Donnerstag, 13. Mai 2010

Die Welt kommt langsam, aber gewaltig

Steigen die Mischungsverhältnisse der Treibhausgase in der Atmosphäre, absorbiert sie infrarotes Licht stärker. Dadurch wird die Abstrahlung der Wärme von der Erde ins All weniger effektiv und die Gleichgewichtstemperatur der Erde wächst an. Bei einer Verdopplung der CO2-Mischungsverhältnisse von 280 auf 560 ppm erhält man einen Wert von ca. 1,2 Grad Celsius bzw. 1,2 Kelvin.

Wird die Atmosphäre wärmer, führt dies jedoch auch zu Rückkopplungen. Die meisten Rückkopplungen sind positiv und verstärken Änderungen der globalen Temperatur. Zunächst nimmt eine wärmere Atmosphäre mehr Wasser auf. Dadurch wird der Treibhauseffekt verstärkt. Zugleich erwärmt sich die Troposphäre im oberen Bereich stärker als im unteren Bereich. Dadurch strahlt sie effizienter Wärme ab. Das ist eine negative Rückkopplung, die allerdings deutlich kleiner ist. Weiterhin nimmt die Bewölkung vermutlich zu. Je nach Modell kann das zu einer positiven oder negativen Rückkopplung führen, doch insgesamt überwiegt die Ansicht, daß wir von einem neutralen bis leicht positivem Effekt ausgehen müssen. Schließlich geht durch eine globale Erwärmung auch die Schneebedeckung in den gemäßigten Breiten und teilweise in den polaren Breiten zurück. Dadurch nimmt die Albedo der Erde im Mittel ab, also die direkte Reflektion der Sonneneinstrahlung vom Boden, was die Erde weiter erwärmt, aber besonders verstärkt über dem Land in den gemäßigten bis polaren Zonen, ganz besonders aber in der Arktis - speziell die arktische Verstärkung durch den Rückgang der Seeeisbedeckung läßt sich inzwischen bestätigen. Es gibt viele Zusammenfassungen dieser Effekte, die man etwa im IPCC-Bericht findet oder zum Beispiel auf dieser Seite, die ich gerade gesehen habe. Zusammengenommen nennt man diese Rückkopplungen schnelle Rückkopplungen, weil sie auf einer Zeitachse bis zu wenigen Jahren wirksam sind. Der Albedoeffekt ist vielleicht der langsamste, und kann durchaus eine Verzögerung von mehr als 10 Jahren haben. Für Klimaveränderungen ist das immer noch schnell.

Daß speziell der kombinierte Effekt von Wasserdampf und Wolken insgesamt zu einer positiven Rückkopplung bei der globalen Erwärmung führt, ist durch direkte Messungen gut gesichert. Dies wurde zum Beispiel von Georg Hoffmann kommentiert. Deshalb beeindruckt es auch nicht, wenn Lindzen oder Spencer von Zeit zu Zeit mit der Behauptung Unsicherheit streuen wollen, daß sie belegen könnten, daß die positiven Rückkopplungen viel schwächer seien - ihre Behauptungen stehen im Widerspruch mit praktisch der gesamten übrigen publizierten Forschung.

Zugleich wissen wir aber auch, daß die Klimasensitivität um einen Wert von 3 Grad Celsius je Verdopplung des CO2-Äquivalents ist. D.h. bei einer Verdopplung des CO2-Gehalts in der Atmosphäre oder einer in der Wirkung entsprechenden Erhöhung anderer Treibhausgasmischungsverhältnisse tragen die in der Summe positiven Rückkopplungen weitere 1,8 Grad Celsius Temperaturerhöhung bei. Dieser Wert von 3 Grad bezieht sich allerdings auf die neue Gleichgewichtstemperatur, die erst mit Verzögerung erreicht wird. Zum einen sind die Rückkopplungen Verzögerer, wie etwa der Albedoeffekt, der sich über ein Jahrzehnt lang auswirken kann, zum anderen dauert es, bis sich alle gekoppelten Teile der Erde auf die neue Temperatur eingestellt haben. Hier ist der Transport der Wärme in die Ozeane wesentlich. Nach und nach transportieren Meeresströmungen die Wärme von der Oberfläche immer tiefer und kühlen die ganze Zeit die Atmosphäre. Das kann Jahrzehnte dauern. 30 Jahre für die Kopplungen von Atmosphäre und die oberen ca. 2000 Meter der Ozeane sind eine plausible Hausnummer, aber es könnte auch mehr oder weniger sein. Die Gleichgewichtstemperatur für die bisherige Erhöhung der Treibhausgasmischungsverhältnisse ist also um die 1,5 Grad, aber davon ist bis zur Hälfte noch auf dem Weg, da erst noch die Ozeane die zusätzliche Wärme aufnehmen müssen und zudem ein Teil durch die kühlende Wirkung von Sulfataerosol maskiert wurde. Deshalb sehen wir erst eine globale Erwärmung von ca. 0,8 Grad, von denen ein kleiner Teil solaren Ursprungs ist, das meiste aber Folge der Treibhausgasemissionen.

Daß die Klimasensitivität für die schnellen Rückkopplungen bei etwa 3 Grad je Verdopplung des CO2-Äquivalents liegt, zeigt die Zusammenschau der Auswertung der Temperaturänderungen seit Beginn der Wetteraufzeichnungen, die Reaktion der globalen Temperatur auf Vulkanausbrüche, die Auswertung von Temperaturänderungen laut den Proxies über die letzten 2000 Jahre, die Untersuchung der letzten Eiszeit, die Untersuchungen von Erwärmungen in der weiteren Vergangenheit, wie etwa die Erwärmung im mittleren Pliozän vor 3 Millionen Jahren und außerdem Modellrechnungen. Das findet man hier zusammengestellt (von wo das Bild links entnommen ist, wo für verschiedene Ansätze die ermittelten wahrscheinlichen -dünner Balken- und sehr wahrscheinlichen Bereiche -dicker Balken- der Klimasensitivität gezeigt werden), wie auch beim obigen Link zu den schnellen Rückkopplungen und beruht auf einer Arbeit von Knutti und Hegerl 2008. Die Klimasensitivität von 3 Grad/Verdopplung des CO2-Äquivalents wird seit gut 30 Jahren immer wieder gefunden, wobei der Unsicherheitsbereich so nach und nach verkleinert wurde.

Doch es gibt auch die langsamen Rückkopplungen. Die machen zwar unserer und auch der nächsten Generation noch kein Kopfzerbrechen. Aber für die Menschen unserer Enkelgeneration und danach sind diese langsamen Rückkopplungen das eigentliche Problem bei dem Klimawandel. Diese langsamen Rückkopplungen sind noch wenig verstanden. Dazu zählen etwa die Albedoveränderungen durch ein Abtauen der Eisschilde auf Grönland und in der Antarktis, die Freisetzung von CO2 und Methan durch ein Auftauen des Permafrostbodens in der Tundra Sibiriens, Kanadas und Alaskas, die Freisetzung von Kohlendioxid durch eine Verschiebung der Kliamzonen und einem Absterben tropischer Regenwälder oder die Freisetzung von Methan aus Methanclathraten am Meeresgrund insbesondere in den arktischen Gewässern. Diese Rückkopplungen finden auf einer Zeitachse von einigen Jahrzehnten, von wenigen Jahrhunderten oder länger statt. Einige der langsamen Rückkopplungen könnten außerdem deutlich davon abhängig sein, wie schnell sich das Klima erwärmt oder CO2 ansteigt. Ein langsamer Anstieg der CO2-Konzentration könnte durch Mischen in tiefere Schichten der Ozeane gebremst werden. Ein schneller Anstieg könnte hingegen durch einen pH-Abfall Schalenbildner in den Ozeanen abtöten oder schwächen und dadurch die Fähigkeit der Ozeane, CO2 aufzunehmen so schwächen, daß hieraus eine positive Rückkopplung für das CO2-Mischungsverhältnis wird. Ähnlich sieht das mit einer Verschiebung von Klimazonen und einem Absterben von Bäumen aus, die Klimaveränderungen nicht mehr durch Wachstum in neuen Regionen folgen können.

Hinweise darauf, daß die langsamen Rückkopplungen die Klimasensitivität erhöhen, bieten Untersuchungen zum Beispiel der Erwärmung im mittleren Pliozän von 3 Millionen Jahren. Lunt et al 2010 schätzen die erhöhte Sensitivität aufgrund der langsamen Rückkopplungen auf bis zu 50% höher als die schnelle Sensitivität. Wir reden also von einem Wert, der im Mittel bei 4 bis 4,5 Grad Celsius liegt. Und selbst das halten wir nur ein, wenn wir in absehbarer Zukunft den Anstieg der Treibhausgasemissionen anhalten und bis 2050 deutlich reduzieren. Ohne Maßnahmen kann das CO2-Äquivalent bis 2100 sich gegenüber dem vorindustriellen Wert verdreifachen. Pagani et al 2010 kommen zu ähnlichen Abschätzungen. Man muß sich klar machen, daß im mittleren Pliozän die globale Temperatur gut 2 bis 3 Grad höher lag als heute, aber das CO2-Mischungsverhältnis mit dem heutigen Wert vergleichbar war!

Diese Arbeiten werden auf Skeptical science kommentiert.

Die Rolle der Zeit ist auch fatal, wenn es um den Anstieg des Meeresspiegels geht. Die Eisbedeckung in Grönland oder der Antarktis erreicht innerhalb eines Jahrhunderts keineswegs ein Gleichgewicht. Das dauert viel länger. Das heißt, die Vorhersagen für einen Meeresspiegelanstieg bis 2100, die sich im Bereich um 1,2 bis 2 Meter konzentrieren, erzählen nur den Anfang des Meeresspiegelanstiegs. David Archer erzählt in seinem Buch "Das langsame Tauen" die Geschichte einer Erde, in der über Jahrhunderte und Jahrtausende der Meeresspiegel auf globale Temperaturänderungen und Änderungen des Kohlenstoffkreislaufs reagiert. Danach ist die Gleichgewichtsreaktion der Erde auf einen Anstieg der globalen Temperatur um 3 Grad (wie im mittleren Pliozän) ein Anstieg des Meeresspiegels um 40 Meter, und zwar unaufhaltsam, selbst wenn die CO2-Emissionen zurückgehen, weil die Lebensdauer zusätzlich eingebrachten Kohlendioxids so lange ist. Einzelheiten erläutert Georg Hoffmann.

Es gibt nämlich einen anderen Blickwinkel, indem man insbesondere darauf schaut, wie eigentlich der Kohlenstoffhaushalt der Erde auf die Erwärmung reagiert. Ein Erweiterung unseres Bewußtseins bedeutet dabei die Herausgabe eines neuen Bodenatlas für den nordpolaren Bereich (nördlich 50 Grad nördlicher Breite). Im Zusammenhang mit diesem Werk wurde festgestellt, daß die Hälfte des im Boden gebundenen Kohlenstoffs in den nördlichen Böden festliegen und unter anderem durch ein Auftauen des Permafrostbodens in der Tundra freigesetzt werden können. Freigesetzt werden nicht nur CO2, sondern auch die viel wirksameren Treibhausgase Methan und Distickstoffoxid N2O. Möglicherweise ist der Klimaeffekt dieser Emissionen aus nördlichen Böden größer als bislang vermutet und jedenfalls so in den Klimamodellen noch nicht berücksichtigt.

Wir müssen uns klar machen, daß die Betrachtung des Klimawandels nur bis 2100 nur einen Teil der Geschichte erzählt. Der Klimawandel hört dann nicht durch ein Wunder auf. Vielmehr könnten schon ab 2050 Klimafolgen eintreten, die nicht rückgängig gemacht werden können und über Jahrhunderte einen Klimawandel erzeugen, den Menschen nicht mehr kontrollieren können. Die Einstellung, man bräuchte erst auf den Klimawandel zu reagieren, wenn man seine Folgen sehen könnte, ist daher äußerst ignorant und geradezu kriminell.

Sonntag, 9. Mai 2010

Nachweis des Treibhauseffekts

Zu den absurdesten Unternehmungen der Pseudowissenschaft mit Bezug zum Klima gehört die angebliche Widerlegung oder Falsifikation des Treibhauseffektes. Es ist absurd, weil der Treibhauseffekt direkt abgeleitet werden kann aus elementaren Gleichungen, die den Energietransfer durch Strahlung von der Sonne zur Erde und von der Erde in den Weltall beschreiben und die Modifikation des Strahlungshaushalts, wenn ein Gas eingebracht wird, das im infraroten Bereich Strahlung absorbiert. Die quantitative Herleitung erfolgt durch Strahlungsflußrechnungen, die zwar aufwendig sind, aber nicht theoretisch anspruchsvoll. Wer meint, er könnte das widerlegen, den kann ich nicht ernst nehmen.

Gerlich und Tscheuschner gingen aber seit Jahren mit der Behauptung hausieren, sie hätten den Treibhauseffekt "falsifiziert". Dazu hatten sie einen enorm aufgeblähten Artikel erstellt, der voll von faktischen Fehlern war, aber auch viel Rhetorik enthielt, die die Sache eher verschleiern statt erhellen sollte. Als sich tatsächlich ein sachfremdes, zweitklassiges Journal fand, das die Publikation des Unfugs auch noch zuließ, war ich schockiert, und schrieb erst mal einen Blogbeitrag, in dem ich meinen Unmut darüber Raum gab, daß so etwas durch ein Peer Review kam. Ich erkläre mir inzwischen den Vorfall so, daß es einen Redakteur beim International Journal of Modern Physics B (IJMPB) gibt, der politisch im selben Boot sitzt, wie Gerlich und Tscheuschner und dafür sorgte, daß sich genehme Reviewer fanden, wobei es sich bei einem wohl um einen gewissen Kramm handeln muß, der selbst im Leugner-Camp aktiv ist.

