit Lynn Margulis). Danach ist die Erde insgesamt mit dem Leben darauf ein selbstregulierendes System, nicht unähnlich einem Organismus. Durch Rückkopplungsgrößen bewirkt das Leben auf der Erde, daß die Verhältnisse auf dem Planeten, wie etwa die Zusammensetzung der Atmosphäre und die globale Temperatur, das Leben auf der Erde begünstigen. Dies war vor über 40 Jahren durchaus revolutionär, heute ist es Allgemeingut und durch viele Beispiele experimentell nachgewiesen.

James Lovelock hatte dazu beigetragen, daß erkannt wurde, daß FCKW auf globalem Maßstab einen wachsenden Anteil an der Atmosphäre hatten. Weil er aber nur ihre toxische Wirkung betrachtete, gab er irrtümlich Ende der 60er Entwarnung, daß diese Substanzen nicht gefährlich seien. Doch Rowland und Molina, die Lovelocks Arbeit kannten, fanden heraus, daß FCKW die Ozonschicht gefährdeten, und in den 80er Jahren konnte dann das Ozonloch über der Antarktis beobachtet werden, das durch die FCKW verursacht wurde, auch wenn anscheinend der genaue Mechanismus, über den Chlor aus den FCKW in der Stratosphäre freigesetzt wird und den Ozonabbau bewirkt, trotz 20 Jahren intensiver Forschung noch Unsicherheiten enthält und neue Erkenntnisse immer noch erwartet werden können. Lovelock ist also niemand, der aus Prinzip in jedem menschlichen Eingriff Gefahren sieht. Doch in Hinblick auf die globale Erwärmung gehört er zu den entschiedensten Warnern. Grundlage dafür sind seine Modellrechnungen mit einem vereinfachten Modell der Kopplung von Biosphäre und Erdklima.

Vereinfachte Modelle, die etwa die ganze Erde in wenige Kästen einteilen und nur grundlegende Kopplungen betrachten haben Vor- und Nachteile. Die Nachteile liegen auf der Hand: man muß die getroffenen Vereinfachungen sehr genau rechtfertigen, um zu zeigen, daß die betrachteten Modelleigenschaften noch als relevant für die reale Erde gelten dürfen. Weiterhin muß man in der Situation sein, daß beitragende Größen zu einem Parameter, den man untersucht, sich in der Größe stark unterscheiden, so daß man die vom Modell nicht berücksichtigten Größen auch wirklich vernachlässigen kann. Und tatsächlich neigen vereinfachte Modelle dazu, in ihrem Verhalten weniger stabil zu sein. Warum das so ist, ist schwer in wenige Sätze zu fassen. Betrachte ich eine Badewanne mit genau einem Zu- und Abfluß, dann wird jede Veränderung an nur einer dieser Größen direkt den Wasserstand der Wanne beeinflussen. Betrachte ich aber eine Wanne mit vielen ähnlich starken Zu- und Abflüssen, dann braucht eine Veränderung an einem der Zu- oder Abflüsse nicht unbedingt zu deutlichen Änderungen beim Wasserstand zu führen. Mache ich bei der einfachen Wanne den einzigen Abfluß zu, wird sie sicher überlaufen. Mache ich bei der komplizierten Wanne einen Abfluß zu, kann sich mit den übrigen Abflüssen immer noch ein neuer Gleichgewichtszustand einstellen, bei dem die Wanne nicht überläuft.

Die Vorteile vereinfachter Modelle ist, daß man sie gut verstehen kann und daher auch in der Lage ist, ihre Aussagen in Bezug auf die reale Welt zu bringen.

Lovelock hat 1994 Ergebnisse eines vereinfachten globalen Modells veröffentlicht, die einen Zusammenhang herstellen zwischen der globalen Temperatur und der von Pflanzen bedeckten Fläche der Erde. Lovelock stellte fest, daß die Algen im Meer erheblich empfindlicher auf eine Änderung der globalen Temperatur reagieren als Landpflanzen. (Meine Vermutung dazu ist, daß dies daran liegt, daß ja die Meerestemperatur wesentlich geringeren jahreszeitlichen oder langfristigen Änderungen unterliegt – die hohe Wärmekapazität des Wassers übersetzt hohe Wärmeflüsse in geringe Temperaturänderungen. Und daran sind Algen angepasst.) Überschreitet die globale Temperatur einen bestimmten Schwellenwert, sterben Algen großflächig ab. Damit entfällt aber auch ihr Beitrag zur Begrenzung der CO2-Mischungsverhältnisse in der Atmosphäre. In der Folge springt die Temperatur in kurzer Zeit weiter in die Höhe. Nach Lovelock würde das Überschreiten einer Schwelle des globalen CO2-Mischungsverhältnisses von 400 ppm nach einem kurzen Übergangszeitraum über die Rückkopplungswirkung der Algen also das CO2-Mischungsverhältnis schnell auf 700 ppm steigen lassen. Die globale Temperatur würde in vergleichsweise kurzer Zeit darauf um 5 bis 9 Grad steigen – je nach geographischer Breite. Bei einer höheren Temperatur droht dann die nächste Rückkopplungsstufe – das Absterben großer Teile der Landpflanzen mit einem weiteren Schub bei CO2 und globaler Temperatur.

Während also die Biosphäre bei bestimmten Temperaturänderungen in der Lage ist, das ganze System in einen stabilen Zustand zu lenken, kann ein plötzlicher, zu starker Eingriff von außen, wie das von Menschen verursachte CO2 in der Luft, das System Erde in einen neuen Zustand bringen, der globale nicht etwa ca. 3, sondern fast 10 Grad Temperaturveränderung bedeutet und von einem Massenstreben von Pflanzen, und natürlich in der Folge, von Tieren begleitet ist. Zu den betroffenen Arten gehört auch der Mensch. Nach Lovelock wäre in diesem Szenario ein Massensterben von Menschen unvermeidlich. Große Teile der Erde würden für den Ackerbau ungeeignet und würden Menschen daher aus vielen Weltregionen vertreiben. Hohe Breiten, etwa in Nordeuropa, oder Inseln mit stark gemäßigtem ozeanischem Klima, würden zu den Rettungsbooten der überlebenden Menschen – nach Lovelock vielleicht 1 Milliarde von den 7 – 8 Milliarden zu Beginn dieser Entwicklung.

In einem neuen Buch ("The Vanishing Face of Gaia"), das hier von Tim Flannery besprochen wird, beschreibt Lovelock diese Zukunftsvision, und auch mögliche Lösungen, um vielleicht doch diesen Zukunftspfad zu verhindern. Um deutlich zu machen, für wie nah Lovelock diese Zukunftsvision hält, sei darauf hingewiesen, daß man zum CO2-Mischungsverhältnis noch entsprechend gewichtet die Mengenanteile anderer Treibhausgase hinzurechnen muß. Umgerechnet auf CO2 haben wir ca. 430 ppm Treibhausgase in der Atmosphäre und liegen damit bereits nach Lovelock in dem Bereich, wo die Erde auf absehbare Zeit in einen starken Temperaturanstieg hineinlaufen muß, der von einem geringfügigen Temperatur- oder CO2-Anstieg in Gang gesetzt werden kann. Der eigentliche Anstoß wäre dann ein Rückgang der dämpfenden Wirkung der Aerosole, die derzeit die Erde noch kühlen, wenn zunehmend die Luftverschmutzung auch in den Schwellenländern bekämpft wird und ein starker El Nino, der die Wassertemperatur in den tropischen Breiten vielerorts über den kritischen Punkt heben würde, an dem die Algenproduktivität dramatisch absinkt. Zusätzlich nervös macht Flannery dabei, daß Lovelock darauf hinweist, daß es in der Logik dieses Prozesses liegt, daß er von einigen eher weniger warmen Jahren eingeleitet wird - vor dem El Nino, der das System in den nächsten Zustand liegt, kann ja ein La Nina liegen, der das System zunächst noch bei leicht sinkenden Temperaturen in einem labilen Gleichgewicht hält.

Insofern beschreibt Lovelock ein Szenario, dessen ersten Akt wir bereits sehen. Wir sehen die scheinbare Stagnation in der Erwärmung, wir sehen, daß verschiedene in den letzten Jahren gemessene Parameter des Klimawandels, wie etwa der Meeresspiegelanstieg, der aufsummierte Rückgang der Gletschermasse, die Meereisbedeckung der Arktis oder der Anstieg der Treibhausgase, gegenüber den IPCC-Projektionen dem schlimmsten Szenario entsprechen und wir erwarten für dieses oder nächstes Jahr das Einsetzen eines El Nino, oben drauf auf eine globale Temperatur, die vom vorigen Jahrzehnt zum aktuellen gut 0,2 Grad stieg.

Müssen wir uns also darauf einstellen, daß in wenigen Jahren bereits der unaufhaltsame Anstieg der globalen Temperatur einsetzt, der in wenigen Jahrzehnten bis zu 7 Milliarden Menschen auslöscht? Ich möchte für meine Nachkommen nicht die absolute Katastrophe sehen, und klammere mich daher an folgendes:

  • Das Absterben von Pflanzen wird geographisch weitaus stärker verteilt sein und von Lovelocks Modell zwangsläufig viel zu abrupt und mit zu wenigen Stufen dargestellt werden. Dadurch wird es sich zeitlich viel stärker verteilen, so daß es auch nicht auf einen einzelnen starken El Nino global reagieren wird.
  • Die dämpfende Wirkung der Aerosole auf die globale Temperatur ist noch nicht gut verstanden. Wie stark und wie schnell die globale Erwärmung mit dem Fortschreiten von Luftreinhaltemaßnahmen in Ländern wie China oder Indien sich beschleunigt, ist einfach nicht seriös abschätzbar.
  • Während die Evolution der Pflanzen viel zu langsam läuft, um innerhalb der nächsten Jahrhunderte bereits zu angepassten Formen für höhere Temperaturen und neue Klimaregime zu führen, können Züchtungen durchaus innerhalb weniger Jahrzehnte zu Anpassungen im Ackerbau führen, die vielleicht viele Menschenleben retten können.

Obwohl die komplexen Klimamodelle sich in den letzten 5 Jahren eher in Richtung auf Lovelocks Ergebnisse bewegt haben als weg davon, hoffe ich nach wie vor, daß Lovelocks Modell und seine Interpretation ein Extrem markieren, das so nicht realisiert wird.

Dummerweise aber kann man Lovelocks Vision von einer Erde mit einem Massensterben nicht als unmöglich abtun. Weil so etwas in der Erdgeschichte schon geschehen ist. Das gilt etwa für das Massensterben am Ende des Perm und am Ende der Kreidezeit. Neu ist diesmal nur, daß der Auslöser des Massensterbens der Mensch ist und daß er zugleich dabei mit betroffen sein kann. Am anderen Pol der extremen Meinungen findet man übrigens Richard Lindzen. Er hat den Nachteil, daß seine Iris-Hpothese einer Erde, deren Bewölkung die Temperatur auf geringe Veränderungen reguliert, bereits experimentell und theoretisch widerlegt ist. Lovelocks Hypothese hingegen ist noch offen – und das sollte jeden besorgt machen.