Den meisten Wissenschaftlern, die sich mit dem Treibhauseffekt befassen, war es wohl zu dumm, sich mit dem Unsinn zu befassen oder die haben einfach nicht bemerkt, daß da in einem Journal zur Physik kondensierter Materie (also eben nicht Gas, schon gar nicht Atmosphären- oder Klimawissenschaften) irgendwelche Physiker etwas zum zentralen Punkt der Klimaforschung seit über 100 Jahren geschrieben hatten, was die Forschung eben des ganzen Jahrhunderts als Irrtum hinstellen wollte. Hätten Gerlich und Tscheuschner recht, wäre das nobelpreisverdächtig. Aber sie haben nicht recht, und da die Fachleute es nicht der Mühe wert hielten, den Unsinn auch nur zur Kenntnis zu nehmen, hatte Joshua B. Halpern die Arbeit auf sich genommen, eine Antwort zu erstellen. Verschiedene andere fleißige Leute leisteten mehr oder minder große Beiträge, und so konnte nun ein Kommentar publiziert werden, der auf die verschiedenen Fehler von Gerlich und Tscheuschner hinweist (J. Halpern, C. Colose, C. Ho-Stuart, J. Shore, A. Smith und J. Zimmermann, COMMENT ON "FALSIFICATION OF THE ATMOSPHERIC CO2 GREENHOUSE EFFECTS WITHIN THE FRAME OF PHYSICS", Journal of Modern Physics B, 24, 1309-1332, 2010, DOI No: 10.1142/S021797921005555X). Wer das Journal nicht gerade im Bestand seiner Bibliothek hat, kann die Versionen des Artikels vor der Publikation hier einsehen - die letzte Version G&T2.11.pdf entspricht praktisch dem publizierten Artikel. Oder Download bei Stoat.

Eli Rabett hat hier den, naja, autoritativen Kommentar zur Publikation. Gleichwohl haben sich Chris Ho-Stuart und William Connolley über Stoat schon vorher dazu gemeldet. Der Weg zur Publikation war allerdings steinig, weil die Erwiderung zunächst beim gleichen Redakteur ankam, der schon Gerlich&Tscheuschner so nett unter die Arme griff und daher auch bei den Reviewern landete, die deren seltsamen Ansichten vom Treibhauseffekt teilten. Erst Protest beim Redakteur, Hinweis auf die Voreingenommenheit eines Reviewers und die Inhaltsleere des zweiten Reviews führte dazu, daß ein unvoreingenommener Redakteur die Arbeit übernahm, zwei andere Reviewer fand, die dann auch gegen den Kommentar zur Gerlichs und Tscheuschners Artikel inhaltlich keine Einwände mehr hatten. Irritierend ist dennoch, daß das Journal eine Erwiderung von Gerlich und Tscheuschner passieren ließ, in denen die beiden lustig ihre Fehler wiederholten, ohne die Kritik an ihrem Beitrag aufzunehmen. Dafür brauchten die Herren auch noch 27 (siebenundzwanzig !) Seiten. Schon die Zusammenfassung der Erwiderung läßt einen schaudern. Sie meinen, sie hätten den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik nicht bloß auf eine Richtung des Strahlungstransfers zwischen Erde und Umwelt angewandt. Doch, haben sie. Einfach das Gegenteil zu behaupten ändert die Realität nicht. Sie behaupten, in dem Kommentar wäre der Treibhauseffekt nicht definiert worden. Er wurde und es wurde dabei entsprechende Literatur zitiert. Sie behaupten gar, es gäbe einen nicht-meßbaren, also nicht existierenden Einfluß des CO2 auf das Klima der Erde. Das ist nun so richtig - irreal. Zum Thema Messungen des Treibhauseffektes von CO2 findet man zum Beispiel hier eine schöne Darstellung von Georg Hoffmann. Ich verweise auch auf John Mitchell, auf Philipona et al. oder auf Raval&Ramanathan für Beispiele zur Messung des Treibhauseffektes. Ob im Labor, vom Boden oder von Satelliten aus - man kann den Treibhauseffekt messen, man kann den Anteil von CO2 zuordnen und das zu leugnen ist absurd, insbesondere für Leute, die meinen, sie könnten zu dem Thema etwas publizieren.

Aktualisierung: Chris Colose, ein weiterer Autor, hat ebenfalls einen Beitrag zum Thema. In allen Fällen lohnt sich der Blick in die Kommentare für weiteren Hintergrund. Die Diskussion der Erwiderung von Gerlich und Tscheuschner auf den Kommentar ist wenig schmeichelhaft, und das haben sich die Autoren redlich verdient.

Dienstag, 4. Mai 2010

Nachtrag zu "Wenn schon Mist schreiben, dann richtig"

In dem Beitrag habe ich es versäumt, zu schreiben, wer eigentlich der Autor, Axel Bojanowski ist. Er ist Wissenschaftsjournalist beim Spiegel, schreibt aber auch für andere Zeitungen und Zeitschriften. Stefan Rahmstorf hatte sich schon über eine frühere Falschdarstellung von ihm beschwert, in der er Ergebnisse des republikanischen Wegmann-Reports zu angeblichen Fehlern der Temperaturrekonstruktion von Michael Mann und seinen Kollegen fälschlich als Ergebnisse einer Studie der National Academy of Sciences ausgegeben hatte, die weitgehend die Ergebnisse von Mann et al. 1998 bestätigte. Auch beim Thema Meeresspiegel sah Rahmstorf die Notwendigkeit zur Korrektur. Kein Wunder, daß Bojanowski es sich nicht verkneifen konnte, gegen Rahmstorf nachzutreten und ihn als jemanden darzustellen, der versucht, Journalisten zu schikanieren. Der Mann mag es offensichtlich nicht, wenn man ihm seine Fehler vorhält.

Bojanowski läßt es sich auch nicht nehmen, Studien hervorzuheben, die die Mär von der globalen Warmzeit um 1400, die heutige Temperaturen erreicht haben soll, zu verbreiten. So schrieb er 2003 und 2004 je entsprechende Beiträge für die Welt am Sonntag:

Das Klima war viel komplexer, Erderwärmung auch schon um 1400. Die Forscher müssen umdenken, Welt am Sonntag 15.8.2004.

Als Grönland noch grün war. Welt am Sonntag, 15. 6. 2003.

In dem einen Beitrag wird unkritisch die Behauptung von McIntyre und McKitrick übernommen, daß die Temperaturrekonstruktion von Mann et al. 1998 widerlegt sei und es im Mittelalter global so warm war wie heute, in dem anderen Beitrag wird ein schon bald danach widerlegter Artikel von Soon et al. zitiert, in dem diese Behauptung verbreitet war. Der Skandal um die Publikation dieses Artikels, der eine Leugner-Seilschaft bei Climate Research offenlegte, führte zum Rücktritt der Redaktion.

Daher meine Einschätzung: wir erleben im Spiegel keine Ausrutscher oder eine vorübergehende Mode, um mit der Kontroverse Auflage zu machen. Der Spiegel ist ein Tummelplatz für Journalisten, denen die Wahrheit egal ist, die zum Leugnernetzwerk gehören und aktiv Desinformation der Öffentlichkeit betreiben. Ich befürchte, daß das Blatt über keinen einzigen seriösen und integren Wissenschaftsjournalisten verfügt.

Noch ein Hinweis: eine kleine Übersicht von Fehlervorwürfen an die Klimaforschung, die in Medien verbreitet wurden und was daraus wurde, gibt es bei der Frankfurter Rundschau.

Montag, 3. Mai 2010

Wenn schon Mist schreiben, dann richtig

Es gibt eine schöne englische Redensart "When in a hole, stop digging." - "Wenn man in einem Loch ist, soll man aufhören zu graben." Die Journalisten des Spiegels sollten das beherzigen, denn sie machen das Gegenteil. Nachdem Marco Evers, Olaf Stampf und Gerald Traufetter zum Klimawandel mit dem Artikel "Die Wolkenschieber" vorgeführt hatten, wie man lügt, diffamiert und Unterstellungen verbreitet, gibt es jetzt bei Spiegel Online einen Nachschlag mit noch mehr Lügen, Diffamierungen und Unterstellungen, aber nun auch noch verbunden mit Hinterfotzigkeit, denn man findet munter eingestreut viele Textstellen, mit denen sich die Spiegeljournalisten den Anschein der neutralen Berichterstattung geben wollen. Erst die Würdigung des Textes im Zusammenhang, die Analyse verräterischer Formulierungen und die eingestreuten Verlinkungen machen deutlich, daß hier in Wahrheit die Desinformation der Öffentlichkeit weitergeht. Diesmal wird Axel Bojanowski vorgeschickt, der unter dem Titel "Forscherskandal: Heißer Krieg ums Klima" Kriegsberichterstattung vom Kampf zweier Bürgerkriegsparteien vorspielt. Nur daß es diese zwei Parteien nur in dem Paralleluniversum des Spiegels gibt, denn in Wahrheit gibt es nur eine Partei, die Lobbyisten, die der Öffentlichkeit was über den Klimawandel vorlügen wollen. Alle übrigen Akteure reagieren nur in irgendeiner Form auf diese Partei. Mit diesem Krieg zwischen zwei Parteien hat der zum Thema völlig inkompetente Journalist aber eine griffige Erzählung, die jedem, der die Hintergründe nicht kennt, sofort einleuchtet und die betroffenen Wissenschaftler genau in die Position bringt, in der dann die ganzen Schläge unter die Gürtellinie treffen. Deshalb muß ein wichtiger Punkt vorausgeschickt werden.

Angenommen, es brächte irgendeinen wirtschaftlichen Vorteil, wenn man annimmt, daß 2+2=3 ist, würde es sofort eine Lobby dafür geben, diese Ansicht zu verbreiten und es würden sich auch Menschen finden lassen, die mit beliebiger Komplexität Argumentationen vorführen, warum 2+2=3 ist oder zumindest, warum wir uns nicht so sicher sein sollen, daß unter allen Umständen 2+2=4 ist. Vielleicht gibt es ja noch einen Fortschritt in der Mathematik, irgendeine spezielle Topologie, unter der vielleicht auch etwas anderes als 2+2=4 sinnvoll wäre. Und so weiter... Es ist hoffentlich einsichtig, daß 2+2=3 objektiv falsch ist. Hier gibt es keinen Anlaß zur Diskussion. Es ist dann auch nicht sinnvoll, dies als Auseinandersetzung zweier Gruppen zu behandeln, die sich beide irgendwie im Recht fühlen können. Hier gibt es nur eine richtige Ansicht und eine Partei, die eine Lüge verbreiten will. Eine Berichterstattung dazu, die vorgibt, eine Auseinandersetzung zweier Gruppen zu schildern, ohne sich auf eine Seite zu stellen, ist nicht neutral - sie ist desinformierend und heuchlerisch. Bei einer Aussage, die entweder wahr oder falsch ist, ist auch unentschieden falsch. Da die Leugner des wissenschaftlichen Standes zum Klimawandel falsche Behauptungen verbreiten, wie etwa die, daß unsicher sei, ob es sich derzeit global erwärmt, ob der Mensch der wesentliche Antrieb des aktuellen Klimawandels sei, ob der Klimawandel potentiell gefährlich sei, ob die Temperaturrekonstruktionen von Mann et al. 1998 reproduzierbar sind, ist eine neutrale Berichterstattung nur eine, die diese Ansichten als falsch darstellt. Genau das tut der Spiegel nicht, er berichtet nicht neutral, sondern verfälschend. Und da ich hier eine ganze Serie von Artikel finde, in der verschiedenste Journalisten immer wieder diese Erzählung vorbringen, daß es unter Klimaforschern zwei Parteien gäbe, "Skeptiker" und "Alarmisten" und viele zwischen diesen Parteien, und man daher beim Thema Klimawandel noch Grund zu Zweifeln hätte, über was, wird vage gehalten, ist dies anscheinend Redaktionslinie beim Spiegel. Das heißt, dieser Lügenjournalismus ist nicht das Vergehen einzelner Journalisten beim Spiegel, sondern die Redaktion hat irgendwann die Linie ausgegeben, daß man hier mit der Skandalwelle reiten möchte, weil man sich dadurch Auflage verspricht. Noch bösartiger wäre die Unterstellung, daß man hier auf Anzeigenkunden schielt. Dafür führt man die Parodie investigativen Journalismus vor, die sich darin erschöpft, Unterstellungen der Leugnerszene mit eigener Garnierung abzuschreiben.

Der Ansatz des Spiegels

Der Ansatz des ganzen Geschreibsels ist einfach. Man behauptet, die gestohlenen Emails der Climate Research Unit CRU analysiert zu haben, um so zu erhellen, ob sich die Erde wirklich erwärmt und ob die beteiligten Klimaforscher da Lobbyisten in die Falle getappt seien. So steht es in der Einleitung. Das ist zugleich absurd und verlogen. Es ist absurd, weil man über die Emails niemals so etwas feststellen könnte. Ob die Aussagen der Forscher korrekt sind, erhellt nur die wissenschaftliche Fachdiskussion über die Fachliteratur. Hier ist die Antwort eindeutig: die grundsätzlichen Aussagen der Klimaforschung sind reproduzierbar und werden durch die reale Entwicklung zunehmend bestätigt. Wenn man der globalen Temperaturzeitreihe bei CRU nicht glaubt, hat man mehrere andere Zeitreihen zur Verfügung, an Land, zur See oder durch Satelliten und viele andere Indikatoren für eine globale Erwärmung. Wenn man Mann et al. 1998 nicht den Hockeystick glaubt, gibt es über ein Dutzend anderer Temperaturrekonstruktionen der letzten 12 Jahre, die zeigen, daß die grundsätzlichen Ergebnisse korrekt waren. Deshalb ist es sinnlos, auch nur anzufangen, in den Emails irgendwas finden zu wollen. Selbst wenn da ein Geständnis von Mann stünde, er hätte 1998 die Daten gefälscht, wäre das schon längst durch all die anderen Artikel dazu überholt. Es wäre für ihn ein Problem, aber nicht für die Wissenschaft. Verlogen ist diese Analyse, weil diese Analyse bereits durchgeführt wurde. Unter anderem hat bereits der Guardian eine solche Analyse durchgeführt. Alle Untersuchungen kommen zu ähnlichen Ergebnissen: aus den Emails lassen sich keine Verfälschungen von Daten und Ergebnissen ableiten, allenfalls, daß die Wissenschaftler von antiwissenschaftlichen Angriffen genervt waren, in den Emails stellenweise ihren Frust über die Sabotage ihrer Arbeit abreagierten und versuchten, Angriffe über Absprachen abzuwehren. Und man muß schon ein mieses Charakterschwein sein, Menschen an den Pranger zu stellen, die Versuche zur Sabotage und zur Falschdarstellung im fachlichen Bereich durch konzertierte Aktionen abwehren wollen.

Ein Soziologe urteilt über die Klimaforschung

Der Spiegeljournalist wertet nun auch nicht den fachlichen Inhalt - kann er ja gar nicht - er macht daraus ein soziologisches Problem. Zwei Gruppen kämpfen miteinander, das menschelt schön und läßt sich schnell auf eine Ebene bringen, die Durchschnittsbürger mitverfolgen können. Daher bewertet die Emails nicht etwa ein Klimaforscher, sondern ein Soziologe, ein gewisser Peter Weingart von der Uni Bielefeld. Nun ist Weingart ein Mensch mit Vorbelastung. Schon seit längerem behauptet er, daß Wissenschaftler aus bestimmten Gründen zum Alarmismus neigen würden. Diese Behauptung wird fatalerweise davon begleitet, daß Prof. Weingart unter dem Dunning-Kruger-Effekt leidet und über ein Thema redet, das er offensichtlich nicht versteht, von dem er aber meint, etwas zu verstehen. Zum Beispiel ist ihm nicht klar, daß die Klimasensitivität, die vorgibt, wie stark der Klimawandel wird, über die letzten 30 Jahre im Mittel der Publikationen recht konstant blieb, während Szenarien, auf die diese Klimasensitivität angewendet wird, sich geändert haben - das kann der Soziologe offensichtlich gar nicht auseinanderhalten. Das IPCC ist nicht, wie Weingart behauptet, im Laufe der Jahre moderater geworden, sondern im Gegenteil in den Aussagen im Laufe der Zeit konkreter und in der zentralen Feststellung tendenziell dramatischer. So ein Mann ist genau der Zeuge, den der Spiegel brauchen kann. Und so kommentiert er in die Emails das hinein, was schon vorher seine vorgefaßte Meinung war - Klimaforscher neigen aus Gutmenschentum zum Alarmismus und ihnen fehlte die Fähigkeit zur Selbstkritik, das zu erkennen. Daher titelt der Spiegel auch mit "Forscherskandal", obwohl sie eigentlich über den Medienskandal schreiben müßten, nämlich ihrer eigenen verkorksten, gelogenen Gegenwirklichkeit und ihrer fehlenden Selbstkritik, endlich mal ihre Lügen zu korrigieren. Wieso schafft es der Spiegel eigentlich nicht, die ganzen Lügen und die ganze konzertierte Desinformation der Öffentlichkeit über ThinkTanks, Seilschaften bei den Republikanern in den USA, bei den Energiefirmen und ihren willigen Helfern aufzudecken? Das wäre investigativer Journalismus. Aber vielleicht zuviel Arbeit, zu schädlich für das Anzeigengeschäft oder zu offensichtlich und daher nicht auflagenträchtig. Also gräbt sich der Spiegel weiter in sein Lügenloch, zusammen mit Weingart.

Wie man mit Formulierungen Meinung macht

Ich schrieb in der Einleitung, der Spiegelartikel sei hinterfotzig. Das sieht man daran, daß unter anderem mit der Formulierung die Aussagen von Absätzen gedreht werden. Im Teil 2 des Artikels wird etwa die Frontstellung beschrieben: "Die Fronten in der Klimadebatte sind seit langem verhärtet: Auf der einen Seite steht eine überschaubare Anzahl tonangebender Klimaforscher, auf der anderen eine mächtige Lobby aus Industrieverbänden, deren Ziel es ist, die Gefahren der Erderwärmung zu bagatellisieren. Sie wird insbesondere vom rechten politischen Spektrum der USA, von Verschwörungstheoretikern, aber auch von kritischen Wissenschaftlern unterstützt. Doch damit waren die Rollen von Gut und Böse keineswegs eindeutig verteilt. Die Mehrheit der Klimaforscher stand zwischen beiden Parteien."
Man beachte erst mal, daß so getan wird, als könne es überhaupt eine Debatte zwischen Industrieverbänden und Wissenschaftlern geben. Das geht gar nicht - wissenschaftliche Debatten finden unter Wissenschaftlern statt. Man beachte weiterhin, daß von einer "überschaubaren Anzahl" Wissenschaftler geschrieben wird - es wird direkt das Bild vermittelt, hier ginge es um eine kleine Gruppe, im Gegensatz zu einer Mehrheit. Das ist falsch. Die Vorstellungen der Klimaforschung sind ein Konsens, der deshalb von einer überwältigenden Mehrheit der Wissenschaftler geteilt wird, weil an diesen Fragen seit Jahrzehnten gearbeitet wird. Dann steht da noch das Wort "tonangebend". Die Unterstellung dabei ist: eine radikale Minderheit will der Mehrheit ihre Ansicht aufdrücken. Dann kommt ein Satz, mit dem der Spiegel Neutralität suggerieren will - er bringt Schlüsselwörter: rechtes politisches Spektrum, Verschwörungstheoretiker, der Leser denkt, ja, das klingt nach böser Industrielobby. Aber dann der Tiefschlag - und kritische Wissenschaftler. Also sind die anderen Wissenschaftler - die tonangebenden, die Minderheit, die die IPCC-Aussagen vertreten - nicht kritisch. So demontiert man diejenigen, die 2+2=4 vertreten, und tut dabei, als sei man neutral. Der i-Punkt darauf ist dann der Schluß: "Die Mehrheit der Klimaforscher stand zwischen den Parteien." Welchen Parteien? Was für eine Mehrheit? Die Mehrheit unterschreibt die Feststellungen des IPCC. Aber genau diese Feststellungen stehen unter Beschuß der Energielobby und der Leugnergruppen, zu denen dann auch willige Helfer aus der Wissenschaft zählen, wie Fred Singer oder Lindzen oder Pat Michaels, die vom Spiegel so irreal als "skeptisch" bezeichnet werden. Ein anderes Beispiel, und mehr kann ich nicht bringen, weil das sonst in eine seitenlange Abhandlung ausarten würde, ist das hier: "Die Erdölkonzerne reagierten alarmiert. Zusammen mit Firmen anderer Branchen, die die Verteuerung fossiler Energieträger fürchteten, schmiedeten sie Bündnisse. Dafür konnten sie auch einige scharfsinnige Klimaforscher wie etwa Patrick Michaels von der University of Virginia gewinnen." Man beachte, daß zuerst wieder die Ölkonzerne thematisiert werden. Scheinbar ist der Spiegel neutral und hebt das Lobbyproblem hervor. Doch dann das verräterische Wort: "einige scharfsinnige Klimaforscher". Wieso "scharfsinnig"? Das ist ein Adjektiv, das hier aus dem Nichts kommt. Sind etwa alle, die nicht die Lobbypositionen vertreten, nicht scharfsinnig? Zumal Michaels sich hervorgetan hat durch die Publikation abgrundtief schlechter Artikel, durch Diffamierungen von Kollegen, durch Käuflichkeit und durch Lügen.

Und wieder Lügen und Unterstellungen

Auch in diesem Spiegelbeitrag wird auf die Wahrheit eingeprügelt, bis sie blutend am Boden liegt und nur noch röchelt. Da steht etwa "Zwar gilt die Prognose einer bevorstehenden Erwärmung als gut belegt. Doch über die Folgen bestehen weiterhin erhebliche Unsicherheiten." Verlinkt ist hier nicht etwa irgendein seriöser Text über Unsicherheiten in der Klimafolgenforschung, sondern der eigene Lügenartikel "Die Wolkenschieber". Ein Lügenzirkelschluß des Spiegels also. Die Prognose gilt nicht als, sie ist belegt, was einen wesentlichen Teil des IPCC-Berichtes der WG 1 ausmacht. Und die Unsicherheiten der Klimafolgen sind dort auch erläutert, entsprechen aber keineswegs den Darstellungen von Industrielobby, Leugnern - und dem Spiegel.
Im Tenor des alten Artikels geht es auch hier im Teil 5 weiter. "Um eindeutige Kurven zu erhalten, mußten die Forscher freilich ein wenig nachhelfen." schreibt der Spiegel und unterstellt Datenfälschung. Vielleicht versteht der Journalist selbst nicht, was dieser Satz eigentlich bedeutet, doch er präzisiert: "Baumringdaten zeigen seit Mitte des 20. Jahrhunderts keine Erwärmung mehr - und stehen damit im Widerspruch zu den Temperaturmessungen. Diese offensichtlich falschen Baumdaten wurden mit dem umgangssprachlichen "Trick" aus Temperaturkurven getilgt." Das ist falsch. Die Baumringdichten bestimmter Bäume zeigen nach ca. 1960 keine Korrelation mit der Temperatur. Das bedeutet aber nur, daß nun andere Faktoren die Baumringdichte dominieren. Das steht keineswegs im Widerspruch zu Temperaturmessungen. Die Baumringdichten waren auch nicht falsch. Sie waren nur nicht mit dem gleichen Modell interpretierbar wie Daten vor 1960. Warum das so ist, wird in der Fachliteratur diskutiert und ist noch nicht geklärt. Es wurden auch keine Daten "getilgt". Sie sind in den Publikationen da und die Divergenz zwischen Baumringdichte und gemessener Temperatur nach 1960 wird diskutiert.

Es wird unterstellt, Forscherzirkel hätten kontrolliert, wer in Fachzeitschriften publizieren durfte und so ihre Meinung durchgesetzt. Das ist nachweislich falsch - es ist sogar furchtbarer Blödsinn von einigen Wissenschaftlern wie Patrick Michaels publiziert worden, der eigentlich gar nicht hätte veröffentlicht werden dürfen. Selbstverständlich werden Wissenschaftler im sorgfältigen Peer Review offensichtlich falsche Artikel korrigieren oder gar zurückweisen, wenn sie ihre Arbeit sorgfältig machen. Genau das ist Zweck des Peer Review. Für den Spiegel ist es aber Meinungsmache, sobald Wissenschaftler in Emails darüber diskutieren, daß es miese Artikel gibt, die konzertiert in Fachzeitschriften gedrückt werden sollen. Und wieder scheinbare Neutralität, die in Wahrheit Partei ist. Der Rücktritt mehrerer Wissenschaftler aus der Redaktion von Climate Research, nachdem durch Mauschelei ein offensichtlich falscher Artikel von Patrick Michaels veröffentlicht wurde, wird zu einem Mahnmal des Einflusses von Michael Mann und anderen stilisiert, obwohl selbst Hans von Storch, sicherlich nicht im Verdacht, zu Manns Truppen zu gehören, an der Spitze der Protestierer gegen die Mauschelei bei Climate Research stand.

Das unverantwortliche Verhalten des Spiegels

Der Spiegel macht den Wissenschaftlern zum Vorwurf, daß sie Feststellungen sehr vehement verteidigen, die der Aussage "2+2=4" im Wahrheitswert nahe kommen. Viele Feststellungen zum Klimawandel, die von Leugnern immer noch angegriffen werden, sind bereits auf hohem Niveau abgesichert. Wenn Journalisten dann ein Forum für Leugner bieten, weil sie in krasser Inkompetenz deren falsche Behauptungen verbreiten, werden sie zu recht kritisiert und ist die Frage nach einer Qualitätskontrolle der Medien berechtigt. Doch der Spiegel kehrt das um: "Allerdings versuchten Wissenschaftler mitunter, Druck auszuüben, wenn sie mit der medialen Berichterstattung nicht einverstanden waren." Verlinkt ist ein Artikel, in dem Prof. Stefan Rahmstorf angegriffen wird. Rahmstorf hat natürlich keinen Druck auf Medien ausgeübt. Wie denn? Wenn der Spiegel Blödsinn schreibt, erreicht er damit sofort Millionen Menschen. Wenn Rahmstorf dagegen einen Leserbrief schickt, kommt der erst mal zu einer Person - und in einen Papierkorb - Asymmetrie der Medienmacht. Rahmstorf hat kritisiert, daß Falschmeldungen verbreitet wurden. Das scheint für Journalisten nicht akzeptabel zu sein. (...) Journalisten halten nichts von Selbstkritik und Qualitätskontrolle, denn dafür haben sie keine Zeit und es ist ihnen zu teuer.