Montag, 22. Juni 2009

Klimabericht zur Kopenhagener Konferenz März 2009

Leider habe ich eine längere Blogpause machen müssen (Arbeit, Familie...). Das heißt aber nicht, daß sich in dieser Zeit nichts beim Thema Klimawandel getan hätte. Im Gegenteil. Als 2007 der 4. Bericht des IPCC herauskam, der auch noch auf Literatur basierte, die bis 2005 erstellt wurde, und Erkenntnisse aus 2006 wegen der langen Dauer des Beratungs- und Referenzprozesses kaum noch berücksichtigen konnte, war klar, daß dies nun für mindestens 6 Jahre die Basis für den politischen Prozess bleiben würde, der zum globalen Handeln führen sollte. Ausgerechnet nach Erscheinen des Berichts kamen jedoch weitere Erkenntnisse ans Licht, die deutlich machten, daß der ohnehin schon politisch weichgebügelte und viel zu konservative IPCC-Bericht den Klimawandel viel zu harmlos darstellte.

Was fehlte denn hauptsächlich? Es fehlte eine Abschätzung, wie stark der Meeresspiegelanstieg aufgrund des Abschmelzens der Eisschilde sein könnte.

Es fehlte die Berücksichtigung der Tatsache, daß der Meeresspiegel schneller ansteigt als zuvor vom IPCC geschätzt.

Es fehlte ein Überblick über die verschiedenen Kippunkte des globalen Klimas aufgrund von Empfindlichkeiten des Systems, wie die Eisalbedorückkopplung in der Arktis, die Freisetzung von Methan bei tauendem Permafrostboden oder erhöhte CO2-Emissionen durch ein Umkippen des Amazonasgebietes.

Es fehlte die Berücksichtigung des beschleunigten CO2-Anstieges seit 2000 aufgrund der Emissionsentwicklung in China.

Neuere Modellrechnungen geben zudem stärkere Temperaturanstiege an.

Diese Punkte zusammengenommen führten bereits zu einer Wahrnehmung der Klimaforschung, daß die Lage wohl dramatischer ist, als es der IPCC-Bericht darstellt und sogar Zweifel bestehen, ob wir eigentlich die Wende schaffen, um den globalen Temperaturanstieg auf 2 Grad bis 2100 zu begrenzen, damit er mit vertretbarem Aufwand bewältigt werden kann.

Die Lücke füllt nun ein Konferenzbericht zur Klimakonferenz am 10.-12. März in Kopenhagen (Graphik oben dem Bericht entnommen), der Literatur bis Anfang 2009 beinhaltet. Ich finde den Bericht in seiner Form lesenswert, weil er stärker akzentuiert und viel kürzer als die IPCC-Berichte ist. Aufgrund der Zusammensetzung der Teilnehmer musste keine Rücksicht auf die USA, China, Russland und arabische Länder genommen werden, die in der Regel führend dabei sind, die IPCC-Berichte durch beharrliche Vetos weichzuspülen, und der Review-Prozeß war viel kürzer, was den Bericht aktuell macht. Man findet sogar die Graphik über die Gefährdungsbereiche der verschiedenen Erdsysteme durch die steigende Temperatur wieder, die beim 4. IPCC-Bericht durch die Lobbyarbeit einiger Staaten gestrichen wurde.

Wie die Graphik oben zeigt, liegen übrigens die Modelle, die für den 3. IPCC-Bericht ihre Projektionen ab dem Jahr 1990 laufen ließen, weiterhin richtig, obwohl 2008 die globale Temepratur deutlich unter dem Jahrzehntmittel lag. Einzelne Jahr können deutlich aus dem Unsicherheitsbereich der Modellergebnisse herausstreuen, der Trend aber liegt bisher innerhalb des Unsicherheitsbereiches. 1998 rauschte zudem weiter nach oben heraus, als 2008 von der mittleren Entwicklung nach unten abwich. Und wenn der nächste El Nino kommt, könnte es innerhalb von 1 - 2 Jahren schnell wieder in den oberen Bereich der Modellunsicherheit gehen.

Erläuterungen gibt Prof. Stefan Rahmstorf in der Klimalounge.

Den direkten Link auf den Bericht findet man hier.

Auf einzelne Punkte des Berichts würde ich gerne bei Gelegenheit zurückkommen.

Mittwoch, 20. Mai 2009

Glücksrad

Die Risiken des Klimawandels sind für viele Menschen schwer zu verstehen, weil es sich dabei um eine Umsetzung einer Verteilung von Möglichkeiten handelt. Unser Wissen über die zukünftige Entwicklung der Emissionen wie auch über die Stärke verschiedener Rückkopplungen von Atmosphäre, Biosphäre und Ozeanen ist begrenzt. Es gibt daher verschiedene mehr oder weniger wahrscheinliche Entwicklungspfade in die Zukunft. Eine Möglichkeit, diese Verteilung begreifbar zu machen, ist das Bild des Glücksrades. Wenn man es dreht, wird der Zeiger nach einer Weile in einem der Felder stehen bleiben. Heißen die Felder „2-3 Grad“ oder „4-5 Grad“ Anstieg der globalen Temperatur bis 2100, werden diese Felder unterschiedlich groß, je nachdem, wie wahrscheinlich eine Kombination von Faktoren ist, die in diesen Temperaturbereich führen. Das Bild führt auch vor Augen, daß wir mit unserer Zukunft spielen. Wie viel Risiko möchte man für die Lebensbedingungen seiner Kinder und Enkel eingehen? Ist es das wert, zu investieren, um dieses Risiko zu verringern?

Glücksradbild in der Pressemitteilung des MIT zu Sokolov et al 2009.

Das Massachusetts Institute of Technology (MIT) weist in einer aktuellen Pressemeldung auf neue Ergebnisse mit dem MIT Integrated Global Systems Model (MIT-IGSM) hin. In 400 verschiedenen Simulationen mit jeweils veränderten Parametern wurde dabei untersucht, welche zukünftigen Entwicklungen wahrscheinlicher sind als andere. Zugleich wurde untersucht, welche Auswirkungen Maßnahmen haben, die die Treibhausgasemissionen drastisch einschränken. Ein Artikel ist dazu im Mai im Journal of Climate erschienen (Sokolov et al. 2009, Probabilistic forecast for 21st century climate based on uncertainties in emissions (without policy) and climate parameters).

Das MIT-IGSM ist ein Modell, das Land, Atmosphäre, Ozeane und Biosphäre ebenso modelliert, wie die Auswirkungen der Ökonomie auf die Emissionen. Nicht enthalten ist zum Beispiel die Möglichkeit, daß tauender Permafrostboden zu einer starken Methanquelle werden könnte. Einer der Autoren der Studie, Ronald Prinn, nannte dies als einen von mehreren Faktoren, die es als möglich erscheinen lassen, daß das Modell die zukünftige Erwärmung immer noch unterschätzt. Allenfalls könnten neuere Abschätzungen auf eine stärkere Erwärmung der Ozeane hindeuten. Das würde bedeuten, daß man den Wärmeaustausch mit den Ozeanen stärker einschätzen würde und sich dadurch die Luft oberhalb der Ozeane nicht ganz so stark erwärmen würde. Das könnte den Medianwert des Temperaturanstiegs noch um 1,1 Grad senken.

Die Ergebnisse sind beunruhigend. Im Mittel (Median der 400 Simulationen) ist die erwartete globale Erwärmung bis 2100 5,2 Grad, wenn keine Maßnahmen gegen eine globale Erwärmung getroffen werden. Nimmt man wieder das Bild des Glücksrades, das in der Studie verwendet wird, landet man mit 90% Wahrscheinlichkeit irgendwo in einem großen Feld von 3,5 bis 7,4 Grad. Die Wahrscheinlichkeit ist aber nicht klein dafür, bei mehr als 6 Grad Erwärmung zu landen, und jedenfalls ist das wahrscheinlicher, als in das Feld von 3-4 Grad zu gelangen. Und selbst das wäre eine Erwärmung, bei der viele Wissenschaftler damit rechnen, daß Kippunkte der Erde getroffen werden, wie etwa ein Abschmelzen des grönländischen Eisschildes oder eine Entwaldung des Amazonasgebietes. Es ist eine Form des Glücksrades, bei der man nur verliert, und nur noch offen ist, wie katastrophal.

Selbst wenn man massive Maßnahmen gegen eine globale Erwärmung einleitet, sieht das Glücksrad nicht wirklich gut aus. 2,3 Grad wäre die mittlere Temperatur, aber in mehr als 10% der Fälle würde der Temperaturanstieg immer noch über 3 Grad betragen. Im Dezember wollen die Staaten in Kopenhagen eine Übereinkunft erzielen, die die globale Erwärmung bis 2100 auf 2 Grad begrenzen soll, ein Niveau, von dem man glaubt, daß man sich an dieses mit vertretbarem Aufwand anpassen könnte. Die Modellrechnungen am MIT sind eine Warnung, daß wir ohne drastische Maßnahmen in ein Glücksspiel eintreten, das uns keine Gewinnchancen läßt.

Die Arbeit wurde auch kürzlich von Joe Romm auf ClimateProgress kommentiert.

Dienstag, 19. Mai 2009

Wie sehr wird die Schweinegrippe verharmlost?

Ich weiß, auf einem Klimablog sollte ich nicht über die A/H1N1-Pandemie schreiben, und sehr wenig Ahnung von dem Thema habe ich auch. Aber nachdem bereits Hans Mathias Kepplinger in einem Spiegel-Interview neben anderem Unfug auch verbreitet hatte, die WHO würde bezüglich der Schweinegrippe übertreiben, weil sie davon profitiert, sollte man sich durchlesen, was Gesundheitsexperten in den USA dazu in ihrem Blog schreiben (ich empfehle auch die nachfolgende Diskussion).

Eigentlich ist es eindeutig, was eine Pandemie ist: eine global verbreitete Epidemie. Eine Epidemie ist eine über das normale Maß erhöhte Anzahl an Infektionen. Da inzwischen Infektionen zwischen Menschen in verschiedenen Weltregionen der WHO gemeldet werden, gibt es eigentlich auch keine Wahl mehr, die Pandemiestufe 6 auszurufen. Doch WHO-Mitglieder wehren sich dagegen (die Washington Post nennt in einem Artikel unter anderem China, das Vereinigte Königreich und Japan) und nötigen die WHO-Experten dazu, die Hochstufung der Pandemie zu verzögern.

Mit welchem Argument? Man solle den Ermessensspielraum, der ohnehin schon besteht, noch erweitern. Bisher hängt es ja schon davon ab, wie gut man überhaupt Infektionen durch Labortests erfaßt, wann man zugeben muß, daß in einem Land Übertragungen erfolgen und nicht nur Fälle von außen eingeflogen werden. Da kaum ein Zehntel, vielleicht auch weniger der Infektionen überhaupt von Labortests erfaßt werden, ist die Dunkelziffer bei der Influenza recht groß. Üblicherweise führen nur schwere Krankheitsverläufe zur Erfassung über Labortests. Die Erweiterung des Ermessensspielraum soll nun darin bestehen, daß man auch die Gefährlichkeit der Krankheit berücksichtige. Weil also das Virus sich noch nicht richtig an den Menschen angepaßt habe, und erst ein paar Dutzend Todesfälle bestätigt seien, solle man davon ausgehen, daß das Virus eher harmlos sei und daher eine Pandemieeinstufung nicht rechtfertige.