Es läßt sich noch viel über die Geschichtsklitterung des Spiegels schreiben, wenn er die Geschichte der Wissenschaft des Klimawandels mit Hansens Auftritt vorm Senat 1988 und einem Aufruf deutscher Physiker 1986 beginnen läßt und etwa Charney-Report, JASON-Report und Nierenberg-Report oder die Enquete-Kommission im Bundestag Ende der 80er Jahre unterschlägt. Da geht es nur darum, eine Verschwörungstheorie über Alarmismus der Klimaforscher zu entwickeln, die in die Spiegelrealität paßt. Da wird auch unterstellt, Klimaforscher, die nicht eindeutig Stellung bezögen, würden in eine der angeblichen Parteien unter den Wissenschaftlern gedrängt. Als Beleg wird dann Judith Curry herangezogen, die aber gar keine Klimaforscherin ist und auch nicht neutral. Aber es gibt so viel an dem Spiegelartikel zu kritisieren, daß es jeden Rahmen sprengen würde. Der Spiegel nimmt eindeutig Front gegen Wahrheit und Wissenschaft. Und macht klar, daß er es so meint. (Nachträglich leicht gekürzt.)

Sonntag, 2. Mai 2010

US-Republikaner bekämpfen die Realität - mit dem Gesetz

Der Hauptstaatsanwalt - attorney general eines US-Bundesstaates vertritt den Staat vor Gericht (üblicherweise über Vertreter) und steht der Strafverfolgung des Staates vor, vergleichbar mit einem Justizminister in Deutschland. Er wird entweder gewählt oder das Amt gehört zur politischen Beute der siegreichen Partei bei Governeurswahlen in einem US-Bundesstaat. Virgina ist ein republikanischer Staat und daher ist hier der attorney general auch ein Republikaner. Und wie insgesamt große Teile der US-Republikaner zunehmend im politischen Extremismus versinken, ist auch der Hauptstaatsanwalt von Virginia offensichtlich ein rechter Extremist der barbarischen und exterm ignoranten Sorte. Republikanischer Extremismus äußert sich darin, Brutalmarktwirtschaft und Staatsfeindlichkeit zu predigen, Menschen wegen ihrer sexuellen Orientierung zu diskriminieren, für einen Bibelstaat einzutreten, in dem Bibelgebote wörtlich interpretiert und in die Gesetzgebung integriert werden, außenpolitisch isolationistisch und zugleich aggressiv aufzutreten und Wissenschaft überall da zu bekämpfen, wo sie Wirtschaftsinteressen widerspricht oder zu offensichtlich andere Aussagen vertritt als in der Bibel geschrieben steht. Der Hauptstaatsanwalt von Virginia heißt Ken Cuccinelli, und hat sich gleich in den ersten Monaten einen Namen damit gemacht, daß er sein Siegel als zu anstößig empfand. Das Staatssiegel von Virginia zeigt die Göttin Virtue im Sieg über die Tyranei. Dabei entblößt das Hemd der schematisierten Figur eine Brust. Grund genug für Cuccinelli, ein neues Siegel zu entwerfen, auf dem ein Brustpanzer den Oberkörper bedeckt. Wir könnten über diese typisch amerikanische Prüderie lachen, die so gar nicht in die moderne Zeit paßt, aber auch vielen Amerikanern kommt dieser Umgang mit einem jahrhundertealten Siegel mit einem klassischen Motiv eher barbarisch vor. Da man so schon sieht, wes Geistes Kind dieser Mann ist, kann man sich vorstellen, daß er sich auch die üblichen eingebildeten Feinde der Republikaner vornimmt - Wissenschaftler, deren Aussagen Wirtschaftsinteressen stören könnten. Zum Beispiel das Interesse daran, ohne Rücksicht auf die Umwelt Öl und Kohle zu fördern und zu verbrennen - ein Multimilliardengeschäft, für das gerade mal wieder ein ganzes Ökosystem vor der Küste Lousianas geopfert wird, wo gerade eine Bohrinselhavarie zu einem gewaltigen Ölleck führte und offenbarte, wie rücksichtslos hier Ölfirmen fördern dürfen.

Ken Cuccinelli kann als Hauptstaatsanwalt Untersuchungen initiieren, wenn er den Verdacht sieht, daß Staatsgelder verschwendet werden. Das kann er als Waffe gegen mißliebige Wissenschaftler einsetzen, zum Beispiel gegen Klimaforscher wie Prof. Michael Mann von der Pennsylvania State University. 1999 bis 2005 hatte Michael Mann auch für die University of Virgina (UVa) gearbeitet und hier für verschiedene Forschungsprojekte insgesamt eine halbe Million Dollar an Drittmitteln eingeworben, genug um damit zum Beispiel zwei Doktoranden und einen Post-Doc zu beschäftigen oder für eine Arbeitskraft, eine Büroausstattung, Reisekosten und Mittel für Großrechnerkontingente. Um aus der Untersuchung wirklich eine Waffe zu machen, um Wissenschaftler mundtot zu machen, braucht man nur so vorzugehen, wie Cuccinelli. Er verlangt nämlich nicht nur sämtliche Unterlagen zu den Drittmittelanträgen, was ja im Sinne einer solchen Untersuchung verständlich wäre, sondern stellt eine praktisch unerfüllbare Liste auf, die so umfassend ist, daß damit die wissenschaftliche Arbeit in dem Bereich über Monate zum Stillstand gebracht werden könnte - was offensichtlich Ziel der Aktion ist. Wie die Forschungsmittel ausgegeben wurden, das eigentlich interessante für einen Haushälter, kommt in den Anweisungen zu der Aufforderung an die Universtät gar nicht vor. Stattdessen will der Hauptstaatsanwalt sämtliche Unterlagen, sämtlichen Verkehr - schriftlich, elektronisch oder sonstwie, mit über 40 Personen haben, dazu eine Auflistung aller inzwischen vernichteten Dokumente, mit Begründung, warum sie vernichtet wurden und einer Auflistung aller Personen, die solche Schriftstücke irgendwie gehabt oder gesehen haben könnten, die Wissen über Inhalte des Dokuments oder die Umstände der Vernichtung, Verlagerung usw. haben könnten, in Kopie oder im Original, jedenfalls bei Vorlage der Kopie sollte das Original auf Aufforderung nachgeliefert werden können. Verlangt werden Dokumente, Daten, Speichermedien oder andere Dinge, jawohl, Dinge ("things"), die irgendwie in den Bereich der Drittmittelanforderungen oder der Korrespondenz mit den über 40 genannten Personen fallen, und irgendwie von diesen "berührt" wurden, also anscheinend auch Platinen, Klopapier und was auch immer. Sogar von Lochkarten ist die Rede, was für den Zeitraum 1999 bis 2005 absurd wirkt, und die Realitätsferne der Anfrage verdeutlicht. Das Gefühl der Irrealität wird noch verstärkt durch Anforderungen der Art "Wörter im Singular sind zugleich im Plural zu interpretieren und umgekehrt" oder "der Umfang der Untersuchung beinhaltet alle Daten, Dokumente oder Dinge in Ihrem Besitz..."

Die Anfrage hat ein klares Ziel: durch ihren Umfang ihre Erfüllung unmöglich zu machen und Wissenschaftler mit so viel Arbeit zu überschwemmen, daß sie keine Forschung mehr betreiben können. Zusätzlich wird so viel Material eingesammelt, daß man, wie bei den geraubten Emails von der Climate Research Unit, darin auch Absätze aus dem Zusammenhang reißen kann, aus denen sich Vorwürfe gegen Klimaforscher konstruieren lassen, um gegen sie Stimmung zu machen. Die Botschaft an die anderer Klimaforscher ist: "Wenn ihr weiter eure Forschung betreibt und dabei Ergebnisse erzielt, die der Kohle- und Öllobby nicht genehm sind, dann werden wir euch sabotieren und schikanieren und Rechtsmittel gegen euch einsetzen." Und natürlich freut diese Entwicklung bezahlte Lügner wie Fred Singer, der gegen Geld gerne bestätigt, daß Passivrauchen unschädlich ist, das Ozonloch kein Problem und der Klimawandel nur eine Einbildung.

Das tragische dabei ist, daß die Wissenschaft hier zu einem eindeutigen Konsens gekommen ist. Der Klimawandel ist real und bedrohlich. Wissenschaftler mundtot zu machen und ihre Ergebnisse zu leugnen ändert die Realität nicht, nimmt uns aber die Mittel, auf sie zu reagieren. Und das ist weltweit gefährlich. Was die US-Republikaner da veranstalten, schadet allen, auch uns Deutschen. Über hinterwälderische Amerikaner können wir nicht lachen, weil wir von dem politischen Handeln der USA abhängig sind. Wenn der wahnsinnige Cuccinelli Wissenschaftler schikaniert, wie hier Prof. Michael Mann, dann macht er auch deutsche Innenpolitik. Die Realitätsferne und Faktenresistenz weiter Teile der amerikanischen Öffentlichkeit, Medien und Politik erklärt auch, warum die USA für den faktisch gleichen Lebensstandard wie in Deutschland doppelt so viel Energie brauchen und immer noch glauben, höhere Steuern auf Energie würden der Wirtschaft schaden, während die deutsche Autoindustrie erfolgreich der maroden amerikanischen Industrie vorführt, daß höhere Energiesteuern in Wahrheit die Wettbewerbsfähigkeit steigern.

Informationen dazu hier, und hier, ein weiterer deutscher Kommentar hier.

Montag, 26. April 2010

Wenn Meckern doch mal hilft...

In der Klimalounge berichtet Professor Stefan Rahmstorf davon, daß die Frankfurter Rundschau Einsicht gezeigt hatte. Einen Artikel wurde zurückgezogen, in dem die Lügengeschichte von den Leugnern North und Leake übernommen wurde, daß im IPCC-Bericht Aussagen zu Wassermangel in Teilen Afrikas unzulässig auf den ganzen Kontinent ausgedehnt worden wären. Im IPCC-Bericht war nachweislich die Literatur zum Thema korrekt wiedergegeben worden. Näheres sollte man dort nachlesen.

Informatiker will die Klimaforschung belehren

Es gibt ein durchgängiges Schema beim Thema Klimawandel. Irgendein Akademiker einer fremden Fachrichtung stellt fest, daß mehrere tausend Wissenschaftler in der Klimaforschung in den letzten Jahrzehnten durchgängiger Forschung irgendetwas falsch gemacht haben müssen. Es ist egal, ob es ein Wirtschaftswissenschaftler, ein Physiker oder ein Informatiker ist, aber irgendwie kommen da immer wieder Menschen auf, die einen privilegierten Zugang zu Wissen zu haben scheinen, der es ihnen ermöglicht, an tausenden von Fachpublikationen vorbei ein Thema beurteilen zu können. Der neueste in dieser Reihe selbsterklärter Genies ist David Gelernter, Professor für Informatik in Yale und in der Forschungsabteilung von Mirror Worlds Technologies tätig. Im konservativen Spektrum gilt er oft als Universalgenie und äußert sich zu Informatik, Kunst, Religion und Geschichte. Außerdem ist er in den USA als überlebendes Opfer des UNA-Bombers bekannt.

In einem Kommentar bei der FAZ warnt Gelernter davor, daß angeblich Computermodelle unkritisch zu Entscheidungsträgern gemacht würden. Laut Überschrift geht es in dem Kommentar um ein Nachdenken über die Reaktion auf die Vulkanaschewolke. Und der Titel ist sehr plakativ „Die Aschewolke aus Antiwissen“. Der Titel ist sogar unfreiwillig treffend, denn Gelernter pustet uns eine solche Aschewolke des Antiwissens in das Gesicht. Er behauptet, ausgeklügelte Computerprogramme hätten Europas Flugverkehr in ein Chaos gestürzt. Doch das Chaos entstand dadurch, daß die Flugaufsicht nicht die Verantwortung dafür übernehmen konnte, daß Vulkanasche in jedweder Konzentration kein Risiko für die Luftfahrt darstellt. Die Entscheidungen darüber, welche Flugräume gesperrt wurden, kamen eben nicht aus Computermodellen, wie Gelernter es suggerieren will, sondern waren politische Entscheidungen, die man auf der Basis traf, daß schon ein einziges Flugzeug, das womöglich Schäden erleidet und dadurch jetzt oder später abstürzt, ein vermeidbarer Unfall zuviel ist. Das war den Entscheidungsträger ein Milliardenschaden bei Flugausfällen wert, denn wenn man die Lufträume nicht gesperrt hätte und auch nur eine Maschine abgestürzt wäre, wäre der Aufschrei der Öffentlichkeit viel größer geworden. Diesem Dilemma wurde Gelernter nicht gerecht.