Der Einwand dagegen ist, daß damit auch viele Grippe-Pandemien der Vergangenheit eigentlich nicht mehr gezählt werden dürften. Hongkong- und Asiengrippe fielen aus der Zählung. Die ganze Statistik, wie häufig Grippepandemien zu erwarten seien, müßte drastisch reduziert werden. Na, wenn das keine Verharmlosung ist. Auf dem verlinkten Blogbeitrag lautet die sarkastische Zusammenfassung: "We shouldn't call a pandemic a pandemic, because people might misunderstand that this means it's a pandemic. And then they would do things like panic, like UK officials are doing now when the prospect is broached we are having a pandemic." - "Wir sollten eine Pandemie nicht Pandemie nennen, weil Leute das mißverstehen könnten, daß es eine Pandemie bedeute. Und dann könnten sie Dinge tun wie in Panik zu verfallen, wie es Verantwortungsträger Großbritanniens gerade tun, wenn sich die Aussicht verbreitet, daß wir eine Pandemie haben."

Man muß es klar sagen: zu diesem Zeitpunkt wissen wir noch nicht, wie agressiv das Virus ist. Aber wir sollten für alles vorbereitet sein, und das sind wir sicher nicht, wenn offizielle Stellen die Möglichkeit einer Pandemie wie 1957 oder gar 1918 herunterspielen. Seien wir lieber froh, wenn wir einmal zu viel gewarnt haben als einmal zu wenig. Die derzeit noch geringe Zahl an Toten sagt zu einem so frühen Zeitpunkt der Pandemie eben noch nichts darüber aus, wie sich das Virus weiter entwickeln wird.

Sonntag, 17. Mai 2009

Wie Medienforscher in die Grube fallen, die sie Klimaforschern graben

Hans Mathias Kepplinger warf in einem Spiegelinterview Organisationen wie WHO und IPCC eine Neigung zur Panikmache vor. Das hatte ich bereits kommentiert. Kepplinger hat außerdem eine Mitarbeiterin. Sie heißt Senja Post. Zusammen haben die beiden eine Umfrage bei Klimaforschern gemacht. Nicht bei allen, sondern nur einer kleinen Minderheit, den deutschen Klimaforschern. Die Ergebnisse findet man hier, und die Tabelle mit den einzelnen Ergebnissen hier. Die Ergebnisse sind erschütternd. Klimaforscher, so wird festgestellt, überspitzen ihre Forschungsergebnisse, um durch eine bessere Medienberichterstattung bei Zuweisungen zu profitieren. Und gerade die Modellierer, die am besten in der Berichterstattung wegkommen, liefern die umstrittensten Ergebnisse, die zu falscher Medienberichterstattung führen – Journalisten überschätzen anscheinend überwiegend die Modellfähigkeiten. Kurz: „Die Zuweisung der Forschungsmittel und die Ausrichtung der Forschung wird von äußeren Kräften beeinflusst, denen die Forscher wissenschaftliche Qualifikation absprechen. Dies dürfte unter anderem darauf zurückzuführen sein, dass Journalisten vor allem spektakuläre Befunde sowie solche Ergebnisse publizieren, die ihre eigenen Sichtweisen stützen.“ Erschütternd.

Ergänzung am 19.05.2009: Post und Kepplinger waren auch schon Thema in der Klimalounge. Beiträge dazu sieht man hier und hier. Urs Neu und Stefan Rahmstorf beziehen sich aber, soweit ich das erkennen kann, auf andere Fragen der gleichen Umfrage von 2006 als ich das hier tue. Mir war zunächst gar nicht bewußt, daß es hier um die gleiche Umfrage ging. Nochmals ein Dankeschön an den aufmerksamen Leser, der mich darauf hingewiesen hat.

Was für ein Glück, daß die meisten Publikationen in der Klimaforschung aus den USA kommen und noch mehr aus vielen anderen Ländern. Das ist durchaus nicht trivial, denn die Medienberichterstattung über den Klimawandel ist in den USA eine völlig andere als in Deutschland. Angenommen also, daß die Medienberichterstattung tatsächlich eine solche Rolle spielte, wie es Post und Kepplinger suggerieren, würden sich also deutsche und amerikanische Forscher schon gut gegeneinander aufwiegen.

Aber gehen wir mal in die Tiefe und fragen lieber, wie viel heiße Luft hier eigentlich verkauft wird, die diesen Medienforschern, na sowas, immerhin gute Aufmerksamkeit in den Medien bringt. Eine solche These von falschen Klimaforschungsergebnissen für höhere Medienaufmerksamkeit läßt sich doch gut vermarkten. Die ganze Untersuchung beruht auf einer Umfrage unter 239 deutschen Klimaforschern (meistens Geowisenschaftler, Meteorologen oder Physiker – nichts dagegen einzuwenden), von denen 133 geantwortet hatten. Nun wird man einen solchen Klimaforscher mit guter Aussicht auf eine vernünftige Antwort fragen können, was er zu einem Sachverhalt auf seinem Fachgebiet meint, aber ich weiß nicht, was man von seiner Meinung dazu halten soll, ob die Medienberichterstattung einen Einfluß darauf hat, ob auf einem Forschungsgebiet mehr oder weniger geforscht hat oder Mittel mehr oder weniger gut fließen. Kann da mehr herauskommen, als recht unsichere Vermutungen und Vorurteilen von Forschern dazu, was vielleicht unter anderem die Forschungspolitik über die Jahre bewegen könnte?

Vielleicht steckt dahinter eine Überlegung der Art: mehr Medienwahrnehmung führt zu mehr Politikeraufmerksamkeit und dadurch zur Chance, daß ein Sonderforschungsbereich eingerichtet wird. Das ist mehr als nichts, aber doch ungefähr so direkt, wie eine Rückenmassage, indem man an seinen Ohrläppchen zieht. Immerhin gibt es da das „Ei und Henne“-Problem. Könnten die Medien über die Gefahren des Klimawandels berichten, wenn nicht vorher Forscher herausgefunden hätten, daß es da Gefahren gibt? Und gäbe es eine Förderung von Themen der Klimaforschung, wenn ihr einziger Hintergrund Übertreibungen und Falschmeldungen einiger Forscher wären? Ich weiß nicht, ob die befragten Forscher, die dann geantwortet hatten, sich so tiefe Gedanken dazu gemacht haben oder ob sie danach gingen, daß man einen gewissen Einfluß der Medienberichterstattung nicht ausschließen könne, genauso, wie man auch einen gewissen Einfluß der Politik oder von Industrieinteressen (danach wurde aber nicht gefragt) oder privaten Interessen ausschließen könnte. Damit ist aber nicht geklärt, welcher Einfluß dominiert. Und ob die mehr oder weniger starke Förderung eines ganzen Wissensgebietes irgendeinen Einfluß darauf hat, welche Ergebnisse dabei erzielt werden, denn diese müssen ja nicht von den Medien gutgeheißen werden, sondern das Peer Review überstehen und zitiert werden, um sich durchzusetzen. Letztlich werden wir auch nicht aus dieser Umfrage erkennen können, ob die Forscher mit ihrer Meinung zum Einfluß der Medien wirklich recht haben.

Oder schauen wir mal auf eines der Ergebnisse. Nach Tabelle 4 in der Anlage mit den Ergebnissen nehmen von den 98 Forschern, die grundsätzlich einen Einfluß der Medien auf die finanzielle Förderung der Klimaforschung bejahen, die meisten Wissenschaftler an, daß deswegen mehr Forschung zum menschlichen Einfluß auf das Klima gefördert würde. Man beachte, daß völlig offen ist, wie viel mehr – Quantifizierungen fehlen. Man beachte insbesondere, daß damit keine Aussage getroffen wird, ob dies dazu führt, daß der menschliche Einfluß von diesen deutschen Forschern übertrieben wird oder nicht. Und man beachte auch folgendes. Wenn tatsächlich die Medienberichterstattung einen Einfluß darauf hat, ob Forschungsgebiete mehr gefördert werden, muß aufgrund der begrenzten Mittel es genauso klare Kandidaten dafür geben, wo dann diese Förderung fehlt. Der beste Kandidat wäre die Forschung zur natürlichen Variabilität des Klimas. Aber seltsam, selbst hier findet man gerade mal bei 28% die Meinung, der Bereich habe gelitten, 36% meinen, auch hier seien mehr Mittel geflossen. Es gibt tatsächlich keinen Bereich, in dem sich eine relative Mehrheit von Forschern findet, daß weniger Mittel geflossen seien.

Irgendwie scheinen die Forscher überwiegend den Eindruck zu haben, daß die Medienberichterstattung dazu führt, daß mehr Mittel für alle Gebiete zur Verfügung stehen. Eine scheinbare Geldvermehrung findet da statt. Bei mir schürt das den Verdacht, daß hier die Forscher außerhalb ihrer Expertise eine eher uninformierte Meinung äußern, die doch eher auf Vorurteilen basiert.

Aber Verzeihung, wie kann ich das äußern? Das sind doch so viele Tabellen mit so vielen Zahlen, erzeugt von Klimaforschern, die es ja doch am besten wissen müssen oder? Das Problem ist, daß Umfragen immer viele Zahlen erzeugen können. Doch daraus belastbare Aussagen zu filtern, ist ein hartes Brot. Oft landet man im Vagen und Unverbindlichen. Damit wollten sich Post und Kepplinger nicht zufrieden geben. Und so wurde eifrig interpretiert und überinterpretiert und letztlich zugespitzt, daß ich mich am Ende frage, ob die Ergebnisse der Analyse der Medienforscher nun die Klimaforschung beschreiben oder die eigene Forschung.

Hätte man es besser machen können? Vielleicht, soweit ich als Laie etwas sinnvoll dazu sagen kann. Mich hätte doch sehr interessiert, wie stark die befragten Wissenschaftler den Einfluß der Medien relativ sehen zu Einflüssen des Peer Reviews, der Politik, der Wirtschaft und von Wissenschaftsorganisationen, und wie stark sie die Möglichkeiten sehen, aufgrund der Basisförderung neben Drittmitteln eigene Schwerpunkte zu setzen. Mich hätte auch ein Kommentarteil interessiert, indem die befragten Forscher angegeben hätten, welches wissenschaftliche Ergebnis denn ihrer Meinung nach aufgrund externer Einflüsse nicht korrekt oder falsch bewertet ist. Und natürlich müßte man bei der internationalen Vernetzung und der Tatsache, daß die meisten Publikationen außerhalb Deutschlands erarbeitet werden, fragen müssen, wie sinnvoll diese deutsche Nabelschau ist. Ganz offensichtlich ist die Umfrage inhaltlich so vage und dadurch so interpretierbar, daß sie sich bestens für Verschwörungstheorien eignet, daß Wissenschaftler systematisch Lügen verbreiten, um Geldmittel zu sichern. Ich will Post und Kepplinger nichts unterstellen, aber es wäre auch in ihrem Interesse, solchen Überinterpretationen vorzusorgen, die durch die Daten nicht belegt sind, aber aus den Schlußfolgerungen in der Arbeit mit schlechtem Willen abgeleitet werden könnten.

Ein Medienforscher sieht Panikmache – macht er Panik?

Hans Mathias Kepplinger ist ein renommierter Medienforscher. Und wenn es um Krisen und Medien geht, können ihn die Medien gerne interviewen, denn er hat eine klare Meinung: die Medien neigen dazu, Krisen aufzubauschen oder gar zu inszenieren. Das ist durchaus plausibel, denn Medien finanzieren sich dadurch, daß sie nachgefragt werden. Nachgefragt wird, was unterhält. Katastrophen unterhalten. Das ist so plausibel und eingängig, daß auch Kepplinger dann das widerfährt, was er den Medien vorwirft. Er verallgemeinert, spitzt zu und übertreibt.

So gab er kürzlich ein Interview für den Spiegel, in dem man einige „Blüten“ findet. Anlaß war die seiner Meinung nach zur Panikmache neigende Medienberichterstattung über die Schweinegrippe. Nun ist es so, daß man über die neue A/H1N1-Influenza derzeit wenig sagen kann. Sie ist der Anfang einer Grippewelle und erst der weitere Verlauf kann zeigen, wie ansteckend und wie tödlich diese neue Influenza wird. Meldungen, die allzu sehr betonen, was uns bei einer Influenza nach Art der spanischen Grippe von 1918-1921 drohen, sind sicherlich Panikmache, denn darauf konnte man nach den ersten Daten nicht schließen. Tatsächlich gibt es inzwischen bei Science eine Arbeit (das konnte man aber zum Zeitpunkt des Interviews noch nicht wissen), nach der die gegenwärtige Schweinegrippe in der Ansteckung und Tödlichkeit an die asiatische Grippe von 1957 erinnert. Die Ansteckung ist mit ca. 2,2-3,3 Übertragungen je Krankem genauso wie auch die Todeszahl von 4 je 1000 Erkrankten bei etwa dem Doppelten bis Vierfachen einer saisonalen Grippe.

Kepplinger ließ es aber nicht bei einer Medienschelte bewenden. Er warf direkt der Weltgesundheitsorganisation WHO vor, die Panikmache der Medien aus eigenem Interesse anzufüttern: „Zumindest liegt der Verdacht nahe, dass die WHO ihre eigene Bedeutsamkeit dokumentieren will. Wohlgemerkt: Ich halte sowohl den Klimawandel für real als auch die Bedrohung durch eine Grippe-Pandemie, will also keinesfalls behaupten, dass alles herbeigelogen ist. Dennoch kommen solche Organisationen in die Versuchung, eine Lage dramatischer darzustellen, als sie wirklich ist.“ Wie kommt er darauf? Zunächst mal bemüht er eine Verschwörungstheorie: solche Organisationen seien darauf angewiesen, ihre Wichtigkeit darzustellen, daher hätten sie ein Motiv, die Wahrheit zu verbiegen. Wer ein Motiv hat, tut es auch. Ganz einfach... Nur wird dabei übersehen, daß die WHO nicht im luftleeren Raum agiert. Sie muß sich der Kritik anderer, etwa nationaler Behörden und der Forschungseinrichtungen stellen, die ihrerseits ein Motiv hätten, der WHO als Konkurrenz zu begegnen und ihr Fehler nachzuweisen. Die Pandemiestufen sind international vereinbart und objektiv feststellbar. Hier der WHO vorzuwerfen, „Von Anfang wurde hier ja der Begriff Pandemie verwendet.“ ist ignorant. Es heißt nun einmal „Pandemiestufen“ und kein Experte zweifelt daran, daß wir auf dem Weg zur Pandemiestufe 6 sind – es ist nur eine Frage der Zeit. Wenn man schon Verschwörungstheorien bemüht, wie wäre es denn mit der Variante, die in Mexiko bei den Menschen umlief? Die Behörden haben ein Interesse daran, im Gehorsam gegenüber Politikern, die Krisen gar nicht mögen, die möglichen Risiken zu verharmlosen. Die WHO, wie gesagt, ist nicht im luftleeren Raum, sondern Interessen, sich mit Pandemiewarnungen wichtig zu machen, stehen Interessen der nationalen Behörden und der Mitglieder der WHO gegenüber, gerade keine Panik aufkommen zu lassen. Kepplinger hat außer einer Meinung wenig anzubieten.

Peinlich wird es, wenn er weitere Beispiele anbietet. Ein Stück war etwa: „Aber Sie können darauf wetten, dass regionale Wetterberichte zu 60 oder 70 Prozent falsch sind.“ Ich rate niemandem, darauf zu wetten. Die Korrelationen der 24- und 48-Stunden-Vorhersagen mit den Beobachtungen liegen schon seit vielen Jahren über 0,9, und die 5-Tage-Vorhersage ist beim deutschen Wetterdienst inzwischen besser als die 24-Stunden-Vorhersage 1970. Wären die Wetterberichte zu über 60% falsch, müßten deutsche Flughäfen wohl ihren Betrieb einstellen, weil die Flugsicherheit ohne gute Kurzfristvorhersagen nicht zu gewährleisten wäre. Kepplinger mag ganz zu Recht die Show mit Temperaturrekorden bei Kachelmanns Meteomedia mit Skepsis sehen. Aber es ist unsinnig, das mit der seriösen regionalen Wettervorhersage zu verwechseln.

Nicht besser sind seine Aussagen zum Thema Klimawandel und IPCC. Auch das IPCC hat nach Meinung von Kepplinger Dreck am Stecken. „Nehmen wir als Beispiel das Intergovernmental Panel for Climate Change (IPCC). Je dramatischer eine Meldung ist, die das IPCC über den Klimawandel platziert, desto größer die Bedeutung des Gremiums.“ Weiter führt Kepplinger aus: „Solche Organisationen brauchen viel Geld.“ Da schwingt viel Ahnungslosigkeit mit. Das IPCC hat einen mäßigen Geldbedarf und der wird auch ohne Mediengeraune gedeckt, weil sich Regierungen darauf geeinigt haben, daß sie diese Einrichtung brauchen. Deren Zuwendungen schwanken ja keineswegs mit der Zahl der Meldungen zum Klimawandel von Jahr zu Jahr oder gar Monat zu Monat. Das IPCC ist hauptsächlich ein Sekretariat und eine Organisationsstelle für Tagungen und das Schreiben von Berichten. Die eigentliche Arbeit wird nicht vom IPCC bezahlt. Bei der handelt es sich um die Forschung, die in Universitäten, Behörden und Forschungseinrichtungen auf nationaler Ebene stattfindet. Die IPCC-Berichte sind im Grunde Übersichtsartikel über die wissenschaftlichen Publikationen im Gebiet. Das IPCC ist gar nicht davon abhängig, den Klimawandel zu inszenieren. Noch schlimmer, es ist sogar nachweisbar, daß die IPCC-Berichte die Risiken des Klimawandels eher verharmlosen. Auch dafür gibt es Motive: die großen Emittenten und Energielieferanten wie die USA, Australien, Rußland, China und Saudi-Arabien hatten ein Interesse daran, auch die IPCC-Berichte 2007 zu mäßigen – und haben sich dabei auch wiederholt durchsetzen können.

Was Kepplinger da macht, ist das Verbreiten einer Verschwörungstheorie aufgrund seiner mangelnden Kenntnisse über das Funktionieren einer Einrichtung wie dem IPCC und über die naturwissenschaftlichen Hintergründe der Themen, die er anspricht, ob es nun A/H1N1, Wettervorhersage oder der Klimawandel ist. Und cui bono? Nun, was würde Kepplinger über seine eigenen Motive sagen, die von ihm erforschten und in zu verkaufenden Büchern behandelten Themen als besonders wichtig herauszustellen?

Kepplinger hat aber als Co-Autor einer Kollegin noch mehr zum Thema Klimaforscher geschrieben. Das will ich aber in einem weiteren Beitrag näher aufdröseln.

Freitag, 1. Mai 2009

Schweinegrippe: Keine Krise jetzt, aber wir haben Zeit

Ich habe erneut durch offizielle Darstellungen und Wissenschaftsblogs quergelesen, um aus der Fülle widersprüchlicher Informationen für mich zu einem konsistenten Bild zu kommen. Das erste, was jeder zu erfahren versucht, ist eine Einschätzung, ob nun dieses Ereignis, die Ausbreitung einer neuen Variante der Influenza, für die eigene Familie eine Gefahr droht. Dabei drohen zwei Wertungsfehler.

Der eine Wertungsfehler ist die Hysterie. Je intensiver man sich mit einer Sache beschäftigt, desto wichtiger erscheint sie einem. Man nimmt im Laufe der Zeit nur noch die Schweinegrippe in Bezug auf alles andere wahr, und nicht etwa eine Krankheit als eine von vielen in einer Welt, die aus vielem anderem besteht, das mit Krankheiten gar nichts zu tun hat. Zum 1 Mai gibt es 331 im Labor bestätigte Fälle von Schweinegrippe mit insgesamt 10 bestätigten Todesfällen – in Bezug auf die übliche Sterblichkeit bei Grippe für hospitalisierte Fälle ist das nicht auffällig. Wenn man der Hysterie entgegentritt, kann aber einen anderen Fehler machen. Der ist die Leitfertigkeit.

Daß eine Infektion im Moment wenig Fälle verursacht heißt nicht, daß das dauerhaft so bleiben muß. Wie gefährlich diese Influenza ist, weiß man erst, nachdem sie sich ausgewirkt hat, also nach dem Ereignis. Das ist ein Punkt, in dem es Parallelen zum Thema der Klimaveränderung gibt. Daß nach einer Änderung der globalen Temperatur um ca. 0,8 Grad in einem Jahrhundert einem die Klimafolgen nicht dramatisch erscheinen, sagt nichts darüber aus, ob nach weiteren 1,2 Grad Temperaturänderung einem die Folgen immer noch undramatisch vorkommen werden. Erst recht ist damit nichts zu dem gesamten Ereignisraum unterschiedlich starker Vermeidungsmaßnahmen und uns noch nicht ganz bekannter Ereignismöglichkeiten der Erde gesagt und darüber, wie dramatisch uns Temperaturänderungen erscheinen mögen, die irgendwo von 2 bis 6 Grad bis 2100 reichen könnten. Genau das ist der derzeitige Informationsstand bei der Schweinegrippe. Daß ihr bisher nur eine überschaubare Zahl an Erkrankungen und Todesfällen zugeordnet werden können, gibt uns keinen Anhaltspunkt dafür, ob wir diese Influenza bis 2010 immer noch als harmlos ansehen werden, wenn inzwischen möglicherweise in mehreren Wellen größere Teile der Weltbevölkerung infiziert waren und das Virus zudem Gelegenheit hatte, weiter zu mutieren und seine Virulenz zu optimieren (die Infektionsrate) und auch seine Mortalität womöglich zu erhöhen (die Zahl der Menschen, die in Folge der Infektion versterben).