Aber wollte er dem gerecht werden? Er schreibt hier über ein Thema, mit dem er sich offensichtlich nur oberflächlich beschäftigt hatte. Denn er unterstellt, es hätte keine Messungen der Vulkanaschewolke gegeben. Doch, die gab es. Die Datenlage hätte besser sein können, aber grundsätzlich waren die verwendeten Ausbreitungsmodelle validiert und nachfolgende Messungen bestätigten, daß tatsächlich die simulierten Vulkanaschewolken vorhanden waren. Schon der Journalist Schirrmacher, auf dessen Kommentar bei der FAZ sich Gelernter bezieht, hatte da reichlich unbedarft falsche Behauptungen in die Welt gesetzt, die einige Leser in den Kommentaren auch angreifen – erstaunlich, daß hier die Leugnertruppe, die in ihrer üppigen Tagesfreizeit sonst zu allem mit Klimabezug relevante Beiträge auf rot und Unfug auf grün klickt, sich hier noch nicht ausgetobt hatte.

Worum es eigentlich ging, merkte man in den folgenden Absätzen, als unvermittelt das Thema Klimawandel auftauchte. Nun hat Professor Gelernter auch von der Klimaforschung offensichtlich keine nennenswerten Kenntnisse, aber als amerikanischer Konservativer eine sehr bestimmte Meinung. Er ist davon überzeugt, daß wir nicht wissen, ob Kohlendioxidemissionen eine Erderwärmung erzeugen können. Doch, wir wissen es, weil es elementare Physik ist und weil wir es beobachten. Wir wissen seit Jahrzehnten, daß Kohlendioxidemissionen zu einer Erderwärmung führen können und wir sind zunehmend in der Lage, den Effekt zu quantifizieren und dies durch Beobachtungen zu bestätigen, und es gibt Anhaltspunkte dafür, daß wir den Modellen hinreichend weit trauen können. Er behauptet, ganz im Sinne vieler Amerikaner mit republikanischer Prägung, wir wüssten nicht, ob die Erwärmung gefährlich sein könnte. Auch dies wissen wir definitiv. Man kann sich darüber streiten, wie schnell und ab wann und wo genau die Folgen der Erderwärmung gefährlich genannt werden müssen. Aber eine Erwärmung von mehreren Grad Celsius ist unvermeidbar, wenn wir Kohlendioxidemissionen überhaupt nicht regulieren und bei einem solchen Temperaturanstieg ist das Abschmelzen der Eisbedeckungen von Grönland und der Westantarktis auf Dauer unvermeidbar. Ein Meeresspiegelanstieg, der in wenigen Jahrhunderten, vielleicht sogar eher, im globalen Mittel bei über 10 Metern liegt, ist aber definitiv eine gefährliche Auswirkung. Ein Absterben der tropischen Korallenriffe im Zuge einer Erwärmung um mehrere Grad und einem Abfall des pH-Wertes um 0,3 Punkte ist ganz sicher eine sehr gefährliche Folge der Kohlendioxidemissionen. Gelernter meint, man solle der zivilisationsbedingten Erwärmung als wissenschaftlicher Hypothese mit Skepsis gegenübertreten, aus zwei Gründen, die beide nicht einsichtig sind. Zum einen, weil man allen „derartigen Hypothesen mit Skepsis begegnen sollte“. Mit „derartigen“ meint er wohl alle Hypothesen, bei denen Computermodelle als Arbeitsinstrument dienen können. Das sind, so wie sich die Wissenschaft entwickelt hat, heutzutage praktisch alle. Einerseits ist das trivial – ein Wissenschaftler muss immer ein Skeptiker sein. Aber das meint Gelernter nicht. Was er meint, ist auch nicht feststellbar. Er weiß es wohl selbst nicht. Denn eigentlich geht es ihm um den anderen Punkt, eine ganz typische Argumentationsfigur der Leugnerszene: menschengemachter Klimawandel könne nicht gefährlich sein, weil das Klima schon immer geschwankt habe. Das ist ein Satz, der in seiner Dummheit geradezu klassisch ist. Klimaforscher und Geologen können sehr ausführlich erläutern, wie das Klima in der Erdgeschichte geschwankt hat, aufgrund jeweils bestimmter externer Antriebe. Sie können zusammen mit Biologen auch einiges über das Aussterben von Arten erzählen, und wie dieses in katastrophalen Ereignissen kulminieren konnte, wenn ein großer Prozentsatz aufgrund von radikal veränderten Lebensbedingungen auf der Erde verschwand. Was uns die Erdgeschichte lehrt ist vor allem, daß kein Mensch wünschen kann, daß es schnelle Klimaveränderungen auf der Erde gibt, und es absurd ist, mit dem Verweis auf die Erdgeschichte unser Klima bedenkenlos zu verändern.

Was bei Gelernter auffällt ist, daß er seinen Kommentar darauf aufbaut, daß er sein Resultat fertig hatte, bevor er darüber nachdachte – bei seinen politischen Einstellungen kein Wunder. Denn bei ihm kommen Risiken und Skepsis immer nur in einer Richtung vor. Für ihn ist ein Argument, daß Maßnahmen gegen den Klimawandel Milliarden kosten können. Für ihn ist seltsamerweise aber kein Argument, daß das unbeschränkte Emittieren von Treibhausgasen selbst Milliarden an Schäden verursachen wird. Er meint, man müsse die Aussagen der Klimaforschung mit Skepsis aufnehmen. Er sieht aber keinen Grund, die Aussagen der Leugnung der Ergebnisse der Klimaforschung mit Skepsis aufzunehmen inklusive seinem Strohmann, daß das Klima schon immer geschwankt hätte und ein Klimawandel daher unbedenklich sei.

In seinem Text findet man immer wieder vage Allgemeinplätze. Die Klimamodelle hätten bei einigen einschlägigen Testläufen die Vergangenheit nicht vorausberechnen können. Gelernter gibt hier nicht an, was er meint, um welche Elemente es geht und welche Relevanz das für das aktuelle Problem hat. In der Fachliteratur findet man hingegen, daß wesentliche Elemente der Klimaentwicklung der Vergangenheit mit den aktuellen Modellen reproduziert werden konnten. Die Literaturangaben dazu kann man zum Beispiel in den Kapiteln 6, 8 und 9 des 4. Sachstandberichts der WG 1 des IPCC nachlesen. Was also erzählt uns Gelernter da eigentlich? Er behauptet, die Zukunft könnten die Modelle erst recht nicht vorausberechnen. Daß sie das können, stellen die Modelle seit 1988 unter Beweis. Alle Modelle haben ihre Grenzen und ihre Fehler. Doch entscheidend ist, ob man unter Beachtung dieser Grenzen relevante Aussagen gewinnen kann. Und da können wir Klimamodelle als wichtige Entscheidungshilfe nutzen.

Gelernter meinte, Milliarden für den Klimaschutz wären doch womöglich besser angelegt für ganz andere Projekte, und sehr plakativ kommt da auch die Trinkwasserversorgung eines afrikanischen Dorfes ins Spiel. Möglicherweise schaffen wir mit dem Klimawandel hier erst die Probleme, die Gelernter dann lösen will. Oder auch nicht, denn das Dorf ist nur hypothetisch zu sehen, weil es diese Alternative nicht gibt – Gelernter, wie viele marktradikale Republikaner, nehmen solche Verweise nur als Vorwand, nichts zu tun, was er am Ende des Absatzes bereits andeutet. Wir geben Milliarden aus, um Banken zu retten, Milliarden, um Waffen zu kaufen, Milliarden, um Bauern zu subventionieren, Milliarden hier, Milliarden da. Wenn der politische Wille da ist, geben wir Milliarden für den Klimaschutz aus und gleichzeitig auch Milliarden für die Wasserversorgung in Entwicklungsländern. Bisher hat noch kein Leugner, der nach Manier des Sozioökonomen Björn Lomborg andere Entwicklungsprojekte ins Feld führte, denen angeblich der Klimaschutz das Wasser abgräbt, nachweisen können, daß auch nur ein Cent mehr in diese Projekte fließt, wenn wir keinen Klimaschutz betreiben. Da wäre Gelernters Skepsis mal angebracht.

Gelernter behauptet auch, daß wir reichlich Zeit zum Nachdenken hätten, bevor wir Entscheidungen treffen, das CO2-Experiment zu stoppen. Auch hier weiß niemand, wie Gelernter darauf kommt. Da er den Modellen nicht trauen will, muß er ja irgendwie beurteilen können, wieso wir noch lange Zeit weiter Treibhausgase in der Luft anreichern können, ohne daß das gravierende Auswirkungen hätte. Auch hier wäre Skepsis gegenüber Gelernters Urteilsvermögen angebracht, denn in den Fachpublikationen findet man eher Belege, gerade aus der Paläoklimatologie, die darauf aufbaut, daß das Klima schon immer geschwankt hat, daß wir bereits in einem Bereich der Treibhausgaskonzentrationen sind, bei dem gravierende unumkehrbare Wirkungen auftreten können. Wir haben demnach eben keine Zeit mehr, das CO2-Experiment fortzusetzen, dem Gelernter frei von jeder Skepsis eine vorläufige Unbedenklichkeit bescheinigen wollte.

Was Gelernter aber wirklich als Leugner, als Wissenschaftsgegner und als Polemiker kennzeichnet, ist seine Unterstellung, daß Wissenschaft auf Basis von Modellen, also praktisch die gesamte heutige Wissenschaft, eine religiöse Veranstaltung sei. Er schreibt von der „ehrwürdigen Imprimatur der wissenschaftlichen Priesterschaft“, von „Softwaregläubigkeit“, von „blindem Vertrauen auf die Kafka-Computer des wissenschaftlichen Mysterium-Staates“. Da schreibt jemand, der keine Argumente hat, der ablehnen will, was er nicht versteht, aber trotzdem sein Leben beeinflusst und dies nur dadurch kann, daß er Wissenschaft mit Religion gleichsetzt. Tut er das, braucht er sich nicht mehr mit den Fachargumenten auseinandersetzen, denn eine Religion ist ja nur Glaubenssache. Genau deshalb kommen so gerne religiöse Metaphern und Unterstellungen von Leugnern wissenschaftlicher Erkenntnisse.

Gelernter behauptet, er warne vor der Gefahr, daß Politiker gläubig den Output von Modellen in politische Entscheidungen umsetzen würden. Doch hier stimmen schon zwei Punkte nicht. Zum einen diese Vision nicht, denn viel öfter beobachten Fachleute in der Politik ausgeprägte Beratungsresistenz. In den USA liegen seit 1979 Studien vor, daß Treibhausgasemissionen das Klima verändern werden und ein Risiko darstellen werden. Das hatte bisher erschreckend wenig Folgen. Zum anderen nimmt Gelernter einfach so an, daß die mögliche Fehlbarkeit von Modellen bedeutet, daß Entscheidungen ohne den Einsatz von Modellen weniger fehlerhaft wären. Diese Erwartung ist geradezu absurd. Modellbasierte Entscheidungen setzen sich ja gerade deshalb durch, weil man dadurch Fehlerraten absenken kann, nicht weil die Menschheit heimlich zur Computerreligion konvertiert wäre. Gelernter mag vom schönen 19. Jahrhundert träumen, als das Leben noch einfach war und man mit Bauchentscheidungen ein Gemeinwesen lenken konnte. Aber heute nutzen wir Internet, Flugzeuge, Autos, globale Warenströme und moderne Pharmazie. Nichts davon würde ohne Computereinsatz funktionieren, und Modelle werden in immer mehr Bereichen wichtige Arbeitswerkzeuge nicht nur in der Forschung, sondern in der Betriebssteuerung. Der Gedanke daran mag Gelernter verstören, trotzdem ist es kein Grund, wissenschaftliche Ergebnisse zu leugnen und Wissenschaftler zu diffamieren. Der nächste, bitte.

Mittwoch, 21. April 2010

Klimawandel läßt die Erde beben und Vulkane speien

Treibhausgasemissionen bewirken eine globale Erwärmung. Kohlendioxidemissionen außerdem einen Anstieg der Acidität der Meere. In der Folge verändern sich Lebensräume, sterben Arten aus, werden biologische Nahrungskreisläufe unterbrochen, kommt es zu vermehrten Extremwetterereignissen, Dürren, Überschwemmungen, möglicherweise zum Verlust des Meeres als Nahrungsquelle, zu schwerwiegenden Störungen der Nahrungsmittelversorgung zum Beispiel in Asien, zu fehlender Wasserversorgung in Teilen Asiens und Australiens, zu einem Anstieg des Meeresspiegels und dadurch zur Versalzung oder Überschwemmung vieler landwirtschaftlicher Nutzflächen und von Wohngebieten im Küstenraum. Das ist nur eine Auswahl von Wirkungen, die früher oder später sicher eintreffen oder zumindest wahrscheinlicher werden, wenn die Emissionen der Treibhausgase nicht rechtzeitig eingeschränkt und schließlich beendet werden. Der Klimawandel kann außerdem vermehrt zu Vulkanausbrüchen, Erdbeben und Tsunamis führen. Und genau hier ist der Punkt, an dem auch wohlwollende Leser zunächst mit Ablehnung reagieren. Wie soll eine globale Erwärmung um ein, zwei Grad in ein paar Jahrzehnten Erdbeben auslösen?

Hilfreich ist hier ein Blick in die aktuelle Ausgabe der Philosophical Transaction of the Royal Society A. Im September 2009 fand das dritte Johnston–Lavis Colloquium am University College London statt, in dem die geologischen Auswirkungen des Klimawandels ein Schwerpunktthema war. Die dort vorgetragenen Beiträge sind nun zu 12 Publikationen in der Fachzeitschrift geworden und zeigen unter anderem auch, woher der Zusammenhang zwischen Erdbeben, Vulkanen und Klimawandel kommt. Eigentlich setzen Vulkane das Kohlendioxid wieder frei, das im Laufe von Millionen Jahren der Luft entzogen wird, indem bei der Verwitterung von Gesteinen Kohlendioxid als Carbonat gebunden wird oder indem Meereslebewesen mit ihren Kalkschalen zum Meeresgrund absinken. Insofern können Vulkane, Verwitterung und Plattentektonik auf einer Zeitskala von Jahrmillionen Klimawandel bewirken - in beide Richtungen.