Um es klar zu machen – auf erhöhte Virulenz hin wird selektiert – es werden die Viren am besten verbreitet, die die höchste Virulenz haben (bei Vernachlässigung anderer Faktoren). Erhöhte Mortalität hingegen kann einfach dadurch entstehen, daß die Virenpopulation dramatisch anwächst, wenn große Bevölkerungsteile infiziert sind, und dann dadurch eine größere Bandbreite an mutierten Viren möglich ist. Einige Mutationen werden dabei zur Folge haben, daß der Virus von der körpereigenen Immunabwehr schwerer erkannt wird und daß lebenswichtige Organe stärker betroffen sein können, etwa daß die Lungen stärker befallen werden oder das Herz stärker befallen wird, und dann eine Lungenentzündung oder eine Entzündung des Herzens zum Tode führen. Wir wissen also jetzt noch gar nicht, wie virulent und wie tödlich das Virus im Laufe des Jahres sein werden.

Die 6 Pandemiestufen der Weltgesundheitsorganisation WHO mögen sehr willkürlich erscheinen. Ein paar Infektionen von Menschen durch Tiere und schon geht es rauf bis zur Stufe 3. Ein paar bestätigte Infektionen zwischen Menschen und es geht auf Stufe 4. Infektionen zwischen Menschen in zwei verschiedenen Staaten einer WHO-Region, und schon ist man auf Stufe 5. Stufe 6 erreicht man, wenn die Krankheit sich in verschiedenen WHO-Regionen unabhängig voneinander ausbreiten kann. Es ist nur eine Frage der Zeit, wann das der Fall sein wird. Die ganze Zeit ist damit nichts darüber gesagt, ob die Krankheit je mehr als ein paar 1000 und selbst ein paar 10000 Menschen betreffen wird und mehr als ein paar Dutzend Tote dabei herauskommen – das im Vergleich zu z.B. ca. 8000 Grippetoten in einem normalen Jahr in Deutschland. Aber das wichtige hier ist das Potential, daß die Infektion bis zu diesem Punkt gewonnen hat: eine neue Infektion hat bewiesen, daß sie übernational von Mensch zu Mensch übertragen werden kann und nicht auf eine Region begrenzt ist. Die Voraussetzungen für eine Pandemie, einen global verbreiteten Befall von Menschen ist gegeben. Was das in Erkrankungs- und Todesfällen übersetzt bedeutet, ist damit noch nicht gesagt. Aber für das, was möglich ist, geht dann in die Wertung ein, daß das Virus Eigenschaften hat, auf die unser Immunsystem eben noch nicht vorbereitet ist. Gene verschiedener Virenstämme von Schweine-, Vogel- und Menschengrippe wurden hier ausgetauscht, in Schweinen ausgebrütet und auf den Menschen übertragen. Und vermutlich werden die meisten Menschen im Gegensatz zu alten Influenzastämmen hier durch keine Grundimmunisierung geschützt werden.

Die Ausbreitung der Schweinegrippe jetzt bringt auch ein Dilemma mit sich. Die Impfstoffhersteller müssen sich bald entscheiden, ob sie wie gewohnt einen Impfstoff für die normalen Saisonimpfungen im Herbst während der nächsten Monate vorbereiten, oder ob sie einen Impfstoff herstellen, der gezielt die Pandemie mit dem neuen Schweinegripenvirus unterdrücken soll. Die Entscheidung wird man auf der Basis vermutlich unzureichender Daten treffen müssen. Aber man muß sie bald machen. Und davon könnte abhängen, wie viele Menschenleben die nächste Impfkampagne rettet – oder eben nicht.

Dienstag, 28. April 2009

Schweinegrippe - Sorgen eines Vaters

Seit ein paar Tagen verbreiten sich Nachrichten über einen neuen Influenzastamm wie – wie …eine Grippe. Nachdem die WHO für den A/H1N1-Stamm der Influenza aus Mexiko die Stufe 4 erklärt hat, die letzte Stufe vor Erklärung einer Pandemie, einer global ausgreifenden Epidemie der Grippe, beschäftigt inzwischen wohl die meisten Menschen, wie ernst die Lage ist und was man tun soll. Natürlich mache ich mir auch Sorgen für meinen Sohn, der mit seinen 4 Jahren anscheinend alle 3 Wochen eine neue Infektion aus dem Kindergarten anschleppt, von denen er etwa die Hälfte an meine Frau oder mich weitergibt.

Wenn man sich darüber informieren möchte, wie denn die Lage eigentlich ist und was man beachten sollte, gibt es eine Reihe von Schwierigkeiten.

Die Datenlage:
In Mexiko gab es zunächst geringe Bereitschaft, die Erkrankungen an die große Glocke zu hängen. Dadurch gibt es Zweifel an den mexikanischen Daten. Wenn sich Mexikaner in Blogs äußern, dann häufig mit dem Unterton, daß die Behörden die Epidemie unter den Tisch zu kehren versuchen und es in Wahrheit viel dramatischer sei, als offiziell zugegeben werden. Man kann aber vermuten, daß gerade das Misstrauen in die Behörden dazu führt, daß sich bei umgreifenden Infekten eine Hysterie entwickelt, die die tatsächliche Epidemie übertreibt. Immerhin ist es, gerade für den Laien, schwierig zu beurteilen, ob eine Atemwegserkrankung nun eine Grippe ist, und gar gerade dieser spezielle A/H1H1-Stamm, der für einige Tote gesorgt hat, oder eine andere Infektion. Sicherheit gibt erst ein Test im Labor, der einige Tage Zeit beansprucht. Die am besten greifbaren Daten sind die Zahl der Toten in Krankenhäusern, am besten zusätzlich bestätigt durch eine Laboranalyse auf den Virus, den die Leichen tragen.

Historische Vergleiche:
Was Menschen sehr besorgt macht, sind die Parallelen zur Spanischen Grippe, die je nach Schätzung zwischen 25 und 50 Millionen Menschen in drei Infektionswellen 1918 und 1919 tötete, dabei vorwiegend, und untypisch für Grippe, Menschen zwischen 20 und 40, statt wie sonst Kleinkinder und alte Menschen. Die ersten Zahlen aus Mexiko deuteten ebenfalls auf vorwiegend Menschen mittleren Alters, die nach einer Influenza starben. Und auch der Virusstamm ist der gleiche, wobei der aktuelle Virus genetisches Material von Schweine-, Vogel- und Humangrippe enthält. Die Spanische Grippe war vermutlich in Nordamerika entstanden und von Soldaten durch den 1. Weltkrieg nach Europa gebracht worden. Erst im neutralen Spanien, das im Gegensatz zu anderen Staaten während des 1. Weltkriegs eine freie Berichterstattung über steigende Erkrankungsfälle zuließ, wurde diese Form der Influenza bekannt, was dann den Namen für diese Grippepandemie prägte. Vergleiche sind jedoch auf den zweiten Blick viel schwieriger. In Wahrheit kann keiner sagen, wie viele Menschen tatsächlich von der Spanischen Grippe infiziert wurden, und wie viele Todesfälle es damals gab, denn damals gab es keine genetischen Tests auf den Virustyp. Zudem waren damals viele Menschen durch den Krieg geschwächt und schlecht genährt, Truppenkonzentrationen und -transporte an vielen Stellen machen die globale Verbreitung des Virus einfach und natürlich gab es damals keine effizienten Maßnahmen, z.B. Grippemedikamente wie Tamiflu oder Impfungen gegen Pneumokokken.

Die Bewertung der Lage:
Die WHO ist besorgt, weil man schon länger auf die nächste große Grippepandemie wartet. Der beobachtete Stamm wird offensichtlich gut von Mensch zu Mensch verbreitet und verbreitet sich bereits von Nordamerika nach Europa (bestätigt sind u.a. Spanien und Großbritannien). In Mexiko hatte man am Wochenende ca. 120 Tote auf ca. 1600 Erkrankte gemeldet. Das wäre eine Mortalität von ca. 7,5% (und ich runde hier die Zahlen mit Bedacht, weil hier wirklich viele Unsicherheiten eingehen), was durchaus im Rahmen dessen wäre, was manche für die Spanische Grippe annehmen (hier gibt es allerdings sehr unterschiedliche Meinungen, denn die Datenlage ist einfach zu schwach). Man sollte dabei aber berücksichtigen, daß die Zahl der Erkrankten unzureichend erfasst sein dürfte – gezählt werden wohl nur die Menschen, die mit schweren Symptomen die Krankenhäuser aufsuchen. Weiterhin ist die Sterblichkeit in Mexiko aus mehreren Gründen hoch. Die meisten Menschen sterben nicht direkt an der Grippe, sondern an den Komplikationen, insbesondere einer Lungenentzündung im Gefolge der Grippe, und die hohe Sterblichkeit bestand in Städten, die relativ hoch lagen und damit dünnere Luft hatten – ein Risikofaktor für Menschen mit Atemwegserkrankungen. Dazu kommt die geringere Qualität der Gesundheitsversorgung in Mexiko. Bei den US-Fällen wurden keine vergleichbaren Sterblichkeitszahlen gemeldet, das stellt eine Entwarnung dar.

Wie also soll man darauf reagieren? Zum einen muß man einfach abwarten. Das ist frustrierend, aber es liegen noch zu wenige Daten darüber vor, wie virulent der neue Erreger wirklich ist. Wenn es Verdachtsfälle in Deutschland gibt, sollte man tun, was grundsätzlich zur Vorbeugung bei einer Influenza empfohlen wird: häufig und gründlich die Hände waschen. Die Impfung gegen Pneumokokken und Haemophilus Influenza ist hilfreich, denn begleitende Superinfektionen sind der eigentliche Risikofaktor bei einer Influenza. Grippeimpfungen hingegen werden für diese Grippewelle nichts bringen, weil es mindestens 4 Monate dauert, bis ein passender Impfstoff für die mexikanische Grippe in großer Menge produziert werden kann. Generell kann aber empfindlichen Menschen nur dazu geraten werden, bei den jährlichen Grippeimpfungen mitzumachen, weil dies dafür sorgt, daß große Kapazitäten für die Impfstoffproduktion aufrecht erhalten werden, die uns dann helfen, wenn es mal richtig kritisch wird und eine große Grippepandemie kommt. Sollten die typischen Grippesymptome auftreten (plötzliches hohes Fieber, trockener Husten oder Beklemmung, Schwäche und Muskelschmerzen), sollte eine Therapie schon in den ersten 2 Tagen einsetzen, damit eine Behandlung auch sinnvoll ist. Und da eine Pandemie sich in mehreren Wellen um die Welt bewegt, wird für mich das Thema auch nicht erledigt sein, wenn im Sommer keiner mehr über die mexikanische Grippe reden sollte. Wenn der neue Impfstoff da ist, wird das im Herbst die Gelegenheit sein, die Familie impfen zu lassen. Ansonsten aber halte ich diese Grippe für nicht gefährlicher als die saisonale Grippe, es sei denn, es kämen doch noch Meldungen, die auch für entwickelte Länder eine überdurchschnittliche Mortalität angeben.

Aktualisierung: Seit dem 29.4. gibt es nun auch in Deutschland einen bestätigten Fall nahe Regensburg.

Wo gibt es mehr Informationen? Eigentlich überall, das Problem ist nur, Quellen widersprechen sich teilweise, hinken der Entwicklung hinterher oder sind so technisch und speziell, daß man nicht wirklich von den Informationen profitiert. Hilfreich fand ich den Blog einer Professorin für Epidemiologie hier (auf Englisch).

Einen informativen deutschen Blog finde ich hier.

Eine Karte für deutsche Fälle (bisher gibt es keinen bestätigten Fall in Deutschland zum 28.4.) gibt es hier.