Eine globale Erwärmung kann auch dafür sorgen, daß Gletscher abtauen. So ein Gletscher ist aber eine schwere Last für das darunterliegende Gestein, ganz so, als würde da ein Berg ruhen. Und so, wie das Verschwinden eines Berges die Erdschichten darunter in Bewegung bringt, führt auch das Verschwinden eines Gletschers dazu, daß die Erde darunter in Bewegung gerät. Eine mögliche Folge ist, daß Vulkane, deren Eisdecke abtaut, aktiv werden. Freysteinn Sigmundsson, Virginie Pinel, Björn Lund, Fabien Albino, Carolina Pagli, Halldór Geirsson und Erik Sturkell untersuchen in Climate effects on volcanism: influence on magmatic systems of loading and unloading from ice mass variations, with examples from Iceland in Philosophical Transactions of the Royal Society A: Mathematical, Physical and Engineering Sciences, 368, 2519-2534, doi:10.1098/rsta.2010.0042 den Effekt des Endes der letzten Eiszeit auf den Vulkanismus in Island und fanden bei Modellrechnungen heraus, daß das Abschmelzen von Gletschern den Vulkanismus gefördert hatte. Im gleichen Heft werden Studien vorgestellt, die einen Anstieg des Vulkanismus aufgrund des Klimawandels für wahrscheinlich erachten.

In anderen Beiträgen wird die Rolle untersucht, die Meeresspiegeländerungen, Abtauen von Eis oder das Auftauen von Gashydraten im Meer auf die Stabilität von Erdschichten haben können. Sowohl an Land in den Bergen (etwa in den Alpen) wie im Meer kann das Abtauen von Eis oder das Auftauen von Gashydraten zu Erdrutschen führen, die im Meer Tsunamis bewirken können. Aber auch die relative Änderung der Dicke der Meeresschicht in Folge eines El Nino kann die Belastung der darunterliegenden Erdschichten verändern. Für den ostpazifischen Rücken konnte ein Zusammenhang zwischen Erdbeben und El Nino-Ereignissen nachgewiesen werden.

Die Abhängigkeiten des Systems Erde vom Klimawandel gehen immer noch weiter, als viele für möglich halten.

Testfall Eyjafjallajökull-Vulkan

Der Ausbruch des Eyjafjallajökull-Vulkans macht für das Thema Klimawandel nicht viel her. Er speit zu wenig Schwefeldioxid aus und das auch noch zu weit nördlich, um effektiv die Erde abkühlen zu können, wie es etwa für fast zwei Jahre der Ausbruch des Mount Pinatubo auf den Philippinen geschafft hatte. Die Asche selbst könnte vielleicht auf den Gletschern im Norden Ablagerungen bilden und zu einem Abtauen beitragen. Aber die meist nach Süden führenden Luftströmungen sprechen ebensowenig für einen großen Effekt, wie die nicht übermäßig große Menge an Asche, die der Vulkan abgegeben hatte. Daß überhaupt eine solche Aschewolke bei den Eruptionen gebildet wurde, liegt daran, daß der Vulkan von einem Gletscher bedeckt war. Das Eis in Kontakt mit austretendem Magma führt zu explosionsartigem Verdampfen, bei dem das Magma in feinste Partikel zersprüht. Irgendwann ist kein Eis mehr da. Der Vulkan gibt nur noch einen Magmastrom ab. Interessanterweise ist die CO2-Bilanz des Vulkans positiv - was an CO2 durch die Flugverbote eingespart wurde, ist ein Vielfaches der Kohlendioxidemissionen des Vulkans. Vulkane haben nur auf einer sehr langfristigen Skala einen wesentlichen Effekt auf den Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre.

Die Flugverbote waren die eigentlichen Aufreger und machen aus dem Vulkanausbruch einen Testfall. Zum einen lernen wir hier etwas über das Vorsorgeprinzip. Die Fluggesellschaften hätten ja gerne die horrenden Kosten durch die Flugverbote vermieden und meinten, wenn sie ein paar Flugzeuge unbeschadet durch Gebiete fliegen lassen können, in denen man die Aschewolke vermutet, sei bewiesen, daß die Flugverbote unnötig seien. Die zuständigen Behörden und Minister, wie etwa Verkehrsminister Peter Ramsauer in Deutschland, halten hingegen das Vorsorgeprinzip für vorrangig. Wenn niemand garantieren kann, daß alle Flugzeugtypen unbeschadet durch Aschewolken fliegen können, dann sollte das Unwissen über das Risiko bereits ein ausreichendes Argument für Einschränkungen sein. Einzelne Flugzeuge, die ohne Schäden durchfliegen, stellen ja nicht sicher, daß andere Flugzeuge, die vielleicht eine dichtere Aschewolke erwischen, länger der Asche ausgesetzt sind oder bereits aus anderen Gründen zu Schäden neigen, dann doch Ausfälle erleiden und Fluggäste mit Abgasen belastet werden oder die Maschinen sogar Triebwerksausfälle erleiden. Im nachhinein zu meckern, daß alles sich nach Messungen harmloser darstelle, als ursprünglich befürchtet, ist ignorant. Insofern gleicht der Fall der Vorsorge gegen die Schweinegrippe. Die Milliardenkosten der Fluggesellschaften hätten diese vermeiden können, wenn sie die angewandte Forschung finanziert hätten zu untersuchen, welche Konzentrationen und Zusammensetzung von Vulkanasche ihre Maschinen eigentlich schädigt.

Ansonsten haben wir vor allem gelernt, wie sich falsche Sparsamkeit rächen kann. Der Deutsche Wetterdienst hat ein Netz von 35 Ceilometern, die die Wolkenuntergrenze messen sollen. Dazu wird ein Laserstrahl im Infrarotbereich senkrecht nach oben gestrahlt und aus der Rückstreuung berechnet, in welcher Höhe und welcher Intensität Wolken oder Aerosol den Laserstrahl aufhalten. Prinzipiell hätten diese Daten uns dringend benötigte Informationen über die Vulkanasche geben können, wenn es die entsprechende Auswertesoftware und eine Möglichkeit, die Daten in Echtzeit abzurufen gegeben hätte. Das kostet Geld, und das Geld war anscheinend bisher nicht da. Behelfsmäßig hatte man am Meteorologischen Observatorium Hohenpeißenberg mit einem LIDAR einen Abbau des Ozons in der oberen Troposphäre gemessen und dadurch zeigen können, daß wohl Vulkanasche bis in den Voralpenraum vorgedrungen war. Aber das taugte nicht, um klar zu machen, wo und wieviel Vulkanasche denn nun wirklich über Deutschland vorhanden war. Daran änderte sich auch nichts durch den Probennahmeflug der DLR am Montag.

Die Lehre ist also, daß man nur bekommt, was man bezahlt. Wollen wir belastbare Daten im Fall eines Vulkanausbruchs, brauchen wir Forschung im Auftrag der Fluggesellschaften über mögliche Schäden an Triebwerken und brauchen wir beim Deutschen Wetterdienst ein besseres Meßnetz mit Echtzeitdaten für Aerosole in der Luft.

Hier die Themenseite des DWD dazu (derzeit auf deren Startseite - der Link kann sich aber verschieben.)

Und hier Verweise auf Primaklima, Astrodicticum Simplex, Diaxs Rake, And the Water seems inviting, die alle was interessantes zum Thema beitragen können.

Freitag, 2. April 2010

Müll gegen Geld

Medienschelte liest man in diesem Blog öfters. Ich schreibe das nicht gern, denn es gibt viele andere interessante Themen. Einiges ist in der Pipeline, aber in der Freizeit, neben Arbeit und Familie, bleibt einiges auf Halde, bis es zu alt ist, um noch jemanden zu interessieren. Den letzten Kommentar zum Egotrip des Prof. Tol, der dem Spiegel eine Meldung wert war, hätte ich vielleicht auslassen können, denn im letzten Spiegel vom 29.03.2010 gab es ein Machwerk, das den zuvor kritisierten Bericht seriös, sauber und neutral erscheinen läßt.

Der "Bericht" ist von Marco Evers, Olaf Stampf und Gerald Traufetter, und diese Namen sollte man sich merken als die von Menschen, die anscheinend Unterstellungen, Lügen und mediale Hinrichtungen zu ihrem Lebensunterhalt anbieten, denn dies ist es, was ich in dem Artikel vorfinde. Marco Evers ist seit 1995 Wissenschaftsredakteur beim Spiegel - er sollte wissen, was er da tut. Olaf Stampf ist, ich habe es nicht geglaubt, als ich das las, Ressortleiter Wissenschaft und Technik beim Spiegel. Ich habe dann allerdings ein paar Artikel zurückverfolgt, die seinen Namen trugen und entdeckte dabei, daß der Mann systematisch Artikel verbreitete in dem Tonfall "globale Erwärmung ist nicht schlimm" und immer mal wieder Leugnerlügen einstreute. Gerald Traufetter ist ebenfalls Wissenschaftsredakteur beim Spiegel, schreibt ansonsten auch mal ein Buch über die "Weisheit der Gefühle" - polemisch könnte ich schreiben, mit Vernunft hat der Mann es nicht so. Und sowieso könnte man mal fragen, was eigentlich Leute, die Politik- und Kulturwissenschaft studiert haben, überhaupt bei naturwissenschaftlichen Themen wie Klimawandel zu melden haben? Dummheit, Inkompetenz und Gleichgültigkeit gegenüber dem Thema, das ist meine erste Reaktion. Aber ich greife vor. Während ich hier tippe, sehe ich auch, daß schon Stefan Rahmstorf sich dazu gemeldet hat, und gerade was die Fakten angeht, empfehle ich auch den Besuch bei der Klimalounge. Doch zurück zum Thema...

Was man in diesem Artikel findet, hätte von Leugnern selbst geschrieben worden sein. Es ist teilweise wortwörtlich der Lügenbrei, der einem in Leugnerblogs gefüttert wird, nur hier steht es eben in der Druckversion des wichtigsten deutschen Nachrichtenmagazins, noch wiederholt in der freien Online-Ausgabe. Dazu wird hier eine mediale Hinrichtung von Personen betrieben, bei denen gerade die Unschuld erneut in einem Kommissionsbericht festgestellt wird. Es wird Personen Unfähigkeit und Datenfälschung unterstellt in einer Weise, die übler Nachrede gleichkommt, wenn man dafür keine Belege bieten kann. Es werden Falschmeldungen aus der britischen Presse wiederholt, die bereits widerlegt wurden. Dafür werde ich im folgenden Text Beispiele geben. Es wird sogar, diese Frechheit macht sprachlos, den Klimaforschern der reißerische, in alle Extreme verfallende, inkompetente Schundjournalismus des Spiegels von eben diesen Schmieranten zum Vorwurf gemacht. Doch vorher frage ich mich, wie ich das eigentlich angehen soll? Soll ich den Journalisten, offensichtlich ohne naturwissenschaftliche Ausbildung und von solchen Themen überfordert, hier Unfähigkeit vorwerfen? Daß sie nicht wissen, wie man zu einem Thema Recherche betreibt, um zum Beispiel zu untersuchen, ob Vorwürfe, die vorgebracht wurden, bereits von anderer Seite entkräftet wurden? Daß sie nicht merken, wann sie von einer Interessengruppe instrumentalisiert werden und nur ihr Sprachrohr sind? Daß ihnen nicht klar ist, daß man sich zu einem Thema, über das man schreibt, vorher sachkundig machen muß? Der Vorwurf der Dummheit und Inkompetenz ist noch der harmloseste, der mir einfällt. Aber ich kann es nicht glauben, daß jemand als Journalist sein Handwerk nicht versteht und als Wissenschaftsjournalismus sich nicht zumindest erforderliche Grundkenntnisse anliest. Oder soll ich bösen Willen unterstellen, eine Agenda der Journalisten? Vernetzung im Leugnerlager, nicht offengelegte Interessenkonflikte bei dem Thema? Das klingt mir zu sehr nach Verschwörungstheorie. Oder geht es hier einfach um nackten Zynismus? Man schreibt, was sich gut verkaufen läßt, und da eben gerade auf Klimaforscher geschossen wird, springt man unter den...Verzeihung, auf den anfahrenden Zug? Ich weiß es nicht, jeder soll sich eine der drei Möglichkeiten auswählen. Aber folgendes kommt dabei heraus:

Mediale Hinrichtung:

Phil Jones ist zum Sündenbock der Leugner gemacht worden. Man hat seine Arbeit durch sinnlose FOI-Anfragen sabotiert, man hat seine Arbeitsgruppe mit Hackerangriffen attakiert, Emails gestohlen und durch selektive Zitatauswahl dann Unterstellungen fabriziert, die bei Untersuchungen als haltlos erwiesen wurden. Er hat Morddrohungen erhalten und das läßt keinen unberührt. Er wird immer wieder angegriffen, um die Wissenschaft zu unterminieren. Was machen nun die Spiegel-Schmieranten? Sie walzen so richtig aus, wie tief er gestürzt sei, wie gesundheitlich angegriffen er ist, alles um nur ein Bild zu vermitteln. Das eines geschlagenen Mannes. Kein Wort darüber, wer daran schuld ist und daß die Vorwürfe gegen Jones haltlos sind. Der wichtigste Punkt dabei ist, daß die Temperaturzeitreihe der Climate Research Unit (CRU) im wesentlichen durch andere globale Temperaturzeitreihen reproduziert wird. Alleine das macht Vorwürfe gegen CRU haltlos. In der Logik der medialen Hinrichtung liegt es natürlich, die Zeitreihe, die das Ergebnis der Arbeit einer ganzen Gruppe ist und wiederum insgesamt auf Daten vieler Wetterdienste weltweit beruht, Jones-Zeitreihe genannt wird, und jeder Fehler, der irgendwo in den Daten sein könnte und von einem der Datenlieferanten zu verantworten wäre, nur diesem einen Mann zugeschrieben wird.

Ist das Dummheit, ist das Unwissenheit oder doch einfach nur Menschenverachtung, aus einem Mann noch Geld mit diesem Brutalojournalismus zu machen, der bereits geradezu krimininellen Angriffen ausgesetzt war?

Mit Pachauri wird das gleiche gemacht. Die Spiegelschundautoren sind sich auch nicht zu schade, die Geschichte zu wiederholen, daß er in seiner Freizeit einen erotischen Roman geschrieben hätte. Irrelevant und nur geeignet zum medialen Hinrichten.



Sprachrohr sein:


Wenn man sich das Machwerk durchliest, stößt man auf einige Namen, die die Alarmglocken schlagen lassen. Steve McIntyre, der aus dunklen Kanälen finanzierte frühere leitende Angestellte von Bergbauunternehmen. Ross McKitrick, Lobbyist, tätig für das Heartland-Institute, für das George C. Marshall-Institute und andere Lobbygruppen, die die Interessen verschiedener Unternehmen vertreten. Dafür wird gelogen, getäuscht und getrickst. Wollen die Journalisten etwa behaupten, sie wüßten nicht, wofür die beiden Männer stehen? Wollen sie etwa behaupten, sie wüßten nicht, daß die beiden bei der Wegman-Anhörung wie auch bei einem Artikel zu Mann et als. Temperaturrekonstruktion mit Tricks den Eindruck zu erwecken versuchten, diese Temperaturrekonstruktion sei fehlerhaft, gar eine Fälschung? Und das, obwohl diese Arbeit gut reproduzierbar und bestens bestätigt ist? Ist in den 12 Jahren danach auch nur eine seriöse Temperaturrekonstruktion veröffentlicht worden, die nicht zu den prinzipiell gleichen Ergebnissen gekommen ist? Nein! Was aber machen diese Schmierfinken? Sie zeichnen das Bild McIntyres als das des armen Underdogs, der nur mit einem kleinen Notebook allein aus Wahrheitsliebe aus privater Tasche die Rechnungen all der Klimaforscher auf ihren Superrechnern widerlegt. Bullshit! McIntyre ist es, der in nunmehr 12 Jahren über seinen Blog ClimateAudit die miesesten und feigsten Unterstellungen verbreitet hat ohne je in der Lage zu sein, auch nur einmal seine Kernbehauptungen zu belegen. McIntyre ist es, der geschlagen ist. Es konnte nie anders ausgehen, denn seine Agenda ist es nicht, recht zu behalten, sondern nur, Unterstellungen zu verbreiten, das Märchen von der anhaltenden Diskussion, ob es einen Klimawandel gibt, am Leben zu erhalten. Er ist da, um Verwirrung zu stiften, zu sabotieren und aufzuhalten, nicht um etwas zur Wissenschaft beizutragen. Kritiklos reproduzieren die Spiegel-Journalisten die bereits widerlegten Leugner-Märchen, wie etwa das gegen heute angeblich wärmere Mittelalter. Auch von Storch wird gern zitiert, in allen Facetten seiner heuchlerischen "Honest Broker"-Haltung, nach der die meisten seiner Kollegen Alarmisten seien und eine politische Agenda betrieben. Das wäre eine Rufmordkoalition, und für die machen sich die Spiegeljournalisten zum Sprachrohr. Nochmal gefragt: wollen diese Journalisten behaupten, sie wüßten nicht, wofür diese Männer stehen, wie sie widerlegt wurden, welchen schmutzigen Job die beiden "Macs" für Energieunternehmen und andere zu erledigen haben?


Eigene Fehler anderen zuschieben:


Der Spiegel macht sein Geld mit starken Schlagzeilen und gut inszenierten Titelblättern. Der Spiegel gehörte auch zu den Blättern, die nach den Hinweisen der Klimaforschern in den 80er Jahren, daß ein Klimawandel definitiv drohe, gleich mal den Kölner Dom unter Wasser setzten, was in keinem Bericht der Klimaforscher je als Szenario auftauchte. Und dann haben die Schmieranten tatsächlich die Unverschämtheit zu schreiben:

"Es waren Szenen wie aus einem Horrorfilm: Wie Riffe ragen die Wolkenkratzer von New York aus der See. Überflutet sind längst auch Hamburg und Hongkong, London und Neapel. Anderswo hat das Meer ganze Länder verschluckt: Dänemark, die Niederlande und Bangladesch existieren nicht mehr.

Mit solchen Horrorvisionen rüttelten Klimaforscher vor einem Vierteljahrhundert die Öffentlichkeit auf. (...)"
Nie hat in irgendeinem Bericht zum Klimawandel gestanden, daß in absehbarer Zeit sämtliche Eisschilde abtauen würden. Und zu keiner Zeit hat irgendein Klimaforscher je ausgeschlossen, daß im Laufe eines langen Zeitraums - 1000 Jahre, einige Jahrhunderte - das gesamte Festlandseis abtauen könnte, würde die Menschheit unbegrenzt CO2 in die Atmosphäre blasen und die globale Erwärmung ungebremst immer weiter gehen. Die Horrorszenarien einerseits wie auch die angebliche Meinungsänderung in der Klimaforschung sind beide nur Erfindungen solcher Journalisten wie eben dieser "Wissenschafts"journalisten des Spiegels.

Fehler über Fehler:

Es wird behauptet, die Temperaturkurve des Jones (das heißt, die globalen Temperaturdaten von CRU) sei umstritten. Wo denn?

Es gäbe keine Quelle für die Zunahme von Naturkatastrophen. Vielleicht in der verdrehten Welt von Roger Pielke jr., den man im Spiegel auch zu Wort kommen läßt. Aber die Realität sieht anders aus.

Die Autoren und Gutachter des IPCC seien parteiisch gewesen. Auf welcher Skala denn? Auf der von Koch Industries und Exxon? Das wird wohl so sein. Aber auf keiner seriösen Skala.

Sie behaupten, die Hockey-Schlägerkurve sei als Mogelei entlarvt worden. Das genaue Gegenteil ist festgestellt worden, es ist nachgewiesen worden, daß die Kurve keine Mogelei ist.


Sie behaupten, es spräche viel dafür, dass es im Mittelalter zwischen 900 und 1300, in Wahrheit doch wärmer war als heute. Falsch. Es spricht nichts dafür. Und Weinbau in Schottland gibt es heute, sogar Ackerbau und Fortwirtschaft in Grönland auf einem Niveau, der im Wikingerzeitalter definitiv ausgeschlossen war. Nicht, daß das ein guter Indikator für die globale Temperatur wäre.

Sie behaupten, durch einen Fehler wäre die höchste Temperatur in den USA erst für 1998 angegeben worden und hätte dann dank McIntyre auf 1934 korrigiert werden müssen. Falsch. Vorher und nachher war die höchste Temperatur in den 48 zusammenhängenden Staaten der USA vor 2005 1934. Korrigiert werden mußten Temperaturdaten nach 1999, und auch dies nur um einen geringfügigen Betrag, der die Daten nicht außerhalb der angegebenen Fehlergrenzen veränderte und global bedeutungslos war.

Sie behaupten von Jones zur Behandlung der Daten der Wetterdienste: "Er hat die Aufzeichnungen, wie er die Homogenisierung vornahm, gelöscht." Gelogen! Verbreitet wird das vom Competitive Enterprise Institute im Interesse ihrer Auftraggeber. Und jetzt von den Spiegel-Schmieranten.

Sie behaupten, Professor Peter Webster hätte dies bestätigt. Peter Webster kollaboriert mit Jones. Laut Spiegel hätte sich Webster über schlampige Dokumentation und Fehler in den Daten beschwert, die er allerdings nicht, wie der Spiegel behauptet, erhielt, um CRU zu überprüfen, sondern für ein gemeinsames Projekt mit Jones zu einem speziellen Thema. Nach all diesen Fehlern, dieser Rufmordkampagne und der Übernahme zigfach wiederholter Leugnermärchen, kann man darauf vertrauen, daß hier nicht einzelne Äußerungen Websters aus dem Zusammenhang gerissen und verfälscht wurden? Dafür spricht die Absurdität der Anschuldigungen. Es wird von "Temperatursprüngen" in den Stationsdaten geschrieben. Das ist Quatsch. Entweder geht es um Inhomogenitäten in den Zeitreihen einzelner Stationen. Das gibt es, ist trivial und Grund dafür, daß die Homogenisierung der Zeitreihen für globale Klimadaten erforderlich ist. Genau dies ist auch vielfach unabhängig überprüft. Oder es geht um Sprünge in der globalen Zeitreihe. Die gibt es nicht. Die Zeitreihe ist on-line und man kann sie nach Belieben gegen die Zeitreihen anderer Institute auftragen und vergleichen. Wo sollen da signifikante Sprünge sein? Der Temperaturanstieg auf der Südhalbkugel sei so stark wie auf der Nordhalbkugel und das könne man nicht verstehen, läßt der Spiegel Webster sagen. Das ist, mit Verlaub, nicht wahr und ich denke nicht, daß Webster das so gesagt hat.

Sie behaupten, CRU hätte den Wärmeinseleffekt nicht berücksichtigt, McKitrick hingegen hätte den nachgewiesen. Jones hätte erfolglos versucht, diesen Nachweis aus dem 4. IPCC-Bericht herauszuhalten und er hätte dann das Urteil hineingeschmuggelt, Ross McKitricks Arbeit wäre statistisch nicht signifikant. Genau das ist der Punkt. Ross McKitricks Arbeit ist statistisch fehlerhaft und nicht signifikant und es ist wiederholt nachgewiesen worden, daß der Wärmeinseleffekt ausreichend berücksichtigt wurde und die globalen Temperaturzeitreihen nicht verfälscht. Was RossMcKitrick sonst noch verbricht, ist nur einen Verriß wert.

Ich breche hier ab, es folgen noch fast 2/3 des Textes in gleicher Nicht-Qualität. Wenn die Spiegelschreiberlinge permanent von Leugnerblogs abgeschrieben hätten oder eine Auftragsarbeit für das Heartlandinstitut verfaßt hätten, sähe das Resultat genau so aus.

Fazit:

Die Spiegeljournalisten haben hier Rufmord, mediale Hinrichtung und die Verbreitung systematischer Falschinformation betrieben. Das Geschreibsel ist, wie immer man es werten will, entweder völlig inkompetent oder eine Fabrikation einer Desinformationskampagne von Lobbyinstituten und ihrem Bloggernetzwerk. Dies ist eine Arbeit der Wissenschaftsredaktion des Spiegels. Es belegt, daß dieses Blatt überhaupt nicht in der Lage ist, vertrauenswürdige, wahrhaftige Berichterstattung zu solchen Themen zu leisten. Spiegelabonnenten sind in meinen Augen Masochisten, daß sie für diesen Schund auch noch Geld bezahlen. Und, das muß ich leider anfügen, ich habe den schlimmen Verdacht, daß dies kein spezifisches Problem des Spiegels ist, sondern daß diese Art von Lügenjournalismus in vielen Printmedien geduldet wird. Weil die Leser sich das bieten lassen und diesen Müll bezahlen...

Donnerstag, 1. April 2010

Viele Leute schulden viele Entschuldigungen - Reloaded

Da ich gestern nicht zum Schreiben gekommen bin, bin ich spät dran in der Sache und könnte es mir einfach machen. Georg Hoffmann hat auf Primaklima bereits kommentiert, daß ein Bericht des britischen Parlaments Phil Jones von Vorwürfen entlastet hat. Aber so ganz einverstanden bin ich dann doch nicht damit. Auf diversen Seiten auf englisch wird ausführlich dazu berichtet und kommentiert und je nachdem, was man sich aus dem Untersuchungsbericht herausgreift, kann man anscheinend zu verschiedenen Ansichten gelangen. Eli Rabett meldet sich dazu, auf Climate Progress wird es mit dem Holzhammer eingehämmert und man kann den Bericht runterladen mit zusätzlichem Material und Transkripten hier. James Annan wiederum vergleicht die Datenabgabepraxis bei CRU mit der viel restriktiveren bei anderen öffentlichen Stellen - warum also so hohe Ansprüche an die Wissenschaftler gestellt werden?