Ansonsten kann man bei der WHO vorbeischauen

und insbesondere beim Robert-Koch-Institut.

Montag, 27. April 2009

Der Unterschied zwischen Irrtum und Lüge

Es gibt in der Klimadiskussion scheinbar zwei Welten. In der einen Welt findet die wissenschaftliche Arbeit statt, wie sie zum Beispiel in den IPCC-Berichten zusammengefasst wird. In der anderen Welt ist das alles nicht gesichert, was das IPCC so berichtet. Da sind anscheinend viele der Wissenschaftler unfähig oder verfolgen eine eigene Agenda. Bei den Leugnern des menschengemachten Klimawandels werden ganz seltsame Dinge behauptet, unsinnige Korrelationen benutzt und Zitate gefischt aus Texten, die insgesamt was anderes sagen, als man mit den herausgeschnittenen Schnippseln weismachen will. Hinter diesen Aktivitäten findet man oft die Spur von Lobbyorganisationen, wie das Marshall-Institut, SEPP oder, in Deutschland, EIKE. Man ist versucht, wohlmeinend anzunehmen, daß man sich auf Seiten der Leugner einfach irrt, daß man es nicht besser weiß und daß Wunschdenken die Interpretation der Realität verzerrt. Aber es gibt Hinweise darauf, daß es anders ist. Ganz platt: es wird einfach gelogen.

Ein Beispiel sieht man hier, wo in der Klimalounge eine Pressemitteilung des Gesamtverbandes Steinkohle auseinander genommen wird. Was die New York Times am 24. April berichtet hatte, ist aber noch drastischer. Die Global Climate Coalition (GCC) ist eine Lobbyvereinigung der Industrien, die sich von Klimaschutzmaßnahmen betroffen sehen: Energieunternehmen und Autoindustrie machten den Kern dieses Verbandes aus, der sich bewußt gegen die Feststellungen zu einem globalen Klimawandel stellten. Dieser Verband hat eigene Wissenschaftler eine Analyse zum Klimawandel erstellen lassen, um sich Argumentationsmaterial für die Beeinflussung der Politik zu beschaffen. Der Entwurf der Analyse kam 1995 heraus und enthält schon in der Zusammenfassung auf der ersten Seite (Seite 3 im verlinkten Dokument) einen wichtigen Absatz: „Die wissenschaftliche Basis für den Treibhauseffekt und die potentiellen Auswirkungen der menschlichen Emissionen der Treibhausgase wie CO2 auf das Klima sind klar erkannt und können nicht geleugnet werden. - The scientific basis for the Greenhouse Effect and the potential impact of human emissions of greenhouse gases such as CO2 on climate is well established and cannot be denied.” Dieser Absatz in dem Entwurf drang nie bis zur Öffentlichkeit – bis vor kurzem im Rahmen eines Gerichtsverfahrens zur Regulierung von Autoabgasen das Papier an die Presse durchsickerte.

Offiziell hatte die GCC immer verbreitet, daß die Rolle der Treibhausgase in der Atmosphäre nicht gut untersucht sei und die Wissenschaftler sich darüber uneinig seien. Das war nicht einfach ein Irrtum, es war eine platte Lüge der Lobbyisten. Nun ist das eigentlich nicht besonders überraschend – Lobbyisten lügen, wenn es sein muß. In diesem Falle aber hält die zersetzende Tätigkeiten von Lobbyisten und ihren Helfern seit über 20 Jahren an und behindert Maßnahmen zum Schutz des Klimas. In den USA war die GCC durchaus erfolgreich, denn als Ziel sieht sie gar nicht, ihre Ansichten durchzusetzen, sondern nur, dafür zu sorgen, daß in der Öffentlichkeit der Eindruck herrscht, daß der Klimawandel, seine Ursachen und seine Folgen noch umstritten seien. Unterstützt wurde dies immer wieder auch durch ein Versagen der Medien, die sich verpflichtet sahen, neutral zu berichten. Neutrale Berichterstattung wurde aber damit verwechselt, daß man einfach immer beide gegensätzlichen Sichtweisen zu einer Sache berichtete, so lange sich jemand mit abweichender Meinung meldete. So erhielten die Leugner des Klimawandels bis in die jüngste Vergangenheit insbesondere in den USA einen unverhältnismäßig großen Anteil an Berichterstattung, was dort die öffentliche Meinung in einem Zustand allgemeiner Ignoranz hielt – noch heute gibt es dort keine Mehrheit für die Auffassung, daß ein menschengemachter Klimawandel bereits läuft und dramatische Auswirkungen haben wird, wenn man keine erheblichen Gegenmaßnahmen beschließt.

Wenn aber eine Seite konsistent die Öffentlichkeit belügt, ist es keine neutrale Berichterstattung, beide Sichtweisen unkommentiert gegenüber zu stellen. Schon lange hätten die Leugner entweder in der Berichterstattung ausgelassen werden müssen oder es hätte darauf hingewiesen werden müssen, daß hier Lobbyinteressen von Teilen der Industrie geäußert werden, die dem wissenschaftlichen Erkenntnisstand widersprechen.

Mittwoch, 22. April 2009

Die große Lüge

Eine Taktik der politischen Propaganda ist es, eine Lüge zu wiederholen. Es ist ein in der Psychologie bekanntes Phänomen, daß Menschen dazu neigen, eher Inhalten zu trauen, die ihnen bekannt sind und Wiederholung ist ein Weg dazu, Lügen vertraut zu machen, so daß sie am Ende geglaubt werden. Also treten auch Leugner mit denselben Behauptungen auf, die bereits widerlegt wurden (von mir an anderer Stelle als die Zombies der Klimadiskussion bezeichnet). Sie wissen eventuell durchaus, daß sie lügen oder zumindest, daß sie ihre Seite nicht wirklich belegt haben, aber es geht ihnen nicht um die Wahrheit des Punktes, den sie ansprechen, sondern um die politische oder religiöse Agenda, in deren Rahmen sie argumentieren.

Für Menschen, die wissen, daß sie mit plumpen Lügen konfrontiert werden, ergibt sich immer ein Dilemma. Zum einen ist es einfach Zeitverschwendung, sich mit offensichtlich falschen Darstellungen zu befassen. Zum anderen führt jede Befassung mit Lügen dazu, daß diese erneut bekannter werden. Wer diese Lügen nicht sofort selbst als solche erkennt, wird auch nach einer fachlichen Befassung damit nicht unbedingt aufgeklärt werden, denn es bedarf schon erheblicher Defizite in Logik und naturwissenschaftlichem Denken, um die üblichen Leugnerlügen zu glauben. Andererseits ist es gefährlich, solche Lügen unwidersprochen stehen zu lassen, weil es immer wieder Menschen gibt, die sich zum ersten Mal mit dem Thema befassen und die in möglichst kurzer Zeit (der kurzen Aufmerksamkeitsspanne des Internet-geschädigten Menschen gemäß) zu jeder Lüge auch die Widerlegung finden sollten. Weiteres dazu hier.

Worum geht es hier also? Im Fernsehen und seither in Videoportalen wie Youtube vagabundieren Ausschnitte des Propagandafilms „The Great Global Warming Swindle“, auf Deutsch produziert als „Der Klimaschwindel“. Das Propagandawerk, das es in mehreren Versionen gibt, wiederholt fast alle wichtigen Leugnerthemen, läßt entsprechend auch fast nur Leugner zu Wort kommen, mit Ausnahme des Wissenschaftlers Carl Wunsch, der hinterher gegen das Machwerk protestierte, weil er sich hintergangen fühlte – man hätte ihm nicht gesagt, daß sein Kommentar selektiv zusammengeschnitten in einem Propagandawerk verwendet würde. In einer späteren Version des Films wurde sein Beitrag daher herausgeschnitten.

In der deutschen Ausgabe findet man in den ersten 9 Minuten z.B. bekannte Gestalten wie den Meteorologen Thüne, der praktisch jeder bekannten Forschung zum Klimawandel widerspricht, Gerd-Rainer Weber, beschäftigt beim Gesamtverband des Deutschen Steinkohlenbergbaus, der im Film eine Verschwörungstheorie vertritt, auf die ich gleich zurückkomme oder den Journalisten Maxeiner, der schon oft mit unseriösen Darstellungen aufgefallen ist und wohl eine bestimmte politische Agenda vertritt, nach der Umweltschutz generell auf Hysterie basiert. Außerdem äußern sich als „Wissenschaftler“ Roy Spencer, John Christy, Patrick Michaels und Richard Lindzen – die Anführungsstriche rechtfertigen sich hier, weil die Wortbeiträge dieser Personen hier ziemlich neben der Spur sind und sie ihre Behauptungen nicht mit nachvollziehbaren Argumenten belegen. Später wird unter anderem auch eine falsche Korrelation von Friis-Christensen als „Beleg“ herangezogen, daß Änderungen der Sonnenaktivität der einzige Grund für Klimaänderungen auf der Erde seien.

Welche Verschwörungstheorie habe ich angesprochen? Sie lautet, die Klimaforschung würde die globale Erwärmung nur behaupten, weil sie sich so Forschungsgelder sichern könnte. Nach dieser These wären also sämtliche Wissenschaftler im Feld Beteiligte einer großen Verschwörung, und ihre Geldgeber entweder ahnungslos oder Komplizen. Wie besteht diese Behauptung den Logiktest?

  • Zum einen ist Wissenschaft eine mühevolle Angelegenheit, um ein gemessen an der Ausbildung unterdurchschnittliches Gehalt zu erzielen. Es gibt viele weitaus ertragreichere Möglichkeiten, wenn es einem darum geht, an Geld zu kommen. Das gilt besonders für viele Wissenschaftler auf Zeitstellen, die allenfalls daran interessiert sein könnten, auf gut dotierte Posten in der freien Wirtschaft zu wechseln.
  • Weiterhin ist das Wissen um die globale Erwärmung das gewachsene Ergebnis zahlreicher wissenschaftlicher Arbeiten, die über das gesamte Jahrhundert hinweg geschrieben wurden. Wie hätte eine Arbeit in den 50er, 60er oder 70er Jahren von einer Wissenschaftlerverschwörung profitieren können, die sich erst in den 80er Jahren entwickelt haben soll?
  • Es gibt mehrere Kommissionsarbeiten aus den USA von 1979 bis 1983, (JASON-Report, Charney-Report, Nierenberg-Report), die alle bezüglich der globalen Erwärmung zu ähnlichen Resultaten kommen. Die am JASON-Report beteiligten Wissenschaftler hatten teilweise keine eigenen Forschungsinteressen in der Klimaforschung.
  • Institutionen, die ihr Geld auf jeden Fall bekommen, unabhängig davon, ob es einen Klimawandel gibt oder nicht, wie die nationalen Wetterdienste, stellen in ihren Berichten fest, daß es eine globale Erwärmung gibt und schließen aus, daß diese allein durch natürliche Ursachen erklärt werden kann.
  • Wissenschaftler publizieren zum Klimawandel in gleicher Weise unabhängig davon, ob sie in Ländern arbeiten, in denen die Politik den menschengemachten Klimawandel als Problem ansehen oder es leugnen (insbesondere die USA unter Reagan 1980-1988 und G.W.Bush 2000-2008). In letzterem Fall wäre es für Wissenschaftler doch nach der Verschwörungslogik einträglicher, Mittel dafür zu bekommen, daß sie behaupten, der Klimawandel sei kein Problem.
  • Die meisten relevanten Arbeiten auf dem Gebiet nehmen gar nicht explizit Stellung zum Klimawandel, sondern erstellen oder analysieren Daten oder entwickeln Modelle. Diese Arbeiten fallen an und werden gefördert unabhängig davon, ob Staaten das Klima als ein Problem ansehen oder nicht. Es wird auch Forschung gefördert, in der nach Planeten bei anderen Sternen gesucht wird, ohne daß die Wissenschaftler vorbringen müssten, daß fremde Planeten ein Umweltproblem auf der Erde wären.
  • Der Verschwörungstheorie fehlt das wichtigste: die Verschwörer. Das heißt, Dokumente, die belegen, daß tatsächlich Wissenschaftler in großer Zahl und im gegenseitigen Übereinkommen in Fachpublikationen Falsches behauptet haben.
  • Leugner wie Patrick Michaels, Bob Carter, Fred Singer, Richard Lindzen, Roy Spencer oder John Christy leben offensichtlich ganz gut davon, daß sie die üblichen Ansichten zum Klimawandel bestreiten. Sie selbst sind die Gegenbeweise dafür, daß es für das Einkommen eines Wissenschaftlers eine Rolle spielt, welche Ansichten er vertritt.