Eine wesentliche Schlußfolgerung ist, daß der Fokus auf Phil Jones fehlgeleitet war. Nach Meinung der Kommission war Jones bei der Weitergabe von Daten und Code der in der Wissenschaft üblichen Praxis gefolgt. Diese Praxis könnte offener sein. Vorwürfe bezüglich der Abgabe von Informationen nach dem Freedom of Information Gesetz seien eher an die University of East Anglia denn an Jones Arbeitsgruppe zu richten. Der Untersuchungsbericht stellt fest, daß Jones keine Daten verfälscht hat. Weder hinter dem vielzitierten "Trick" noch hinter dem "hide the decline" standen irgendwelche Verfälschungen von Daten. Auch die Behauptung, es seien unliebsame Wissenschaftler oder ihre Arbeiten in unfairer Weise aus Fachzeitschriften oder aus dem IPCC-Bericht gedrängt worden, wurde widerlegt. Das ist alles nichts Neues, sondern war schon vorher bekannt.

Etwas differenzierter meldet man sich zum Thema des Umgangs mit Anfragen nach dem Freedom of Information (FOI)-Gesetz. Diese waren mißbräuchlich verwendet worden, um die wissenschaftliche Arbeit zu sabotieren. Daher ist es menschlich verständlich, wenn Jones sich hier angegriffen fühlte und die Intentionen des FOI-Gesetzes hintertrieb. Formal gesehen war das zu rügen, und diverse Medienberichte, aber eben auch Georg Hoffmann im Link oben hoben diesen Aspekt hervor. Auf den verlinkten englischen Seiten geht es auch um den anderen Aspekt. Daß nämlich auch der britische Parlamentsausschuß diesen Sachverhalt erwähnt, daß die FOI-Anfragen mißbräuchlich eingesetzt wurden und die Reaktion von Jones verständlich ist. In einer Pressekonferenz erklärte der Kommissionsvorsitzende Phil Willis: "Wir glauben, daß Professor Jones in vieler Weise zum Sündenbock gemacht wurde als Ergebnis dessen, was von seiner Seite Frustration darüber war, daß Leute von ihm Daten forderten nur um seine Forschung in Frage zu stellen." Der Untersuchungsbericht hebt auch hervor, daß diese Kultur, sich durch FOI-Anfragen angegriffen zu fühlen, sich immer stärker entwickelt habe und zu einer allgemeinen Zurückhaltung von Informationen geführt habe. Das wurde gerügt. Ich denke, man muß Rüge und Verständnis zusammensehen. Der Vorwurf der Sabotage gegen die Antragsteller wiegt schwer.

Bedauerlicherweise wurde aus meiner Sicht noch nicht genug gewürdigt und fragt kaum einer von den Medien danach, ob Wissenschaftler das eigentlich dulden müssen, wenn Leute versuchen, sie über FOI-Anfragen von ihrer Arbeit abzuhalten, um sie zu sabotieren oder ob die Leute, die über diese Anfragen Daten erhielten, eigentlich je damit gemacht hatten, was sie vorgaben, damit vorzuhaben, nämlich damit wissenschaftlich zu arbeiten und Forschungsergebnisse zu reproduzieren. Bisher gibt es da auf Seiten der Leugner nämlich nur Fehlanzeigen.

Und das ist der zweite Punkt, den Journalisten überhaupt nicht verstehen. Da die zugrunde liegenden Daten und Methoden der Arbeit der Climate Research Unit nämlich durchaus offen verfügbar sind, ganz ohne FOI-Anfragen, und verschiedene andere Gruppen, wie GISS und NCDC, selbst globale Temperaturzeitreihen erstellen, kann man alleine daraus ablesen, wie überflüssig die FOI-Anfragen sind. Und es ist eigentlich trivial, aber man muß doch daran erinnern: die anderen Zeitreihen reproduzieren im allgemeinen die Ergebnisse der Zeitreihen der Climate Research Unit. Und Reproduzierbarkeit ist der eigentliche Qualitätsnachweis in der Wissenschaft.

Ökonomenstreit

In einem neuen Beitrag bei Spiegel Online wird mal wieder vorgeführt, wie man aus einem Maulwurfshügel einen Berg baut. Es soll nämlich schon wieder das Bild gemalt werden, daß es lauter Skandale um die IPCC-Berichte gibt. Und da suchen Journalisten nach Möglichkeiten, eine bestehende Serie zu verlängern. Der Boden wird bereitet, indem zunächst an frühere Angriffe gegen das IPCC erinnert wird, ohne dabei zu erwähnen, daß viele dieser Anschuldigungen sich als haltlos und fabriziert herausstellten. Dann wird herausgestellt, daß sich diesmal der Angriff auf den Bericht der dritten Arbeitsgruppe zu Maßnahmen gegen den Klimawandel richtet, der bisher nicht im Fokus der Leugnervorwürfe stand. Die dritte Arbeitsgruppe fragt unter anderem nach den Kosten des Klimawandels und den Kosten für Maßnahmen dagegen und setzt sie ins Verhältnis.

An der Stelle muß ich um Verzeihung bitten, daß ich zu diesen Fragen nicht den rechten Zugang habe. Ich bin kein Ökonom und habe bedauerlicherweise Vorurteile gegen die Arbeit der Wirtschaftswissenschaftler. Die Projektionen der Klimamodelle haben gewisse Unsicherheiten. Wenn man darauf noch ökonomische Modelle mit ihren eigenen Unsicherheiten setzt, kann das Ergebnis nicht besonders überzeugend sein. Und mein Vertrauen in die Arbeit von Wirtschaftswissenschaftlern ist dadurch getrübt, daß hier anscheinend verschiedene Schulen, Paradigmen und sogar politische Lager eine Rolle spielen. Wirtschaftswissenschaften versuchen das komplexe Handeln von Menschen in Gesetzmäßigkeiten zu fassen, und da sind meines Erachtens mehr Freiheitsgrade als bestimmende Parameter vorhanden. Hier gilt noch mehr, daß Voraussagen schwierig sind, insbesondere solche, die die Zukunft betreffen. Das Problem mit den Abschätzungen zu zukünftigen Kosten des Klimawandels oder der Maßnahmen dagegen ist, daß diese Kosten, die bereits fehlerhaft geschätzt werden und ihrerseits auf Klimaprojektionen mit Unsicherheiten basieren, über Jahrzehnte aus der Zukunft auf die Gegenwart abgezinst werden, was die Fehler weiter vergrößert, denn man kann für verschiedene Zinssätze argumentieren. Und was einen eigentlich interesiert, ist die Differenz zwischen Kosten der Klimawandelfolgen und der Schutzmaßnahmen, also zweier sehr unsicherer Zahlen. Man sieht aus meiner Beschreibung, daß ich diesen Arbeiten der Ökonomen nichts abgewinnen kann. Vermutlich habe ich keine Ahnung davon.

Vielleicht halte ich den Nutzen dieser ganzen Überlegungen auch deshalb für fraglich, weil ich nicht genau weiß, wie man den Zusammenbruch der Ozeane als Ökosystem bewerten will. Oder wie man auf die Gegenwart abzinst, wenn die Nahrungsproduktion in Teilen Asiens zusammenbricht. Ich habe den Verdacht, daß man für manches unendliche Kosten ansetzen müßte, weil es Ereignisse sind, die wir um keinen Preis akzeptieren wollten. Die verschiedenen möglichen Realisierungen von Klimawandelkosten ergeben eine Verteilung, die zwei Flügel hat. Auf dem einen Flügel liegen, salopp gesagt, die optimistischen Szenarien und auf dem anderen Flügel die Apokalypsen. Ich habe den Verdacht, daß viele Wirtschaftswissenschaftler bezüglich der naturwissenschaftlichen Fragen ignorant sind und noch als reines Kostenproblem behandeln, was in Wahrheit ein existentielles Problem ist. Oder wieviel kosten einige tausend oder einige Millionen Menschenleben? Wie setzt man das ins Verhältnis zu einer bestimmten Menge prognostizierten Wirtschaftswachstums? Und was ist diese Prognose nach dem nächsten Finanzmarktcrash wert?

Nun meldet der Spiegel, daß ein namhafter Ökonom gravierende Fehler im Bericht der 3. Arbeitsgruppe ausgemacht hätte. Was der Spiegel den Lesern als Zusatzinformation vorenthält ist, daß der Kritiker Richard Tol (Bild) zwar ein Ökonom mit einer großen Zahl einschlägiger Publikationen ist, aber auch er bekannt dafür ist, immer recht gleichförmige Ergebnisse zu erzielen. Wenn es nach ihm geht, sind die Kosten des Klimawandels eher gering, die Hälfte der schädlichen Folgen des Klimawandels bereits geschehen oder unvermeidlich und die Kosten von Maßnahmen gegen den Klimawandel eher hoch. Daher empfiehlt er, es mit Maßnahmen gegen den Klimawandel doch gemächlich angehen zu lassen. Ich glaube, das Muster ist klar. Tol leugnet den Klimawandel nicht. Aber er dreht alles so, daß man trotzdem nichts schwerwiegendes zu tun braucht. Er ist damit im übrigen nicht allein. Es gibt verschiedene Schulen unter den Wirtschaftswissenschaftlern.

Richard Tol hatte in der Klimazwiebel ein Pamphlet mit Vorwürfen an das IPCC eingestellt. Und das ist im Grunde, abgesehen von vielen Auslassungen, wie etwa einer nachvollziehbaren Quellenangabe, vom Spiegeljournalisten übernommen worden. Die Leistung des Reporters war es noch, den kritisierten Edenhofer zu fragen, was er dazu meint, und sich noch einen Gesinnungsgenossen Tols nennen zu lassen, der dessen Kritik teilt. Aber hat Tol etwas gravierendes in der Hand? Tol wirft unter anderem dem IPCC vor, daß bei der Abschätzung des Nutzens von Umweltschutzmaßnahmen graue Literatur in den Bericht der 3. Arbeitsgruppe eingegangen wäre, obwohl man dazu einen fachbegutachteten Übersichtsartikel hätte zitieren können, der 2005, also zeitig zur Erstellung des Berichts, vorlag. Klingt böse, zumal Tol auch vorbringt, daß die Arbeitsgruppe schon bei der Erstellung des Berichts von Experten kritisiert wurde. Tol meint, das wäre Absicht. Die IPCC-Arbeitsgruppe unter Leitung von Ottmar Edenhofer hätte Schätzungen bevorzugt, die den Nutzen von Umweltschutzmaßnahmen bei der Beschäftigung hoch ansetzen (siehe Kapitel 11.8.2 im Bericht der 3. Arbeitsgruppe), aber eine fachbegutachtete Metastudie nicht berücksichtigt, die den Nutzen deutlich niedriger ansetzt. Im Spiegelbericht wird behauptet, die fachbegutachtete Studie wäre genannt, aber vom IPCC nicht berücksichtigt worden. Schaut man sich aber den Kommentarbereich zum Bericht an, wo die Entwurfsversionen und Korrekturwünsche dokumentiert sind, stellt man fest, daß auf zahlreiche Änderungswünsche von Tol eingegangen worden ist, wie auch auf Wünsche von Montgomery, der ähnlich stark eher wirtschaftsfreundliche Intentionen hat. Was man dort aber nicht findet, ist die Arbeit von Patuelli, Nijkamp and Pels (2005, Ecological Economics, 55 (4), 564-583), die Tol vermißte. Das IPCC konnte hier seinem Vorschlag nicht folgen, weil er nicht gemacht wurde. Nun handelt es sich dabei zwar um eine Metastudie, die sicher eine sinnvolle Ergänzung zum Thema ergeben hätte, aber letztlich ist auch diese Arbeit nur eine Einzelmeinung, die man nicht übergewichten sollte. Und es gibt tatsächlich keinen Grund, eine Arbeit nur deshalb geringzuschätzen, weil sie unter grauer Literatur firmiert, wenn es hier um Berichte anerkannter Behörden geht oder um den renommierten Stern-Report (in einem anderen Bereich). Tol meint, die IPCC-Arbeitsgruppe hätte einseitig bestimmte Arbeiten favorisiert. Tol macht aber, bestenfalls, nichts anderes. Was mir eher noch auffällt, daß sich jemand namens Tol darüber aufgeregt, daß mindestens 8 Publikationen aus 2005 (teilweise noch nicht erschienen) nicht berücksichtigt worden waren, geschrieben von - Tol. Darunter auch eine Metastudie, die zufälligerweise zum Ergebnis kommt, daß sich bei geschickter Auswahl der zugrunde liegenden Studien die Kosten für den Klimawandel je Tonne CO2 gegenüber der Berücksichtigung aller Studien halbieren. Ein guter Teil der eher optimistischen Studien bezüglich der Kosten von CO2 stammt von - Tol, teilweise zusammen mit anderen Autoren. Und hier muß man der IPCC-Gruppe zugutehalten, daß sie auch hier deutlich im Sinne Tols nachgebessert hatten. Ich werde den Verdacht nicht los, daß Tol vor 100% Übereinstimmung mit ihm mit dem IPCC nicht zufrieden gewesen wäre.

Am Ende fragt man sich, warum nun eigentlich der Aufstand? Tol findet, daß Tol nicht genügend zitiert wurde und kritisiert, daß die Arbeitsgruppe zu anderen Ergebnissen gekommen ist als Tol. Daher sei sie voreingenommen, würde CO2-Kosten zu hoch und CO2-Nutzen zu niedrig ansetzen. Meint Tol. Große Meldung im Spiegel. Und schon wieder sei das IPCC in der Kritik. Allerdings nur alter Wein in neuen Schläuchen. Es dürfen schon Wetten abgeschlossen werden, wann von Storch oder Pielke jr oder Tol oder Kombinationen von diesen weitere Kommentare dazu abgeben, wie einseitig und politisch unterwandert das IPCC doch sei. Was uns Pielke, von Storch und Tol ganz neutral erzählen werden. Honest Broker halt.