Obwohl diese Verschwörungstheorie so offensichtlich absurd ist, taucht sie immer wieder auf. Für mich ist sie ein klares Zeichen, daß ich ab hier nicht mehr zuzuhören brauche. Ein vernünftiger Mensch kann so etwas nicht glauben, er kann höchstens die Verschwörungstheorie benutzen, weil er seinen Glauben mit unsauberen Mitteln verbreiten will. Zur Einordnung von Christy und Spencer siehe hier, zu Lindzen siehe da.

Ein weiterer oft verbreiteter Punkt ist die Temperaturentwicklung der letzten 2000 Jahre. Mit ihr soll verschiedenes belegt werden. Zum einen, daß es schon mal so warm war wie derzeit und die derzeitige Erwärmung daher kein Grund zur Sorge sei. Zum zweiten, daß die jetzige globale Erwärmung natürliche Ursachen habe. Beides ist in der Logik leidend. Die globale Erwärmung wird keineswegs weniger besorgniserregend dadurch, daß auch natürliche Faktoren diese Erwärmung verursachen könnten. Dann könnte ja auch in der Zukunft eine natürliche Erwärmung auf die menschengemachte oben drauf kommen – das wäre sogar eine noch viel schlimmere Aussicht. Hohe Variabilität des Klimas in der Vergangenheit bedeutete zudem, daß das Klima sehr stark positiv rückgekoppelt wäre. In dem Fall müsste uns jede Störung des Klimas durch den Menschen besonders besorgt machen, weil wir bei einer Verdoppelung der CO2-Konzentration in der Atmosphäre nicht mehr von ca. 3 Grad, sondern eher von ca. 6 Grad globaler Erwärmung reden müssten. Es kann auch nicht beruhigend sein, darauf hinzuweisen, daß es im Mittelalter vielleicht mal so warm war wie in den letzten 20 Jahren (wenngleich Paläodaten nahe legen, daß es im Mittelalter wohl eher nicht wärmer wurde als in der Mitte des 20. Jahrhunderts, und das sind Temperaturen, die wir bereits hinter uns gelassen haben), weil das eigentliche Problem ist, daß es in der Zukunft immer wärmer wird und zwar um so mehr, je länger Treibhausgasemissionen anhalten, und wir dann definitiv und auf Dauer den Temperaturbereich verlassen, in dem sich die Landwirtschaft und unsere Zivilisation entwickelt hat.

Und natürlich kann man mit vergangenen Klimaschwankungen nicht begründen, warum es jetzt wärmer wird. Die sogenannte kleine Eiszeit (auf Englisch gerne als LIA für little ice age abgekürzt) war ja nicht aufgrund innerer Variabilität des Klimas entstanden, sondern hatte nachvollziehbare Ursachen dadurch, daß die Sonnenaktivität zeitweilig nachließ und außerdem im 19. Jahrhundert gehäuft Vulkanausbrüche durch Sulfataerosol in tropischen Breiten die Erde kühlten. Weniger Vulkanausbrüche im 20. Jahrhundert und ein Anstieg der Sonnenaktivität bis ca. 1950 sind durchaus dokumentiert und auch erforderlich, um den Temperaturanstieg auf der Erde bis zu den 40er Jahren zu erklären. Aber es gibt kein Erdgedächtnis, das dazu führen würde, daß die Erde sich nach eine kühlen Phase ein Jahrhundert lang stetig erwärmen müsste. Dafür muß es immer auch einen Klimaantrieb geben, für die mittelalterliche Warmzeit, für die kleine Eiszeit und natürlich auch für die aktuelle Erwärmung. Der seit 1970 dominierende Klimaantrieb ist mit dem Anstieg der Treibhausgase klar identifiziert.
Grundsätzlich ist das Problem mit Propagandawerken, die Lügen verbreiten, daß die Erörterung, was darin alles falsch ist, viel mehr Platz einnimmt, als das ursprüngliche Machwerk selbst. Daher verweise ich für weitere Kritik auf andere Stellen, die sich näher mit den Inhalten der Propaganda befassen und insbesondere auch die konkreten Lügen herausstellen, um die es mir hier noch gar nicht besonders ging. Zum Beispiel hat sich Professor Rahmstorf näher mit dem Film befasst. Über Wikipedia findet man einen Beitrag zu dem Film, und darüber findet man weitere Links. Nicht gelistet ist ein Link zu dieser Gegendarstellung beim australischen CSIRO, wo man weitere Links zu Dokumenten findet, die weiter in die Tiefe gehen, insbesondere dieses hier.

Dienstag, 21. April 2009

Je aussichtsloser die Lage, desto mehr Gefolgschaft: Geoengineering

Unter Geoengineering versteht man Maßnahmen, mit denen die Menschheit versucht, die Erscheinung der Erde global zu beeinflussen - Beispiele dazu diskutiere ich hier. Streng genommen zählt bereits das Verbrennen von Kohle, Öl und Gas zum Geoengineering, denn damit haben wir bereits die Temperatur auf der Erde um mehr als ein halbes Grad nach oben bewegt und werden bis 2100 aller Voraussicht nach weitere Grade Temperaturänderung bewirken, mit entsprechenden Klimafolgen. Die logische Maßnahme, die Finger vom Geoengineering zu lassen, wäre die Verbrennung fossiler Brennstoffe schrittweise einzustellen, was technisch und ökonomisch möglich ist, aber starken politischen Willen erfordert, zunächst große Investitionen einzuleiten und unsere Lebensweise anzupassen.

Redet man jedoch über Geoengineering, meint man meistens Maßnahmen damit, einzelne Folgen des Klimawandels zu dämpfen, ohne an der Ursache des Problems etwas zu ändern. Künstliche Abkühlung der Erde durch Spiegel im All, Verstärkung der Albedo am Boden oder Sulfat-Aerosol in der Stratosphäre ändert zum Beispiel nichts am sinkenden pH-Wert der Meere - im Extremfall droht sogar (allerdings auf geologischer Zeitachse) eine vereiste Erde mit versauerten Meeren und hohem CO2-Gehalt in der Atmosphäre. Da ist es besorgniserregend, wenn in Fachkreisen die Verzweiflung über die erwartete Tatenlosigkeit bei Emissionsminderungen so groß ist, daß trotzdem ernsthaft über das Geoengineering geredet wird.

In diesem Sinne diskutiert diesen Monat die American Meteorological Society ein Positionspapier zum Geoengineering, obwohl eigentlich eine informierte Position nur sein kann: wenig effektiv, mit potentiell gefährlichen Nebenwirkungen und vermutlich kontraproduktiv, da die Diskussion von Ersatzmaßnahmen zu Emissionsminderungen dazu verführt, letztlich gar nichts zu tun. Um fair zu sein, dies deutet die AMS in der Einleitung zum Positionspapier auch an, was ich weiter unten darstellen werde. Das Extrem bei uninformierter Unterstützung des Geoengineerings und warnendes Beispiel ist Freeman Dyson, ein Physiker, der zugibt, auf dem Gebiet kein Experte zu sein, aber genau das für einen Vorteil hält und als wesentlichen Grund dafür angibt, daß man sich über die CO2-Emissionen keine Sorgen machen sollte, da man ja genetisch veränderte Bäume pflanzen könnte, die das überschüssige CO2 auffangen könnten. Zwar gibt es solche Bäume noch nicht, wird sie vielleicht auch nie geben und selbst wenn sie im Labor je gezüchtet würden, wer soll denn eigentlich zig Millionen Bäume wo und auf wessen Kosten pflanzen?

Im Positionspapier hält die AMS zunächst fest, daß es einen Klimawandel gibt, der in den letzten 50 Jahren sehr wahrscheinlich überwiegend von Menschen verursacht wurde, und daß es dagegen drei mögliche Maßnahmen gibt: Emissionsminderungen (Mitigation), Anpassungsmaßnahmen an den Klimawandel (Adaption) und Manipulierung des globalen Klimas (Geoengineering). Geoengineering könnte schnelle und zielgerichtete Möglichkeiten zur Klimakontrolle eröffnen, beinhaltet aber auch Risiken. Nach dem aktuellen Forschungsstand gibt es keine Maßnahme, bei der der erwartete Nutzen größer wäre als die vermuteten Risiken.

Danach werden verschiedene Möglichkeiten und ihre Risiken vorgestellt.

  • Die Kontrolle der Treibhausgase z.B. durch Meeresdüngung oder das Einfangen und Einlagern von CO2 (Sequestration).
  • Kühlung der Erde über Spiegel oder Albedo.
  • Moderation einzelner Klimaeffekte (z.B. Lagerung von Wasser an Land als Maßnahme gegen den Anstieg des Meeresspiegels).

Die Risiken könnten z.B. darin bestehen, daß durch eine Kühlung der Erde bewirkte Zirkulationsänderungen in der Atmosphäre einzelne Länder klimatisch begünstigen oder benachteiligen könnten. Außerdem würden bei der Entwicklung des Geoengineerings Mittel von der Entwicklung von Mitigations- und Adaptionsmaßnahmen abgezogen, was kontraproduktiv wäre. Letztlich würden Maßnahmen, die das Klima kühlen, andere Wirkungen der Treibhausgase (sinkender pH-Wert der Ozeane) nicht auffangen.


Daher empfiehlt die AMS in dem Entwurf:

  • Verstärkte Forschung in dem Gebiet, inklusive der Nebenwirkungen
  • Zusätzliche Studien der historischen, ethischen, rechtlichen, politischen, usw. Aspekte
  • Entwicklung und Analyse von Entscheidungsmöglichkeiten, um Transparenz und internationale Zusammenarbeit bei der Erforschung von Geoengineering-Möglichkeiten zu fördern zusammen mit Restriktionen rücksichtsloser Versuche, das Klimasystem zu beeinflussen.

Es wird sicher eine spannende Frage, wie das Papier Ende des Monats nach der Abstimmung aussehen wird. Doch auch hier läuft der politische Prozess schon längst den Experten davon. Die EU unterstützt die CO2-Abscheidung und –lagerung bei zukünftigen Kohlekraftwerken mit Pilotprojekten und in den USA redet der zuständige Minister für Energiefragen Chu von „sauberer“ Kohle bei solchen Kraftwerken mit CO2-Abscheidung. Möglicherweise passiert hier das gleiche, wie schon beim Biosprit – man legt sich politisch fest, bevor man sich über alle Nebenwirkungen einer Entscheidung informiert hat und vergißt dabei, daß wir noch viele kosteneffiziente Maßnahmen zum Energiesparen und zur Emissionsminderung wie auch zum Schutz von Wäldern erst mal beschließen sollten.

Der Pazifik sagt: die globale Erwärmung darf aufdrehen

Die globale Erwärmung ist ein Trend in den Daten der Temperaturanomalie, der erst nach über ca. 23 Jahren Beobachtungszeitraum signifikant wird. Auf monatliche Daten oder selbst einzelne Jahre zu schauen, um irgendwas zum Klima sagen zu können, ist sinnlos. Diesen Punkt habe ich besonders oft in diesem Blog angesprochen.

Politisch aber sind Temperaturanomalien auf Monatsbasis von Relevanz, leider. Politiker und erst recht die Wähler sind keine Wissenschaftler, statistisch meistens unbeleckt und reagieren daher auf die Fieberkurve der Erde. Für sie war das Abrutschen der globalen Temperaturanomalie auf nahe 0,3 Grad 2008 (nach dem Datensatz des Hadley Centres) teilweise eine Unterbrechung der globalen Erwärmung. 2009 ist aber ein weiteres kritisches Jahr für die Weltgemeinschaft, um Beschlüsse zu fassen, die zu wirksamen Emissionsbeschränkungen führen. Im Dezember 2009 ist der große Klimagipfel in Kopenhagen, auf dem Beschlüsse gefasst werden sollen, die das zahnlose Kyoto-Abkommen ersetzen sollen. Obwohl wissenschaftlich völlig bedeutungslos, ist es psychologisch bedeutsam, ob die globale Temperatur 2009 wieder in Rekordhöhen steigt.

Der größte Schaden ist bereits geschehen. Seit 2007 waren wiederholt Bedingungen im Pazifik, die eine größere Abkühlung der Meeresoberflächentemperaturen dort und generell einen Rückgang der globalen Oberflächentemperatur begünstigten. Zeitweilig gab es einen La Nina und bis zuletzt Bedingungen, die über einen längeren Zeitraum fortgesetzt zu einem La Nina führen würden. (Zum Thema El Nino/La Nina/Southern Oscillation findet man übrigens auf dieser Seite recht viel Information auf Deutsch.) Das hat bereits das Jahr 2008 zu einem relativ wenig warmen Jahr des laufenden Jahrzehnts gemacht, obwohl es gleichwohl wärmer war, als die an sich schon warmen 90er Jahre. So sehr haben wir uns bereits an die globale Erwärmung gewöhnt, daß uns ein Jahr als kühl erscheinen kann, das 0,7 Grad wärmer war als der Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit diesem einen Jahr im Rücken läuft die Propaganda der Leugner auf Hochtouren, um bindende Emissionsminderungsbeschlüsse zu sabotieren.
Daher ist es für die Konferenz im Dezember wichtig, ob die La-Nina-ähnlichen Bedingungen weiter anhalten. Wirft man einen Blick auf die ENSO-Daten (z.B. in den USA bei der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), der zuständigen Behörde) in der wichtigen ENSO 3,4-Region (einem großen Streifen im äquatorialen Pazifik), so fällt einem auf, daß die Meeresoberflächentemperatur (im Schaubild oben) ebenso wie der Wärmegehalt des Meerwassers in der obersten 300-Meter-Schicht konsistent in den neutralen Bereich zwischen El Nino (warm) und La Nina (kalt) wandern und gleichzeitig die Modellvorhersagen mehrheitlich auf neutrale Bedingungen in den nächsten Monaten hindeuten. Das heißt, die Jahrestemperaturen 2009 dürften in Richtung auf das schmale Band zwischen 0,4 und 0,5 Grad laufen, in dem die Temperaturen in diesem Jahrzehnt normalerweise lagen. Neue Rekordtemperaturen für das Gesamtjahr sind 2009 aber noch nicht zu erwarten, sondern frühestens 2010, da es noch nicht so aussieht, als ob sich mit dem Ende des La Nina direkt ein starker El Nino entwickeln könnte, der einen starken Effekt auf die globale Temperatur haben könnte.

Donnerstag, 16. April 2009

Anzeichen für 2 – 3 Meter Meeresspiegelanstieg in 50 Jahren?

Eine der großen Unbekannten des Klimawandels ist der Anstieg des Meeresspiegels. In diesen Anstieg gehen mehrere Komponenten ein.

Da ist die thermische Ausdehnung des Wassers: Wasser, das wärmer ist als etwa 4 Grad Celsius, dehnt sich weiter aus, wenn es erwärmt wird. Die meiste Zeit im vergangenen Jahrhundert war das der wichtigste Beitrag zum Meeresspiegelanstieg. In den letzten 10 oder 20 Jahren waren aber auch andere Beiträge sehr bedeutend und dominierten zeitweilig.

Da ist die Umverteilung von Wasser zwischen der Atmosphäre, dem Wasser an Land (Grundwasser, Flüsse und Seen) und dem Meer, unter anderem davon beeinflusst, wie stark Flüsse reguliert werden und schneller oder langsamer ihr Wasser zum Meer transportieren und wie stark Stauseen gebildet und aufgefüllt werden.

Schmelzen oder Anwachsen von Festlandeis und –schnee, insbesondere Gletscher in den Gebirgen.

Diese beiden Beiträge trugen in den letzten 10 Jahren wohl mehr als die Hälfte zum Meeresspiegelanstieg bei.

Schließlich der Beitrag der großen Eisschilde, an erster Stelle auf Grönland und in der Westantarktis. Wann, wie und wie schnell diese Eisschilde abschmelzen können, ist die große Unbekannte, denn dies hängt von der Stabilität dieser Eisschilde ab, über die man immer noch wenig weiß.

Bisher weiß man nur, daß der Meeresspiegel steigt, am oberen Rand der Modellschätzungen, aber bislang mit einer Rate von 31 cm pro Jahrhundert. (Dazu empfehle ich einen Blick in die Klimalounge.) Außerdem weiß man, daß in der Vergangenheit die Eispanzer von Grönland und der Westantarktis wiederholt in Warmzeiten abgeschmolzen sind bei Temperaturen, die kaum 2 Grad über den heutigen liegen, also den für 2100 erwarteten Werten. (Auch dazu empfehle ich einen Blick in die Klimalounge.) Der Punkt ist, daß die Erwärmung der Erde sich mit einiger Verzögerung in ein Abschmelzen der Eisschilde umsetzen wird. Wie lange kann es dauern?

Das wissen wir nicht. Deshalb sind indirekte Hinweise darauf wichtig, wie schnell in der Vergangenheit so ein Meeresspiegelanstieg erfolgen konnte. Im Prinzip ist das einfach. Man schaut sich z.B. ein Korallenriff an, aber nicht ein heutiges, sondern eines aus der fernen Vergangenheit, als der Meeresspiegel höher stand als heute. Dann schaut man, ob bei so einem Korallenriff das Wachstum abgebrochen wurde und sich einige Meter höher eine weitere Riffkante ausgebildet hat. Das würde nämlich darauf hinweisen, daß hier in einer überschaubaren Zeit der Wasserspiegel entsprechend angestiegen war. Kritisch dabei ist, daß man beide Riffkanten möglichst genau datieren muß. Genau das ist das Problem, denn bei Ereignissen, die mehr als 100.000 Jahre zurückliegen, ist es eine große Herausforderung, auf ein Jahrzehnt genau eine radiochemische Datierung der Proben hinzubekommen, auch wenn die Datierung einer Zeitdifferenz zwischen zwei gut vergleichbaren Proben genauer bewerkstelligt werden kann als die absolute zeitliche Datierung jeweils unabhängiger Proben.

Der Artikel von Blanchon, Paul, Eisenhauer, A., Fietzke, J., Liebetrau, V., Rapid sea-level rise and reef back-stepping at the close of the last interglacial highstand, Nature 458, 881-884 (16 April 2009), scheint nun eine unangenehme Antwort zu liefern. Prähistorische Riffkanten, etwa 121.000 Jahre alt, auf Yukatan, deuten auf einen Meeresspiegelanstieg von etwa 2,5 Metern in 50 Jahren hin. Die Zeitspanne ergibt sich aus der Thorium-Datierung, daraus, daß die Verfassung der Riffkanten darauf hindeutet, daß die Veränderung in einer ökologischen Zeitskala normaler Lebenszyklen des Riffs stattfand und aus dem Vergleich der Schichtungen innerhalb des Riffs mit anderen Riffs z.B. auf den Bahamas.


Die Schlussfolgerungen der Autoren sind recht mutig, denn es gibt durchaus Angriffspunkte für die angegebene Zeitspanne, etwa aufgrund der Unsicherheiten der Thorium-Datierung und der Frage, ob die Vergleichbarkeit mit Schichtungen an anderen Riffen wirklich so gegeben ist. Im National Geographik wird der Beitrag z.B. eher kritisch diskutiert. Aber es ist doch ein ernst zu nehmender Hinweis darauf, daß ein plötzliches Abschmelzen der großen Eisschilde bei Temperaturen möglich ist, die wir im Laufe des Jahrhunderts wohl erreichen werden. Niemand aber weiß, wie wir global darauf reagieren könnten, wenn der Meeresspiegel in weniger als 50 Jahren um 2-3 Metern ansteigen sollte. Selbst wenn diese Publikation sich in ihren Schlussfolgerungen als voreilig erweisen sollte, worauf wir nun alle hoffen müssen, ist das Thema wohl so lange nicht erledigt, bis nicht entweder genaue Modellstudien der Eisdynamik verfügbar sind, die uns erlauben, vorherzusagen, wie z.B. die Westantarktis auf eine weitere Erwärmung reagiert, und durch die wir ein so rasches Abschmelzen ausschließen können, oder der endgültige Nachweis gelingt, daß in einer der letzten Warmzeiten tatsächlich der Meeresspiegel innerhalb weniger Jahrzehnte um mehr als 2 Meter gestiegen ist.

Kurze Blogliste zum Abbruch des Wilkins-Eisschelfs

Seit einiger Zeit ist eines der größten Eisschelfs vor der Küste der Westantarktis dabei, aufzubrechen. Auch wenn in den Medien schon Anfang April die Behauptung herumgeisterte, das Eisschelf sei abgebrochen, ist das tatsächlich ein Vorgang, der noch längere Zeit ablaufen wird. Das Aufbrechen des Eisschelfs ist eine gut sichtbare Folge der Erwärmung der Westantarktis, die wiederum im Rahmen der globalen Erwärmung nicht überraschend ist. Ich habe keine Ahnung vom Thema, aber möchte auf einige Blogs (meist auf Englisch) verweisen, über die man sich (zusammen mit den Links dort) einen guten Überblick verschaffen kann.